Die Verbrennung der Schlangen

Vougar Aslanov

DIE VERBRENNUNG DER SCHLANGEN

Nach Motiven einer Geschichte aus dem Mahabharata

Es war die Zeit als die Götter noch sterblich waren und die Weisen und Einsiedler große Macht hatten. Der gottähnliche Asket und Sänger Kaschjapa lebte auch in dieser Zeit auf der Erde. Der heilige Mann war von allen Lebendigen für seine Mühen um das Gute und Großtaten geachtet.

Der große Weise träumte von Nachkommen: er heiratete zwei himmlische Jungfrauen – die Schwestern Winata und Kadru und entschied sich eines Tages das Opfer für dieses Ziel zu bringen. Kaschjapa lud die Götter und Halbgötter, Einsiedler und Weisen ein, um seine Opferbringung zu feiern.

Und als Obergott Indra kam, sagte ihm Kaschjapa:

„Bring mir Holz, erfülle meinen Befehl!“

Inrda brachte so viel Holz für ihn, bis im Wald ein Holzberg gebildet wurde. Der große Gott hörte aber nicht auf und trug immer weiter das Holz. Und er begegnete auf seinem Weg plötzlich Weisen, die körperlich so klein und ohnmächtig waren, dass alle zusammen ein kleines Holzstück kaum tragen konnten: die geistigen Großtaten schwächten sie so. Sie fielen in eine kleine Grube hinein, die mit dem Wasser gefüllt war und mussten mächtig kämpfen um dort überhaupt heraus zu kommen. Als Indra das alles sah, lachte er laut und machte sich lustig über diese Männer. Das machte die Weisen sehr wütend und sie schworen:

„Im Namen unserer Strenge in den Gesetzen, unserer Unumstößlichkeit unserer unbrechbaren Gelübde sei ein neuer Indra geschaffen, der hundert Mal stärker wird als dieser Eingebildete“.

Als Indra das hörte, verstand er, dass er die gerechte Wut der Weisen ausgelöst hatte. Er ging zu Kaschjapa und sagte ihm:

„Hilf mir o großer Weiser, mich von der Verwünschung der anderen Weisen zu befreien“.

Indra erzählte Kaschjapa wie es zum Streit zwischen ihm und den Weisen gekommen war und bat ihn, die Erschaffung eines zweiten Indra zu verhindern. Kaschjapa sprach die von Indra gekränkten Weisen an:

„Indra hat Brahma geschaffen“, sagte er ihnen. „Deswegen wäre die Erschaffung eines zweiten Indra gegen den Willen Brahmas“.

Und Kaschjapa schlug vor, dass sie den zweiten Indra nicht als Gott, sondern als Indra unter den Erdtieren und Vögeln schaffen. Das wurde angenommen und die Weisen waren bereit unter den Erdtieren und Vögeln die zu schaffen. Die Schwester Winata und Kadru, die Frauen von Kaschjapa, wurden für diese große Aufgabe ausgewählt: eine sollte Indra unter den Erdtieren und Indra unter den Vögeln gebären, die andere müsste einem Sonderwesen – der Schlangen-Sippe den Anfang geben und eine von ihnen sollte Indra unter den Schlangen werden.

Ein Blick des Weisen Kaschjapa reichte aus, damit Winata und Kadru schwanger werden konnten: Winata brachte nur zwei Eier hervor, ihre Schwester tausend Eier. Nach fünfhundert Jahre schlüpften aus den Eiern Kadrus tausend Schlangen, auf die Kadru sehr stolz war. Der älteste von ihnen Söhnen war Schescha, Indra unter den Schlangen, der zweite Wasuki, die längste unter den Schlangen, und der dritte war Takschaka, der böseste und tückischste unter den Schlangen.

Die zwei Eier Winatas waren aber auch nach fünf hundert Jahre nicht ganz reif. Sie konnte nicht mehr lange warten und brach selbst ein Ei auf, um ihren Sohn zu sehen. Ihr Sohn war nur bis zur Hälfte reif und er war sehr empört wegen der Tat der Mutter:

„O du gierige Mutter!“, sagte er. „Du solltest nur noch einige Tage warten, bis ich ganz reif wäre und selbst das Ei aufbrechen würde. Wegen dir bin ich jetzt unreif geboren und kann meine Aufgabe nicht erfüllen. Dafür bekommst du eine Bestrafung: Du muss noch fünfhundert Jahre warten, bis dir der zweite Sohn geboren wird. Zudem wirst Du noch in diesen fünfhundert Jahren als Sklavin leben. Mein Bruder wird nach fünfhundert Jahren kommen und dich befreien“.

So konnte der ältere Sohn der Göttin Winata, Aruna hieß er, seine Aufgabe nicht erfüllen und kein Indra unter den Tieren werden. Er ging zurück in den Himmel und wurde zum Fuhrmann des Sonnengottes Sira Narajana.

Kurz danach schufen die Götter das Getränk der Unsterblichkeit Amirati, tranken daraus und wurden unsterblich.

Eines Tages sahen die Schwestern ein sehr schönes weißes Pferd und Winata sprach:

„Das ist das göttliche Pferd, das geboren wurde als die Götter das göttliche Getränk Amirati schufen, und es ist ganz weiß wie Milch und hat nirgendwo einen schwarzen Fleck“.

„Nein“, sagte die Kadru. „Dieses Pferd hat einen schwarzen Schwanz, ich habe das jetzt gemerkt“.

Die Schwestern stritten darüber lange, bis Winata sagte:

„Es ist ganz weiß und hat auch einen weißen Schwanz. Ich bin bereit mit dir darüber zu wetten“.

„Nein“, wollte Kadru nicht aufgeben. „Es hat einen schwarzen Schwanz. Ich bin auch bereit zu wetten. Unter der Bedingung, wer verliert, wird zur Sklavin der anderen“.

Sie entschieden sich, am nächsten Tag zur Insel im Meer zu fliegen, wo dieses Pferd lebte, und alles genau zu beobachten.

Kadru kam zu Schlangen – ihren Kindern und sagte:

„Ich weiß nicht, was mich dazu zwang, aber ich habe nun mit meiner Schwester Winata gewettet, wenn wir morgen feststellen, dass das göttliche Pferd einen schwarzen Schwanz hat, wird sie zu meiner Sklavin. Das Pferd hat aber wirklich einen weißen Schwanz wie Winata sagte und deswegen würde ich selbst zur Sklavin meiner Schwester, wenn ich nichts dagegen unternehme. Ihr musst morgen früh zur Insel im Meer gehen und den Schwanz des Pferdes so umwickeln, dass dieser aus der Ferne ganz schwarz aussieht“.

Ihre Kinder erfüllten jedoch die Erwartung der Mutter nicht, weil sie mit ihr nicht einverstanden waren:

„Du tust Unrecht, o Mutter“, sagten sie. „und willst auch uns dazu zwingen. Wir können das nicht tun, was du sagst“.

Die Antwort ihrer Kinder machte Kadru sehr wütend und sie schrie empört:

„Es ist eure Pflicht, der Mutter zu gehorchen und das wortlos zu erfüllen, was sie euch sagt“.

Die Schlangen lehnten erneut ab, ihre Bitte zu erfüllen.

Kadru betrachtete das als große Achtungslosigkeit ihr selbst gegenüber und verfluchte ihre Kinder mit den Worten:

„Ich verfluche euch alle, meine Kinder – alle Schlangen wegen dieser Ungehorsamkeit und Unachtung der Mutter gegenüber! Es kommt die Zeit, in der ihr alle verbrannt werdet“.

Die Schlangen hatten das nicht erwartet und fragten die Mutter, was das bedeuten sollte. Darauf antwortete Kadru ihren Söhnen:

Es kommt Dschanamedschaja, der Schlangen-Vernichter,

Für die Schlangen-Sippe wird er ein grausamer Richter.

Er kommt einst, der Herrscher, er kommt in seiner Zeit

Und die Giftigen er dann wirklich ins Feuer treibt.

Am nächsten Tag flogen die beiden Schwester zur Insel im Meer um das Pferd genau anzuschauen. Das Pferd hatte aber wirklich einen schwarzen Schwanz. So hat Kadru die Wette gewonnen und ihre Schwester Winata zu eigener Sklavin gemacht. Kadru verstand, dass ihre Söhne wegen der Angst von ihrem Fluch doch hierher gekommen waren und den Pferdschwanz umwickelten, wie sie es wünschte. Es war aber zu spät: sie konnte ihren Fluch nicht mehr zurücknehmen.

Nach fünfhundert Jahre wurde aus dem anderen Ei Winatas ihr zweiter Sohn geboren. Garuda hieß er und er war Indra unter den Vögeln: stark, mächtig und furchtlos. Er befreite seine Mutter und danach verließen beide Schwester wieder die Erde und gingen in den Himmel zurück, wie auch Garuda selbst.

Wasuki war der König der Schlangen. Denn einst haben die Götter ihm als Seil genutzt, als sie den Berg ins Weltmeer stürzen wollten, um das Honigmeer zu schaffen, das für sie als Amrati – der Getränk der Unsterblichkeit dienen sollte.

Wasuki war sehr klug, regierte und richtete immer gerecht, rief die Schlangen zu Vernunft und edlem Verhalten auf. Obwohl nicht alle von ihnen immer das taten, was ihr König verlangte, waren die Schlangen voll Achtung ihm gegenüber. Trotz alledem beunruhigte Wasuki eine Sache sehr: jener Fluch der Mutter.

Auch den anderen Schlangen bereitete der Fluch der Mutter früher Sorgen, aber sie hatten das bald wieder vergessen. Nur Wasuki dachte Tag und Nacht daran und suchte Wege, die Schlangen vom Fluch der Mutter, also von der Vernichtung zu retten. Wasuki wusste, dass der Herrscher, der die Schlangen ins Feuer treiben sollte, als Nachkomme Bharatas geboren würde. Wasuki war Zeuge des Kampfes zwischen diesen – den Cousins Kurawas und Pandawas; Wasuki dachte, dass die Kurawas in der großen Schlacht im Feld Kurukschetra siegen würden, weil sie viel zahlreicher und mächtiger waren als ihre Cousins. Nach Wasukis Überlegungen sollten alle Schlangen nach diesem Krieg die Kurawas überfallen und töten, weil sie Unrecht taten. Als jedoch die Pandawas siegten und der älteste von ihnen Judhischtira zum neuen Herrscher über ganz Bharata wurde, überlegte der Schlangenkönig, es wird unmöglich, diese im Kampf zu besiegen, denn war auch bekannt, wie Pandawas das Dharma erfüllten, vor allem Judhischtra selbst. Deswegen konnten sie auch ihre Cousins besiegen; denen das Gemüt der Kurawas, ihre Adharma ebenso gut bekannt war.

Dann suchte Wasuki andere Wege, um dem Muterfluch zu entgehen. Es war jetzt klar, das der Herrscher Dschanamedschaja einer der Pandawas wird. Judhischtra und vier seiner Brüder hatten keine Kinder; ihre Söhne waren im Krieg gegen die Kurawas gefallen, ohne Nachfolger hinterlassen zu haben. Nur Ardschunas Sohn Abhimanju wurde nach seinem Tod ein Sohn geboren – Parikschit, der die Herrschaft der Pandawas über Bharata fortsetzen musste. Judhischtras Name war auf der ganzen Welt berühmt als der eines klugen und gerechten Herrschers, als eines beharrlichen Erfüllers des Dharma. Als er alt wurde, verzichtete Judhischtra auf den Thron zugunsten Parikschits und ging zusammen mit vier seiner Brüder in die Berge des Himalajas.

Parikschit wurde auch bald überall als gerechter Herrscher bekannt. Der Schlangenkönig beobachtete den jungen Herrscher und dessen Leben ständig, und als er seinen neugeborenen Sohn Dschanamedschaja – der Vernichter der Schlangen – genannt hatte, wurde es Wasuki klar, der Herrscher, der den Fluch seiner Mutter zur Erfüllung bringen sollte, war schon geboren. Aber was soll es verursachen, dass diesen Dschanamedschaja dazu bringen würde, die Schlangen-Sippe zu vernichten? Um das schon vorher zu klären rief Wasuki alle Schlangen, die in der Magie und im Vorhersagen mächtig waren, zusammen und stellte ihnen die Aufgabe die anderen zu warnen. Das war für diese Schlangen jedoch nicht einfach; viele beschwerten sich darüber, dass der Grund dafür, was bald geschehen müsse, ganz tief liege, die anderen sagten, dass es schwer vorauszusehen sei, weil das nicht direkt mit Dschanamedschaja selbst verbunden werde. Doch eine alte Schlange schrie endlich laut:

„Ich habe es gesehen! Dschanamedschaja wird das aus Rache tun! Eine der Schlangen wird seinen Vater Maharadscha Parikschit in seinem Palast tödlich beißen und dessen Sohn wird deswegen alle Schlangen töten wollen“.

Als der Grund der Schlangen-Vernichtung, die Dschanamedschaja durchführen sollte, Wasuki bekannt geworden war, rief er darauf alle Schlangen der Welt zusammen. Da kamen zu ihm die Schlangen aus allen Richtungen der Erde, die so unterschiedlich waren, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Sie waren alle glücklich gleich, aber unglücklich aus verschiedenen Gründen. Unter ihnen waren die schönen und die hässlichen, aber viele von ihnen verband eins – das tödliche Gift, das sie unter ihren Zähnen hatten.

„O Brüder und Schwester“, sagte Wasuki. „Ihr weiß es, dass über uns allen Schlangen der Fluch schwebt. Wir sind nicht schwach, wir können Vieles. Aber wir sind gegen den Fluch der Mutter hilflos! Wenn ich mich auch jetzt daran erinnere, beginne ich zu zittern: „Seid ihr verflucht, böse Kinder!“ sagte unsere Mutter damals in der Morgendämmerung. Das haben die Götter gehört und angenommen, das hat selbst Brahma gehört und angenommen. So droht allen Schlangen die Vernichtung, wie die Mutter sagte:

Es kommt Dschanamedschaja, der Schlangen-Vernichter,

Für die Schlangen-Sippe wird er ein grausamer Richter.

Er kommt einst, der Herrscher, er kommt in seiner Zeit

Und die Giftigen er dann wirklich ins Feuer treibt.

Wir müssen trotzdem etwas unternehmen um Dschanamedschaja daran zu hindern, seine Rache durchzuführen. Aus diesem Grund habe ich euch alle heute versammelt. Was denkt ihr: Wie können wir Dschanamedschaja anhalten und uns vor dem Fluch der Mutter retten?“

Und als Antwort hörte Wasuki viele Vorschläge: Einige sagten, sie würden selbst in der Gestalt der Weisen zum Maharadscha gehen und ihn davon überzeugen, von der Verbrennung der Schlangen abzusehen.

Die weisen Schlangen beschuldigten diese doch der Dummheit.

„Wir gehen“, sagten diese, „zu ihm als Ratgeber, als Diener, die ihm helfen wollen. Und wird er uns danach fragen, wie man die Verbrennung der Schlangen am besten durchführt? Wir finden hunderte von Hindernissen und beschuldigen seine Weisen der Götterlästerung. Dann sagen wir ihm, dass die Verbrennung der Schlangen ein großes Unglück in die Welt bringt. Wenn er nicht darauf hört, beißt ihn eine von uns zu Tode“.

Aber die gutmütigen Schlangen waren auch damit nicht einverstanden:

„Wir müssen das ohne Gewalt lösen“, sagten sie. „Mord ist das schlimmste von allen Verbrechen! Das lassen wir niemals zu!“

Die Schlangen-Zauberer hatten eigenen Vorschlag:

„Wir verwandeln uns in die schwarzen, großen Wolken, bewegen uns zum Altar und löschen das Feuer der Jagia aus!“

Eine andere Schlange sagte:

„Es ist ganz einfach: einige der tapferen Schlangen, die auch gute Diebe sind, gehen und stehlen den Priestern Dschanamedschajas die Kelle und den Behälter für die Durchführung der Jagia. Oder anders: um es zu verhindern, befehlen wir unzähligen Schlangen nach Hastinapur zu kriechen. Wir beißen dort die Menschen, kriechen in die Häuser hinein, verderben ihr Essen und Trinken, sodass sie immer in ihrem Geschirr den Dreck von Schlangen finden. Das wird Dschanamedschaja Angst machen und er sagt ab, die Verbrennung der Schlangen durchzuführen“.

Nachdem Wasuki all diese Ratschläge gehört hatte, sagte er enttäuscht:

„O Brüder, ich habe von keinem von Euch einen vernünftigen Rat gehört. Das macht es mir noch schwerer“.

Eine andere Schlange, der vorsichtige Elapatra, sagte dann:

„Ich möchte euch jetzt etwas offenbaren, was ich bis jetzt niemandem gesagt hatte. Als die Mutter uns verflucht hatte, kletterte ich vor der Angst in die Berge hoch. Und dort habe ich gehört, wie einige der Götter, die von diesem Flucht erfahren hatten, zu Brahma gingen und ihm sagten:

„Wie kann es sein, dass die Mutter ihre eigenen Kinder verflucht? Kannst du das nicht, o großer Brahma, verhindern?“

Brahma antwortete ihnen:

„Es ist unmöglich, den Fluch der Mutter zu verhindern. Andererseits gibt es unter den Schlangen viele verbrecherische. Wenn mehrere von diesen vernichtet werden, werden alle davon nur gewinnen. Es gibt aber gute, unschuldige Schlangen, die doch überleben werden“.

„Wie können die unschuldigen Schlangen überleben, o Brahma, wenn sie alle von der Mutter verflucht worden sind?“, fragten wieder Götter.

Brahma antwortete ihnen:

„Einst wird Dscharaktaru geboren, der zu einem großen Asket und Weisen wird. Er wird Jahrzehnte lang in Enthaltsamkeit leben. Dann wird Dscharaktaru wird ein Sohn geboren, der schon in jungen Jahren große Weisheit erreichen wird. Er wird auch die gute Schlangen von der Vernichtung retten“.

„Aber wer wird zur Mutter dieses Jungen?“ fragten ihn die Götter.

„Dscharaktaru wird nur eine Frau nehmen, die den gleichen Nahmen wie er selbst trägt, damit der große Asket sich trösten kann, dass er doch immer noch sein Gelübde erfülle“.

Einige Schlangen wollten daran glauben was sie jetzt gehört hatten, andere nicht.

Elapatra setzte seine Rede fort:

„O Wasuki“, sagte er. „Du hast eine junge schöne Schwester, die auch Dscharaktaru heißt. Vielleicht würde sie die Frau des Weisen Dscharaktaru werden und ihm den Sohn gebären, der die unschuldigen Schlangen retten würde?“

Als Wasuki hörte, freute er sich sehr und sagte, dass dies wirklich eine gute Lösung sei.

Das haben dann auch die anderen Schlangen unterstützt:

„Sehr schön! Sehr schön!“ sagten sie und gingen dann alle wieder zurück.

Es vergingen wieder viele Jahre bis Brahma selbst dem Wasuki erschien und ihm sagte:

„O Wasuki, habe keine Angst! Du nahmst einst an einer sehr wichtigen Sache teil, als wir das Getränk der Unsterblichkeit Amirati für die Götter schaffen wollten. Du dientest uns als der kräftige Strick um den großen Berg ins Weltmeer zu stürzen. Deinen Verdienst haben wir nicht vergessen. Du musst jetzt wissen, dass Dscharaktaru schon lebt und er ist nun ein bekannter Asket und Weise geworden. Nur von seinen Samen, weil er diesen sehr lange zurückhielt, konnte ein junger Weiser geboren werden, der die unschuldigen Schlangen retten wird. Warte noch, bis die Zeit gekommen ist und gib deine Schwester Dscharaktaru dem Weisen zur Frau. Nur sollst du das rechtzeitig tun“.

Der Weise Dscharaktaru, der große Asket, lebte als Einsiedler, unter dem Gelübde der Enthaltsamkeit. Seinen Körper schränkte er streng ein und lebte, sich nur dem Geistigen hingebend. Deswegen nannte man ihn auch Dscharaktaru: einer, der seinen Körper streng zurück gedrängt hatte. Ihm war der ganze weltliche Spaß fremd; für immer sagte er der Lust ab und hielt auch seinen Samen zurück. Diese unendlich schwere Last trug er mit großer Freude, erhöhte sogar ständig deren Schwere. Er bummelte durch die Wälder, Steppen und Wüsten, schlief dort ein, wo ihn die Nacht erreicht hatte: lag in Sümpfen, Gruben, an holprigen Orten. Seine unvergleichbaren geistigen Großtaten vollbrachte er, die für die anderen kaum erfüllbar gewesen wären. Die Veden nahm er mit Begeisterung auf und führte die Waschungen an heiligen Orten durch. So bummelnd, lebte er alleine von der Luft, wurde immer dünner, nur die Blätter von den Bäumen saugend. Den ganzen Tag verbrachte der heilige Mann mit Beten, sang Hymnen zur Ehre der Götter und hatte großen Namen in der ganzen Umgebung.

Nur seine verstorbenen Ahnen waren mit ihm unzufrieden. Und einmal traf der große Asket seine Ahnen. An einem steilen Abgrund wuchs ein einziges Gras und an dessen Stängel hingen mit den Köpfen nach unten Männer. Den Stiel, von dem nur noch eine Faser übrig geblieben war, nagte ruhig eine Ratte weiter ab. Dscharaktaru kam ihnen nah und schrie laut:

„Was wird mit euch geschehen, o gute Männer, sobald die Ratte den Stiel bis Ende abgenagt hat? Sag mir: wer seid ihr denn? Wie kann ich euch helfen? Wie kann ich euch von diesem Abgrund retten? Ich würde ein Drittel, sogar die Hälfte meiner geistigen Großtaten dafür opfern um euch zu retten, glaubt mir!“

Die Männer antworteten ihm:

„O großer Asket! Du hilfst vielen mit deinen Taten, das glauben wir. Wir waren selbst Asketen, erfüllten auch viele geistige Großtaten. Wir hatten aber keine Familien, keine Kinder, deswegen wurden wir so bestraft. Wir waren heilige Wanderer, Mönche, Brahmanen. Wir haben uns in allem eingeschränkt in unserem irdischen Leben: Im Essen und in der Liebe, lebten ohne Dach, erfüllten stets am strengsten unser Gelübde, wir schufen dass Gute, halfen den Menschen. Aber weil wir der Welt keine Kinder schenkten, wurden alle unsere Verdienste zunichte und jetzt hängen wir an einer Faser über die Hölle und werden in deren Abgrund gestürzt, wenn diese ganz gefressen ist. Wir haben aber auf der Welt noch einen Nachkkommen – den Weisen Dscharaktaru. Er ist ein großer Weiser, für ihn sind aber nur die geistigen Gesetze und deren Erfüllung wichtig. Dscharaktaru hat sich vom Spaß und Glück der Welt los gesagt, er hat deswegen keine Frau und keine Kinder. Und wir hängen wegen unseres dummen Nachkommens über der Hölle. Vielleicht triffst du, o Asket, Dscharaktaru eines Tages auf Deinem Weg. Dann sage ihm, dass seine Ahnen nun an einem Stängel hängen, von der nur eine Faser übrig geblieben ist. Diese Faser ist Dscharaktarus Leben und die Ratte ist die Zeit, die es frisst. Ihm bleibt nur ein wenig Zeit, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sonst wird er auch selbst nach uns in die Hölle gestürzt. Sage ihm, dass alle seine geistigen Großtaten umsonst sein werden, so wie es mit uns geschehen wird, wenn er keine Kinder zeugt. Er wird auch, so wie wir jetzt, die Höllen-Qualen erleben und erleiden wie die Sünder, ohne je eine Sünde begangen zu haben“.

„Ich bin selbst dieser Mann, euer Nachkomme Dscharaktaru, – antwortete ihm der Asket tief betroffen. – „Ich dachte, dass ich mit der Enthaltsamkeit das Ziel erreiche, ein großer Weiser zu werden. Ich habe nichts, dachte ich, und wie kann so jemand eine Frau unterhalten, die ein Haus haben, die Schmuck aus Gold tragen will. Womit soll ich meine Frau und die Kinder ernähren, wenn ich selbst von Almosen lebe? Ich würde niemals einverstanden sein, davon auch meine Familie zu unterhalten. Ich dachte, dass ich mich durch die Enthaltsamkeit von der Sünde des Spaßes bewahre und dann in den Himmel komme. Jetzt sehe ich meinen Fehler. Ich bin bereit, das zu ändern: ich heirate und bekomme einen Nachkommen, um euch zu retten, o Großväter! Ich werde aber eine Frau heiraten, die den gleichen Namen trägt wie ich, damit sie ein Trost für mich sein wird. – für den Mann, der für die schweren geistigen Taten geboren wurde. Ich soll aber deren Unterhalt auch als Almosen erhalten, denn ich selbst nicht in der Lage bin sie zu ernähren“.

Als Dscharaktaru das gesagt hatte, verschwand der Abgrund mit seinen Ahnen wieder. Er verstand, dass dies eine Warnung für ihn war. Jetzt suchte er nach einer jungen Frau, die zu ihm passen würde. Aber nirgendwo konnte Dscharaktaru so eine Frau finden. Verzweifelt, ging er in den Wald, weinte laut und rief nach allen Lebendigen:

„O ihr Lebendigen alle – sich Bewegende und sich nicht Bewegende! Hört von meinem Kummer: Ich bin ein armer Einsiedler, ich habe nichts, wovon ich eine Frau unterhalten kann. Deswegen brauche ich eine Frau, die den gleichen Namen hat wie ich und deren Unterhalt mir als Almosen gegeben wird. Da ich unter Fasten und in der Sühne lebe. Ich gab meinen leidenden Ahnen mein Wort zu heiraten, damit ich sie und meine Zukunft rette. Ich kann aber nirgendwo eine passende Frau für mich finden. O ihr alle Lebendigen – sich Bewegende und sich nicht Bewegende! Wenn ihr von einer solchen hört, gebt sie mir zur Frau“.

Den Aufruf Dscharaktarus haben alle Lebendigen – sich Bewegende und sich nicht Bewegenden vernommen. Davon hörte auch der alte Wasuki und schickte sofort nach seiner jungen Schwester Dscharaktaru, die die schönste unter den Schlangen war.

„O Dscharaktaru“, sagte er ihr als sie den Bruder wie immer herzlich begrüßt hatte. “Weiß du, warum ich dich gerufen habe? Einmal haben wir – die Schlangen die Bitte der Mutter nicht erfüllt. Deswegen hat sie uns verflucht. Nach diesem Fluch, der über alle Schlangen hängt, muss uns alle eines Tages ein Maharadscha verbrennen. Brahma half uns damit, dass dennoch die Schlangen gerettet werden können, die nichts Übles getan haben. Um die unschuldigen Schlangen zu retten, stellte Brahma die Bedingung: nur vom Samen eines sehr strengen Askets, der sich einmal entscheidet, sein Gelübde zu brechen, könne ein junger Weiser geboren werden, der die Schlangen vor der völligrn Vernichtung retten würde. Und das sollte ein Weiser sein, der den gleichen Namen trägt, wie du: Dscharaktaru. Ich habe sehr lange darauf gewartet, ob ich irgendwann von ihm höre. Brahma sagte mir darüber einmal selbst, dieser Mann lebe schon und sei nun ein berühmter Weiser geworden. Ich musste aber warten, bis er seine strenge Enthaltsamkeit abbricht und heiraten will. Ich hatte schon beinahe meine Hoffnung verloren: denn ein sehr strenger Asket bricht sein Gelübde nicht. Aber heute erhielt ich eine Nachricht darüber: der strengste aller Asketen, Dscharaktaru, möchte nun wirklich sein Gelübde brechen und heiraten. Er will aber eine Frau heiraten, die den gleichen Namen wie er selbst trägt: Dscharaktaru. Eine Frau, die ursprünglich keine menschliche Gestalt hat, kann er nur dann heiraten, wenn sie eine menschliche Gestalt annimmt. Dscharaktaru, meine liebe Schwester, die schönste unter den Schlangen! Du weiß selbst wie ich dich liebe! Du weißt wie dein Glück für mich wichtig ist!

Aber sage mir jetzt, wärest du bereit, dich dafür zu opfern um unsere Schlangen-Sippe zu retten? Du musst aber gut darüber nachdenken: wenn du einmal die menschliche Gestalt annimmst, kannst du niemals wieder eine Schlange werden. Du bleibst dann ewig eine Menschenfrau. Du wirst zur Frau des Menschensohnes, der aus dir eine Dienerin machen wird. Noch schlimmer: er macht von dir den Schatten seines eigenen Bildes. Aus diesem Grund durftest du keinen anderen Namen haben, sondern nur den gleichen tragen wie er selbst. Dein Leben wird nur daraus bestehen, ihm zu dienen, seine Wünsche zu erfüllen! Du darfst dich an ihn nur als „mein Herr“ wenden! Er wird aber niemals mit dir zufrieden sein, er wird dich immer erniedrigen, schimpfen, sogar verprügeln, öfter auch ohne Grund. Wenn du zu einer Menschenfrau wirst, vergisst du auch alle deine Weisheit, es wird dir so scheinen, dass alles, was dein Mann tut, rechtens ist und du das alles wortlos hinnehmen musst. Du musst dann aber auch immer nur unter den Menschen leben, in der Lüge, der Unwissenheit, der Rechtlosigkeit und Unehrlichkeit. Die Menschen wissen nicht was Treue ist, die wir Schlangen halten, sprechen aber viel davon. Sie wissen nicht was Gerechtigkeit ist, in der wir, die Schlangen, leben, sprechen aber viel davon. Sie wissen nicht was die Weisheit ist, die wir die Schlangen besitzen, sprechen aber viel davon. Sie beschuldigen uns – die Schlangen und andere Tiere des Verbrechens, der Grausamkeit, nennen die Schlangen „giftige Sippe“. Weist du warum? Weil sie selbst die schlimmsten Verbrechen gegen die anderen begehen – Pflanzen, Tiere und selbst gegen Menschen – und mit der Beschuldigung ihrer Opfer versuchen sie ihr Gewissen zu erleichtern.

Wäre man weise, hätte man davon nicht viel gesprochen, wäre man gerecht, hätte man davon nicht viel geredet. So sind die Menschen, sie sprechen von etwas, aber erfüllen es nicht. Deswegen können sie die Wahrheit nie erkennen, deshalb können sie die Gerechtigkeit nie erreichen. Meine liebe Schwester, o du Schönste! Mir bricht das Herz, wenn ich daran denke, dass du Stets in der Lüge, der Rechtlosigkeit und der Unwissenheit leben musst, wenn du zu einer Menschenfrau wirst. Deswegen wünsche ich selbst es dir nicht. Das ist aber meine Aufgabe, ich muss dir anbieten, eine Menschenfrau zu werden.

Ich bin selbst schon sehr alt, was aber ist, wenn dereinst ein Maharadscha namens Dschanamedschaja – der Schlangen-Vernichter – kommt und mich verbrennen lässt? Angst davor habe ich aber nicht. Ich bin bereit das anzunehmen und damit den Fluch der Mutter zu erfüllen. Ich trage aber Verantwortung für alle anderen Schlangen, vor vielen Jahren habe ich mit Brahma eine Lösung zur Rettung der unschuldigen Schlangen gefunden. Jetzt aber denke ich, dass der Preis zu hoch ist, wenn du zur Menschenfrau wirst und dich unterdrücken und erniedrigen lässt. Es wäre besser, wenn du so bliebest: eine Schlangenfrau – frei, selbstbewusst, edelmutig, unabhängig und weise. Wenn wir dann einst sterben würden, dann aber als Schlangen…“

Nachdem er das alles seiner Schwester erzählt hatte, weinte der alte Wasuki.

„Mein Bruder, du König der Schlangen, den selbst die Götter den „großen und weisen Wasuki“ nennen“, antwortete ihm die schöne Dscharaktaru, „deshalb wurdest du ja auch zum König der Schlangen erklärt und nicht dein älterer Bruder Schescha, dem die Götter eine andere Aufgabe zuteilten. Eine Schlangenfrau kann niemand zwingen etwas zu tun, was sie selbst nicht will. Deswegen treffe ich selbst diese Entscheidung: um die Schlangen vor völligen Vernichtung zu retten, bin ich bereit die Gestalt einer Menschenfrau anzunehmen und den Menschensohn zu heiraten“.

In Tränen küsste Wasuki seine Schwester auf die Stirn und sagte:

„Das war deine eigene Entscheidung!..“

Danach rief der Schlangenkönig die Zauberer unter den Schlangen. Sie kamen und brauten aus vielen Pflanzen einen Trank für Dscharaktaru und gaben ihr den zu trinken. Nachdem Dscharaktaru ihn getrunken hatte, wurde sie in eine Menschenfrau verwandelt: Sie war nun eine sehr schöne junge Frau, mit langem seidigem schwarzem Haar, strahlendem Gesicht, mit großen dunklen Augen, mit einer schlanken Taille und mit runden Oberschenkeln.

Wasuki nahm sie und brachte zum Weisen Dscharaktaru, den er wieder im Wald traf.

„O großer Asket“, sagte der Schlangenkönig, „ich habe gehört, dass du eine Frau suchst um sie zu heiraten. Nimm diese, eine bessere Frau für dich wirst du nirgendwo finden“.

„Wie heißt sie?“, fragte der Einsiedler.

„Dscharaktaru, wie du selbst“, antwortete Wasuki.

„Nein“; sagte der Asket. „Ich kann sie nicht ernähren. Dafür habe ich keine Mittel…“

„Ich selbst sorge für ihren Unterhalt, ich werde sie auch selbst schützen. Sie ist meine jüngste Schwester, um deine Frau zu werden, hat sie für immer die Gestalt einer Menschenfrau angenommen. Alles was ihr braucht, bekommt von mir: ein Haus, wie ein Palast, alles zu Essen und zu Trinken, ein ruhiges, beschauliches Leben…“

Als Dscharaktaru dies alles gehört hatte, äußerte er sein Einverständnis, Wasukis Schwester zu seiner Frau zu nehmen. Als diese gesetzlich zu seiner Frau erklärt worden war, brachte der Weise Dscharaktaru seine Frau in das Haus, dem Geschenk vom Oberhaupt der Schlangen.

Überall lagen kostbare Teppiche und Gold und Diamanten zierten es.

Der Weise Dscharaktaru sprach zu ihr:

„Jetzt bist du meine Frau und musst ab jetzt nur das erfüllen, was ich dir sage, und nur das tun, was mir wirklich passt und mir gefällt. Wenn du nur einmal Ungehorsam zeigst, verlasse ich dich sofort“.

Diese harten Worte verletzten das Herz Dscharaktarus – der ehemaligen Schlange – sie konnte aber ihm nur antworten:

„Ich bin einverstanden, mein Herr, dein Wort ist Gesetz für mich, meine Aufgabe ist nur dir zu dienen und das zu erfüllen, was du willst“.

So wurde Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – zur Frau und Dienerin des großen Asketen. Der große Mann änderte darauf nicht viel in seinem Leben: er verbrachte seine Tagen mit Beten, sang Hymnen an die Götter und erfüllte das, was in heiligen Schriften stand. Mit seiner Frau sprach er kaum, nahm nur ihre Dienste gerne an. Eines Tages dachte sie selbst daran, sich ihrem Mann anzunähern, vollführte vorher die heilige Waschung und legte sich neben ihm halbnackt ins Bett. Aus dieser Vereinigung bildete sich sogleich der Keim, der durch die geistige Kraft schnell in ihrem Leib erblühte.

Ihr Mann wurde aber immer strenger. Einmal legte er seinen Kopf auf ihre Knie und schlief ein. Der große Asket schlief diesmal lange und wurde auch dann nicht wach, als die Sonne schon hinter die Bergen untergehen wollte. Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – wusste nicht, was sie jetzt tun sollte: ihr Mann hätte, bevor die Sonne unterging, noch einmal beten sollen. Wenn sie ihn wecken würde, könnte er ihr verübeln, dass seine Frau seinen Schlaf störte. Wenn sie ihm aber schlafen ließe, könnte er ihr verübeln, dass er wegen ihr das Abendgebet versäumt hatte. Sie entschied sich, ihren Mann zu wecken, damit er das Gesetz nicht breche und sagte zu ihm:

„O mein Herr, du großer Mann, der der Beste in der Erfüllung der geistlichen Gesetze ist, hör bitte, was dir deine Dienerin sagt: Bald geht die Sonne unter, du muss aber vorher noch einmal beten. Deswegen du solltest du jetzt aufstehen“.

Dscharaktaru – der Weise – hörte das, wurde wach, stand auf und sagte dann seiner Frau:

„Warum hast du meinen Schlaf gestört? Die Sonne müsste darauf warten, dass ich aufwache, bevor sie untergeht. Das Licht dürfte nicht dem Dunkel weichen, bevor ich mein Abendgebet erfüllt habe“.

Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – stand nur wortlos vor ihrem Mann und hörte sich seine Vorwürfe an.

„Habe ich dir am Anfang nicht gesagt, wenn du einmal etwas tun würdest, was mir nicht gefällt, würde ich dich verlassen? Du hast das jetzt getan“.

Nachdem der große Asket das gesagt hatte, ging er sofort weg und lies seine Frau alleine zurück. Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – hatte verstanden, dass ihr Mann nie wieder zurückkäme und so ging sie selbst zu Wasuki und erzählte ihm alles. Das enttäuschte den alten König der Schlangen sehr. Dann fragte er sie:

„Sag mir, meine liebe Schwester, hat er dir aber seinen Samen geschenkt? Trägst du etwas von ihm in deinem Leib?“

„Ja, mein Bruder“, antwortete sie. „Ich trage in meinem Leib einen Keim vom großen Asketen“.

Diese Nachricht erfreute Wasuki sehr.

„Endlich ist es geschehen! Du gebärst bald einen Sohn, der schon in seinen jungen Jahren zu einem Weisen wird und die Schlangen vor der Vernichtung erretten wird“.

Und das, was von einer alten Schlange prophezeit worden war, geschah bald wirklich. Der Maharadscha von Hastinapur, Parikschit, jagte einst in einem Wald einem Hirsch hinterher und traf dort einen Ritschi, der auf dem Gras sitzend, betete.

Der Maharadscha begrüßte den alten Mann und fragte ihn, ob er den Hirsch gesehen habe. Der Ritschi antwortete ihm nicht und betete weiter. Das gefiel Parikschit nicht; er sah eine tote Schlange in der Nähe, nahm sie und hing diese über die Schulter des Alten. Der Richi bewegte sich auch dann nicht; er betete weiter, als sei nichts geschehen. Parikschit beschimpfte ihn wegen der Verachtung ihm gegenüber mit schlimmsten Worten und ging von dannen. Das alles hörte wenig später auch der Sohn des Ritschis: dieser erfüllte auch selbst alle geistigen Gesetze und herrschte über die geistige Kraft. Er wollte diese Beleidigung dem Maharadscha nicht verzeihen und entschied sich Rache zu nehmen. Dafür verfluchte er den Maharadscha und beschwor: Die Schlange Takschaka muss Parikschit in seinem Palast töten. Takschaka war darüber sehr erfreut, denn schon lange hegte er Groll gegen Pandawas.

Der gottähnliche Weise Kaschjapa traf man zu jener Zeit immer noch auf der Erde, er war aber schon sehr alt; nachdem seine himmlischen Frauen Winata und Kadru ihn verlassen hatten, lebte er alleine. Alle Schlangen hielten Kaschjapa für ihren Vater und nicht selten kamen sie zu ihm. Kaschjapa war damals auch der Einzige auf der ganzen Erde, der die Kunst der Heilung einer Wunde vom giftigen Schlangenbiss beherrschte.

Kaschjapa hörte davon und machte sich auf den Weg zu Parikschit: er wollte an seiner Seite sein, um für den Fall, dass Takschaka ihn beißen würde, den Maharadscha selbst zu heilen. Takschaka erreichte Kaschjapa unterwegs und überredete seinen Vater zurückzukehren: Er sei der Einzige, der das Gift vom Maharadscha entfernen und ihn heilen könne. Er solle dies jedoch nicht tun, da Parikschit diese Rache als Bestrafung für seine Tat gegen den alten Ritschi verdient habe. Nachdem Kaschjapa umkehrte, konnte niemand mehr Takschaka dabei stören, Parikschit zu töten. Und am nächsten Morgen fand man im Palast den Maharadscha tot gebissen von der Schlange.

Die Jahre vergingen und viel später wurde Parikschits Sohn Dchanamedschaja zum neuen Maharadscha gewaschen und übernahm den Thron. Eines Tages versammelte er die Hofleute und Priester und wollte wissen, was den Tod seines Vaters verursacht habe. Man erzählte ihm, Parikschit sei von der Schlange Takschaka tot gebissen wurde. Und Takschaka hätte damals nur durch Betrug in den Palast hineinkommen können.

„Ich muss für den Tod meines Vaters rächen“, entschied sich der junge Maharadscha. “Aber wenn die Schlangen so hinterlistig, so gefährlich sind, werde ich nun auch alle Lebendigen von den Giftigen befreien: ich befehle eine große Jagia – Opferfeuer-Ritual vorzubereiten und alle Schlangen dahin zu treiben“.

Dchanamedschaja lud die Weisen und Brahmanen von überall ein, mit der Aufgabe, zusammen mit seinen Priestern eine große Jagia mit einem starken Feuer zu veranstalten. Es kamen die Weisen und Brahmanen nach Hastinapur und bereiteten die Jagia vor.

Doch vorher gebar Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – einen Sohn, der Astika – der Erkennende – genannt wurde. Er war schon von der Geburt an ein gottähnliches Wesen, so klug und so bedacht wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Er lernte Gesetze, das Recht, die Hymnen und Überlieferungen, die älter als die Welt selbst waren. Astika, durch große Vernunft erhellt, stellte bald fest, das wichtigste ist die Erkenntnis und es gibt ein Gesetz, dem alle Lebendigen, Menschen, Erdentiere, Vögel, Pflanzen und Insekten untergeordnet sind. Von ihm hörten alle Lebendigen und nannte man ihn „den ewig Lebenden“, denn die Erkenntnis ist ewig und Astika rief zur Erkenntnis von sich selbst und der Welt auf.

Eines Tages sagte Wasuki zu Astikas Mutter:

„Liebe Schwester, ich fühle, dass das Unglück immer näher kommt. Bald beginnt Dschamedschaja mit der Jagia um die Schlangen zu verbrennen. Es ist an der Zeit, dass du deinem Sohn seine Vorbestimmung offenbarst“.

Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – rief Astika zu sich und erzählte ihm die ganze Vorgeschichte seiner Geburt.

„Ich wurde zur Frau des Asketen“, sagte sie, „damit du geboren wurdest um die Schlangen vor der Vernichtung zu retten. Das ist die Aufgabe, die du erfüllen musst“.

„Gut“, antwortete Junge. „Ich werde das tun, nur möchte ich zunächst die Schlangen besser kennen lernen“.So ging Astika zu den Orten, wo die Schlangen lebten; zwei Monate lang beobachtete er das Leben aller Schlangenarten. Dann kam er zurück nach Hause und sagte seiner Mutter:

„Ich bin bereit, meine Aufgabe zu erfüllen“.

„Die Zeit ist gekommen, mein Sohn“, antwortete seine Mutter. „Dschanamedschaja hat die Priester, Brahmanen und Weisen versammelt und den Altar für die Gestaltung der Jagia vorbereitet. Jetzt beginnt er bald mit der Verbrennung der Schlangen. Du musst nach Hastinapur gehen und das aufhalten“.

Astika küsste der Mutter die Hand und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Hastinapur, das er in zwei Tagen erreichen sollte.

Am gleichen Tag begann Dschanamedschaja mit der Verbrennung der Schlangen. Die Stärke der Jagia, die die größten Weisen und Brahmanen zusammen mit den Priestern gestaltet hatten, löste die Flammen aus, deren Zungen hoch in den Himmel loderten. Die Priester sprachen ihre Beschwörungen laut:

O Schlangen, die bösen und die bissigen,

O Sippe der Kriechenden und Giftigen!

Kommt her, schnell kriecht ihr zum Altar,

Heute frisst euch alle das große Feuer!

Ihr seid jetzt in der Macht Agni – des Gottes,

Der sieben Flammen hat und siebenzüngig ist.

Brahmanen und Weise sangen Hymnen zur Ehre der Götter und beteten. Die Priester gossen ständig Öl ins Feuer hinein; je mehr Öl sie hineingossen, umso stärker wurde die Zugkraft der Jagia, die die Schlangen kraftlos, blind und willenlos machte und sie selbst ins Feuer kriechen ließ. Je mehr Verbrechen eine Schlange begangen hatte, umso schneller gelangte sie auch ins Feuer hinein. Ständig wurden Hymnen gesungen und es wurde gebetet, die Flammen loderten immer höher, die Jagia wurde immer stärker, und zog die Schlangen immer heftiger ins Feuer hinein. Es gab Schlangen, die sich aus Angst selbst tödlich bissen. Doch viele Schlangen versuchten mit letzter Kraft sich der Jagia zu widersetzen, dazu wanden sich einige zu Ringen, andere versuchten sich an Steinen und Gräsern zu klammern, die dritten versteckten sich in ihren Behausungen unter der Erde. Das alles half ihnen aber nicht: aus der ganzen Welt krochen vom Einfluss der Jagia entkräftete, hilflose Schlangen nach Hastinapur. Ein unendlicher Strom der Schlangen, die unter der Macht des Mutterfluchs zum Altar strebten und, sich ineinander wickelnd, dort verbrannten. In der ganzen Umgebung roch es bald nach den brennenden Schlangen; aus ihren Hirnen und aus ihrem Fett floss ein Fluss. Das Stöhnen, Flehen und Weinen der Schlangen hörten alle anderen Lebendigen zum ersten Mal. Alle sahen nun, welch Feiglinge die Schlangen in der Tat sind, die nachts und tags das Böse taten, die anderen Lebendigen bissen und sie tödlich vergifteten.

Auch Takschaka drohte bald in die Jagia hineingezogen zu werden. Er wollte sich von einem Freund – einem Dämon, in einen Wurm verwandeln lassen, verlor er aber plötzlich all seine Kraft und konnte es nicht mehr tun. Er floh zum Obergott Indra und flehte ihn an:

„O Indra, bald werde auch ich ins Feuer getrieben. Hilf mir, bitte versteckt mich!“

Indra, der auch zu Takschaka immer freundlich war, sagte ihm:

„Habe keine Angst, Takschaka! So lange du neben mir bist, kann dich niemand ins Feuer treiben. Ich verstecke dich in den feuchten Wolken und Nebeln, damit du vor der Zugkraft der Jagia geschützt bist“.

Inzwischen wurde die Jagia noch stärker und Flammen loderten noch höher.

„Jetzt gibt es gibt nichts mehr, das die Verbrennung der Schlangen verhindern kann“, sagte Dschanamedschaja. „Bald werden sie alle bis zur Letzten vernichtet sein, als Strafe für ihre bösen Taten!“

„Nur ein Weiser kann dies noch verhindern“, sagte einer der Brahmanen. „So steht es in den alten Hymnen“.

Als Dschanamedschaja das hörte, befahl er den Wächtern:

„Es darf kein Weiser mehr hereinkommen!“

Und genau in diesem Augenblick erreichte Astika den Ort der großen Jagia. Er wurde von Wächtern aufgehalten, die ihn nicht zum Altar lassen wollten. Darauf hob Astika an, mit Gedichten die Jagia und das Feuer zu rühmen:

„O Maharadsch, dein Ruhm tönt überall,

Von Priestern und Weisen hast du gute Wahl.

Euer Feuer strahlt wie der Mond und Sterne,

Für die Rache tut ihr bestimmt gute Dinge.

Kann man mit Rache Böses bekriegen?

Kann man mit Kummer das Unglück besiegen?“

Als Dschanamedschaja dieses Gedicht gehört hatte, sagte er:

„Dieser Junge ist klug wie ein alter Weiser! Vielleicht ist er tatsächlich einer und nahm nur die Gestalt eines Jungen an? Ich möchte die Brahmanen darum bitten, diesen Jungen zum Altar kommen lassen. Er ist jung, hat aber das Wissen eines alten Weisen! Ich möchte ihm etwas schenken“.

Hier erinnerte ihm einer der Weisen an Takschaka.

„Wo ist Takschaka geblieben?“, fragte Dschanamedschaja die Weisen. „Der größte Verbrecher, wegen dem wir die ganze Jagia gestaltet haben?“

Die Weisen fingen an, nach Takschaka zu suchen. Einer von ihnen sagte dann:

„Takschaka versteckt sich bei Indra. So steht es auch in alten Hymnen: Der Obergott hat ihm seinen Schutz versprochen“.

Darauf schrie ein Priester:

„Schaut ihr! Oben im Himmel fährt Indra, mit den Halbgöttern, mit den himmlischen Jungfrauen und umgekreist die Wolken. In seinem Wagen hat er Takschaka versteckt, ich sehe den heraushängenden Schwanz der Schlange“.

„Wenn Indra diesen Verbrecher versteckt und schützt, werft ihr ihn zusammen mit Takschaka ins Feuer“, sagte Dschanamedschaja den Priestern und Weisen.

Die Weisen verstärkten die Jagia noch mehr um auch Indra vom Himmel zu holen.

Der Obergott wollte nun sich selbst retten und warf Takschaka aus seinem Wagen hinunter.

Derselbe Priester schrie wieder:

„Schaut, schaut nur! Indra warf Takschaka aus seinem Wagen um sich selbst zu retten. jetzt fällt Takschaka runter und wird bald ins Feuer stürzen: auf seinem Weg versucht er aber sich an jeder Wolke festzuhalten und das verlangsamt seinen Sturz ins Feuer“.

Takschaka ereichte aber schon bald den Altar, sein gewundener Körper hing über dem Feuer. Er war kurz davor sein Bewusstsein zu verlieren und dann ins Feuer zu stürzen.

Einer der Brahmanen verlangte von Dschanamedschaja:

„Jetzt musst Du aber auch den jungen Weisen beschenken, wie du es versprochen hattest“.

Dschanamedschaja sagte zu Astika:

„Du mein Gast, du junger Weiser! Sag mir, was du von mir verlangst! Ich bin bereit dir selbst das zu schenken, was die anderen für unvernünftig halten würden. Sag mir zunächst wie du heißt?“

„O Maharadsch! Ich heiße Astika“, antwortete der junge Weise. „Höre bitte sofort mit der Verbrennung der Schlangen auf – das wäre meine einzige Bitte an dich oder ein Geschenk, das ich von dir sehr gerne annehmen würde“.

„O Junge, der klug ist wie ein alter Weiser“, antwortete ihm Dschanamedschaja. „Ich kann dir hundert Kuh-Herden schenken, ich kann dir Gold und Silber geben soviel du willst! Nur bitte mich nicht darum, mit der grössten Jagia aller Zeiten aufzuhören. Die Schlangen müssen bestraft werden für ihre bösen Taten! Das ist eine gerechte Bestrafung!“

Takschaka blieb weiter über dem Feuer hängen. Das wunderte Dschanamedschaja und er fragte die Priester:

„Warum wird dieser Verbrecher nicht ins Feuer gestürzt und bleibt weiterhin hängen?“

„Ihn hält die geistige Kraft von Astika“, antworteten ihm die Priester.

„O Maharadsch!“ wandte sich Astika wieder an Dschanamedschaja. „Ich stimme Dir zu, dass unter den Schlangen viele Verbrecher waren. Sie sind aber schon fast alle vernichtet. Jetzt können auch die unschuldigen Schlangen von der Jagia betroffen werden“.

„Unschuldigen Schlangen?“ Dschanamedschaja war nicht einverstanden damit. „Sie sind alle Verbrecher! Diese Giftigen sind eine große Gefahr für alle! Schau mal, Junge, wie sich alle Lebendigen über die Tötung der Schlangen freuen. Ich habe eine große Aufgabe übernommen: mit dieser großer Jagia vernichte ich alle Schlangen und befreie alle Lebendigen von dieser Gefahr und vor der Angst vor ihnen!“

„O Maharadsch!“, sagte jetzt Astika. „Das stimmt, dass es unter den Schlangen viele giftige gibt. Aber die meisten von ihnen sind harmlos; haben kein Gift und führen ein friedliches Leben. Bevor ich hier her kam, habe ich das alles selbst untersucht und alle Schlangen-Arten kennen gelernt. Nur wenige von ihnen sind gefährlich. Aber schau mal bitte: nachdem die meisten der verbrecherischen Schlangen verbrannt worden sind, stürzen sich die unschuldigen Schlangen jetzt nacheinander ins Feuer. Es gibt ein Gesetz, Maharadsch, dem alle Lebendigen – Menschen, Erdentiere, Vögel, Pflanzen und Insekten untergeordnet sind. Für den Menschen lautet es so: Tue niemals dem Lebendigen etwas Böses an, lebe so, dass Du niemanden Angst machst. Liebe alle Lebendigen, erlaube es dir es nicht, ein Tier oder eine Pflanze zu töten und messe alle Lebendigen mit dem gleichen Maß wie Dich selbst. Sei barmherzig gegenüber den Menschen, Tieren und Pflanzen. Das ist das, das der Mensch in sich erkennen muss. Das ist das höchste Gesetz: Keinem Lebendigen weh zu tun, ob das Pflanzen, Tiere oder Menschen sind!“

„O Junge!“ antwortete Dschanamedschaja. „Du hast mich wirklich überzeugt! Ich bin auch der Rache überdrüssig geworden! Ich will nur, dass Takschaka bis zum Abend über dem Feuer hängt, bis die Jagia ihre Kraft verliert und der Wind die Schlange zur Seite weht. Ansonsten aber beende ich jetzt die Jagia!“

Alle klatschten und schrieen:

„Es lebe Dschanamedschaja – der gerechte Maharadscha! Es lebe Astika – der junge Weise!“

Die Weisen, Brahmanen und Priester kamen herbei und umarmten Astika:

„Du hast heute uns allen das höchste Gesetz und die höchste Wahrheit offenbart. Ehre sei dir o Astika!“

Astika ging wieder zu seinen Verwandten zurück. Auch aus der Umgebung Wasukis waren mehrere Schlangen verschwunden. Die Mutter umarmte Astika und erzählte ihm, wie in ihren Augen die Jagia viele Verwandte ins Feuer gezogen habe.

Der alte Wasuki war sehr froh darüber, seinen Neffen wieder zu sehen. Er küsste Astika auf die Stirn und sagte ihm:

„Du hast deine große Aufgabe erfüllt! Du hast das Unmögliche vollbracht! Hast du einen Wunsch, den ich dir jetzt erfüllen könnte?“

Astika antwortete seinem Onkel:

„Ich habe nur einen Wunsch: dass die Schlangen sich in der Zukunft so verhalten, damit niemand mehr vor ihnen Angst haben muss“.

Frankfurt, 2016

© Vougar ASLANOV

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