Entstehung der Demokratie

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Vougar Aslanov

DIE ENTSTEHUNG DER DEMOKRATIE

Einakter

Personen:

Der Intelligenzler

Der Graf

Der Baron

Die Fürstin

Der Bauer

Auf der Bühne stehen der Graf, der Baron und die Fürstin auf einer Seite, hinter dem Stehtisch; der Graf trinkt Wein aus einem großen Glas, der Baron trinkt Whisky aus der großen Flasche, raucht dabei noch Zigarre und die Fürstin trinkt Champagner aus dem Becher; sie trägt eine Pelzstola um ihrem Hals. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite um eine Ecke arbeitet der Bauer ohne Pause.

DER INTELLIGENZLER: (kommt mit einer Mappe in der Hand herein. Zum Publikum) Guten Abend, meine Damen und Herren, heute berichte ich ihnen über die Entstehung der wichtigsten Sache in unserem Leben – nämlich über die Entstehung der Demokratie. Was ist eigentlich Demokratie? Das kommt aus dem Griechischen „Demos“- das heißt Volk und „Kratia“ – Macht: Also mit Demokratie ist gemeint die Macht des Volkes oder die Volksherrschaft. Das bedeutet eine Macht, die vom Volk selbst, aber nicht (zeigt auf die Ecke, wo der Graf, der Baron und die Fürstin stehen) von seinen Ausbeutern ausgeübt wird. Also Demokratie ist die Macht des Volkes, der einfachen Menschen, aber auf keinen Fall der Reichen, der Aristokratie, die immer das Blut des Volkes aussaugten wie die Stechmücken. Ja, schlimm waren die früheren Zeiten: (zeigt auf den Bauer) Das Volk arbeitete Tag und Nacht; es musste die Reichen und Adligen mit seiner Arbeit ernähren und die nahmen ihm das Letzte ab.

Der Graf, der Baron und die Fürstin stellen das Glas, den Becher und die Flasche ab und gehen zum Bauern, der weiter den Boden bearbeitet.

GRAF: (zum Bauer): Wo ist das Geld, gib her, schnell, ich habe keine Zeit, auf dich zu warten.

Der Bauer hebt seinen Kopf, schaut die Adligen an und arbeitet weiter.

BARON: Hörst du nicht, du Esel? Schnell Geld her!

Der Bauer nimmt aus der Tasche seines Hemdes Geld und gibt es dem Baron.

GRAF: (zum Baron) Wie viel? Geben Sie her.

BARON: (gibt unzufrieden zwei Fünfziger Scheine dem Graf) Hundert Euro nur.

GRAF: Warum so wenig, verstehe ich nicht? Bis du sicher, dass er kein Geld mehr hat?

BARON: Ich weiß nicht, vielleicht…

Fürstin geht zum Bauer, der weiter auf den Knien liegt und arbeitet, und tritt ihn mit dem Fuß.

FÜRSTIN: Wo hast du den Rest versteckt? Wo ist das übrige Geld? Antworte, du, dreckiger Mistkerl!

Sie tritt ihn nochmal mit dem Fuß; der Bauer fällt auf den Boden, sie tritt ihn mit den Füßen in den Bauch. Graf und Baron stehen an der Seite und schauen zu.

FÜRSTIN: (tritt den Bauern weiter mit den Füßen) Sag, wo ist der Rest des Geldes, du Schwein!.. Das reicht nicht aus, um davon zu leben, was du uns gibst, verstehst du das? Reicht nicht aus, du Hund!..

Sie durchsucht dann alle Taschen des Bauers, findet aber nichts. Dann steht sie auf und spuckt auf den Bauer.

FÜRSTIN: Dreckiges, unsauberes Tier!.. Stinkt wirklich wie ein Hund. Er hat sich vielleicht seit Monaten nicht gewaschen (hält sich die Nase zu und geht wieder zum Graf und Baron)… Pfui!.

GRAF: Und wie, nichts mehr gefunden? Nein? Wo versteckt er wirklich den Rest des Geldes?

BARON: Vielleicht hat er gar keins mehr.

GRAF: Seien Sie nicht so naiv, Baron. Ich kenne die Bauern: Sie sind viel schlauer als man denkt. Sie können sich immer solche Methoden ausdenken, von denen Sie nicht ein Mal träumen, um uns – ihre Herren und Schützer zu betrügen.

FÜRSTIN: Ja stimmt, Graf. Sie sind schlau wie ein Fuchs und infam wie Schakale.

Die Adligen gehen wieder zum Stehtisch, fangen erneut an zu trinken und zu rauchen.

GRAF: Aber diesmal ist wirklich nicht viel Geld da. Das ist für euch (gibt dem Baron fünfzig Euro), das ist für mich (steckt die anderen fünfzig Euro in sein Hemd).

BARON: Aber, Graf, das ist ungerecht, ungleich und wie man sagt, eh… undemokratisch.

GRAF: Warum ist das ungerecht? Ich bin so ein großer Graf, nehme nur die Hälfte vom Geld und gebe euch rund und genau die andere Hälfte.

BARON: Wir sind aber zu dritt, Graf, vergessen Sie das bitte nicht.

FÜRSTIN: Das ist wirklich ungerecht, Graf, der Baron hat Recht.

GRAF: Nein, meine Fürstin. Ich habe es so gemacht, gerechter geht es nicht mehr. Ich habe mir nicht zwei Drittel vom Geld genommen, sondern nur die Hälfte – fünfzig Euro.

FÜRSTIN: Sie haben, Graf, eine verkehrte Vorstellung von der Gerechtigkeit: Die Fürstin steht gesellschaftlich über dem Grafen! Außerdem, entschuldigen Sie bitte, Sie sind wirklich, wie der Baron sagte, sehr undemokratisch.

GRAF (leise zum Baron, der zwischen ihm und der Fürstin steht): Baron, was bedeutet „undemokratisch“ zu sein?

BARON: Das ist ein neues Wort, es wird aber immer öfter verwendet: So nennt man die schlimmen, bösen Menschen, die in öl – und gasreichen, rückständigen, armen Ländern leben und eine schlimme Ecke auf dem Erdball bilden.

GRAF (wird wütend): Ich wurde bis jetzt niemals so beleidigt. Mich „undemokratisch“ zu nennen? Zu Ihrem Glück, sind sie eine Dame, sonst würde ich mich mit Ihnen duellieren.

FÜRSTIN: Ha-ha! Denken sie, dass sie mir Angst mir Ihrem Schreien machen? Ich bin eine emanzipierte Frau; ich kann sie selbst abschießen wie ein Kaninchen, wenn wir uns duellieren würden.

GRAF: Kaninchen? Was hat das mit Kaninchen zu tun?

BARON: Sie meint damit, dass sie sie wie ein Kaninchen auf der Jagd abschießt. Sie hat sich einfach etwas poetisch ausgedrückt, nicht besonders.

GRAF: Poetisch? Das ist aber so grausam: Wie ein Kaninchen abschießen… Sie haben gesehen, Baron, wie die Fürstin den armen Bauern mit den Füßen auf dem Boden getreten hatte. Ich habe bis jetzt niemanden so zusammengetreten. Sie geht so grausam mit dem Volk um und deswegen wollen die Bauern uns kein Geld mehr geben.

FÜRSTIN: (bringt ihre Haare in Ordnung) Das Volk liebt mich: Sie finden mich schön, klug, nett und gerecht. Wenn ich etwas verteile, mache ich das auch sehr demokratisch.

BARON: Meine Fürstin, mein Graf, lassen Sie das bitte. Wir müssen daran denken, wie es weiter gehen soll. Sowieso ist es zu wenig, was die Bauern uns jetzt geben. Unser Aufwand wächst, wir bekommen aber immer weniger Geld von unseren Bauern (zur Fürstin). Ich gebe Ihnen einen Fünfziger Schein, sie geben mir Zwanzig zurück.

Er gibt den Schein der Fürstin.

FÜRSTIN: Sie sind, Baron, auch demokratisch wie ich.

BARON: Danke, meine Fürstin. Das ist sehr angenehm. Jetzt müssen wir aber daran denken, wie es weiter gehen soll.

GRAF: Was heißt es aber, Baron, demokratisch zu sein oder was heißt „Demokratie“ eigentlich?

BARON: Ich weiß das selbst nicht genau, Graf. Das wissen solche Menschen, die man „Intelligenzler“ nennt.

GRAF: Und wer sind diese Intelligenzler?

BARON: Das erkläre ich Ihnen später, Graf. Jetzt sollten wir daran denken, was wir tun müssen, um wieder genug Geld zu haben.

GRAF: Ja, Sie haben Recht: Darüber später. Sonst ist die Lage wirklich schlecht. Jetzt sagen Sie mir bitte, Baron, was gab uns dieser Bauer das letzte Mal?

BARON: Zweihundert Euro.

GRAF: Zweihundert Euro? Und das vorletzte Mal?

BARON: Dreihundert.

GRAF: Ich sehe hier eine schlechte Tendenz. Wenn es wo weiter geht, bleiben wir überhaupt ohne Geld.

BARON: Was sollen wir jetzt tun?

GRAF: Vielleicht reduziert leben oder selbst arbeiten gehen.

FÜRSTIN: Sie sprechen jetzt, Graf, wie die Revolutionäre.

GRAF: Dann sagen Sie mir bitte, welchen Ausweg Sie sehen.

Fürstin und Baron schweigen. Graf geht zur Fürstin und nimmt den Pelz von ihrem Hals ab.

GRAF: Vielleicht jetzt ohne das leben?

Fürstin greif nach dem Pelz an und holt ihn grob zurück.

FÜRSTIN: Geben Sie her! Was für eine Gewalt ist das, Graf, verstehe ich nicht? Ich werde niemals meine Pelze abgeben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne Pelze leben kann.

Graf nimmt die Zigarre aus dem Mund des Barons.

GRAF: Vielleicht ohne das leben?

BARON: Das ist aber unschön, Graf, was Sie gerade tun. Zigarre ist eine wichtige Gewohnheit von mir. Ohne sie kann ich nicht leben.

Baron holt seine Zigarre wieder zurück.

GRAF (nachdenklich): Was sollen wir aber nun tun, das geht einfach nicht so weiter.

Baron und Fürstin werden auch nachdenklich.

INTELLIGENZLER (zum Publikum): Sehen Sie, meine Damen und Herren, wie die Zeiten sich geändert hatten. Das Volk wollte nicht mehr sein Gut an seine Unterdrücker abgeben. Das brachte das Lager seiner Ausbeuter zum Chaos und zur Verrottung. Die Stunde der Demokratie, der Macht des Volkes und seiner Befreiung von den Ausbeutern, näherte sich immer mehr.

BARON: (bemerkt jetzt den Intelligenzler). Aha, ich sehe hier schon einen Intelligenzler; er muss viel wissen.

GRAF: Sie sollten, Baron, mir erklären, was ein Intelligenzler ist.

BARON: Ja stimmt: ein Intelligenzler ist ein Mensch, der viel gelesen oder vielleicht auch noch selbst etwas geschrieben hat.

GRAF: Gut, vielleicht kann er uns dann einen guten Rat dafür geben wie es mit den Bauern weiter gehen sollte. Und fragen wir ihn noch, was die Demokratie ist.

BARON (zum Intelligenzler): Hei, kannst du zum unseren Tisch kommen, wir wollten dich etwas fragen.

Der Intelligenzler geht aufgeregt, aber gravitätisch zum Tisch der Adligen.

INTELLIGENZLER: Ja gerne, sehr gerne, meine Dame und Herren.

GRAF (zum Intelligenzler): Wie heißt du?

INTELLIGENZLER: Das ist aber nicht wichtig. Ich weiß selbst nicht, ob ich einen Namen habe oder nicht.

GRAF: Wieso hast du keinen Namen?

INTELLIGENZLER: Die Menschheit geht jetzt in so eine Richtung, dass das nicht mehr nötig wird, einen Namen zu haben: Ich bin einfach Mensch, basta.

GRAF: Aber bist du ein Deutscher?

INTELLIGENZLER: Nein, ich habe keine Nationalität.

GRAF: Woher kommst du dann?

INTELLIGENZLER: Ich komme vom Himmel. Ich bin vor allem ein Geist.

Der Intelligenzler nähert sich dem Tisch der Adligen, stützt seine Arme auf den Tisch, lehnt sein Kinn in eine seiner Hände und nimmt die Pose eines Philosophen aus dem Mittelalter an; er bleibt eine Zeit in dieser Pose; alle beobachten das. Dann hebt er eine Hand hoch. Alle schauen erstaunt nach ihm.

INTELLIGENZLER: Mein Geist ist da oben, im Himmel: Etwa zwischen Mars und Jupiter (wird nachdenklich und schaut in die Weite). Jetzt ist er, glaube ich, aber etwas weiter gerutscht – über den Jupiter zum Saturn – ich muss das ein Mal prüfen. Mein Geist wächst immer weiter und weiter.

FÜRSTIN: Ich verstehe das nicht: Dein Geist ist im Himmel, du bist aber selbst hier. Wie kann das sein?

INTELLIGENZLER: Ich bin so groß, meine Fürstin, dass sich mein Geist nicht auf der Erde befinden kann: Ich gehöre zum Universum und das Universum gehört zu mir. Ich gehöre zur Menschheit und die Menschheit zur mir. Ich habe keine Nationalität, keine Religion, keine Rasse: Ich bin ein Kosmopolit. Ich liebe alle Menschen auf der Welt, egal wie sie sind und wo sie auf unserer kleinen Erde leben. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Menschen. Es gibt nur einfach die Menschen, es gibt nur einfach die Menschheit. Es gibt auch keine Rassen, es gibt nur eine Rasse: Die Menschenrasse.

GRAF: Was sollte das bedeuten, Baron, ich verstehe gar nichts. Und kann dieser Mann uns etwas erklären, der so einen Blödsinn erzählt und selbst nicht weiß, woher er kommt?

BARON: So sprechen die meisten der Intelligenz, Graf, machen Sie sich keine Gedanken.

GRAF: Dann sag uns du, Intelligenzler, wer war dein Vater? Oder hast du auch keinen Vater gehabt?

INTELLIGENZLER: (beleidigt) Wieso? Ich hatte einen Vater, der ist vor kurzem gestorben. Mein Vater war ein Schreiner, ein Handwerker also. Wie die Klassiker sagten, die Söhne der Handwerker würden immer große Menschen.

GRAF: Ha! Der Schreinersohn ist jetzt ein großer Mensch geworden! Da schau mal an!

BARON: Solche Leute sind aber wirklich klug und haben viel gelesen.

GRAF: Gut, dann erkläre uns, was Demokratie ist.

BARON: Kannst du uns erklären, was Demokratie ist?

INTELLIGENZLER: Ja natürlich, meine Dame und meine Herren. Ich freue mich darauf. Demokratie bedeutet Freiheit, die Macht des Volkes und Gleichheit.

GRAF. Die Macht des Volkes? Wie soll man das verstehen?

FÜSRTIN: Ja wirklich, wie soll man das verstehen: die Macht des Volkes? Jetzt müssten wir alles tun, was uns das Volk sagt? Ne, das ist ein Unsinn.

INTELLIGENZLER: Wissen Sie, es geht darum, dass wir alle gleich sind: Egal die Adligen und die Intelligenz, das Bürgertum und die Arbeiter samt den Bauern.

FÜRSTIN: Was sagst du?! Hei! Bist du verrückt? Du muss auf deine Worte achten. Sonst kannst du Ärger kriegen. Ich bin gleich mit diesem (zeigt auf den Bauer) dreckigen, ungewaschenen Tier? Ich zeige es dir jetzt!

Fürstin geht zum Intelligenzler und will ihn schlagen. Baron verhindert das.

BARON: Ruhe, Ruhe, bitte meine Fürstin. Sie müssen nicht alles ernst annehmen, was dieser Kerl sagt.

FÜRSTIN: Nein, hier hat er schon alle Grenzen überschritten. Mich, eine Fürstin aus einer alten adligen Familie mit einem stinkenden Bauer gleichsetzen? Nein, das kann ich nicht so stehen lassen.

INTELLIGENZLER: (ängstlich). Das verstehe ich: eine Emanze. Das war aber trotzdem zu viel.

GRAF: Was ist Emanze?

INTELLIGENZLER: Emanzen nennt man die Frauen, die wie Männer sein wollen.

GRAF: Die wie Männer sein wollen? Sie sind doch Frauen.

INTELLIGENZLER: Trotzdem wollen sie wie Männer sein.

FÜRSTIN (nervös): Was für einen Blödsinn erzählst du wieder, du dummer Schreinersohn?

GRAF: Ja, Moment, ich möchte ihn noch was anderes fragen: Du bist kein Deutscher, hast du gesagt. Wie war es dann mit deinem Vater? War er auch kein Deutscher?

INTELLIGENZLER: Ich habe keine Nationalität, habe ich gesagt. Ich bin einfach Mensch. Aber mein Vater…

BARON: Bist du dann vielleicht ein Afrikaner?

INTELLIGENZLER: (beleidigt) Nein, wieso sollte ich Afrikaner sein? Ich bin kein Afrikaner.

BARON: Dann bist du vielleicht ein Eskimo?

INTELLIGENT: (sehr genervt) Was?! Ich – Eskimo?!

Intelligenzler geht zum Baron um ihn zu schlagen. Graf verhindert das.

GRAF: Hei, hei, du muss deinen Platz kennen. Wie kannst du einen Baron schlagen?

INTELLIGENZLER: Aber wie kann er mich mal „Afrikaner“, mal „Eskimo “ nennen?

GRAF: Du hast aber selbst gesagt, dass du kein Deutscher bist und sogar keine Nationalität hast.

INTELLIGENZLER: Aber mein Vater und meine Mutter waren Deutschen.

GRAF: Wie ist das also: deine Eltern waren Deutsche, aber du selbst nicht?

INTELLIGENZLER: Das ist wirklich so. Weil ich zur ganzen Menschheit gehöre und die Menschheit zu mir gehört. Ein Afrikaner oder Eskimo bin ich aber trotzdem nicht: Diese Völker sind immer noch undemokratisch: Wir müssen sie demokratisieren.

GRAF: Sagtest du selbst gerade nicht, dass alle Menschen auf der Welt gleich sind?

INTELLIGENZLER: Das ist richtig, aber die Westeuropäer sind die Vorhut der Menschheit. Alle anderen Völker haben ihren Beitrag in die Entwicklung der Weltkultur noch nicht erbracht. Und in der Verwirklichung der Demokratie liegen sie weit hinten.

BARON: Wie ist es dann: Sind alle Menschen gleich oder nicht?

INTELLIGENZLER (holt ein Blatt aus seiner Mappe und demonstriert es den Adligen): Hier steht es schon: Alle Menschen sind gleich!

FÜRSTIN: (empört) Ach, du sagst das schon wieder? Du, du!..

Sie geht zum Intelligenzler und will ihn schlagen.

INTELLIGENZLER: (erschrocken macht mehrere Schritte zurück) Nein, nein, meine Fürstin, das sagten die Klassiker (er holt schnell aus seiner Mappe ein anderes Blatt und demonstriert es den Adligen). Hier steht der Rest: Es gibt aber Menschen, die gleicher sind.

FÜRSTIN: (beruhigend) Ja das gefällt mir schon besser.

GRAF: Das ist wirklich gut. Dann kannst du vielleicht uns auch besser erklären, was die Demokratie ist.

INTELLIGENZLER: Demokratie ist die Freiheit, keine Ausbeutung der Armen durch die Reichen, gleiche Bedingungen für alle. Das heißt: Das Volk hat sein Schicksal in seiner Hand und es regiert selbst sein Land.

BARON: Das ist aber merkwürdig: Wie kann so ein Bauer (zeigt auf immer noch knienden Bauern) das Land regieren? Er kennt die Gesetze nicht. Er hat keine Erfahrung mit der Politik und mit dem Regieren.

GRAF: Ja wirklich: Wie können die Bauern unser Land regieren? Das ist eine ganz verrückte Idee. Was sollen dann wir machen, wenn sie sich schon selbst regieren können?

FÜRSTIN: Er macht mich wieder nervös. Ich zeige dir jetzt, was es heißt, die Bauer regieren das Land…

Fürstin geht zum Intelligenzler und will ihn wieder schlagen. Der Intelligenzler macht wieder einige Schritte zurück.

INTELLIGENZLER: Nein, ich meine nicht das. Bitte halten Sie ein.

BARON: Es ist schon gut, Fürstin, schon gut. Lassen wir ihn sagen, was er selbst dazu meint.

INTELLIGENZLER: Ich erkläre, meine Dame und meine Herren, was die Demokratie ist: Das Land wird von einer Regierung und vom Parlament regiert. Aber diese werden vom Volk gewählt. So wird der Wille des Volkes ins Spiel gebracht. Aber nicht durch das Volk selbst, sondern durch die Menschen, die seinen Willen und seine Interessen besser vertreten können, als es selbst.

GRAF: Aha, das ist, so scheint, etwas anderes. Wen aber wird das Volk wählen? Nicht die Besten? Nicht die Adligen? Nicht die Klugen? Uns natürlich oder?

INTELLIGENZLER: Ja, aber wenn sie bereit sind im Namen des Volkes zu regieren.

GRAF: Ja natürlich, wir sind bereit dafür. Alles wird im Interesse des Volkes gemacht. Das ist ohne Zweifel. Nicht wahr, Baron?

BARON: Selbstverständlich. Wir können jetzt wirklich gut im Namen des Volkes und fürs Volk regieren. Sind sie auch einverstanden, Fürstin?

FÜRSTIN: Ja, ich denke, er hat sich etwas korrigiert.

INTELLIGENZLER: Sie müssen sich aber zur Wahl stellen. Das Volk wird diejenigen wählen, denen es am meisten vertraut.

BARON: Das Volk wird sowieso uns wählen, da bin ich sicher.

INTELLIGENZLER: Sie haben aber Konkurrenz: Intelligenz und Händler werden auch darum kämpfen, vom Volk gewählt zu werden.

GRAF: Was hat aber die Intelligenz damit zu tun, mit der Regierung – verstehe ich nicht? Ihr sollt Bücher schreiben oder?

FÜRSTIN: Ha, Intelligenz!.. Der Schreinersohn wird neben mir im Parlament sitzen – nein das lasse ich nicht zu!

GRAF: Ja das ist wirklich unzulässig. Besser, wenn ihr wirklich weiter eure Bücher schreibt. Und wir geben Geld dafür.

BARON: Woher nehmen wir aber das Geld?

GRAF: Gute Frage. Wo nehmen wir wirklich Geld ein?

INTELLIGENZLER: Das Volk wird die eigene Regierung selbst bezahlen. Und dazu noch die Händler – sie müssen auch Geld für die Regierung geben, wenn sie gewählt werden möchten.

GRAF: Das ist schon eine gute Idee: Wer von den Händlern mehr bezahlt, der bekommt auch mehr Stimmen vom Volk.

INTELLIGENZLER: Das haben Sie jetzt wirklich wunderbar formuliert. Ich muss das sofort notieren – sonst kann ich das vergessen.

Intelligenzler notiert etwas in seinem Notizblock.

GRAF: Was ist jetzt mit dem Volk? Diese Regierung wird Regierung des Volkes heißen und das Volk muss selbst die eigene Macht unterhalten. Aber wie wird das alles funktionieren, das habe ich bis jetzt nicht verstanden.

INTELLIGENZLER: Das ist ganz einfach, meine Dame und meine Herren: Das Volk gibt jetzt fürs Bestehen seiner Macht und seiner Regierung alles, was es hat.

BARON: Ist das wirklich so? Dann ist ohne Zweifel die Demokratie das Beste, was man sich bis jetzt ausgedacht hat.

GRAF: Ich bin trotzdem immer noch nicht sicher, ob das Volk jetzt für seine Regierung alles gibt.

FÜRSTIN: Ja dann soll es wirklich alles geben….

INTELLIGENZLER: Gut, Sie werden es gleich sehen.

Intelligenzler geht zum Bauern.

INTELLIGENZLER: Ich grüße dich, o du, der beste Teil der Menschheit, der arbeitende, der sich bemühende Mensch! Ohne dich würde die Menschheit nicht überleben, ohne deine Mühen und deine Arbeit würden wir das alles nicht haben, was wir jetzt haben. Danke dir!

Bauer hört auf zu arbeiten und steht auf.

BAUER: Ich verstehe nicht, was Sie möchten, mein Herr.

INTELLIGENZLER: Ich brauche dein Wohl, dein Glück, deine Zukunft!

BAUER: Ich verstehe wieder nichts.

INTELLIGENZLER: Du musst dich freuen: Die Zeiten sind jetzt vorbei als überall die Adligen, die Reichen herrschten. Es ist jetzt eine andere Zeit. Dank unserem Kampf bist du endlich frei geworden. Du musst nicht mehr so geduckt für die anderen arbeiten. Es ist schon genug: Du hast genug gearbeitet.

BAUER: (freut sich und versucht sich auszurichten) Werde ich nicht mehr arbeiten müssen? Ah, wie schön das wäre – sich ein bisschen auszuruhen. Sonst immer arbeiten, arbeiten…

INTELLIGENZLER: Du bist jetzt frei. Wir, die Intelligenz haben dich durch unseren Jahrhunderte andauernden Kampf endlich befreit. Du bist jetzt der Herr deines Lebens. Alle anderen werden jetzt dir dienen, für dich arbeiten, um deinen Willen zu verwirklichen.

BAUER: Ich verstehe wieder nicht: Soll ich jetzt arbeiten oder nicht?

INTELLIGENZLER: Du muss arbeiten, sogar noch mehr als früher. Aber jetzt nicht für die anderen, sondern für sich selbst.

BAUER: Trotzdem muss ich wieder arbeiten. Ich wollte auch ein Mal meine Ruhe haben.

INTELLIGENZLER: Wofür Ruhe haben, wenn jetzt alles dir gehört? Vor wem willst du Ruhe haben – vor dir selbst? Du musst jetzt arbeiten für dein Parlament, für deine Volkskasse, für deine demokratische Regierung.

BAUER: Welche Regierung?

INTELLIGENZLER: Die demokratische! Deine Regierung! Du bist jetzt der Herr – alle anderen sind deine Diener!

BAUER: Meine Diener? Warum muss ich dann aber wieder weiter arbeiten, nicht meine Diener?

INTELLIGENZLER: Sie werden auch arbeiten, für dich, für dein Glück und für deine Freiheit, für deine Zukunft!

BAUER: Aber warum müssen das wieder die anderen machen, nicht ich selbst?

INTELLIGENZLER: Weil das schwierig ist. Sag mir; verstehst du etwas von Jura, von Gesetzen, von Wissenschaften? Wie kannst du im Parlament sitzen, wie kannst du regieren, wenn du das alles nicht verstehst? Deswegen werden das jetzt die anderen in deinem Namen machen. Sie sind nur deine Vertreter, deine Diener. Im Parlament werden sie aber sitzen, weil sie diese Gesetze kennen. Du bist aber mit ihnen gleich gestellt, stehst sogar höher als sie. Du hast deine Rechte, die dir jetzt niemand nehmen kann. Du bist ein freier Mensch.

BAUER: (erfreulich) Ist das wirklich so? Das ist aber schön. Werde ich nicht mehr geschlagen werden? Keine Gewalt mehr?

INTELLIGENZLER: Nein, wovon redest du, es ist jetzt eine andere Zeit gekommen. Du hast jetzt deine Macht, die Macht des Volkes. Du musst sie aber unterstützen, sonst kann sie nicht lange existieren.

BAUER: Wie unterstützen?

INTELLIGENZLER: Gib alles, was du hast: Es gehört auch weiterhin dir, was im Schatz des Staates liegt – das ist dein Geld. Du bist der Herr. Je mehr Geld du geben kannst, umso sicherer wird deine Regierung, deine Macht, deine Zukunft. Dann wirst du selbst wählen, wem du dein Gut anvertraust.

BAUER: Das ist wirklich schön. Werde ich jetzt die Menschen selbst wählen können, denen ich das alles anvertrauen kann?

INTELLIGENZLER: Ja das habe ich dir schon gesagt: Du bist der Herr. Die Macht, Regierung und alles gehört dir, auch die Staatskasse. Besser, wenn du dein Geld in der Staatskasse hast – das gehört sowieso dir. Und jetzt gib mir das, was du hast. Sonst kann deine Macht nicht existieren, wenn du sie nicht unterstützen wirst. Dann können die schlimmen Menschen, die dich früher geschlagen hatten, wieder an die Macht kommen.

BAUER: Nein, nein, das will ich nicht.

Bauer holt aus seiner Socke Geldscheine.

BAUER: Hier ist Geld, das ich bis jetzt gespart habe. Die wollten mir das wegnehmen, ich habe das aber gut versteckt. Vierhundert Euro.

INTELLIGENZLER: Ja schön, das nehme ich jetzt mit und deine Macht wird weiter existieren. Wiederhole mir jetzt: Es lebe die Demokratie – die Macht des Volkes!

BAUER: (glücklich) Es lebe die Demokratie – die Macht des Volkes!

INTELLIGENZLER: Schön, sehr schön! Und danke dir für deine Unterstützung!

Intelligenzler geht wieder zu den Adligen, die ungeduldig auf ihn warten.

BARON: Und wie? Ist alles in Ordnung?

INTELLIGENZLER. Ja, in bester Ordnung. Das Volk ist für die eigene Macht, für die Wahlen, für Demokratie. Und es ist bereit sie zu unterstützen. Hier sind vierhundert Euro.

GRAF: O-ho-ho! Es lebe wirklich die Demokratie! Gib das Geld her!

Intelligenzler gibt ihm das Geld.

GRAF: Ja Baron, zwei hundert Euro für euch und die Dame und zwei hundert für mich.

FÜRSTIN: Graf, sie nehmen wieder die Hälfte für sich.

GRAF: Ich habe das verdient, meine Fürstin! Wer hat rechtzeitig die Wichtigkeit der Demokratie verstanden und sie unterstützt? Ich! Und ab jetzt nennen Sie mich bitte nicht mehr Graf: Ich bin Diener des Volkes. Adieu!

Alle Adligen gehen weg. Intelligenzler läuft ihnen hinterher.

INTELLIGENZLER: Ich habe auch was verdient. Ich bin der Ideologe der Demokratie – Mir steht auch etwas von diesem Geld zu.

GRAF: Ja nimmt das und halt dein Maul!

Graf wirft fünf Cent auf den Boden, die in Richtung des Bauers rollen. Als der Intelligenzler sich umwendet um den Flug der Münze zu beobachten, gibt der Graf ihm einen Schubs mit dem Bein gegen seine Hüfte.

GRAF: Der Schreinersohn!

Der Intelligenzler fällt von diesem Schlag fast hin. Er geht aber trotzdem weiter zur Münze. Der Bauer will die Münze aufheben, Der Intelligenzler geht schnell zu ihm, nimmt sie ihm weg und steckt sie in seine Tasche.

INTELLIGENZLER: (hält sich mit der Hand an einer Hüfte) Die Demokratie ist die beste Erfindung der Menschheit! Es lebe die Demokratie!

BAUER: Es lebe die Demokratie!

Intelligenzler geht weg. Bauer arbeitet weiter.

ENDE

Bad Camberg, 2006

© Vougar ASLANOV

 

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