Wie der Schwanz weggegangen war

Vougar Aslanov

 

WIE DER SCHWANZ WEGGEGANGEN WAR


Eine kurze Vorgeschichte

Peter Langstock, schon über fünfzig, arbeitete sein ganzes Leben lang als kleiner Beamter. Er war ein einfacher deutscher Mann: Er hatte den Bauch, weil er oft in die Bierstube ging; er mochte Fußball, weil mit dem er alle seine Sorgen vergaß. Peter stammte aus Norddeutschland, hatte keine Kinder, obwohl er mehrmals verheiratet war. Zum Beginn unserer Geschichte lebte er schon seit vielen Jahren in der hessischen Stadt Limburg. Er war auch ein ruhiger Mensch, mochte es nicht, sich zu streiten und stimmte oft seinem Opponenten zu, wenn er auch mit ihm nicht einverstanden war. Peter hatte aber noch eine Besonderheit: Er hatte einen langen Penis. Ihm wäre das egal, aber die Frauen, mit denen er lebte, mochten seinen Penis sehr und wollten immer mit dem was zu tun haben. Das quälte Peter immer und er verließ aus diesem Grund mehrere Frauen. Zuletzt suchte er nach einer Frau, die so einen langen Penis nicht mochte und nicht viel Liebe von ihm verlangte. Er fand endlich so eine Frau, die schon einen getrennt lebenden Sohn von einer früheren Ehe hatte und sich überhaupt für Bettsachen nicht interessierte, und zog in ihre Wohnung. Das war aber nur der Anfang.

Seine letzte Frau Erika Groß – eine mollige, lustige, liebevolle und lebendige Frau mit fünfzig – war in Limburg geboren, wo sie auch immer noch lebte und arbeitete als Erzieherin im Kindergarten. Ihr erster Mann, der vor fünf Jahre gestorben war, war ein Schullehrer. Er hörte immer seiner Frau zu und war sehr abhängig von Erika. Erika war der Meinung, dass die Männer wie Kinder seien: Neugierig, hilflos und ängstlich. Eine Frau müsse oft alleine die Verantwortung für die Familie tragen, auch für den Ehemann. Die Liebessachen empfand sie eher als etwas, was zum Lachen bringen sollte. Als sie aber Peter näher kennen lernte, hatte sie dennoch ihre Meinung dazu geändert.

Der Schwanz war zum Beginn dieser Geschichte im gleichen Alter wie Peter Langstock und war sehr lange mit ihm zusammen. Er war groß, schlank, hübsch und intelligent. Schwanz war der Meinung, dass Peter selbst und seine Frauen ihn immer gequält hatten. Er wollte immer Peter erklären, dass er mit ihm so nicht umgehen dürfe, weil er ein wichtiger Teil nicht nur seines Körpers, sondern auch seiner Seele sei. Peter hörte ihm aber niemals zu. Er hatte noch den Anspruch, den gleichen Namen wie Peter Langstock zu haben, obwohl das vom anderen Peter nicht akzeptiert wurde.

Der Polizist Hartmann war Hauptmann in der Kriminalpolizei in Limburg. Er war fünfzig Jahre alt, kam aus Marburg. Nachdem seine Frau ihn vor vielen Jahren verlassen hatte, lebte er alleine. Er hatte nur ein Ziel: Die Menschen zu finden, die für die Gesellschaft gefährlich waren; alle zu verfolgen und zu fangen, die verdächtigt waren.

Der Hotelmann Gottfried Sammler war achtundvierzig Jahre alt. Er kam aus Frankfurt am Main, war verheiratet, hatte zwei Töchter, das Hotel in Frankfurt führte er doch allein. Er hielt sich für einen ernsthaften, netten und ehrlichen Mensch, mochte doch nicht, wenn jemand ihm und seinem Geschäft Probleme bereitete. Von solchen Menschen wollte er immer schnell Abstand nehmen.

Selbst die Geschichte

 

Ein Mal passierte mit Peters Schwanz etwas ganz Besonderes. In einer Nacht, als Peter schon schlafen wollte, bat Erika ihn:

„Peter, bitte noch ein Mal“.

„Erika, bitte nicht – ich will jetzt schlafen“.

„Peter, aber nur ganz kurz, bitte“.

„Das sagst Du immer, aber dann möchtest Du ihn – den Armen – stundenlang nicht in Ruhe lassen“.

Der Schwanz hörte das alles und hoffte, dass Peter Erika diesmal nicht nachgibt. Aber Peter konnte ihr wieder ein Mal nicht widerstehen und ließ Erika noch ein Mal alles mit ihm tun, was sie wollte. Der Schwanz duldete zehn Minuten: Er war sehr gespannt, rot und nervös. Jede Bewegung von Erika tat ihm weh und er entschied sich endlich, wegzugehen. Plötzlich schrie Erika:

„Peter, guck mal, er geht weg“.

„Wer, wer geht weg?“ fragte der fast eingeschlafene Peter.

Als Peter seine Augen öffnete, sah er durch die offene Tür des Schlafzimmers seinen Schwanz im Flur: Er stand schon im Peters neuen Kostüm und war gerade dabei, dessen Mantel anzuziehen.

„He, he, wo gehst Du hin?“ fragte Peter und wollte aufstehen.

Der Schwanz drohte hier aber Peter:

„Wenn Du mir zu nah kommst, schlage Dich mit dem Stock“.

Danach bestellte er telefonisch ein Taxi:

„Gute Nacht, ich brauche ein Taxi“.

„Gute Nacht. Sagen Sie mir bitte, wie Sie heißen und wie Ihre Adresse ist?“, fragte die Stimme am Telefon.

„Peter Langstock“, antwortete Schwanz.

„Nein, das stimmt nicht“, sagte Peter empört und versuchte wieder aufzustehen.

„Bleib liegen, habe ich Dir schon gesagt, verdammt noch mal“, drohte ihm der Schwanz wieder mit dem Stock.

„Wie bitte?“, fragte die Stimme am Telefon.

„Habsburger Straße einundzwanzig in Limburg“, sagte Schwanz.

„Gut, ich schicke Ihnen jetzt ein Taxi. Wo wollen Sie hinfahren?“ fragte wieder die Stimme am Telefon.

„Das weiß ich noch nicht. Ich will einfach weg von Limburg“, sagte Schwanz.

Der Schwanz nahm die Geldbörse mit Geld, Ausweis und den Kreditkarten von Peter, dazu dessen Hut und Regenschirm mit und verließ die Wohnung.

Peter und Erika haben danach sehr aufmerksam auf den Lärm aus dem Hof gelauscht.

„Er ist schon weg!“, sagte Peter, als das Taxi den Hof verlassen hatte, hilflos.

„Wie weg? Steh auf und verfolge ihn. Er kann nicht sehr weit gehen!“ schrie Erika Peter an.

Peter stand auf, mit Schrecken gewahrte er wieder, dass sein Schwanz nicht mehr an seinem Platz war.

„Oder noch besser wäre, wenn Du die Polizei anrufst“, sagte Erika, als sie sah wie Peter erschrocken war. „Polizei findet ihn bestimmt und schnell“, sagte sie diesmal mit Nostalgie und leicht weinend.

„Aber was sage ich der Polizei? Wen sollen sie suchen?“

„Wen?.. Ha… Wirklich schwierig. Aber jetzt! Ich habe eine Idee: Die Polizei muss jemanden finden, der sich für Peter Langstock vorgibt, der auch Dir die Dokumente, Geld, und Kre- ditkarten gestohlen hat“.

„Ja, das ist wirklich eine gute Idee“, sagte Peter und griff zum Telefon.

„Hallo, hallo, Polizei!“, schrie er ins Telefon.

„Was ist los, wieso schreist Du so man, es ist schon ein Uhr Nacht“, sagte die Stimme unzufrieden am Telefon.

„Er ist schon weg!“

„Wer ist weg, verdammt?“

„Mein Schwanz“.

„Wie?

„E… e… Entschuldigung. Ein Mann hat mir die Geldbörse mit Geld, Kreditkarten und Ausweis, noch dazu den Mantel und den Stock gestohlen“.

„Wann war das?“, fragte wieder der Polizist.

„Jetzt gerade“.

„Und wie hat er das gemacht?“

„Wie hat er das gemacht?“, fragte Peter Erika leise.

„Ganz einfach. Nahm das alles mit und ging weg“, sagte Erika.

„Ganz einfach. Er nahm das alles mit und ging aus dem Haus“, sagte Peter dem Polizisten, der am Telefon eine Antwort auf seine Frage wartete.

„Und was machte er bei Euch zu Hause?“, fragte wieder der Polizist.

„Und was machte er bei uns zu Hause“, fragte wieder Peter seine Frau.

„Er wurde einfach zum Abendbrot eingeladen“, soufflierte ihm Erika.

„Wir haben diesen Mann zum Abendbrot eingeladen“.

„Und hat alle Deinen Sachen mitgenommen, als ihr mit dem Abendbrot fertig wart?“, fragte der Polizist, der schon, wie es schien, kein großes Interesse mehr an dieser Geschichte hatte.

„Ja, eben so war es gewesen“, antwortete Peter.

„Aber kanntet ihr ihn vorher?“

„Kannten wir ihn vorher?“, fragte Peter wieder seine Frau.

„Nein, nein“, sagte Erika ihm leise.

„Nein, nein, wir kannten ihn vorher nicht“, antwortete Peter dem Polizisten.

„Aber wir konntet ihr ihn dann zum Abendbrot einladen, den Unbekannten?“

„Wir konnten wir ihn dann zum Abendbrot einladen?“, fragte Peter erneut seine Frau.

„Nein, wir kannten ihn, aber nur ein bisschen, nicht viel“, sagte seine Frau ihm wieder vor.

„Den Mann kannten wir schon ein bisschen vorher“, antwortete Peter dem Polizisten.

„Ja gut. Wie heißt er?

„Er heißt Schwa…“

„Wie?! Noch Mal!“

„Schwanz, Schwanz, richtig“, unterstützte ihn Erika.

„Schwanz heißt er“, sagte Peter am Telefon.

„Schwanz? Das ist Vorname oder Nachnahme?“, fragte der Polizist.

„Ist das Nachname?“, fragte Peter seine Frau.

„Ja, ja. Nachname, Nachname“, antwortete Erika. „Jetzt gibt er aber sich für Peter Langstock aus“.

„Ja, das ist sein Nachname und jetzt gibt er sich für Peter Langstock aus“, sagte Peter.

„Und wer ist Peter Langstock?“, fragte Polizist.

„Das bin ich“, antwortete Peter.

„Sein Vorname ist Euch auch bekannt?“, fragte der Polizist.

„Sein Vorname ist uns auch bekannt?“, fragte Peter wieder Erika.

„Nein, nicht bekannt“, sagte Erika.

„Nein, nicht bekannt“, sagte Peter dem Polizisten.

„Gut, bald kommt die Polizei zu Euch. Seid aber bitte zu Hause“, sagte der Polizist.

Inzwischen fuhr der Schwanz mit Taxi nach Frankfurt und ging in ein Hotel. Vorher war er aber noch beim Arzt gewesen. Danach war sein Gesicht mit einer Binde verbunden. Schwanz betrat das Hotel und ging zur Rezeption.

„Guten Abend“, sagte Schwanz, als er Gottfried Sammler in der Rezeption sah.

„Guten Abend“, antwortete ihm der Hotelmann. „Wollen Sie ein Zimmer zur Übernachtung?“

„Ja, ich will ein Zimmer“.

„Gut. Ich kann Ihnen ein schönes und nicht teueres Zimmer anbieten“.

„Was kostet dieses Zimmer?“

„Nur hundert zehn Euro, in anderen Hotels müssten Sie für so ein Zimmer mindestens zwei hundert Euro bezahlen“.

Schwanz stocherte in der Geldbörse und sagte:

„Gut, ich nehme dieses Zimmer“.

„Und wie viel Übernachtungen?“ fragte Sammler erfreut.

Schwanz dachte bisschen nach und sagte:

„Zunächst nur eine. Dann schauen wir mal“.

„Gut, dann können Sie auch es verlängern, wenn Sie wollen. Jetzt sagen Sie mir bitte Ihren Namen: Wie heißen Sie?“

Schwanz schwieg eine Minute und antwortete dann: „Peter Langstock“.

Sammler war immer vorsichtig und es hat ihm nicht gefallen, wie der Gast diesmal auf sine Frage antwortete.

„Ja, Sie heißen wirklich so?“, fragte er zweifelnd. „Darf ich ihren Ausweis sehen?“

Schwanz sagte nichts und zeigte dem Hotelmann einen Ausweis. „Ja, bitte schön“.

Sammler schaute das vorsichtig an. „Ja, hier steht das genauso: Peter Langstock. Hm… Aber auf diesem Bild sehen Sie ein bisschen anders aus. Und was ist überhaupt mit Ihrem Gesicht los?“

„Ich bin verletzt“, antwortete der Schwanz.

„Wo? Wann?“

„Heute. In meiner Wohnung“.

„Wo haben Sie ihre Wohnung?“

„In Limburg“.

„Ja, auf dem Ausweis steht auch Ihre Adresse: Habsburger Straße 21 in Limburg“.

„Ja, genau“.

„Sie sehen auf diesem Bild aber etwas älter aus“, war der Hotelmann immer noch nicht sicher.

„Und Sie sind so schlank, auf dem Bild sieht man doch jemanden, der etwas dick ist. Und Ihr Gesicht kann ich überhaupt nicht sehen, um mit dem Bild zu vergleichen“.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, Schwanz versuchte den Hotelmann zu beruhigen. „Ich bin dieser Mann, der Peter Langstock heißt“.

„Gut, ich glaube Ihnen. Das ist Ihr Schlüssel, gehen Sie ins Zimmer und erholen Sie sich“.

„Danke schön und gute Nacht“, sagte Schwanz, nahm den Schlüssel mit und ging die Treppen hoch.

„Gute Nacht“, als er verschwunden war, sagte Gottfried hinterdrein. „Er ist aber irgendwie ein komischer Kerl. Eh, egal, trinke ich besser etwas Whisky“.

Zu dieser Zeit passierten in der Wohnung von Erika und Peter in Limburg an der Lahn auch merkwürdige Sachen. In der Nacht hat es geklingelt. Peter versteckte sich vor der Angst weiter unter der Decke. Erika ging zum Hörer.

„Hallo, wer ist da?“

Am Hörer sprach jemand befehlend und grob:

„Ich bin’s, Hauptmann Hartmann, von der Kriminalpolizei! Die Tür aufmachen! Schnell!!“

„Gut, gut, jetzt mach ich die Tür auf für Sie“, antwortete Erika etwas verloren.

Hartmann kam in die Wohnung herein. Er schaute sich überall um, prüfte jede Ecke. Und dann sagte zum Peter, der jetzt aufstand und im Schlafanzug vor ihm stand.

„Ausweis!“

Peter war davon sehr entgeistert:

„Ich bin… E… Ich habe keinen Ausweis…“

„Wie – ich habe keinen Ausweis?“ fragte der Hauptmann grob und bös. „Zeig mir Deinen Ausweis und zwar schnell!“

Peter zitterte:

„Ich habe aber keinen mehr…“

Hartmann war jetzt wirklich genervt.

„Wie?!“

Hier ging er schnell zu Peter so, als ob er ihn schlagen wollte.

Peter war völlig verloren:

„Aber… ba… ba… ba… „

Was würde mit Peter passieren, wenn seine Frau ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre.

„Herr Hauptmann, den Ausweis hat man ihm doch gestohlen“, sagte sie Hartmann.

Hartmann wurde hier bisschen ruhiger.

„Aber gibt mir dann etwas anders: Kreditkarte oder Führerschein, schnell!“

„He… He… He – er…”

Peter half hier wieder seine Frau:

„Herr Hauptmann, es wurde ihm doch alles gestohlen: Alle seinen Papiere und Kärtchen lagen in der Geldbörse“.

Härtmann lächelte mit böser Ironie:

„Das kann aber nicht sein: Auf ein Mal sind alle seine Papiere und Kärtchen weg. Ne, das glaube ich nicht“.

„Es ist wirklich so, Herr Hauptmann – es wurde ihm alles auf ein Mal gestohlen“, sagte Petra.

Hartmann war unzufrieden:

„Hm. Was für einer… Dann zeigt Du Deinen Ausweis, aber schnell, ich habe keine GeDuld mehr mit Euch zu reden. Oder sind Deine Papiere auch gestohlen?“

„Nein, nein, Herr Hauptmann“, sagte Petra. „Gott sei dank nicht. Ich bringe Ihnen meinen Ausweis gleich“.

Erika ging ins Wohnzimmer und brachte ihren Ausweis:

„Hier ist das, bitte schön“.

Hartmann schaute den Ausweis an und sagte:

„Hm… Erika Groß … Hm… Moment… Ich kenne Dich doch! Warst Du schon mal bei uns im Knast?“

„Herr Hauptmann, ich weiß nicht, wovon Sie reden. In welchem Knast?“.

„Wie in welchem? Bei uns – in der Polizei“.

„Nein, Herr Hauptmann, Gott sei Dank, nicht“, sagte die Ehefrau von Peter.

„Gut, aber ich kenne Dich irgendwoher. Der Name Erika Groß sagt mir was“.

„Sie haben mich mit jemandem verwechselt, glauben Sie mir“.

„Ja, kann sein. Ich werde es noch nachprüfen. Wie heißt dann dieser Kerl?“

„Das ist mein Mann. Er heißt Peter Langstock“.

„Aha!“, sagte Hartmann bös und fröhlich, als er diesen Namen hörte:

„Jetzt habe ich ihn! Peter Langstock! Er ist doch vor zwei Monaten in den Schmuckladen eingebrochen! Ja?“

„Ich … nicht… bin … He… He…”, Peter konnte von der Angst wieder nicht richtig sprechen.

„Herr Hauptmann… Mein Mann ist Beamter“, unterstütze Erika wieder ihren Mann.

„Ja, gut, ich werde das alles sowieso noch Mal nachprüfen, was ihr für Typen seid. Wer hat jetzt die Polizei gerufen?“

„Wir beide: Mein Mann und ich“.

„Wofür?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt: Jemand hat meinem Mann seine Geldbörse, wo alle seine Papiere und Kärtchen drin waren, gestohlen“.

„Wie sieht er aus?“

„Groß und schlank“, sagte Erika begeistert, aber auch seufzend.

„Wie ist die Farbe seiner Haare und Augen?“, fragte der Hauptmann.

Erika schaute auf ihren Mann und sagte: „Er ist Dunkelhaarig und seine Augen sind braun“.

„Ich werde jetzt klären, wer das ist“, sagte Hartmann.

„Sie finden ihn aber, Herr Hauptmann, hoffe ich…“, sagte Erika vermisst.

„Finden, finden… Ihr denkt, dass das so einfach ist“, sagte der Hauptmann und verlies das Ehepaar.

„Es ist immer besser, wenn man mit der Polizei überhaupt nichts zu tun hat“, sagte Peter hinter ihm.

„Was sagst Du, Peter!? Wer wird aber dann alle Verbrecher finden?“

„Ja, Du hast Recht“, gab Peter wie immer nach.

Am nächsten Tag, morgens, war es in Sammlers Hotel etwas unruhiger. Zwei Männer von der Nachbarschaft, einer zu groß, der andere zu klein, saßen im Café-Restaurant. Sie waren beide leicht angetrunken und lachten laut über etwas. Der Hotelmann kam zu ihnen, um sie zu warnen:

„Hey, sprecht bitte etwas leiser. Und nicht so laut lachen. Ihr seid nicht bei Euch zu Hause.“

„Aha, es ist der Chef persönlich. Ha-ha-ha…”, sagte der große Mann.

Sammler war empört:

„Ja, was lachst Du, man? Ich habe gerade gesagt, nicht so laut lachen hier im Hotel…“

„In Deinem Hotel wohnt jetzt ein merkwürdiger Typ, wir lachen über ihn“, sagte der kleine Mann.

„Ja, lachen musst ihr über Euch selbst, dass ihr so viel Lärm hier macht“.

„Aber weißt Du, Gottfried, wen wir meinen?“, fragte der kleine Mann.

„Nein, weiß ich nicht. Aber hier sind außer Euch alle ganz normale Leute und alle sind sehr ruhig. Und wer trinkt überhaupt außer Euch den Wein morgen früh?“.

„Das ist unsere Sache – was wir trinken und wann wir trinken. Das geht Dich nicht an, Gottfried! Heute ist auch Feiertag und wir feiern es schon jetzt. Aber wir haben heute im Café einen Mann gesehen, dessen Gesicht total verbunden war. Darum geht es“, sagte der große Mann und lachte wieder.

„Ich weiß, wen ihr meint. Na und, sein Gesicht ist verletzt.“

Der kleine Mann lachte wieder laut:

„Ha-ha!.. Sein Gesicht… Hast Du gesehen, wie er Wasser trinkt?“

Sammler wurde hier wütend:

„Das interessiert mich jetzt nicht. Ich lasse Euch nie wieder hierher ins Café kommen. Jetzt raus! Ich will Euch nie wieder hier sehen! Raus!“, jagte er seine alten Bekannten und Nachbarn jetzt aus.

„Ja, Gottfried! Ruhig jetzt! Hör zu, was man Dir sagt. Er trinkt ganz anders Wasser, verstehst Du? Und er hat seine Lippen auf dem Kopf“, sagte der große Mann.

„Wie auf dem Kopf? Habt ihr heute zu viel getrunken? Ich sehe es schon. Jetzt aber wirklich raus! Ich habe keine Zeit und keine Lust mir euren betrunkenen Unsinn anzuhören. Jetzt raus! Marsch nach Hause!“

„Ja, sei selbst leise, man, es reicht schon!“, warnte der große Mann den Besitzer des Hotels.

„Er war immer so, der Knote“, war auch der kleine Mann auf Sammler böse. „Ja, gehen wir jetzt. Es gibt genug Cafés in der Stadt“.

„Ne, ich bleibe hier. Ich habe meinen Wein noch nicht ausgetrunken. Du auch noch nicht. Erzähl ihm besser, was Du gesehen hast …“

Der kleine Mann unterbrach den Kollegen:

„Ich will nicht mehr“.

„Dann versuche ich ihm selbst zu erklären“, sagte der Große. „Weißt Du, Gottfried, dieser Mann ist nicht normal, er ist nicht wie wir, verstehst Du? Und er hat seine Lippen wirklich auf dem Kopf. Glaubst Du das nicht? Wir haben es aber gesehen“.

„Ja, jetzt trink ihr den Wein aus und raus“, Sammler konnte ihrem Quatsch wirklich nicht mehr zu hören.

„Eh, er glaubt wieder nicht“, sagte der Große enttäuscht dem kleinen Mann.

„Sag Du es ihm auch“.

„Ja, wir haben gesehen so was, vor einer Stunde“, sagte jetzt der Kleine: „Dieser Mann kam im Kostüm und im Hut runter, nahm in der Bar eine Flasche Mineralwasser und saß uns gegenüber. Sein Gesicht ist ganz abgebunden, ja, das kann man noch verstehen. Aber weißt Du, was er danach machte? Er nahm seinen Hut ab und goss die ganze Flasche auf den Kopf ein“.

„Na und?“ fragte Sammler. „War es ihm vielleicht zu heiß?“

„Wir hätten auch so gedacht“, sagte wieder der Große. „Aber er hat dieses Wasser durch den Kopf getrunken. Verstehst Du? Er hat seine Lippen auf dem Kopf! Wir haben diese Lippen gesehen und wir haben auch gesehen, wie diese Lippen begierig das ganze Wasser aufgenommen hatten“.

„Unsinn, Unsinn!.. Ich kann mir das nicht mehr anhören und ich kann Euch auch nicht mehr hier sehen. Raus endlich! Oder ich rufe die Polizei! Raus!..“

„Du wirst das noch bedauern, wenn Du uns wegjagst. Schauen wir mal“, sagte der Große.

„Schauen wir mal“, antwortete ihm Sammler ruhig.

Die beiden Männer tranken schnell ihre Weine aus, stellten die Gläser ab und verließen das Hotel.

„Ich habe jetzt Kopfschmerzen wegen dieser Idioten“, sagte Sammler ihnen hinterher.

Dann machte er Fernsehen an. Zunächst lief Musik, dann kamen die Nachrichten.

Die Fernsehsprecherin teilte etwas von der Polizei mit:

„Die Polizei sucht weiter den Mann, der Herrn Peter Langstock die Geldbörse mit allen Papieren, dem Bargeld und den Kärtchen gestohlen hat. Seine Merkmale: Groß, schlank, Dunkelhaarig, mit brauen Augen, höflich und intelligent. Das letzte Mal war er im Dunklen Mantel und Dunklen Hut. Wenn Sie diesen Mann gesehen haben, rufen Sie bitte sofort die Polizei unter der Nummer 0800-111111111111 an“.

Hier wurde Sammler nachdenklich:

„Ha… Ist das nicht dieser Mann, der gestern angekommen war, von dem diese beiden Mistkerle gesprochen haben? Groß, schlank, höflich, intelligent… Das alles ist doch stimmt. Hat er aber wirklich dunkle Haaren und braune Augen? Ich habe es gar nicht gemerkt. Vielleicht hat er sein Gesicht deswegen abbinden lassen, damit ihn keiner erkennt. Ist er dann ein Dieb? Muss ich jetzt die Polizei anrufen? Nein, das mache ich nicht. Polizei findet ihn selbst, wenn er wirklich der gesuchte Mann ist. Aber es ist besser, wenn er bald verschwindet“.

Kurz danach kam Schwanz selbst im Kostüm und Hut unter und stand vor der Rezeption.

„Ich will noch zwei Nächte hier bleiben“, sagte er. „Was macht das? Ich bezahle jetzt gleich. Ich soll nur meine Geldbörse holen“.

„Das kann ich leider nicht mehr verlängern. Ich war nicht sicher, ob Sie weiter hier bleiben. Ich habe deswegen Ihr Zimmer für jemand anderen reserviert“, antwortete ihm der Hotelmann.

„Was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass Sie heute bis zwölf Uhr hier bleiben können, dann müssen Sie weg. Es ist jetzt zehn Uhr. Sie haben noch zwei Stunden Zeit.“

Schwanz war offensichtlich enttäuscht.

„Haben Sie dann vielleicht ein anderes Zimmer für mich?“ fragte er. „Wenn es auch teurer ist, ist das kein Problem: Ich kann das bezahlen“.

Der Hotelmann antwortete ironisch:

„Bezahlen… Woher haben Sie denn so viel Geld? Na gut, das ist nicht meine Sache. Ich habe Ihnen schon ganz klar gesagt, dass Sie bis zwölf Uhr das Hotel verlassen müssen. Ich habe kein freies Zimmer mehr für Sie. Haben Sie mich verstanden? Überall sind die Hotels, Sie können sicher ein Zimmer dort finden. Vergessen Sie bitte Ihre Sachen nicht im Zimmer.“

„Ich habe keine anderen Sachen, außer dem Mantel. Und ich gehe besser jetzt um schneller woanders ein anderes Zimmer zu finden“.

„Gut, wie Sie wollen. Holen Sie bitte zunächst Ihren Mantel, dann geben Sie den Schlüssel hier ab und Sie sind frei“.

Schwanz wollte wieder die Treppe hochgehen. In diesem Moment hörte man draußen die Polizeisirene.

„Nein, kommen Sie zurück!“, sagte ihm Sammler unruhig und ängstlich.

„Gehen Sie schnell raus! Nein, nein! Man bemerkt dann Sie. Kommen Sie besser hierher, ich verstecke Sie.“

Schwanz wusste immer noch nicht, was passiert, machte aber das, was ihm Sammler sagte. Sammler versteckte ihn hinter der Rezeption, unter dem Tisch. Kurz danach kam Hartmann mit einer Polizistin und einem Polizist rein.

„Ja, der Mann muss hier sein!“ sagte Hartmann laut. „In welchem Zimmer ist er?“

„Welcher Mann? Ich weiß nicht, wovon Sie reden“.

Seine Antwort machte Hartmann wütend.

„Aha, weißt Du nicht? Von Limburg bis Frankfurt wissen das alle, dass der Dieb sich bei Dir versteckt, Du weißt es aber noch nicht?“

„Sind Sie aus Limburg? Frankfurt hat doch eigene Polizei…“

„Das geht Dich nicht an. Die Kollegen sind aus Frankfurt, aber die Operation leite ich, weil das Verbrechen seine Spuren in Limburg hat. In welchem Zimmer ist er? Sag schnell!“

„Zimmer hundert vier. Das ist im ersten Stock“, verriet Sammler seinen Kunden.

„Geht nach oben und bringt ihn her“, sagte der Hauptmann den beiden Polizisten.

„Er ist aber nicht im Zimmer. Er ist raus gegangen“, sagte Sammler.

„Raus gegangen?“, war Hartmann wieder sauer. „Er kommt aber zurück, oder? Gibt den Schlüssel her, wir prüfen erst, was er in seinem Zimmer hat“.

Dann gab Hartmann den Schlüssel seinen Polizisten und schickte sie nach oben.

„Dein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Warst Du schon Mal in Limburg bei der Polizei?“, fragte er den Hotelmann, wenn sie zu zweit geblieben waren.

„Nein, nein, Herr Kommissar, ich bin ein sehr ruhiger, gehorsamer Mensch und habe mit der Polizei bis jetzt nichts zu tun gehabt“.

„Wie ist Dein Name?“

„Gottfried Sammler“.

„Sammler, Sammler… Doch, Du warst schon mal bei uns wegen der Vergewaltigung“.

„Nein, nein, Herr Kommissar, das ist falsch…“

„Gut, ich werde das noch prüfen. Sammler, Gottfried Sammler…“

Die Polizisten kamen runter mit dem Mantel und Geldbörse vom Schwanz.

„Er hat einige seiner Sachen im Zimmer vergessen: Mantel und Geldbörse mit dem Bargeld, Ausweis und Kärtchen“, rapportierte die Polizistin ihrem Chef.

„Gut, das bedeutet, er kommt wieder. Wir gehen jetzt raus und werden wachen, wann er wieder kommt“.

Dann sagte er zu Sammler.

“Und das mit Dir werde ich noch klären: Sammler, Sammler… Gottfried Sammler…“

Dann sagte er den Polizisten: „Wer weiß, er ist vielleicht ein Geschäftspartner von diesem Dieb. Ich werde jetzt alles prüfen lassen“.

Dann ging Hartmann mit Polizisten raus.

„Verdammter Mistkerl“, sagte Sammler Hartmann hinterher: „Wie ein Hund kratzt er die Menschen…“ Dann sagte er dem Schwanz: „Hey, hast Du alles gehört? Sie suchen Dich. Du kannst hier auch nicht lange bleiben“.

Und er holte einen anderen Schlüssel.

„Nimm diesen Schlüssel und geh zum siebten Stock. Dort gibt es ein freies Zimmer. Moment… Ich komme auch mit. Jetzt aber schnell“.

Die beiden gingen ins Zimmer, das Gottfried für Schwanz empfohlen hatte. Sammler blieb unruhig und stehend beim Fenster, schaute nach unten. Um jede Ecke des Hotels stand ein Polizist und beobachtete das Geschehen um sich herum.

„Sie wachen überall wie Hunde“, sagte der Hotelmann. „Ne, Du kannst hier nicht raus kommen. Wir müssen uns trotzdem etwas ausdenken, wie Du weggehen kannst. Aber wie, weiß ich nicht. Hast Du wirklich jemandem die Geldbörse gestohlen?“

Schwanz antwortete traurig:

„Ja“.

„Wieso, bist Du wirklich ein Dieb?“

„Nein, ich bin kein Dieb“.

„Aber warum hast Du dann die Geldbörse gestohlen? Wer ist dieser Mann?“

„Das bin ich selbst“.

„Wie? Du hast Dir selbst die Geldbörse gestohlen?“

„Ja. Aber wir waren früher zusammen und seit vorgestern nicht mehr“.

„Ich verstehe gar nicht, was Du meinst“.

„Es gibt eine Person, die Peter Langstock heißt. Und ich bin ein Organ von ihm“.

„Was für ein Organ?“

„Ich bin sein Schwanz“.

Gottfried lachte bitter:

„Wie Schwanz?“

„Ja, ich bin sein Schwanz“.

„Und was machst Du dann hier?“

„Ich bin von ihm weggegangen, weil er mich immer gequält hatte. Genauer gesagt, mich quälten die Frauen, die mit ihm zusammen waren“.

„Aha, Du bist von Peter Langstock weggegangen, weil er oder die Frauen an seiner Seite Dich gequält hatten?“

„Ja, es war nicht mehr möglich, das weiterhin zu ertragen“.

Schwanz nahm hier die Binde von seinem Gesicht weg.

„Ha, was ist mit Deinem Gesicht los?“, fragte Sammler erschreckend.

„Ich hatte schon früher Wunden in meinem Körper und Gesicht. Die Frauen, die Peter hatte, haben mich immer ausgebeutet und verletzt. Sie wollten mich immer mehr und mehr in sich haben. In ihnen drin brannte mein Körper, bei diesen Bewegungen hin und her wurde oft mein Haupt versohlt. Denen war es egal. Und Peter fühlte meine Schmerzen wie seine eigenen, aber er konnte mich vor ihnen nicht schützen. Und Erika, seine jetzige Frau, war so hungrig nach mir, ich dachte, dass ich das nicht mehr aushalten kann“.

„Und Du bist von ihnen weggegangen? Was willst Du jetzt machen? Dann finde ich vielleicht Peter, Du gehst ihm wieder in die Hose rein, wo Du sein solltest“.

„Nein, ich will nicht mehr zu ihm. Mich verband mit Peter immer nicht nur das Körperliche, sondern auch das Seelische. Aber wir verstehen uns schon lange nicht mehr. Er hat nicht nur mich, sondern seine ganze Seele verraten. Er wollte nicht verstehen, dass ich ein wichtiger Teil seiner Seele bin. Er hat mich immer unterdrückt und den unersättlichen grausamen Frauen zum Zerreißen gegeben“.

Hier hörten die beiden die Stimmen von unten.

„Jetzt werden wir alle Zimmer, Dach, Keller gucken: Vielleicht versteckt dieser Kerl seinen Freund irgendwo anders“, das war die Stimme Hartmanns.

„Sie kommen jetzt hierher“, sagte Sammler. „Du musst auch der Polizei die Wahrheit sagen. Dann passiert Dir nichts. Du kommst wieder zu Peter zurück und er vergisst das, was Du ihm angetan hast“.

„Nein, ich gehe nicht mehr zu ihm zurück“, Schwanz war kategorisch.

Dann ging Schwanz zum Fenster und sah Peter mit Erika unten, vor dem Hotel.

Peter merkte den Schwanz sofort:

„Komm bitte wieder zu mir. Ich werde nur das tun, was Du willst. Ich werde Dich niemals mehr verraten“, floh Peter ihn an.

„Ja, komm zu uns zurück“, sagte auch Erika. „Ich werde Dich jetzt in Ruhe lassen. Du kannst mir glauben“.

Schwanz war aber genervt und wollte ihnen nicht zuhören:

„Ich glaube Euch nicht. Ihr werdet mich weiter quälen“, schrie er durch Fenster „Das kann ich aber nicht mehr ertragen“.

Nachdem er das gesagt hatte, wollte Schwanz sich nach unten werfen.

Peter weinte und schrie:

„Nein, mach das bitte nicht, verzeihe es mir, was ich Dir angetan habe. Komm zu mir zurück. Wenn Du willst, gehe ich auch von Erika weg. Wir können auch alleine ohne Frau leben“.

Erika war jetzt wütend auf Peter:

„Bist Du verrückt, warum alleine?“. Dann sagte sie wieder dem Schwanz: „Ja, komm zurück, wir werden wieder alle zusammen leben und ich werde Dich nie wieder berühren“.

„Nein“, blieb Schwanz hart. “Ich glaube nicht, ich glaube nicht, ich kenne Euch beide schon gut …“

Nach diesen Worten warf Schwanz sich runter. Peter schrie und rennte zusammen mit Erika zum Schwanz. Die Polizisten kamen auch zu ihm und zogen das Kostüm vom verstorbenen Schwanz aus.

Die Polizistin war entsetzt, als sie den nackten Schwanz sah:

„Er sieht aber nicht wie ein Mensch aus, guck mal“.

Bad Camberg, 2010

 

© Vougar ASLANOV

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