APHORISMEN

                                         

 

APHORISMEN UND ÜBERLEGUNGEN VOUGAR ASLANOVS

GLEICHHEIT

Nach langen Beobachtungen bin ich nun völlig davon überzeugt, dass alle Menschen wirklich gleich sind: alle müssen aufgeklärt werden.

AUFKLÄRUNG

Die europäische Aufklärung sind für mich die Bemühungen der Denker des 17-18. Jh. Diese muss aber heute fortgesetzt werden, denn es unmöglich ist, auf einmal aufgeklärt zu werden. Und heute gibt es so viele Erscheinungen, die die Europäer weder verstehen noch wahrnehmen können.

Die Aufklärung ist keine europäische Erfindung. In Konfuzianismus, in Mahabharata, in Sufismus und in vielen anderen Lehren der Welt gibt es auch Aufklärung.

WOFÜR

Ich habe in der alten Sowjetunion angefangen, um die Demokratie zu kämpfen, als ich noch ein Jugendlicher war.

Wie peinlich war es für mich, vor einigen Jahren, nach über dreißig Jahre dauerndem Kampf um Demokratie und Pressefreiheit, festzustellen, dass ich nicht wirklich weiß, was Demokratie ist. Einmal stellte ich die Frage darüber einem Redner, der auf einer Konferenz in Berlin sehr lange vom Sieg der Demokratie auf der ganzen Welt erzählt hatte.

Können Sie mir bitte erklären, was die Demokratie ist?“ fragte ich ihn ganz ehrlich.

Der Mann, der offensichtlich diese Frage nicht erwartet hatte, sah zunächst verloren drein, sagte mir aber dann bösartig:

Ich bin hier kein Schullehrer! Wenn Sie noch nicht wissen, was Demokratie ist, schlagen Sie ein Schülerlexikon auf: dort finden Sie die Erklärung für die Demokratie“.

Dann flüsterten mir Teilnehmer, die neben mir saßen, zu: Demokratie bedeute im Altgriechischen die Volksherrschaft. Ich war trotzdem nicht sauer auf den Redner und wollte seinem Rat folgen, wenn auch die Begriffserklärung für Demokratie nicht unbedingt in einem Schülerlexikon suchen wollte.

DEMOKRATIE

In Wiesbaden ging ich einst in die Hessische Landesbibliothek und suchte in einem Rechts-Lexikon nach der Begriffserklärung Demokratie. Dort stand es so: Demokratie bedeute, dass die Elite die Gesellschaft mit dem Einverständnis des Volkes regiere. Dann regiert also die Elite im Namen des Volkes, aber nicht das Volk selbst! Die Kommunisten bezeichneten die westliche Demokratie als Bourgeoisie-Demokratie und wollten verwirklichen, dass das Volk wirklich selbst regiert. So stellte man als Kandidaten für die Parlamentswahlen jene Bauern und Arbeiter auf, die den sozialistischen Wirtschaftsplan am meisten übererfüllt hatten. Die Abgeordneten aus dem Volk sollten dann auch Reden halten im Parlament, vor der Öffentlichkeit. Solche Abgeordneten, die immer gleiche, auswendig gelernte Worte wiederholten, waren nicht mehr als eine Karikatur der „Volksabgeordneten“. Wie diese aber die Macht hinter den Kulissen ausübten, – hätte man das nur sehen können! Also das Volk kann nicht regieren und eine Volksherrschaft kann daher nicht verwirklicht werden.

Ich habe dann lange überlegt: wofür kämpfte ich eigentlich über dreißig Jahre lang? Dieses unehrliche System, das man „westliche Demokratie“ nennt, könnte nicht mein Ideal sein. Unter Demokratie verstand ich früher Gerechtigkeit, Gleichheit, Objektivität, Durchsichtigkeit. Und die Freiheit könne durch diese entstehen, dachte ich. Im westlichen System, das man als Demokratie bezeichnet, fehlt vor allem die Durchsichtigkeit. Und auch hier wird alles hinter den Kulissen entschieden.

Gerade dieser Fall war ein Anlass für mich einen Einakter zu schreiben, dieser heißt: Entstehung der Demokratie (2006). In diesem Einakter wollte ich vor allem zeigen, welchen Ursprung die westliche Demokratie hat. Danach habe ich, mit anderen Autoren zusammen, dieses Stück mehrmals in verschiedenen Kreisen, mit verteilten Rollen, vorgelesen. Nach diesen geschlossenen Lesungen kritisierten mich alle Teilnehmer, sie sagten, dass ich hier die Demokratie grundlos beschimpfen würde. Ich denke jedoch anders: der Machtantritt Trumps zeigte das gut versteckte Wesen der westlichen Demokratie deutlich und in meinem Einakter geht es ganz genau darum, aber das war zehn Jahre bevor dieser an die Macht kam.

Als Jugendlicher habe ich meinen Kampf gegen das Sowjetsystem begonnen, damals zwölf-dreizehn Jahre alt. Ich habe an die westlichen Werte geglaubt, ich habe an die westliche Demokratie und an Menschenrechte geglaubt, habe mein Leben dafür eingesetzt, um diese in der ehemaligen Sowjetunion zu verwirklichen. Die ehemalige Sowjetunion war und bleibt meine Heimat, denn ich konnte keine andere, keine neue Heimat mehr finden. Ich gehöre trotzdem zu denjenigen, die diese Heimat, diese Zivilisation zerstörten.

BRÜDERLICHKEIT

In den 1980er Jahren besuchte ich öfter die Universitäten von Moskau und Leningrad (jetzt wieder Petersburg), als Teilnehmer einer Studentenkonferenz zum Beispiel oder ich besuchte dort Studenten, die ich kannte. Ich blieb dann auch immer in Studentenwohnheimen, und manchmal wochenlang. Und einmal lernte ich in einer Diskothek im Moskauer Studentenwohnheim ein schönes Mädchen kennen. Drei schöne, unvergessliche Nächte verbrachte ich mit ihr zusammen. Aber am vierten Tag sah ich sie im Café des Wohnheims mit dem chinesischen Studenten Bo zusammen, den ich auch schon flüchtig kannte. Sehr betroffen davon, wollte ich das mit Bo klären und fand ihn etwas später in seinem Zimmer im fünfzehnten Stock des Wohnheims.

Willkommen Bruder!“ sagte mir Bo, nachdem er mir die Tür geöffnet hatte.

Ein Steppenwolf ist dir Bruder“ (das ist ein russischer Ausdruck), sagte ich und beleidigte ihn noch mit den schlimmsten Worten, danach mit rassistischen Äußerungen:

Du Schlitzauge! Du Gelbfarbiger! Ich werfe dich aus dem fünfzehnten Stock runter, wenn ich dich wieder neben meinem Mädchen sehe (das ist eine typische kaukasische Bedrohung).

Zu meinem großen Erstaunen blieb Bo sehr ruhig und freundlich zu mir und sagte kein Wort. Nachdem ich ihn noch mehrmals aufs Härteste beschimpft hatte, fragte ich dann selbst:

Wieso antwortest du mir nicht? Fühlst du dich vielleicht deswegen schuldig?“

Wir sind Brüder“, antwortete er mir kurz.

Wie Brüder? Wie kann ich ein Bruder von dir sein: ein Kaukasier von einem Chinesen?“ fragte ich ihn noch mehr genervt.

Hierauf erzählte Bo mir, dass er schon seit einem Jahr mit dieser Studentin zusammen sei. Männer würden Brüder, wenn sie im gleichen Frauenleib heranwuchsen und von der gleichen Frau geboren würden. Aber auch zwei Männer, die ursprünglich nicht von der gleichen Frau geboren worden seien, später aber mit der gleichen Frau schliefen, würden dadurch Brüder, denn sie hätten sich im gleichen Frauenleib aufgehalten, wenn es auch nicht gleich lange gedauert habe. Also Brüderlichkeit entstehe aus dem Prinzip: dem Aufenthalt im gleichen Frauenleib.

Konfuzius sagte das?“ fragte ich, wieder sehr beeindruckt von dieser altchinesischen Weisheit.

Nein“, antwortete Bo. „Das waren zwei Männer in China namens Zen und Ken. Nachdem diese festgestellt hatten, dass sie mit gleicher Frau geschlafen hatten, kam es zum harten Kampf unter ihnen. Keiner konnte jedoch gewinnen und sie sollten das danach mit Worten miteinander klären. Nach langen Diskussionen stellten sie fest, dass sie Brüder aus jenem Grund seien, wie ich es dir gerade erklärt hatte“.

Fantastisch!“ schrie ich begeistert und umarmte Bo. „Mein Bruder!“

FREIHEIT

Die Menschen, die öfter von der Freiheit sprechen, sind die, die am unfreiesten sind. Vielen scheint es so, als wäre es Freiheit, wenn man nichts tut. Das aber macht gerade unfreier, denn durch die Untätigkeit kommen viele negative seelische Befindlichkeiten hoch, die man in den alten Kulturen als Dämonen bezeichnete. Und diese „Dämonen“ legen einem die Fesseln an, auch wenn man „frei“ sein und nichts tun will. Nur durch Bemühung, Schaffen und Beschäftigung kann man es verhindern, dass die „Dämonen“ die Macht über den Mensch übernehmen. In diesem Sinne gibt es keine Freiheit, es gibt nur die Bemühung darum, nicht endgültig von „Dämonen“ versklavt zu werden. Und deswegen landen diejenigen, die viel von der Freiheit sprechen, öfter letztendlich entwurzelt auf der Straße.

DEUTSCHE INTELLIGENZ

In diesen 20 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, habe ich landauf, landab viele Intellektuelle kennen gelernt, viele Diskussionen mit ihnen geführt. Ich kenne deutsche Intellektuelle, die ehrlich und sehr gewissenhaft sind und immer bereit wären sich auf die Seite der Gerechtigkeit zu stellen, auch in einer ungünstigen Situation für sich. Diese sind jedoch wenig und werden immer weniger. Aber den größten Teil der deutschen Intellektuellen halte ich für Menschen, die bereit wären, für ein paar hundert Euro alles zu verkaufen, auch ihr Gewissen.

DER STAAT UND INTELLIGENZ

Die deutsche Intelligenz hat alles dem Staat überlassen. Dieser soll dann auch für sie die „Wahrheit“ feststellen, die der Staat selbst am besten „kennt“.

GERECHTIGKEIT

Die Gerechtigkeit kostet Geld. Denn derjenige, der die größte Summe bezahlt, wird auch am gerechtesten behandelt.

DAS DEUTSCHE GERICHT

Das deutsche Gericht ist besser, als das sowjetische und postsowjetische, diese beiden kannte ich auch. Es löst bei mir aber trotzdem nur Bedauern aus. Weil dem deutschen Gericht vor allem die erklärte Unabhängigkeit fehlt.

EUROPA UND AMERIKA

Im Kaukasus gibt es eine spezielle Art Käse, man kann ihn den Scharfen Käse nennen. Ein Schaffell wird auf die innere Seite gedreht und als Sack zusammengenäht, sodass man den Joghurt direkt hineingießen kann. Während der Käse dort hängt, wird er öfter vom Hund angefallen; dieser verbeißt sich in den Sack, der ist aber inzwischen so verhärtet, dass der Hund seine Zähne nicht mehr rausziehen kann. Daher gibt es ein Sprichwort: der Hund will schon loslassen, der Käse lässt ihn aber nicht gehen. Das ist aber auch der Fall, wenn einer aus eigener Initiative etwas angefangen und einen anderen überfallen hat, jetzt will er aber aufgeben. Der Überfallene lässt ihn jedoch nicht weggehen. Jetzt will Amerika weg, aber Europa will sie nicht mehr loslassen.

EINE KATASTROPHE NAMENS DEUTSCHE ORIENTALISTIK

Wenn Sie im Kaukasus, im Iran, in mittelasiatischen und orientalischen Ländern nach westlichen Orientalisten fragen, werden sie hören, wie sehr diese dort immer noch verehrt werden. Wenn Sie aber die Werke der russischen Orientalisten, die in letzten hundert Jahren tätig waren, lesen, werden Sie sehen, wie kritisch diese gegenüber den europäischen Orientalisten eingestellt sind.

Die so genannte Orientkunde ist eher eine Sprachschule, als eine wissenschaftliche Einrichtung in Deutschland. Denn es ist bekannt, wie diese entstanden ist. Ende des 19. Jh. brauchte man Übersetzer und Dolmetscher für die Sprachen jener Länder um den Handel mit ihnen zu verbessern.

Und alles andere, bezüglich Kultur, Geschichte und Literatur dieser Länder, wurde dabei sehr oberflächlich, öfter sogar verkehrt gelehrt.

Was kann man hier nun tun? Die herkömmliche Orientkunde abzuschaffen und eine Zwischenstruktur zusammen mit den wissenschaftlichen Einrichtungen der kaukasisch-mittelasiatischen Länder und den Ländern im Nahen Osten zu bilden, wäre ein Ausweg aus dieser Situation.

DER OKZIDENTALIST

Wenn die deutschen Orientalisten davon hören, wie ich die Geschichte und Gegenwart, Kultur, Wirtschaft und Politik Europas analysiere, fragen sie mich skeptisch:

Woher wissen Sie das alles, als Aserbaidschaner?“

Ich antworte darauf laut:

Ich bin unter anderem in der europäischen Kultur aufgewachsen. Die Geschichte und Kultur Europas war eine der wichtigsten Richtungen meiner Schulbildung und meines Studiums, dazu kam noch eigenes Interesse. Ihr nennt euch Orientalisten, wenn ihr auch über die Länder, die ihr Orient nennt, nur geringe und zudem oft verkehrte Vorstellungen habt. Ich jedoch halte mich für einen wahren Kenner des Okzidents. Also könnt ihr mich dann auch Okzidentalisten nennen“.

HASS

Wenn die Menschen mich hassen, ist das wieder ein weiterer Beweis dafür, dass ich wirklich etwas von mir preisgegeben habe.

DER WERT

Ein Mann aus Berlin lernte einmal über das Internet eine Frau aus einem anderen Land kennen. Die beiden fanden Sympathie für einander aus der Ferne. Der Mann schickte ihr schließlich eine Nachricht per Email:

Ich möchte Sie nun für eine Woche nach Berlin einladen und habe für Sie ein spezielles Programm vorbereitet. Wir werden jeden Abend ins Restaurant gehen, Theater, Konzerte und Museen in Berlin besuchen. Alle Kosten übernehme selbstverständlich ich. Ich hätte nur eine Frage an Sie: Ich habe bis jetzt einige Ihrer Fotos gesehen, nun würde ich aber gerne noch mehr Fotos von Ihnen sehen. Könnten Sie mir nun auch Ihre Fotos schicken auf denen Sie halbnackt zu sehen sind? Damit ich einschätzen kann, ob es das alles Wert ist“.

DER DENKENDE MENSCH

Der denkende Mensch stellt immer eine Gefahr für jedes System dar, egal wie es sich auch nennt. Die erste Frage ist: warum er denkt? Die zweite Frage: was er denkt?

ASOZIALITÄT EINES SCHRIFTSTELLERS

Warum ist en Schriftsteller asozial?

ABOGARD

Das ist schon mehrere Jahre her. Ich fuhr im Zug zu einem für mich wichtigen Termin. Plötzlich bremste der Lokführer im Tunnel und wir blieben stehen. Erst nach zehn Minuten machte der Kerl die Ansage:

Wir bleiben für eine unbestimmte Zeit stehen“.

Das ist aber verrückt!“ schrie ich laut. „Was heißt für eine unbestimmte Zeit? Ich habe bald einen wichtigen Termin! Die Leute warten auf mich!“

Danach bemerkte ich aber, dass ich die Telefonnummern jener Menschen, die nun auf mich warteten, nicht mitgenommen hatte und schimpfte mit mir selbst:

Ich bin aber auch selbst ein Idiot: ich habe die Telefonnummern vergessen, sonst könnte ich sie warnen, dass ich nicht mehr rechtzeitig kommen kann“.

Die Mitreisenden beachteten meine Schimpferei nicht, nur ein älterer Mann lachte nach meinen letzten Worten:

Es ist gut, wenn man nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst kritisiert, die eigenen Fehler auch einsieht. Das ist gesund“.

So habe ich damals Abogard kennen gelernt, der mir ein guter Freund wurde.

RALF TRISTER

Ralf Trister ist ein alter Freund von mir. Er arbeitete Jahrzehnte lang als Sozialarbeiter in einer der größten Psychiatrie-Institutionen Deutschlands, bis er vor kurzem in Rente ging. Irgendwann vor vielen Jahren kam er zu einer meiner Lesungen in eine Bibliothek, in der ich aus meiner Erzählung „Der Sohn des Arztes“ vorlas. Nach der Lesung kam er zu mir und sagte:

Das ist wirklich interessant, wenn man in einem Literaturwerk über die seelischen Probleme der Menschen schreibt und sogar über die Probleme der Psychiatrie“.

Danach tauschten wir unsere Visitenkarten aus und seitdem besteht unsere Freundschaft. Ralf besuchte immer Menschen, auch in meiner Gegend, und vorher trafen wir uns immer am Bahnhof und redeten kurz, wenn er in unserer Richtung unterwegs war. Einmal saß ich in seinem Auto am Bahnhof und erzählte ihm von meinen neuen Werken, als sein Telefon klingelte.

Ja, ja, ich komme gleich“, sagte er missmutig und legte wieder auf. „Man darf verrückt sein, aber man darf die anderen nicht so belästigen“, beschwerte er sich danach.

Wer war das?“ fragte ich.

Die Kundin, die ich gerade besuchen soll“, antwortete Ralf.

Die Kundin?“ fragte ich erstaunt. „Du meinst die Patientin, vielleicht?“

Nein, wir sagen Kundin, keine Patientin“.

Er sah dass ich diesen Ausdruck merkwürdig fand und gab dazu eine kurze Erklärung:

Die Leute werden von uns betreut. Für sie bezahlt deren Krankenkasse. Deswegen sind sie für uns Kunden und bekommen eine Kundennummer von uns“.

Ich verstehe das aber nicht ganz“, sagte ich. „Früher sagte man doch die Patienten. Und diese Kundennummer klingt merkwürdig. Denn es gibt normale Menschen und es gibt kranke Menschen“.

Es gibt keine Normalität“, antwortete mir Ralf. „Es gibt nur die Gradienten der seelischen Krankheit. Denn seelisch krank sind alle Menschen. Bis zu einem bestimmten Gradient braucht man nicht unbedingt eine Behandlung. Aber ab einem bestimmten Gradient ist das notwendig. Und um es ganz offen zu sagen, ein normaler Mensch muss heute einen betreuenden Psychiater haben“.

Danach erzählte er mir davon, dass es im Psychiatrie-Krankenhaus, in dem er arbeitete, einen Kundentest für alle gäbe. Dadurch könne man den eigenen Gradienten feststellen.

Ich muss auch sagen, dass ich immer von Ralf begeistert war; das ist ein Mann mit tiefen Kenntnissen über die Menschen, das Leben und die Welt. Und vor allem auch offen gegenüber anderen Kulturen. Solche Menschen sind in Deutschland nicht oft zu treffen. Er hat mir auch einmal genau erklärt, warum Marxismus eine falsche Lehre sei.

Der Mensch ist nicht so wie Marx es sagte. Ein völlig falsches Bild entwickelte er darüber. Der Mensch ist anders“.

Ich habe trotzdem die Einladung Ralfs, bei ihm diesen Kundentest zu machen, abgelehnt:

Ich brauche das nicht, danke!“

DOKTOR KELLERMANN UND KUNDENTEST

Einmal jedoch gelang es Ralf mich zu überreden, einen Kundentest bei ihnen zu machen. Das war ein schönes, modernes Gebäude, in dem sich das Psychiatrie-Krankenhaus befand. Im Hof und im Gebäude war alles sehr ansprechend, ordentlich und sauber, nur Menschen waren nirgends zu sehen. Ralf brachte mich zu einem Zimmer und klopfte an der Tür. Als wir eintraten, sah ich einen Mann hinter dem Tisch, der schon über vierzig Jahre alt sein musste: er schien sehr nett zu sein, ein kindliches Lächeln strahlte in seinem Gesicht.

Er stand auf und gab mir die Hand:

Ich heiße Doktor Lutz Kellermann, ich bin Psychiater. Ralf hat mir von Ihnen viel erzählt und hat mir auch all ihre Bücher zum Lesen gegeben, nachdem Sie Ihr Einverständnis dazu geäußert hatten, den Kundentest bei uns zu machen. Es ist interessant; Sie schreiben wirklich interessant“.

Ich nahm Platz auf einem Stuhl ihm gegenüber, Ralf platzierte sich neben mir.

Wir haben einen Kundentest, davon haben Sie auch von Ralf erfahren. Ralf sagte mir, dass er Ihnen auch schon erklärt hat, wofür wir den Kundentest brauchen. Deswegen sehe ich auch keine Notwendigkeit, alles zu wiederholen. Wir prüfen nur nach, wie viele Punkte sie erreichen, also ob eine Behandlung für sie notwendig ist. Die Fragen werden ich und Ralf ihnen abwechselnd stellen. Sie haben nur eine Sekunde Zeit um auf eine Frage zu antworten“.

Wenn ich aber eine Frage nicht verstehe?“

Dann können Sie nachfragen. Das darf aber nicht zu oft sein“, sagte der Doktor. „Also los geht´s. Erste Frage: Schlafen Sie schlecht, ja oder nein?“

Ja“, antwortete ich.

Hast du schlechte Träume; und wenn ja wie oft?“ fragte dann Ralf.

Ja, einmal in der Woche etwa“, antwortete ich.

Erscheint es Ihnen manchmal so, dass die Menschen wie Tiere aussehen?“

Ja“.

Machst du dafür, was auch immer dir geschieht, stets die anderen schuldig?“

Ja“.

Scheint es Ihnen so, dass Sie viel klüger und fähiger sind als alle anderen Menschen?“

Ja“.

Hast du Probleme mit der Konsumgrenze: beim Essen, beim Trinken usw.?“

Ja“.

Haben Sie Probleme mit der Kontrolle Ihrer Sexualität?“

In welchem Sinne?“

Wenn Sie, zum Beispiel, gleichzeitig von mehreren Frauen träumen?“

Ja“.

Ist es für dich schwer, Ordnung im eigenen Leben zu halten?“

Ja“.

Gibt es viel Chaos in Ihrem Leben?“

Ja“.

Sind die Menschen für dich grausame, ungerechte, gewissenlose Wesen?“

Ja“.

Ist es für Sie schwer unter den Menschen zu leben?“

Ja“.

Fällt es Dir schwer, einkaufen zu gehen?“

Ja“.

Scheint es Ihnen so, dass Ihre Probleme mit einem bestimmten Ort, mit bestimmten Menschen verbunden sind und wenn Sie woanders hinzögen, wären diese gelöst?“

Ja“.

Du willst nicht vielen Menschen, zum Beispiel den Nachbarn auf der Treppe, begegnen?“

Ja“.

Sie wollen aber andererseits die Aufmerksamkeit der Menschen haben, diese begeistern?“

Ja“.

Willst du dir manchmal etwas Außergewöhnliches ausdenken um damit die Menschen auf dich aufmerksam zu machen?“

Ja“.

Scheint es Ihnen so, dass es in Deutschland keine Demokratie gäbe?“

Ja“.

Scheint es dir so, dass es in Deutschland keine Pressefreiheit gäbe?“

Ja“.

Träumen Sie oft davon durch einen Heldentod zu sterben, damit sich die Menschen an Sie auf ewig erinnern“.

Ja“.

Sehr gut!“ rief Doktor Seelmann begeistert aus. „Sie haben schon die Hälfte der Fragen beantwortet und rund achthundert Punkte gesammelt. Bevor wir weiter machen, möchte ich Sie auf Einiges aufmerksam machen. Jetzt kommen jene Fragen, die schwerer wiegen, das bedeutet, für diese bekommt man mehr Punkte. Maximal kann man durch den Kundentest zweitausendfünfhundert Punkte erreichen. Ralf sollte das Ihnen eigentlich schon erklärt haben: bis zu tausend Punkten braucht man nicht unbedingt eine psychiatrische Behandlung. Das trifft auf die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland zu. Diese laufen doch überall herum, das sehen sie täglich selbst. Ab tausend Punkten braucht man eine Behandlung. Bis eintausendfünfhundert Punkten kann das auch ambulant erfolgen; das bedeutet, einmal im Monat vorbei kommen, regelmäßig Medikamente annehmen, nach eigenem Wunsch etwas Beschäftigungstherapie mitmachen. Ab tausendfünfhundert Punkten muss man stationär behandelt werden, das heißt, mindestens alle sechs Monate muss man sich für ein paar Wochen in unser Krankenhaus legen. Ab zweitausend Punkten muss die Kundschaft weggesperrt werden. Für diese haben wir ein ganz spezielles Programm. Aber Sie erreichen das nicht, glaube ich, obwohl ihre Punktzahl schon an der Grenze liegen müsste, vermute ich. Übrigens, Ihr Freund Ralf hat dabei über sechzehnhundert Punkte gesammelt. „Ha, ha!“ lachte der Doktor laut. „Er sieht doch aber wie ein ganz vernünftiger Mann aus“.

Ralf brummte leise neben mir:

Er hat selbst achtzehnhundert Punkte erreicht“.

Doktor Kellermann hatte das zum Glück nicht gehört.

Dann fragte mich Kellermann ganz unerwartet:

Warum sind Sie hier in Deutschland, warum gehen Sie nicht zurück, wenn es Ihnen hier so schlecht geht?“

Ich habe hier mehrere Projekte angefangen, schon viel Zeit und Geld dafür investiert; ich möchte sie zu Ende bringen. Auch mag ich die Deutschen und möchte ihnen helfen; das ist ein weiterer Grund, warum ich hier bleibe…“

Sie mögen die Deutschen? Weswegen?“ fragte Doktor.

Weil… Hm… Weil sie ver…“

Weil sie verrückt sind! Ja das stimmt! Aber sind denn in Ihrer Heimat die Menschen nicht verrückt? Denn es gibt keine normalen, seelisch gesunden Menschen“.

Ja doch auch. Aber die Deutschen sind ver…“

Verrückter! Ja stimmt“.

Ich konnte es mir vorher absolut nicht vorstellen, dass man überhaupt so verrückt sein kann“, sagte ich.

In den postsowjetischen Ländern ist immer noch Vieles nicht erlaubt, auch das Verrücktsein nicht. In Deutschland darf man es jedoch… das ist ein demokratisches Land und hier besteht eine Demokratie-Ordnung“, gab Ralf seine Erklärung dazu.

Das ist klar“, sagte Doktor. „Jetzt machen wir aber weiter. Es geht wieder weiter mit den Fragen“.

Nein“, sagte ich. „Ich will nicht mehr weiter machen“.

Warum?“ der Doktor war nun überrascht.

Das ist schon genug“, antwortete ich. „Ich habe auf einige Fragen geantwortet, mich selbst dabei noch besser kennen gelernt, das reicht mir schon“.

Wir haben aber noch nicht festgestellt, welchen Status du als Kunde bekommst“, äußerte auch Ralf sein Unverständnis darüber.

Nein, es ist mir schon klar. Ich will jetzt gehen“.

Wie gehen? Was heißt das?“ fragte Doktor empört.

Du musst den Kundentest bis Ende machen. Dann kannst du gehen“, wies Ralf hin.

Nein, ich will nicht weiter machen. Ich will jetzt einfach weggehen“.

Der Doktor stand auf; sein Gesichtsausdruck war nun völlig verändert, so, dass von dieser freundlichen Miene keine Spur mehr zu sehen war.

Sie dürfen unser Haus nicht verlassen, ohne den Kundentest bis Ende zu machen!“ schrie er mich an.

Nein, ich will nicht mehr weiter machen“, sagte ich ihm auch barsch. „Ich habe andere Dinge zu tun. Ich muss jetzt meinen nächsten Roman zu Ende schreiben“.

Deinen nächsten Roman willst du zu Ende schreiben?“ fragte Doktor grinsend. „Deine Bücher sind wahnsinnig. Diese braucht niemand“.

Ich fühlte mich von dieser Aussage sehr getroffen und fragte ihn:

Warum? Ich habe denen mein ganzes Leben gewidmet. Ich könnte auch anders leben: Vergnügung und Spaß haben, stattdessen habe ich aber Bücher geschrieben und schreibe sie auch weiter“.

Wofür sind deine Bücher gut? Für wen sind sie gut, um noch genauer zu fragen?“ der Doktor schaute mir direkt in die Augen.

Für die Menschen; ich möchte die Menschen aufklären, ihnen die Wahrheit, das Licht bringen!“ diesmal schrie ich fast.

Du sagtest gerade selbst, dass die Menschen nur Spaß und Vergnügen haben wollen. Sie interessieren sich doch dann nicht für deine Bücher“.

Der Doktor ging zurück und brachte eines meiner Bücher mit, die auf seinem Tisch lagen.

Ich habe das gelesen. Was schreibst du hier? Wahnsinn – sage ich nochmals!“

Warum Wahnsinn?“ wieder war ich mit ihm nicht einverstanden.

Du schreibst über die Probleme der Seele so, als ob man sich von diesen befreien könne. Das ist aber anders. Mit diesen seelischen Störungen wird man geboren. Was sind eigentlich die seelischen Störungen? Die Seele hat auch Strukturen, unsichtbare, bei der Geburt werden diese teilweise zerstört, bei manchen weniger, aber bei den anderen mehr. Einige erben dazu noch die Störungen ihrer Eltern. Deswegen gibt es keine normalen, seelisch gesunden Menschen, weil die Seelenstrukturen bei der Geburtskatastrophe zerstört werden. Das sagte auch Buddha: die Geburt bedeute Schmerzen. Nur in einer Geschichte haben Sie das interessant erzählt: das Kind sitzt im Mutterleib, im Paradies, er ist sehr glücklich. Und dann kommt aber diese Katastrophe, die Geburt. Das ist wie ein Erdbeben; das alles erschüttert, alles wird gestürzt und bricht in sich zusammen. Das ist wie die Apokalypse für das Kind, das nun dadurch alles verliert und einen Weg in diese Welt beginnen soll, in eine Welt, die es nicht kennt, und es weiß nicht, was es hier erwartet. Sie haben das hier gut beschrieben, auch das, wie das Kind sich durch die enge Röhre in die neue Welt bewegt. Das ist das verlorene Paradies, diese neun Monate im Mutterleib, wonach es später immer wieder sucht“.

Doktor Kellermann schwieg und schaute mir wieder tief in die Augen:

Jetzt machen wir weiter, ja?“

Nein“, antwortete ich.

Warum denn nicht?“ der Doktor wurde wütend.

Ich glaube nicht an euren Kundentest“, war meine Antwort.

Aha!“ schrie er fast. „Sie glauben unserem Kundentest nicht, aber wir müssen an die Bücher glauben, die Sie schreiben?“

Doktor Kellermann schlug mir das Buch auf den Kopf:

Was schreiben Sie hier? Wahnsinn! Wem nützt das?“

Ich stand auf und entgegnete ihm hart:

Was erlauben Sie sich? Was soll das sein?“

Doktor Kellermann sagte nichts und schaute Ralf an.

Ich brauche Ihren Kundentest nicht: ich bin ein gesunder Mensch“.

Ich wollte schon das Zimmer des Doktors verlassen, da versperrte Kellermann mir den Weg:

Sie wollen ein gesunder Mensch sein? Ein normaler Mensch würde nichts schreiben. Es ist schon vor langem festgestellt worden: Kunst ist die Krankheit der Seele, so wie die Perle die Krankheit einer Molluske ist. Sie können gehen, wenn sie wollen. Aber irgendwann kommen sie sowieso wieder her“.

Das geschah vor einigen Jahren. Seitdem habe ich das Zimmer von Doktor Kellermann nie wieder betreten. Ralf und ich sehen uns aber ab und zu. Jedes mal fragt er mich als erstes:

Wann wärst du denn bereit, den Kundentest weiter zu machen?“

Ich weigere mich wie immer. Aber ich weiß nicht, wie lange noch.

PSYCHIATRIE-LAND DEUTSCHLAND

Einmal sagte mir Ralf, dass Deutschland kein Land sei.

Das ist eine riesengroße Psychiatrie“, ergänzte er dann.

HUNDELEBEN

Gottfried Uhlmann ist ein alter Verleger, aber nicht von mir. Ich sehe ihn immer wieder auf den Buchmessen. Ein Mal redeten wir mit ihm über das Leben, die Literatur und so weiter. Ich beschwerte mich ihm über mein Leben in Deutschland. Danach erwartete ich von ihm, dass er mir jetzt auch die typische Frage stellt: Warum fährst du dann nicht zurück? Uhlmann lächelte nur und sagte mir: „Das ist ein guter Eindruck – Hundeleben! Und denken Sie nicht, dass es nur Ihnen hier so ergeht“.

ULTRANATIONALISTISCHE SEITE DEUTSCHLANDS

Das sind nicht die radikalisierten jungen Leute, die ab und zu mal Ausländer in Deutschland überfallen. Das sind die Menschen im Hintergrund, die öfter sogar hohe Positionen in den staatlichen Strukturen inne haben. Und finden kann man sie inzwischen überall.

DEUTSCHER PEN

Ich habe die Jahrestagungen des deutschen PEN früher immer gerne besucht und den dort geführten Diskussionen zugehört. Aber nachdem ich an das PEN-Büro in Darmstadt meinen Artikel mit der Kritik an der britisch-amerikanischen Politik in den postsowjetischen Ländern geschickt hatte, änderte sich das Verhältnis dort zu mir schlagartig. „Sie beleidigen das, was wir lieben“, lautete einmal die Antwort, die ich mir vom PEN-Büro anhören musste. Was ist es, was jene eigentlich lieben? Mir scheint, es ist die britisch-amerikanische postkoloniale Politik mit ihren unendlichen Einmischungen und Kriegsführungen!

PROFESSOR ERZMANN

Professor Erzmann habe ich kennen gelernt, als ich das erste Mal das Institut für Slawistik der Universität Göttingen besuchte. Er war damals noch ein junger Mann, nur einige Jahre älter als ich, ein Doktor. In wenigen Jahren habilitierte er sich vor meinen Augen und wurde danach zum Professor berufen. Was ich an ihm vor allem bewunderte, war, dass er aussah, wie die russischen Intellektuellen aus dem 19. Jh., deren Porträts im Literaturzimmer unserer Schule hingen. Ein hochfliegender Geist, ein strahlendes Gesicht und große Begeisterung im Blick!

DAS TIEFE LEID

Einmal, nach dem nächsten Seminar sagte Professor Erzmann, dass er bald, nach Semesterende, nach Frankreich fahren werde, er aber unsere E-Mails auch von dort aus beantworten könne. Als schon alle anderen Studenten gegangen waren, erzählte ich dem Professor, dass ich Frankreich liebe: als Jugendlicher habe ich viele französische Romane gelesen – daher vor allem und noch wegen der französischen Revolution, die ich in der Schule lernen musste.

Ja dann nehmen Sie sich die Zeit, fahren Sie für ein paar Wochen nach Frankreich, schauen Sie sich um: das ist unser Nachbarland!“ sagte mir der Professor.

Ich war schon öfter in Frankreich, Herr Erzmann“, antwortete ich ihm.

Dann, weiß selbst nicht aus welchen Gründen, ergänzte ich:

Aber ich liebe auch Deutschland“.

Der Professor sagte nichts, schaute mich nur an. In diesem Moment habe ich so ein tiefes Leid in seinen Augen gesehen, das es mich selbst sehr stark traf.

An diesem Tag habe ich verstanden: ich muss etwas dazu beitragen, dass sich die Menschen in Deutschland aus diesem Leid wegen des Zweiten Weltkriegs befreien können.

PARADIES UND HÖLLE IN EINEM

Für uns, für die ehemaligen Sowjetleute, ist Deutschland ein Paradies. Für die Menschen, die um hundert Gramm Wurst oder um ein Hemd zu kaufen, stundenlang Schlange stehen mussten und Fleisch und Butter nur eingeschränkt mit Lebensmittel-Karten kaufen konnten, die öfter vor den leeren Regalen der staatlichen Geschäfte standen, sind die deutschen Supermärkte wirklich ein echter Überfluss. Ein Überfluss, der uns, den Kommunismus Aufbauenden versprochen wurde, den wir aber nie erreicht hatten.

Andererseits ist Deutschland für uns eine Hölle. Wir sind mit der Sowjetpropaganda über den Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Und diese Schreckensbilder über das Dritte Reich verfolgen uns auch hier weiter. Wir leben hier in einem Gewissenskonflikt: einerseits wollen wir dem Land gegenüber dankbar sein, das uns aufgenommen hat, anderseits können wir uns von jenen Schreckensbildern des Krieges, die man uns durch tausende Bücher, Filme, Lieder usw. beigebracht hat, nicht lösen. Schauen Sie mal, wie viele unserer Menschen hier aus diesem Grund zu Alkoholikern werden! Das ist unsere Bestrafung dafür, dass wir diese Bilder nicht mehr aus unseren Köpfen kriegen.

DER PREIS

Jeder Mensch, der etwas tut, wartet auf eine Anerkennung, rechnet mit einem Preis für die eigenen Mühen. Das muss aber nicht immer materiell und offiziell sein.

Viele Jahre lang war ich Mitglied der Ko-Gruppe von amnesty international für verfolgte Schriftsteller und Journalisten. Ich erhielt die Post Urgent Aktion und schrieb an die Botschaften der Länder in Deutschland, wo diese Menschen Probleme hatten.

Einmal aber wendete ich mich selbst an den Leiter dieser Ko-Gruppe, Herrn Zimmermann: „Wir müssen uns um die Probleme der Autoren und Journalisten in anderen Ländern kümmern. Ich habe das bis jetzt auch gerne mitgemacht. Ich wollte nun, dass Sie auch etwas darüber erfahren, wie es hier einem in ihr Land gekommenen Schriftsteller ergeht. Ich möchte nichts von Ihnen; ich möchte nur, dass Sie es einmal mit eigenen Augen sehen“.

Herr Zimmermann kam wirklich und er kam zusammen mit seiner Gattin. Nachdem er alles gesehen hatte, sagte er:

Unter welchen Bedingungen müssen Sie hier arbeiten!..“

Das war für mich (und es bleibt so bis heute) die höchste Anerkennung meiner Tätigkeit als Schriftsteller.

SCHRIFTSTELLERKODEX

Ein Schriftstellerkodex ist heute eine dringende Notwendigkeit, um dadurch die untergegangene Moral, die verlorene Ethik und den Mangel an Verantwortung in diesem Bereich zurück zu gewinnen, um so die Schriftsteller von den Schreibenden zu unterscheiden.

Es gibt viele Leute, die schreiben oder schreiben wollen, es gibt auch diejenigen, die etwas zum Vergnügen schreiben. Diese schaffen keine Literatur, deswegen gelten sie auch nicht als Schriftsteller.

Wer gilt denn dann als Schriftsteller?

Ein Schriftsteller ist jemand, der das Geistige schafft, ohne das eine Gesellschaft, eine Menschenseele nicht existieren kann und unbedingt zum Untergang kommt. Ein Schriftsteller ist jemand, der einen Weg vor sich hat und diesen bis zum Ende geht. Wenn er seinen Weg zu Ende gegangen ist, kann er sich von der Menschengesellschaft entfernen und als Einsiedler weiter leben.

Ein Schriftsteller kann nicht:

an der Politik beteiligt werden, oder zum Mitglied einer Partei werden;

an einem Krieg beteiligt werden oder diesen unterstützen;

sich beschweren. Zum Beispiel derart, „wäre ich in einer reichen Familie geboren, hätte ich gute Kontakte, dann wäre es für mich leichter“ usw. Bevor man so was sagt, sollte man sich an jene Autoren erinnern, die in Lagern und Gefängnissen auf dem Papier von Zementtüten mit einem Stück Kohle schrieben, oder aus Teig Buchstaben formten, um ihre Gedanken zu notieren und dies alles später auch veröffentlicht haben;

solche Ausdrücke verwenden wie „hier ist ein demokratisches Land“, „wir haben die Gesellschaftsordnung der Demokratie“, „bei uns herrscht Demokratie, Pressefreiheit und wir achten die Menschenrechte“, „hier ist doch Europa“, „wir sind aber die EU“ – das gilt für die Autoren, die aus Europa stammen. „Das ist das einzig richtige System“, das ist uns „eine heilige Ordnung“, und einschränken „mehr Freiheit ist nicht möglich“ oder ähnliche Ausdrücke – das gilt für die nichteuropäische Autoren;

an der Seite der Starken stehen, an der Seite des eigenen Landes, des Volkes und seiner Kultur stehen, auch dann, wenn diese im Unrecht sind, um in deren Interesse, um gegen das eigene Gewissen und ungerecht gegenüber den Unterdrückten zu schreiben;

sich gegen die Wahrheit verstoßen;

etwas Beleidigendes über ein Volk, eine Kultur, eine Religion schreiben;

etwas loben, ein Loblied auf jemanden schreiben;

von etwas begeistert werden;

sich erlauben, einem anderen Autor einen Ausdruck, einen Satz, eine Zeile oder eine Idee zu stehlen;

sich erlauben, aus Neid einem anderen Autor einen Stein in den Weg zu legen;

Ein Schriftsteller kann sich um Preise, Förderungen, Stipendien bewerben, aber nur bis zu jenen Grenzen, die nicht seinen Zielen und Arbeiten widersprechen.

Ein Schriftsteller muss sich über die Religion, Kultur, Heimat, Solidarität- und Kollektivgefühl erheben können, obwohl niemand es einem Schriftsteller verbieten kann, neben den anderen Ländern, Kulturen und Völkern auch die eigenen Heimat, Kultur und Volk zu lieben und diese bekannt zu machen. Aber, wenn er darüber schreibt, muss man eine Position so beziehen, das man nicht aus seiner nationalen Sicht schreibt, sondern eine Sichtweise entwickeln, die auch von den anderen Kulturen angenommen und verstanden werden kann;

Nicht über etwas schreiben, das man nicht genug kennt;

Wenn man später einen eigenen Fehler entdeckt, muss man das danach, in der nächsten Auflage, zum Beispiel, korrigieren;

Das größte Ziel, das ein Schriftsteller erlangen kann, ist der möglichst hohe Gipfel der Neutralität, der Objektivität und der Ehrlichkeit.

HIMMELREPORTER

Ein Schriftsteller, der die höchste Spitze der Neutralität, der Objektivität und der Ehrlichkeit erreicht, ist ein Himmelreporter.

DAS FREIE WORT

Das freie, gerechte, wahre Wort ist ein Geschenk Himmels für uns. Im Mittelalter sagte man: verfolgt auf der Erde, wird das wahre Wort sich wieder in den Himmel ziehen und von dort für die Menschen strahlen.

ICH UND RELIGIONEN

Ich stehe darüber, einer bestimmten Religion zu folgen.

MEINE DEUTSCHEN FREUNDE

Ich habe viele Freunde unter den Einheimischen in Deutschland. Ich habe von Ihnen so oft und so viel Unterstützung und Hilfe bekommen, wie von keinen Anderen: sogar nicht von meinen Familienangehörigen, nicht einmal meine Verwandten und Freunde in der Heimat haben mich so unterstützt wie diese. Wenn ich auch manchmal in Verzweiflung geriet, konnte ich das nur durch diese Unterstützung überwinden. Und wegen meiner deutschen Freunde, wegen all dieser Menschen der Einheimischen, die in den schweren Situationen wie ein Fels hinter mir standen, habe ich den deutschen Behörden, die mich Jahrzehnte lang gequält haben, alles vergeben.

Manchmal aber kommt es zum Unverständnis zwischen uns, wenn ich mich eindeutig gegen etwas in Deutschland äußere. Ich sage ihnen doch: das ist unser Weg, den wir gemeinsam gehen. Und ohne gerechte Kritik kann ein Weg nicht bewältigt werden.

WISSENSCHAFT

In unserer Zeit erleben wir gerade die Dämmerung der Wissenschaft. Manche trösten sich dadurch, dass nun die postwissenschaftliche Zeit komme. Und in dieser neuen Epoche würde Wissenschaft alle ihre Mängel beseitigen, sich in Vielem verbessern. Die Wissenschaft kann aber nicht unabhängig sein: das ist ihr größtes Problem. Und das lässt sich, denke ich, niemals ändern. Es könnten aber in der Zukunft immer mehr unabhängige Forscher auftauchen, die mit der offiziellen Wissenschaft kooperieren würden. Das könnte sie vielleicht noch retten.

DAS NEUE THEATER

Das deutsche Theater ist tot. Heute ist das ein Ort für die modernen Regisseure, an dem diese ihre eigenen hohen Ambitionen zu verwirklichen versuchen. Ein Theaterstück darf nur von „Klassikern“ aufgeführt werden, aber mit der Interpretation dieser Herrschaften. Oft führen sie ein bekanntes Stück so auf, dass vom ursprünglichen Werk nichts mehr übrig bleibt. Und das ist die „hohe, überprofessionelle Theaterkunst“, die diese betreiben.

Es entsteht aber wieder ein neues Theater aus diesen Ruinen. Das Theater wird erneuert, jede Aufführung wird wieder zum Kulturereignis der Gesellschaft. Wann das geschehen wird? Das weiß ich auch nicht. Aber kommen muss es unbedingt.

BESTRAFUNG

Das Leben auf der Erde ist eine Bestrafung. Wo, warum, wie, von wem und wofür man diese bekommen hat, ist eine gute Frage. Es ist kein Geheimnis, dass die Menschen die Dinge nach ihrem eigenen Vorbild erschaffen. So ist es auch mit dem Gefängnis: man hat das Gefängnis für die Mitmenschen gebaut, um damit das eigene Gefühl der Unfreiheit auf der Erde weiter zu geben, in kleineren Maßstäben natürlich. Denn so, wie man im Gefängnis seine Tage zählt, so zählt man auch die Tage seines Aufenthalts auf der Erde.