Die Geschichte von Diaus

Vougar Aslanov

DIE GESCHICHTE VON DIAUS

Aus dem Mahabharata – Zyklus

Brahma, der ewige Geist erschuf diese Welt, danach schuf er auch die Götter und die Menschen. Die Götter wollten unsterblich werden und ewig leben wie Brahma selbst und dafür suchten sie nach einem Getränk – Amirati. Um ein solches Getränk zu bekommen, fanden sie einen großen Berg und stürzten ihn mit all seinen Wäldern, Tieren und Vögeln, die dort lebten, ins Weltmeer; danach sah das Wasser im Weltmeer aus wie Milch, das immer dichter wurde. Als das Amirati fertig war, nahmen es die Götter, tranken davon und wurden zu ewigen Göttern. Indra wurde zur höchsten Gottheit, aber Wischnu und Schiwa, der auf der Spitze von Himalaja lebte, waren auch sehr stark und unabhängig von ihm.

Einmal versammelte Brahma alle Götter und Göttinnen, Weisen und Einsiedler im Himmel um sich. Unter ihnen war auch Mahabhischa: Einst ein Sterblicher, wegen seines Dienstes wurde er von Indra zum Leben im Himmel ausersehen. Als einmal ein starker Wind das Kleid der Göttin Gang hoch wehte, schaute Mahabhischa ihre schönen Beine begierig an. Brahma machte das wütend und er schrie Mahabhischa an:

„Du warst einst als Sterblicher geboren; du verlässt nun den Himmel und gehst zu den Sterblichen zurück, du wirst auf der Erde von einer Frau geboren, um dann wieder zu sterben“.

Mahabhischa wählte den Maharadscha von Hastinapur, der einen guten Ruf hatte, zu seinem irdischen Vater und wurde als dessen Sohn mit dem Namen Schantanu geboren. Nach dem Tod seines Vaters wurde Schantanu selbst zum Maharadscha von Hastinapur und leitete nun den Stamm Kurus, eines Enkels des berühmten Bruders des großen Rama, des gutmutigen Bharats, der alle diese Länder ringsum irgendwann gegründet hatte, die man nach seinem Tode Bharata nannte.

Allerdings war Mahabhischa nicht alleine unter den Unsterblichen, der eine solche Bestrafung erfuhr. Noch acht andere Götter mussten ihre göttliche Gestalt in eine menschliche wechseln.

Der Gott Diaus war einmal mit seiner schönen Frau und sieben anderen Göttern unterwegs auf der Erde. Sie kamen eines Tages in den Wald, wo der Weise Wasischtha eingesiedelt war. Der Weise war gerade in tiefer Meditation als die Himmelsbewohner seine Kuh mit ihrem Kälbchen zusammen in den Büschen entdeckten. Die schöne schneeweiße Kuh faszinierte die Götter so, dass sie, alles vergessend, nur noch diese bewundern wollten. Die Frau von Diaus sprach zu ihrem Mann:

„Wie gerecht ist das, dass Wasischtha so eine schöne Kuh hat, aber die anderen nicht? Ich möchte sie und ihr Kälbchen meiner Freundin schenken; sie ist sehr arm.“.

Diaus war zunächst mit dem Wunsch der Göttin nicht einverstanden:

„O Schöne!“, sagte er ihr. „Ob es gerecht ist, wenn wir die Kuh des großen Weisen entführen?“

„Es wäre aber gerechter, wenn meine Freundin diese Kuh hätte“, antwortete die Göttin.

Nachdem die anderen Götter dieses auch bestätigt hatten, entschied sich Gott Diaus die Kuh zu entführen. Sie schafften es aber nicht, den Wald zu verlassen. Der Weise Wasischtha hörte durch die Meditation das Gebrüll seiner Kuh und wachte auf. Als er festgestellt hatte, wer seine Kuh entführt hatte, verfluchte er Diaus und die anderen sieben Götter:

„Ihr sollt von einer Frau auf der Erde geboren werden!“

Nachdem Diaus diesen Fluch von Wasischtha gehört hatte, ging er selbst zu dem Weisen und bat ihn um Vergebung. Der alte Weise war jedoch unerbittlich und sagte dem Gott Diaus:

„Du wirst nicht nur von einer Frau geboren, du wirst noch ein schwereres Schickal haben als die anderen Götter, die ich auch verflucht habe. Weil gerade du meine Kuh entführt hattest. Du wirst als Sohn eines Maharadschas geboren, wirst aber niemals selbst zum Thronherrscher. Stattdessen wirst du zum Diener dieses Throns. Du kannst niemals heiraten und wirst keine Kinder haben. Ich kann meinen Fluch nicht mehr zurücknehmen, weil ich selbst keinen Einfluss mehr darauf habe. Wenn aber eine Göttin einverstanden sein wird, eure Mutter zu werden, könnt ihr sich wieder von meinem Fluch befreien und wenn du einmal deine irdische Aufgabe erfüllt hast, kannst du wieder in den Himmel zurückkehren“.

Diaus ging zu anderen sieben verfluchten Göttern, versammelte alle um sich und gab ihnen die Worte des Weisen weiter. Wenn sie wirklich von einer Frau geboren würden, würden sie nie wieder im Himmel leben dürfen. Bevor sie ihre Gestalt wechseln mussten, sollten sie wissen: Was sie tun könnten, um wieder in den Himmel zurückzukehren? Nur eine der Göttinnen könne sie nun retten.

Einer der Götter schlug vor:

„Gehen wir zur Göttin Gang und bitten sie darum, von ihr geboren zu werden“.

Alle acht Götter kamen zum Fluss Gang und fragten die Göttin, ob sie ihre Bitte erfüllen könne. Die Göttin Gang bedauerte diese Götter und sagte ihnen zu, ihre Mutter zu werden. Alle sieben Götter mussten direkt nach ihrer Geburt auf die menschliche Gestalt verzichten, um wieder als Götter in den Himmel zurückkehren zu können. Nur Diaus musste noch weiter als Mensch leben, ohne von seinem früheren Leben im Himmel wissen zu dürfen; er musste die Göttin Gang für seine Mutter halten. Die Göttin Gang musste aber noch einen Mann heiraten, der als sein Vater gelten sollte. Als die Götter das hörten, stürzten sie sich in den Fluss. Die Göttin ging mit acht Göttern in ihrem Leib, in der Gestalt einer jungen schönen Frau, zum jungen Maharadscha Schantanu von Hastinapur – dem größten Radschastan im ganzen Bharata.

So kam die Göttin Gang zu Schantanu und sagte ihm, dass sie seine Frau werden möchte. Sie stelle ihm dafür nur eine Bedingung: Niemals dürfe er fragen, wer sie sei und er dürfe niemals von ihr eine Erklärung zu dem verlangen, was sie tun würde. Schantanu war darüber sehr glücklich, er nahm ihre Bedingungen an und heiratete diese wunderschöne junge Frau. Nach neun Monaten ging sie zum Fluss Gang, brachte ihre neugeborenen acht Söhne zum Maharadsch und zeigte ihm diese. Danach warf die Göttin ihre sieben Söhne in den Fluss Gang hinein, nur den jüngsten – das war Diaus in seiner neuen Gestalt – hielt sie zurück.

Nachdem fünf Jahre vorbeigegangen waren, fragte der Maharadscha sie einmal:

„Vielleicht sagst du mir nun endlich, wer du bist und warum du sieben unserer Söhne in den Fluss Gang geworfen hast?“

„Du hast dein Versprechen nicht eingehalten“, sagte die Göttin Gang, „deswegen muss ich dich nun verlassen. Aber ich bringe dir deinen jüngsten Sohn wieder zurück, wenn er einmal fünfundzwanzig Jahre alt sein wird“.

Der Maharadscha Schantanu bedauerte sehr, dass seine Frau ihn verlassen hatte und keiner seiner acht Sönnen mehr neben ihm war. Der traurige Maharadscha heiratete niemanden mehr und lebte zwanzig Jahre alleine, bis er einst Satjawati, die Tochter des Hauptes eines Fischer-Volks, traf. Schantanu verliebte sich in Satjawati und wollte ihr schon seine Hand und sein Herz anbieten.

Indessen kam eines Tages unerwartet die Göttin Gang zu ihm und brachte seinen jüngsten Sohn mit:

„Dein Sohn ist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Er heißt Bhischma, er wurde von den besten Lehrern unterrichtet. Der Bahawan Praschurama selbst lehrte ihm die Kriegskunst. Unser Sohn ist unbesiegbar. Du kannst ihn zu deinem Nachfolger machen; nicht nur Hastinapur, sondern das ganze Bharata wird unter ihm erblühen“.

Die Göttin sagte dies und entschwand wieder eilig. Schantanu vergaß die schöne Satjawati und war von nun an nur noch mit seinem Sohn beschäftigt. Nach seinem Befehl fanden im Palast von Hastinapur die Waschung Bhischmas mit Wasser und Milch und seine Ernennung zum Thronnachfolger statt.

Jedoch nur kurz danach erinnerte sich Schantanu wieder an die schöne Satjawati und ging zu ihrem Vater. Als Schantanu beim alten Mann um die Hand von dessen Tochter warb, lehnte jedoch der Anführer der Fischer dies ab.

„Du hast nun deinen Sohn zum Thronfolger waschen lassen“, sprach er zum Maharadsch. „Dessen Söhne werden auch die Thronfolger von Hastinapur sein. Ich will aber, dass meine Enkel die Thronfolger werden“.

Schantanu war von dieser Rede sehr enttäuscht und verließ das Haus des Vaters von Satjawati.

Bhischma bemerkte, dass sein Vater seine Fröhlichkeit verloren hatte und fragte ihn eines Tages nach dem Grund dieser Traurigkeit. Schantanu erzählte alles seinem Sohn, und als Bhischma das hörte, ging er selbst zum Vater von Satjawati, ohne dem Maharadsch etwas zu verraten.

„Ich verzichte auf den Thron von Hastinapur“, sagte Bhischma dem Alten. „Ich selbst werde niemals heiraten und auch keine Kinder haben. Die Söhne Satjawatis und des Maharadschs Schantanu und deren Kinder werden die Thronfolger von Hastinapur. Ich selbst werde nur Hastinapur und dessen Thron dienen und seinen Herrscher schützen. Dies schwöre ich dir, o gutmütiger Alte!“

Als Satjawatis Vater dies hörte, sagte er zu dem jungen Mann:

„Ich glaube dir, Bhischma! Ich glaube, dass du deinen Eid einhältst. Deswegen bin ich einverstanden damit, dass meine Tochter den Maharadsch Schantanu heiratet“.

Obwohl Schantanu zu Anfang nicht besonders glücklich darüber war, dass sein Sohn auf den Thron verzichtet hatte, vergaß er dies bald, nachdem er die schöne Satjawati geheiratet hatte. Satjawati gebar dem Maharadsch zwei Söhne, der älteste von ihnen sollte den Thron Hastinapurs übernehmen. Als der alte Schantanu auf dem Sterbebett lag, wollte er noch einmal von seinem ältesten Sohn Bhischma hören, dass er den Thron von Hastinapur auch weiter schütze und seine Brüder auch weiterhin unterstützen würde. Nachdem Bhischma das alles erneut dem Vater versprochen hatte, umarmte der alte Herrscher Bhischma und starb in seinen Armen.

Bhischma erzog seine beiden Brüder als gute Krieger, die mit allen Waffen gut umgehen konnten und stark und mutig waren. Besonders Tschitragada, der älteste Sohn Schantanus und Satjawatis, kannte niemanden, außer seinem älteren Bruder Bhischma, der sich mit ihm in der Kampfkunst messen konnte.

Als er volljährig wurde, wusch man Tschitragada zum neuen Mahradscha von Hastinapur.

Kurz darauf kam Satjawati zu Bhichma und sagte ihm:

„O berühmter Sohn der Gang! Meine Söhne müssen auch heiraten, damit ihre Kinder später auf den Thron Hastinapurs folgen können. Der Maharadsch Kaschi richtet ein Swajamwari für seine drei Töchter aus. Du musst dahin gehen und alle drei für meine Söhne gewinnen“.

„Deine Söhne, o Mutter Satjawati, müssen selbst am Swajamwari teilnehmen und die Töchter von Kaschi für sich gewinnen. Warum sollte ich das tun? Das wäre gegen die Tradition“.

„Nein, Bhischma!“, Satjawati war mit ihm nicht einverstanden. „Du muss das tun. Es ist sonst nicht sicher, ob meine Söhne es schaffen, denn die besten und stärksten Prinzen werden um die Hand und das Herz der Töchter von Kaschi kämpfen“.

Bhischma blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen und zum Swajamwari der Töchter von Kaschi zu fahren. Er entführte alle drei Prinzessinnen und brachte sie nach Hastinapur. Aber die jüngste von ihnen, die Prinzessin Amba, sagte Bhischma:

„O Sohn der Göttin Gang! Ich und der junge Radscha Schalwa lieben einender. Erlaube mir, zu ihm zurückzugehen“.

Bhischma erlaubte es ihr. Seine beiden jüngeren Brüder heirateten die zwei anderen Töchter des Kaschi.

Tschitragada dachte jedoch wenig an den Thron und an seine Frau, sondern verbrachte seine Zeit überwiegend im Kampf. So forderte er einmal auch den Anführer der Gandharwen zum Zweikampf heraus. Zwei Tage lang gelang es keinem, den Kampf zu gewinnen, am dritten Tag war jedoch Tschitragada geschwächt und der Anführer der Gandharwen tötete ihn. Hastinapur blieb nun ohne Thronherrscher, und Bhischma musste nun den jüngeren Bruder Wichi für die Thron – Übernahme vorbereiten.

Bhischma und Satjawati, die Mutter des neuen Königs, die beide tief erschüttert vom Tod Tschitragadas waren, erfuhren neues Glück, als der Tag der Thronannahme nahte. Wichi wurde zum neuen Maharadcha gewaschen und sollte seinen Platz auf dem Thron einnehmen, dabei fiel er jedoch die Stufen herab, die zum Thron führten, und starb unerwartet.

Die Trauer und Enttäuschung Bhischmas und Satjawatis kannten keine Grenzen, sie beide wurden sehr unglücklich durch diesen Verlust. Dennoch gelang es mit der Hilfe Krischna Wasudewas die beiden Witwen zu befruchten.

Die Prinzessin Amba ging darauf zum jungen Radscha Schalwa; nun wollte er sie aber nicht mehr heiraten. Die Prinzessin Amba suchte die Schuld dafür bei Bhischma. Sie fand danach den Bahawan Puraschuram, den Lehrer Bhischmas. Mit großer Schwierigkeit gelang es ihr Paraschuram zu überzeugen, gegen Bhischma zu kämpfen. Sehr lange dauerte der Zweikampf zwischen Paraschuram und Bhischma, und einmal wollten beide die göttlichen Waffen benutzen. Das aber hätte eine Bedrohung für die ganze Welt sein können. Das wollte die Göttin Gang verhindern und rief den Gott Schiwa zur Hilfe. Schiwa hörte der Prinzessin Amba zu und sagte ihr:

„Noch ist es unmöglich Bhischma zu töten, weil er noch nicht alle seinen irdischen Aufgaben erfüllt hat. Wenn du aber jetzt selbst stirbst und nach fünf und zwanzig Jahre wieder geboren wirst, kannst du dann ihn selbst töten“.

Amba war damit einverstanden: sie beging den Selbstmord und wurde nach fünf und zwanzig Jahre als Tochter des Maharadschs Drupad wieder geboren. Während der Schlacht auf dem Feld Kuruschetra fand sie Bhischma und tötete ihn. So hatte sich Gott Diaus seine irdische Aufgabe erfüllt und durfte wieder im Himmel leben.

Himmerod, Mai 2015

© 2015 Vougar Aslanov