Dekabristen

 

Karl Kohlmann. Aufstand der Dekabristen

        Vougar Aslanov

            DEKABRISTEN

   Historischer Roman                (Auszug)

      GEHEIMBUNDE

Napoleon, der Eroberer Europas, verlor den Krieg gegen Russland. Seine „Grand Armee“ konnte sich von dieser Niederlage nie wieder richtig erholen. Der Sieg über Napoleon war nicht nur dank der russischen Armee gelungen, sondern auch dank der Volksmassen, die eine Art Partisanenkrieg gegen die französischen Eroberer führten. Nachdem Ende 1812 die französischen Truppen das Territorium Russlands verlassen hatten, verfolgten Teile der Russischen Armee sie bis Paris.

In vielen Schlachten gegen Napoleon, vor und nach seinem Überfall auf Russland, kämpften die Russen mit den Preußen, Österreichern und Engländern zusammen. Die Bitterkeit der schmachvollen Niederlage von Austerlitz und des demütigenden Friedensvertrages von Tilsit sowie die Freude des Sieges in der „Völkerschlacht“ bei Leipzig und den Sturz Napoleons erlebten die Russen auch mit vielen Europäern gemeinsam.

Es schien so, dass dieser Sieg ein großer Triumph, neben den europäischen Monarchien,  für das russische Zarenhaus war: Denn die Franzosen, die ihren eigenen König und seine Gemahlin enthauptet hatten, wurden besiegt; sie und ihre revolutionären Ideen konnten jetzt keine Gefahr mehr für die russische Monarchie darstellen. In Frankreich selbst regierte die französische Königs-Dynastie der Bourbonen wieder. 

Der Sieg über Napoleon wurde in Russland großzügig gefeiert: Die Offiziere, die von Feldzügen gegen Napoleon zurückkehrten, wurden jetzt als Helden gesehen. Einer von ihnen war der Deutsche lutherischen Glaubens Paul Burkhard Pestel, den man öfter nach russischer Art Pavel rief. Seinen Vater, seinerzeit Postmeister in Sankt Petersburg, hatte es später sogar zum General-Gouverneur von Sibirien gebracht.

Pavel war gerade einmal einundzwanzig Jahre alt, als er aus dem Krieg heimkehrte, und aus dem einst glühenden Anhänger des russischen Zarenhauses Romanow war ein in seiner Gesinnung völlig veränderter junger Mann geworden. Die Begegnung mit der europäischen Kultur, die Revolution in Spanien und die Verfassungsbewegung in Preußen hatten Pavel und auch viele junge Gardisten in hohem Maße beeinflusst. Außerdem war Pavel wie die meisten seiner Armee-Kameraden von den Ideen der französischen Revolution und europäischen Aufklärung begeistert. Die Hoffnung des russischen Zarenhauses, mit dem Kampf gegen Frankreich dessen revolutionäre Ideen von Russland fernhalten zu können, war also gescheitert.

Pavel wurde 1813 Adjutant des Generals Peter Wittgenstein, der auch ein Deutscher war, und so war er auch nach dem Krieg meist in dessen unmittelbarer Umgebung.

„Euer Vater, mein Herr, ist ein sehr glücklicher Mensch“, sagte ihm einmal der General, „dass er so einen klugen und mutigen Sohn hat. Ihre Kaiserliche Hoheit schätz sogar Euch sehr hoch: Ihr werdet die höchsten Positionen erreichen – ich bin davon überzeugt. Aber ich möchte mich nicht von Euch verabschieden. Ich will Euch deswegen jetzt vorschlagen, nur dann das Regiment in Wjatsk zu übernehmen, wenn Ihr bereit seid, weiterhin mein Adjutant zu bleiben. Ihr könnt, mein Freund, beides gleichzeitig tun. Auf keinen Fall will ich, dass Ihr mich – den alten General verlasst“.

„Ich bin selbst sehr glücklich, Euer Wohlgeborener, Euch zu dienen und so einen hohen Preis für meinen Dienst bei Euch zu bekommen“, antwortete ihm Pavel. „Das Regiment in Wjatsk finde ich für mich sehr passend. Ich werde es übernehmen, wenn Ihr mich dafür segnet. Ich kann desgleichen Euch weiter als Adjutant dienen“.

„Dann könnt Ihr das Regiment übernehmen, mein Freund“, lächelte der alte General zufrieden. „Das Regiment in Wjatsk ist eines der schlimmsten in unserer Zweiten Armee. Das ist die Schuld des Oberst Salnikow: Er war kein guter Kommandeur und ihn mochte dort niemand. In unserer Sache darf man nie vergessen, dass man es mit Menschen zu tun hat. In Russland wollen viele Kommandeure das noch nicht akzeptieren. Wie es in Europa ist, habt Ihr selbst gesehen. Den Kommandeur müssen alle seine Untergeordneten lieben, vom einfachen Soldaten bis hin zum Offizier. Nur dann ist er ein guter Kommandeur. Ihr wisst selbst, warum die Franzosen bereit waren, für Napoleon zu fallen. Sie liebten ihn, weil er immer bei seinen Soldaten war und alle Schwierigkeiten gemeinsam mit ihnen ertrug und mit ihnen zusammen kämpfte. Ihr werdet auch ein guter Kommandeur, mein Freund, ich habe keinen Zweifel daran“.

In der Tat gelang es Pavel, in kurzer Zeit das Wjatsker Regiment zu einem der besten in der ganzen Zweiten Armee, deren Kommandeur General Wittgenstein war, zu machen. Sogar Zar Alexander  lobte ihn und sein Regiment bei der Besichtigung der Zweiten Armee. Er bekam dafür noch ein großes Lob von seinem General, der sehr stolz auf ihn war und Pavel den anderen in seiner Armee als Vorbild hinstellte.

Erstaunlich war nur, dass Wittgenstein selbst so wenig über seinen Adjutanten und Regimentskommandeur Oberst Pestel, wusste. Es war ihm nicht bekannt, dass sein Liebling ein Doppelleben führte. Noch im Jahr 1816 war Pavel Mitglied der Freimaurerlogen „Die Vereinigten Freunde“ und „Der Bund dreier Tugend“ geworden. Gleichzeitig trat er dem „Bund der Rettung“ bei, der von den Kriegsveteranen gegründet wurde. Darunter waren die bekanten Kreigshelden wie die Brüder Murawjow, die Brüder Murawjow-Apostol, Fürst Trubetskoj, Jakuschkin, Nowikow – der Neffe des von Katharina der Große in Ungnade gefallenen Freimaurers Nowikow – und andere. Viele von ihnen kannte Pestel von gemeinsamen Manövern und Feldzügen. Und zu den Brüdern Murawjow – Apostol hatte er eine besonders gute Beziehung: In Borodino kämpfte er mit ihnen zusammen, später auch bei Leipzig. Michail Orlow, der einer der Gründer dieses „Bundes“ war, kannte Pestel auch gut: Mit ihm kämpfte er beim tschechischen Kulm und sie gingen später zusammen bis nach Paris. Orlow war damals schon längst bekannt in der russischen Gesellschaft. Sein Buch „Kapitulation von Paris“ war auch schon populär in Russland. Orlow, der von den Idealen der europäischen Freimaurern sehr begeistert war, gründete bereits 1814 den ersten russischen Geheimbund „Den Orden der russischen Ritter“. Pavel und Michail diskutierten jetzt oft darüber, ob Russland nach dem Sturz des russischen Zaren eine Republik oder eine Monarchie mit einer Verfassung werden sollte. Orlow war ein überzeugter Anhänger der Monarchie mit einer Verfassung. Allerdings war er sicher, dass Russland noch mehrere Jahrzehnte Aufklärung brauche, bevor es zu einer Revolution im Land käme. Außerdem war Orlow vorsichtig wegen seines Bruders Alexej, für den das Zarenhaus ein geheiligter Ort war.

Nachdem Pestel im „Bund der Rettung“ in kurzer Zeit eine sehr aktive und einflussreiche Position erreicht hatte, schlug er auf einer Versammlung vor, für den „Bund“ selbst eine Verfassung zu entwerfen. Aber als er dann Teile seines Entwurfes zur Beurteilung dem „Bund“ vorlegte“, kam es zu langen und heftigen Diskussionen um die künftige Staatsform Russlands. Pestel, unterstützt von den beiden Murawjow-Apostol, vor allem von Sergej, erläuterte sein Vorgehen bei der russischen Revolution: Schon in den  nächsten Monaten sollte Zar Alexander der Erste überfallen und ermordet werden. Dann müsse sofort über das Schicksal der Romanow–Dynastie entschieden werden: Um die Restauration der Monarchie zu vermeiden, sei es zwingend notwendig, auch alle Mitglieder der Zarenfamilie und deren Verwandten sofort zu ermorden, um einen Bürgerkrieg in Russland zu verhindern. Nur so könne man die Monarchisten vom Kampf um die Wiederherstellung der alten Zustände abhalten. Besonders die letzten Äußerungen Pestels führten wieder zu heftigsten Diskussionen. Die Mehrheit war gegen dieses allzu harte Vorgehen gegenüber  der Zarenfamilie, doch es fanden sich einige, die Pestels Pläne unterstützten?

„Es geht nicht, Pavel“, widersprach ihm noch einmal Orlow. „Die Romanows sind auch Menschen, und sie haben so eine Bestrafung nicht verdient. Hat Alexander keinen Verdienst am siegreichen Ausgang des Krieges? Hat er dafür zu wenig getan, dass wir diesen Krieg gewonnen haben? Und was ist die Schuld seiner Frau, seiner Kinder, seiner Brüder und Schwestern. Sag es mir, oder neigst du schon zum Bonapartismus?“

„Wenn wir die Zarendynastie nicht bis auf den Letzten vernichten, wird immer die Gefahr bestehen, dass ein anderer Romanow wieder Zar wird, nicht ohne Unterstützung der europäischen Monarchien“. Pavel war aufgeregt, aber überzeugend und hart.

„Ja, wozu dienen all die Mühen und das Risiko, das wir eingehen, wenn wieder ein neuer Zar nach der Revolution in Russland an die Macht kommt, so wie es mit den Bourbonen  in Frankreich war, die jetzt wieder auf dem französischen Thron sitzen. Deswegen gebe ich Pavel Recht: Es bringt nichts für die Revolution nur Alexander zu töten“, stand Sergej Murawjow-Apostol unbeirrt an der Seite Pestels.

„In letzter Zeit las ich viel über die Geschichte Russlands, auch über die Kiewer Russ mit ihren Stammesversammlungen und über die Wetschen, die russischen Volksversammlungen von Städten und Bezirken im Mittelalter. Die Erinnerung an diese Besonderheit Russlands, das Wetsche, ist heute noch im russischen Volk lebendig, denn Wetschen gab es in Nowgorod und Pskow sogar bis ins 15. und 16. Jahrhundert. Wenn wir das jetzt für ganz Russland einführen können, dann haben wir ein Volksparlament“.

„Interessant. So was habe ich auch bei den Franzosen nicht gelesen“, bemerkte Ivan Jakuschkin ironisch.

„Die russische Gemeinde hat in jedem russischen Dorf das Leben geregelt und bestimmt, wie das Leben verlaufen soll. Jede Gemeinde hat heute schon eine gemeinsame Weide. Wir müssen das ganze Land zum Eigentum des Volkes machen“, betonte Pestel und wartete gespannt auf die Wirkung seiner Worte auf die Versammelten.

„Das ist wirklich utopisch, mehr utopisch als in „Utopia“, dem Werk von Thomas Morus“, warf wieder Jakuschkin ein.

„Oder wie im Buch von Tomposo Kampanella „Stadt der Sonne“, unterstützte ihn Trubetskoj.

 „Gut, meine Herren! Wir sind nicht hier, um uns über jemanden lustig zu machen, sondern um uns um das Schicksal Russlands und seines Volkes zu bemühen“. Mit diesen Worten erhob sich  Matwej Murawjow – Apostol, um zu zeigen, wie sehr er Pestel  beistand.

„Und jetzt möchte ich einige Punkte aus meinem Verfassungsentwurf vorlesen“, setzte Pavel fort.

Alle waren aufgeregt, aber blieben ruhig und hörten Pavel zu.

„Meine Herren! Mein Verfassungsentwurf unter dem Titel „Das Russische Gesetz“ – so hieß die Gesetz – und Strafregelung in altem Kijewer Rus – besteht aus zehn Kapiteln. Ich habe noch nicht alles fertig geschrieben, aber einige Kapitel sind schon fertig“, Pavel blätterte in seinen Aufzeichnungen. „Was ist eine Gesellschaft?“, las er vor. „Jede Vereinigung, die für die Erreichung ihrer Ziele mehrere Menschen zusammenbringt, heißt Gesellschaft. Die Anregung für diese Vereinigung ist die Befriedigung der allgemeinen Bedürfnisse. Da diese aus den allgemeinen Eigenschaften der menschlichen Natur entstehen, sind sie auch gleich für alle Menschen. Es gibt aber dabei ein Widerspruch zwischen den engen persönlichen Interessen und den allgemeinen und großen Interessen, die fürs Überleben der Gesellschaft wichtig sind. Deswegen muss man auf die persönlichen Interessen zu Gunsten der großen Interessen, die für die ganze Gesellschaft wichtig sind, verzichten.

In einer Gesellschaft wird, wegen ihrer Begabung, ein Teil der Menschen von anderen gewählt, damit sie die Gesellschaft regieren. So besteht eine Gesellschaft aus der Volksmasse und der Regierung. Die Regierung muss sich aber nicht um das eigene Wohl, sondern ums Wohl der ganzen Gesellschaft bemühen. Eine große Schwierigkeit macht es allerdings, wenn in einer Gesellschaft Stände gebildet werden. Und das ist deswegen vor allem schlecht, weil diese Stände sich von der Gesellschaft trennen und nach Eigennutz streben. Welche Stände gibt es in Russland? Das sind diese: die Geistlichen, Aristokratie, Hofleute, Kaufleute, Bürgertum, Militär-Ansiedler, Soldaten-Kinder, die Bauer. Die Bauer bestehen dabei aus vier Teilen: Bauer, die zu den Adligen gehören, Bauer, die zum Staat gehören, Bauer, die zum Kloster gehören. Außerdem gibt es noch so genannte freie Bauer.

Es ist nicht richtig, dass ein Stand über den anderen steht. Alle müssen vor dem Gesetz gleich werden und gleiche Verantwortung für ihre Taten tragen. Eine Bestrafung muss folgen aufgrund der Schwere des Verbrechens, ohne davon beeinflusst, zum welchen Stand der Verbrecher gehört.

Die Aristokratie herrscht über die Reichtümer, wodurch sie das Volk zur Abhängigkeit von sich bringt. Die Aristokratie herrscht auch über die Menschen, die Leibeigenen, was gerade gegen die Natur des Menschen und gegen die Religion ist. Deswegen muss Aristokratie als Stand abgeschafft werden wie auch die anderen Stände. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft muss der Boden unter den Bauern aufgeteilt und von denen bearbeitet werden. Ein Teil des Bodens kann allerdings weiterhin den Reichsten und dem Staat gehören.

Mit dem Stand der Geistlichen ist es auch nicht viel besser. Die Geistlichen sind getrennt vom Volk und dienen wieder ihren eigenen Interessen. Öfter sind sie nicht ehrlich mit den Gläubigen, weil sie selbst öfter das nicht erfüllen, was sie verkünden. Deswegen müssen auch diese unter die Kontrolle der Regierung gebracht werden, die von ihrer inneren Ordnung Bescheid wissen soll…“

Es kam wieder zu harten Diskussionen, sodass Pavel mit der Vorstellung seines Verfassungsentwurfs aufhören sollte.

„Meine Herren! Wenn es so weiter geht, werden wir unsere ganze Zeit nur für den Streit benutzen“, unterbrach Trubetskoj die Diskussion, „Ich schlage vor, in Moskau eine Konferenz einzuberufen und  dort zu entscheiden, welchen Weg jetzt der „Bund der Rettung“ gehen soll“.

Der Vorschlag Trubetskojs wurde von den meisten Mitgliedern angenommen. Es wurde bestimmt, in zwei Monaten, im Mai 1818 in Moskau eine Konferenz abzuhalten.

Auf dieser Konferenz schlossen sich die nur etwa dreißig Mitglieder des „Bundes der Rettung“ dem „Bund der Prosperierung“, der schon zweihundert Mitglieder hatte, an. Dabei gelang es Pestel, wieder  die Vorbereitung des Bundes-Kodex zu übernehmen, und so begann er, das „Grüne Buch“ der Geheimgesellschaft zu schreiben. In ihm legte Pestel vor allem seine Gedanken über die Zukunft Russlands dar. Dabei übernahm er einiges aus den Schriften des „geheimen  preußischen Tugendbundes“. Auch dank Pestel und Orlow wurde die Aufnahme der neuen Mitglieder nach den Ritualen von Freimaurern stark beeinflusst

Die nach außen gerichtete Tätigkeit des „Bundes der Prosperierung“ wurde jetzt auch immer umfangreicher. Seine Mitglieder riefen überall zur Aufklärung auf, indem sie auch die Veröffentlichung entsprechender grundlegender Werke westeuropäischer und russischer Autoren vorantrieben und neue Schulen in den Provinzen gründeten. Als 1821 in der Ukraine viele Bauern hungerten, organisierten sie Hilfs-Maßnahmen für sie. Sie kauften talentierte Leibeigene frei und halfen ihnen zu studieren. Wenn ihnen bekannt wurde, dass ein Gutsbesitzer einen Leibeigenen verfolgte, ihn schikanierte oder unterdrückte, befreiten sie ihn durch Zahlung der Ablösesumme.

Trotz der an sich guten Entwicklung der neuen Geheimgesellschaft ging in ihr der Kampf zwischen den „Republikanern“ und den Anhängern einer verfassten Monarchie weiter, denn Letztere widersetzten sich immer stärker dem Plan der[zur] Auslöschung der Zarenfamilie. Nachdem der Bund eigene Lokalorganisationen im Norden und Süden Russlands gegründet hatte, wurde dieser Streit noch stärker. Jetzt trafen sich die in der Ukraine und Bessarabien Lebenden immer öfter nur unter sich; genauso trafen sich vermehrt alleine im eigenen Kreis die Geheimbund-Mitglieder aus Sankt Petersburg und Moskau. Die Unzufriedenheit zwischen den nördlichen und südlichen Lokalorganisationen des Bundes wuchs zusehends. So entschied man 1821, eine neue Konferenz einzuberufen. Michail Orlow, der immer weiter ein Gegner von Pestel und seiner Gruppe war, kritisierte die Republikaner wieder stark:

 „Wegen Euch, die ihr keine Kompromisse schließen wolltet, ist der ganze Bund parali-siert“, empörte sich Orlow. „Außerdem muss ein Geheimbund wirklich ein Geheimbund bleiben. Man muss die Menschen, die man als neues Mitglied empfiehlt, sehr gründlich kennen“.

„Darüber muss man sich nicht viele Gedanken machen: Wir wissen, wen wir empfohlen haben“, antwortete ihm ruhig Sergej Murawjow-Apostol. „Außerdem sind die meisten neuen Mitglieder nur dann dabei, wenn wir den Hungernden helfen oder etwas Vergleichbares tun. Über die Hauptziele des Bundes wurde ihnen nichts erzählt“.

„Doch, mein lieber Sergej, die Gefahr besteht immer, dass jemand uns alle verraten kann. So wares schon in vielen Geheimbünden gewesen“, zeigte  Orlow sich weiter unzufrieden.

„Die wir empfehlen, das sind meistens die Offiziere, die wir schon seit langem kennen. Sie werden uns nicht verraten“, blieb Jakuschin auch an der Seite Sergejs.

Orlow jedoch wollte seinen Gegnern nicht nachgeben: „Mir ist bekannt, dass den Geheimbund nicht selten auch diejenigen verraten, denen man am meisten vertraut hat. Ich denke, dass unsere Lage sehr ungünstig ist. Wir sind alle gefährdet durch die schlechte Organisation unserer Arbeit. Über uns wissen auch schon viele Dichter Bescheid, die das alles einmal bekannt machen könnten.“

„Aber sie sind wichtig, weil ihre Gedichte oder Geschichten sehr gut geeignet sein können, die Ideen der Aufklärung vorzubereiten“, schloss sich Pestel nach einer langen Pause der Diskussion wieder an. „Gute und schon bekannte Dichter wie Puschkin haben auch Bezug zu uns. Er ist nicht immer bei unseren Konferenzen anwesend, steht aber mit ganzem Herzen auf unserer Seite. Das zeigt auch sein Gedicht an den Zar: „Dich und deinen Thron hasse ich! …“

„Dass die Dichter gerade die Menschen sind, denen man am wenigsten vertrauen kann, ist doch schon längst bekannt“, Orlow blieb weiter felsenfest. „Ein Dichter kann zu jeder Zeit seine Position ändern und wieder auf der Seite des Gegners sein.“

 „Nein, Puschkin ist nicht so jemand – ich kenne ihn persönlich“, sagte Pavel.

 „Trotzdem vertraue ich den Dichtern und vielen von den Mitgliedern, die sie jetzt aufgenommen haben, nicht. Und viele von ihnen kennen die Rituale von Freimauern nicht. Auch im Bund haben diese Rituale immer weniger Bedeutung. Die Ideale der Freimaurerei bleiben auf der Seite, man entwickelt aber was ganz anderes“.

„Wir sind aber keine Freimaurerloge, Michail“, sagte jetzt Sergej Murawjow-Apostol.

„In einem Bund, in dem auf die Prinzipien und Ethik der Freimaurerei nicht geachtet wird, kann ich nicht bleiben“, Orlow stand auf und ging zur Tür: “Excuse moi, monsieur! Au revoir!“ 1

Nachdem Orlow die Konferenz verlassen hatte, haben sich die anderen entschieden, den „Bund der Prosperierung“ aufzulösen.

Die Brüder Murawjow-Apostol bedauerten sehr, dass es den Geheimbund nicht mehr gab. Doch Pestel schlug ihnen in seinem Haus in Tultschin vor, mit den ehemaligen Mitgliedern des aufgelösten Bundes eine „Südgesellschaft“ zu bilden.

„Wir sind aber zu wenig dafür“, äußerte Sergej seinen Zweifel dagegen.

„Vielleicht müssen wir wieder die neuen Mitglieder dazu nehmen?“ fragte jetzt der älteste von den Brüdern Matwej.

„Die neuen Mitglieder müssen wir sowieso nehmen“, sagte Pestel überzeugend. „Ich sehe, dass wir schon die „Südgesellschaft“ bald bilden können“.

Nach einer kurzen Pause fragte er Sergej:

“Sergej, wie ist es mit diesem Mann, der mit dir früher in Semjonows Regiment war und jetzt auch in Poltawas Regiment mit dir zusammen ist?“.

„Meinst du Bestuzhew-Rümin?“, fragte jetzt Sergej.

„Ja vielleicht, ich weiß nicht genau, wie er heißt, weiß aber, dass ihr gute Freunde seid“, sagte Pavel.

„Sie trennen sich nur, wenn sie ins Bett gehen“, sagte Sergejs Bruder lächelnd. „Dicke Freunde!“.

„Und wusste er nichts von unserem Bund?“, fragte Pavel diesmal noch neugrieger.

„Nein“, antwortete Sergej kurz. „Er ist dafür auch nicht geeignet“.

„Warum?“, fragte Pavel ein bisschen unzufrieden, den, wie es schien, Sergej nicht überzeugen konnte.

„Michail ist ein guter Freund von mir, er ist aber ein bisschen verrückt. Man kann ihm nicht alles anvertrauen. Außerdem ist er noch zu jung“.

„Im Bund waren schon viele junge Leute, die sich immer von der guten Seite zeigten“., Matwej war eher auf der Seite Pestels.

„Wenn wir die „Südgesellschaft“ bilden wollen, werden die, die vom Bund übrig geblieben sind, nicht genug dafür sein. Wir brauchen jetzt Leute. Und das müssen wirklich gute, geprüfte Menschen sein, denen wir vertrauen können“, sagte Pavel nachdenklich. „Die Freunde, die wir schon lange kennen, sind deshalb am besten dafür geeignet. Es ist noch besser, wenn das die Männer sind, mit denen wir zusammen unserer Heimat dienen“.

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