Chosrou und Schirin

Vougar Aslanov

CHOSROU UND SCHIRIN

Nach den Motiven des gleichnamigen Poems von Nizami1

Personen:

Chosrou – Prinz, später auch Schah – Kaiser Irans der Sassaniden – Dynastie
Mariam – die erste Frau von Chosrou
Schiruja – sein Sohn von Mariam
Schapur – Hofmaler und Hofdichter Chosrous
Dscham – Hauptpriester der Zarathustra-Lehre
Mahin Banu – Königin von Kaukasus
Albania2
Schirin –  ihre Nichte, Prinzessin, später auch Königin von Kaukasus
Albania
Nakisa – die Fürstentochter und Freundin von Schirin
Waras – Hauptpriester von Kaukasus Albania
Maurikios –  früherer Kaiser von Byzanz
Pfackos – späterer Kaiser von Byzanz
Grigorios – Hauptpriester von Byzanz
Far-Hat Sin – freier Maler und Architekt aus China
Sirwan – Anführer der Masdakiden
Barbäd – Hofmusiker Chosrous
Basirgümid – ein Weiser, der später als Hofminister bei Chosrou dient.
Die Alte
Hofleute, Henker, Bewaffnete, Menschenmasse, Diener und Dienerinnen.

                                                            Vorspiel

Goethe und Schiller in Weimar.

GOETHE3: Friedrich, mein Freund, ich habe wieder einen großen Dichter entdeckt: Nisami! Er lebte im 12. Jahrhundert und kam aus der Stadt Gendsche4. Ein zarter, hochbegabter Geist, der… nunmehr die lieblichsten Wechselwirkungen innigster Liebe zum Stoff seiner Gedichte wählt. Medschnun und Leila, Chosrou und Schirin, Liebespaare, führt er vor; durch Ahnung, Geschick, Natur, Gewohnheit, Neigung, Leidenschaft füreinander bestimmt, sich entschieden gewogen; dann aber durch Grille, Eigensinn, Zufall, Nötigung und Zwang getrennt, ebenso wunderlich wieder zusammengeführt und am Ende doch wieder auf eine oder die andere Weise weggerissen und geschieden. Aus diesen Stoffen und ihrer Behandlung erwächst die Erregung einer ideellen Sehnsucht. Befriedigung finden wir nirgends. Die Anmut ist groß, die Mannigfaltigkeit unendlich. Auch in seinen andern, unmittelbar moralischem Zweck gewidmeten Gedichten atmet gleiche liebenswürdige Klarheit. Was auch dem Menschen Zweideutiges begegnen mag, führt er jederzeit wieder ans Praktische heran und findet in einem sittlichen Tun allen Rätseln die beste Auflösung. Übrigens führt er, seinem ruhigen Geschäft gemäß, ein ruhiges Leben unter den Seldschugiden und wurde in seiner Vaterstadt Gendsche begraben. Daher heißt er Nisami Gendschewi. „Chosrou und Schirin“ weiterlesen

Sieben Prinzessinnen

Vougar Aslanov

SIEBEN PRINZESSINNEN

Nach Motiven der gleichnamigen Dichtung von Nizami Gändschewi1

Nach dem Tod seines Vaters sollte Prinz Bahram der neue Schah des Iran werden. Doch viele der Hofleute waren dagegen. Die Zeit der Sassaniden sei vorbei, sagten viele von ihnen. Und während Bahram sich im Jemen aufhielt, wurde sein Vater, der Schah Jasdegard gestürzt und ermordet. Jasdegard war ein grausamer Schah und war beim Volk des Iran nicht beliebt. Nach seinem Sturz, brachten die Hofleute einen alten Mann auf den Thron; sie wollten in dessen Namen ab jetzt den Iran selbst regieren. Als Bahram vom Sturz und der Ermordung des Vaters hörte, eilte er zurück in den Iran. Viele Krieger aus dem ganzen Sassaniden-Reich waren auf seiner Seite und wollten ihm helfen, den ihm zustehenden Thron zurück zu erobern. Es war auch sehr wahrscheinlich, dass sich das Volk des Iran auf die Seite des Thronprinzen stellen würde. Nun dachten die Hofleute Bahram auf andere Weise daran zu hindern, Schah des Iran zu werden. Sie stellten dem Thronprinzen eine unerfüllbare Bedingung: Wenn er der Schah Irans werden wolle, müsse er die Krone des Schahs aus einem Löwengehege heraus holen. Man hoffte, dass er dies nicht schaffe und von den Löwen zerrissen würde. Bahram nahm dennoch die Herausforderung an und in einigen Tagen sollte die Rettung der Krone vor den Löwen stattfinden.

Bahram war ein junger Mann, dem die Angst nicht bekannt war: als Kind wurde ihm die Kampfeskunst gelehrt, er konnte mit dem Schwert hervorragend umgehen, es gab in der Umgebung niemand, der die Pfeile so schießen konnte wie er. Deswegen war er bereit, gegen den Löwen um die Krone zu kämpfen und hatte keinen Zweifel daran, dass er es schaffen würde.

Einen Tag vor dem bevorstehenden Kampf kam ein junger Mann zu ihm und stellte sich als Sohn des Regenten der Provinz Gilan vor.

„Ich heiße Rast Röwschän“, erzählte der junge Mann weiter. „Meine Mutter ist Inderin; ich lebte viele Jahre bei meinen Onkeln in Indien und wurde dort von den besten Brahmanen und Weisen unterrichtet. Bahram, denkst du wirklich daran, gegen die zehn Löwen zu kämpfen? Du bist sehr stark, du beherrschst gut die Kampfeskunst, obwohl du noch nicht viele Erfahrungen gesammelt hast. Mit allen deinen Vorzügen wirst du es nicht schaffen, diese Aufgabe zu erfüllen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass du einen Löwen töten wirst. Vielleicht, mit etwas Glück auch den zweiten, na gut, du verletzt noch den dritten, aber dann wirst du von den anderen bis auf die Knochen gefressen. Wer diesen Löwenkampf um die Krone ausgedacht hat, war sich sicher, dass du da nie lebend raus kommst.“

Bahram war empört darüber, was ihm der junge Mann erzählte:

„Was erlaubst du dir, so was über mich – den Thronfolger der großen Sassaniden – zu reden? Du kennst meine Stärke nicht! Hast du gesehen, wie ich mit dem Schwert spiele, hast du gesehen, wie ich die Pfeile schießen kann? Hast du mich auf der Jagd gesehen: ich hefte mit dem Pfeil das Bein einer Antilope an ihren Kopf. Hast du davon gehört, wie ich einst den Drachen besiegte und getötet habe? Ich würde den Kampf auch gegen hundert Löwen aufnehmen, um den Sassaniden-Thron zu retten, nicht nur gegen diese zehn. Oder willst du mich überzeugen, auf den Kampf zu verzichten, um den Thron den anderen zu überlassen? Soll Bahram vielleicht peinlich seine Niederlage anerkennen? Geh du, Junge, besser weg, sonst werdet ihr beide – du und dein Vater – das sehr bedauern“.

Rast Rowschän war allerdings nicht besonders beeindruckt von dem, was der Kronprinz ihm erzählte und sagte ihm:

„Bahram, ich bin hergekommen, um dir zu helfen, denke nichts anderes. Ich sage dir nur eins: Du sollst die Krone von den Löwen holen, aber nicht mit dem Kampf, sondern mit dem Kopf“.

„Was meinst du damit, ich verstehe es nicht“.

„Bahram, sag mir bitte, was ist ein Löwe? Das ist eine Raubkatze und nichts anderes. Und was mag eine Katze? Sie mag vor allem spielen. Ich spielte ein Mal mit meinen Freunden Tschowgan2. Wir hatten dafür ein gutes Spielfeld im Wald eingerichtet, um in Ruhe spielen zu können. Plötzlich tauchten auf dem Spielfeld zwei Löwen auf. Wir hatten nichts außer den Spielstöcken und wollten uns mit diesen verteidigen. Aber wenn du wüsstest, was dann passierte: sie haben nicht uns überfallen, sondern den Ball. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine lustige Szene das war, die Löwen zu sehen, wie sie hinter dem rollenden Ball herliefen und diesen einander wegnehmen wollten. Wir vergaßen die Gefahr und lachten laut über sie. Und die Löwen verschwanden, weiter hinter dem rollenden Ball herjagend, im Wald. Nehmt Euch zwei oder drei Bälle mit, wenn Ihr morgen zu den Löwen geht, und werft ihnen diese zu. Sie werden die Krone liegen lassen und den Ball angreifen. Wisst Ihr warum? Weil für sie das, was davon rollt, viel faszinierender und spielbarer ist, als die tot da liegende goldene Krone“.

Nachdem Röwschän Bahram dieses erzählt hatte, verbeugte er sich und verließ den Prinzen wieder. Bahram machte sich Gedanken: sollte er den Rat des jungen Mannes annehmen oder besser nicht? Der Sassaniden-Nachfolger überlegte mehrere Stunden, bis er sich schließlich für den Rat des Kleinprinzen aus der Provinz entschied.

Aus seinem Befehl wurden ihm mehrere Tschowgan-Bälle gebracht. Bahram erzählte niemandem, was er vor hatte und nahm die Bälle am nächsten Tag mit, als er zu den Löwen ging.

Auf dem Stadtplatz hatten sich an diesem Tag viele Menschen versammelt: alle wollten den Kampf des Thronprinzen gegen die Löwen sehen. Bahram kam völlig aufgerüstet zum Platz in der Umgebung der Hofleute. Einer seiner Begleiter erzählte dann den Versammelten, was nun passieren solle und warum: Der Thronprinz solle eine Prüfung bestehen und damit beweisen, dass er wirklich für den iranischen Thron geeignet sei. Das sei eine iranische Tradition, die seit Jahrhunderten feststehe.

Auf dem Platz hatte man Zäune aufgebaut, hinter denen die Löwen auf Bahram warteten. Der Thronprinz stieg von seinem Pferd, sprang über den Zaun und ging auf die Löwen zu. Gerade vor ihnen lag die Krone der Sassaniden, die zuletzt Bahrams Vater trug. Alle warteten atemlos darauf, wann der Kronprinz die Löwen angreife, um die Krone zu retten. Die Löwen schauten den Thronfolger böse an und brüllten. Bahram holte die Bälle aus der Tasche und warf sie ihnen zu. Die Löwen fielen sofort über sie her: die Bälle rollten davon und jede Berührung der Löwen setzte sie weiter in Bewegung. Damit regten sie die Raubkatzen noch mehr auf. Sie liefen den rollenden Bällen hinterher, spielten mit ihnen und versuchten diese einander wegzunehmen. Und das sah von der Seite so lustig aus, dass die Versammelten nicht mehr an sich halten konnten und alle laut lachten. Bahram nahm die achtlos liegen gebliebene Krone, sprang dann über den Zaun zurück und kam wieder zu den Hofleuten. Keiner hatte das erwartet; diejenigen, die Bahram als Schah sehen wollten, waren jetzt sehr erfreut und jubelten von ganzem Herzen. Die anderen versuchten ihren Neid und Hass zu verstecken und jubelten mit.

So wurde Bahram zum neuen Schah des Iran. Eines Tages fragte er nach dem jungen Mann – dem Sohn des Regenten aus Gilan – und befahl, man solle ihn an den Hof holen. Als Rast Röwschän hereinkam, bedankte sich der junge Schah bei ihm und sagte:

„Du bist wirklich klug, junger Mann. Deine Klugheit hat mir geholfen, den iranischen Thron zu retten. Deine Klugheit kann mir auch dabei helfen, diesen zu behalten. Deswegen möchte ich dich zu meinem Wesir ernennen“.

Rast Röwschän bedankte sich beim Schah für dieses große Vertrauen und übernahm die Stelle des Wesir. Als Wesir brachte danach Vieles im Reich in Ordnung, sowohl in der Verwaltung als auch in der Wirtschaft. Er schaffte Vieles ab, womit die Menschen unter dem Vater Bahrams unzufrieden waren und führte viele neue Regeln ein, die dem Volk das Leben offensichtlich erleichterten. Bahram war sehr zufrieden mit dem Wesir und lobte ihn ständig vor allen.

Als Bahram einmal in der Provinz Luristan unterwegs war, traf er die Tochter des Regenten der Provinz Selbinas und verliebte sich in sie. Darauf besuchte er den Regenten von Luristan und bat um die Hand seiner Tochter. Das Provinzoberhaupt war sehr glücklich darüber, dass der Schah selbst seine Tochter heiraten wollte. Es gab ein großes Hochzeitsfest als Bahram Selbinas heiratete. Er war mit seiner Frau sehr glücklich und wollte, dass auch seine Untertanen gerecht regiert wurden und glücklich leben konnten.

Einmal sagte der Wesir zum Schah:

„Großer Schah, Ihr wisst selbst, dass der Iran viele Feinde hat. Aber uns fehlen auch die Freunde nicht. Deswegen sollte man etwas tun, was den Freunden Freude macht und die Feinde weiterhin verärgert. Wir könnten eine Burg bauen lassen, die die größte und schönste der Welt wird. In dieser Burg werden die schönsten Gemälde der Welt hängen und eure Heldentaten widerspiegeln. Euer Stiefbruder Neman holte einmal einen sehr guten Maler aus Mavarennehr, der Simnar heißt. Simnar baute ein schönes und großes Haus für Neman. Er schmückte dieses mit schönen Gemälden. Jetzt könnte er die schönste Burg für Euch bauen, mein Schah! Diese muss er auch mit den schönsten Gemälden der Welt schmücken“.

Als Bahram das hörte, war davon sehr begeistert, wieder lobte er den Wesir für seine Klugheit und erlaubte ihm den Bau dieser Burg in seinen Namen auszuführen.

Der Wesir ging zum Stiefbruder des Schahs, Neman und überbrachte diesem ihm den Befehl des Schahs. Neman nahm das sehr eifersüchtig auf, weil er nicht wollte, dass jemand etwas über die Geheimnisse seines Hauses erführe. Jetzt konnte jedoch nichts mehr gegen den Willen des Schahs unternehmen, daher brachte er den Baumeister und Maler Simnar zum Wesir. Der Wesir erklärte dem Meister seine Aufgabe und in wenigen Monaten entstand die schönste und höchste Burg der Welt in der Nähe der Hauptstadt der Sassaniden, Medain. Dann befahl ihm der Wesir, die Szenen abzubilden die Bahrams Heldtaten zeigen: Bahram heftet während der Jagd mit einem Pfeil die Pfote einer Antilope an deren Kopf; Bahram besiegt den Drachen, Bahram holt die Krone von Löwen. Danach berichtete der Wesir dem Maler über sieben Prinzessinnen: die indische Prinzessin Furek, die byzantinische Prinzessin Humay, die khorezmische Prinzessin Nazperi, die slawische Prinzessin Nesrinnusch, die maghribische Prinzessin Azerjun, die chinesische Prinzessin Yagmanaz und die iranische Prinzessin Dürset. Simnar musste darauf nach seinen Beschreibungen alle diese Schönheiten malen.

Eines Tages lud der Wesir den Schah ein, die neue Burg und deren Gemälde zu besichtigen. Der Schah war begeistert von der Burg und lobte den Wesir und den Meister Simnar.

„Wundervoll, wundervoll, Wesir! Ich habe so einen Bau noch nirgendwo gesehen und noch nie gehört, dass es woanders so etwas gibt. Du musst den Meister Simnar würdig belohnen!“

Als der Wesir Bahram in das Zimmer führte, in dem die sieben Schönheiten gemalt waren, bedeckte der Schah seine Augen mit der Hand: denn diese wirkten auf ihn wie sieben Sonnen, die er nicht anschauen konnte. Dann forderte er von dem Wesir eine Erklärung. Der Wesir erzählte ihm von den sieben schönsten Prinzessinnen der Welt.

„Ich glaube dir Wesir“, antwortete der Schah. „Ich bin aber verheiratet und liebe meine Frau sehr, die nicht weniger schön ist, als diese Prinzessinnen. Du weißt das selbst“.

„Es wäre gut, großer Schah“, sagte Wesir, „wenn ihr all diese sieben Prinzessinnen zu Euren Mägden machen würdet. Die Frau ist eines, aber die Magd etwas anderes. Es wäre gut, für jede Magd einen Palast zu bauen. Das schafft wieder Simnar. Dann habt ihr die schönste und höchste Burg in der Welt sowie die schönste Frau, die schönsten Mägde und die schönsten Paläste“.

Diese Erläuterung seines Wesirs gefiel dem Schah. Er entschied sich, nun statt der Antilopen nach den erwähnten Prinzessinnen nach zu jagen. Obwohl die schönste von ihnen, Dürset, im Iran lebte, wollte er mit der indischen Prinzessin anfangen und fuhr nach Rajasthan. Der Maharadscha bereitete Bahram einen sehr würdigen Empfang und lobte ihn. Bahram brachte die indische Prinzessin nach Medain, befahl einen Palast für sie zu bauen und schickte dem Kaiser selbst nach Byzanz, die Botschaft, dass er nun seine Tochter zu seiner eigenen Magd machen wolle. Da es schon lange einen Streit zwischen dem Iran und Byzanz gab, und die beiden daher oft Kriege gegeneinander führten, lehnte der Kaiser dies ab. Als Antwort begann Bahram einen neuen Krieg gegen Byzanz. Als er mit seinen zahlreichen Truppen vor den Toren Konstantinopels stand, gab der Kaiser nach. Bahram brachte auch die Kaisertochter nach Iran. Für sie wurde ebenfalls ein neuer Palast erbaut. Bahram selbst machte sich nun auf den Weg nach Khorezm. Auch der Schah von Khorezm betrachtete die Verwandtschaft mit dem iranischem Schah als große Würde und gab sein Tochter Bahram zur Magd. Während Simnar für die Prinzessin einen Palast baute, war der Schah wieder unterwegs, diesmal nach Maghrib. Der König des Maghrib, wie auch später der König der Slawen und der Kaiser von China waren sehr froh, zum berühmt gewordenen Schah des Iran so enge Beziehungen durch ihre eigenen Töchter zu bekommen.

Die letzte, die schönste Prinzessin Dürset, gehörte zur alten Schah- Dynastie des Iran, den Achemäniden; sie war die Urenkelin des alten Schah Keikawus. Bahram machte auch diese zu seiner Magd.

Nun hatte er die sieben schönsten Prinzessinnen als Mägde, für jede hatte Simnar einen schönen Palast gebaut hatte und jeder Palast hatte eine Farbe des Regenbogens.

Jetzt lasst uns von Simnar erzählen. Als er mit allen Arbeiten fertig war, äußerte sich der Wesir über Simnars hohe Kunst mit großer Begeisterung.

„Nirgendwo gibt es so eine schöne Burg, solch schöne Gemälde und Paläste! Du bist ein großer Meister, Simnar, und deshalb bekommst du fünftausend Goldstücke für deine Arbeit! Aber sag mir, ist diese Burg, diese Gemälde, die schönen Paläste, die Grenze deines Könnens oder könntest du für jemanden noch etwas Besseres schaffen?“

„Verehrter Wesir“, antwortete der große Maler und Baumeister, „es hängt davon ab, wie viel man dafür bezahlt. Ihr zahlt mir für meine ganze Arbeit fünftausend Goldstücke. Das ist eine gute Bezahlung, so viel hat mir bis jetzt niemand bezahlt. Wenn aber jemand mir dafür fünfzigtausend bezahlt, werde ich eine zehn Mal bessere und schönere Burg mit Gemälden und Palästen schaffen, weil er mir zehn Mal mehr bezahlt“.

Als Wesir das hörte, war er sehr erzürnt; er schickte Simran wieder zurück und ging zu Neman.

„Neman, es darf auf dieser Welt keine größere und schönere Burg, keine schöneren Gemälde mehr geben. Die Geheimnisse dieser allerhöchsten Kunst sind nur Simnar bekannt. Er sagt, er sei aber bereit, für jemanden etwas Besseres zu schaffen, wenn man ihm dafür mehr bezahlt. Das darf man nicht zulassen“.

„Was sollen wir nun tun? – fragte Neman, „wir können ihm nicht verbieten, auch für die anderen zu bauen oder zu malen“.

„Wir können aber was anders tun: Befehle deinen Leuten, dass sie ihn heute von der Spitze der Burg herunterwerfen. Du kannst dies danach als ein Unglück erklären“.

„Was wird aber Bahram dazu sagen, wenn er davon erfährt?

„Er erfährt darüber nichts, wenn es ihm niemand erzählt. Das musst auch du Sorge tragen“, sagte der Wesir und verließ Nemans Haus.

In der Nacht brachte Simnar Neman unter dem Vorwand, bei ihm ein Nachtbild zu bestellen, wie alles von der Spitze der Burg ausssehe. Als Simran von dort aus die Umgebung, den Himmel, die Sterne und den Mond beobachtete, stiess Neman ihn von hinten. In der Nachbarschaft hörten viele den Todesschrei des herunter stürzenden Malers.

So kam das Ende des großen Meisters, der viele seiner Geheimnisse ins Grab mitnahm.

Bahram ging jeden Abend zu einer Prinzessin; sie tanzte und sie kochte für ihn, sie schenkte ihm Wein nach und dann erzählte sie dem Schah eine Geschichte: Geschichten über Liebe und Hass, über Treue und Betrug, über Gelassenheit und Krieg, über das Gute und das Böse,

über das Licht und die Finsternis. Dies erzählten die schönsten Prinzessinnen der Welt dem Schah.

So verbrachte der junge Schah mehrere Jahre in den Palästen der Prinzessinnen. Eines Tages wollte er dennoch seine Familie besuchen und sehen, wie es ihnen gehe. Er fand seine Frau sehr krank, sie lag kraftlos im Sterbebett. Im letzten Augenblick wollte sie ihrem Mann etwas verraten, sie konnte aber nur „der Mann, dieser böse Mann…“ sagen. Bahram war sehr traurig und weinte mehrere Tage am Bett seiner Frau. Ihn tröstete nur, dass seine Frau ihm zwei Söhne hinterlassen hatte. Er beerdigte sie und wollte danach alleine durch das Land wandern um sich vom Kummer zu befreien.

Bahram erinnerte immer wieder an die letzten Worte seiner sterbenden Frau und wollte herausfinden, wenn sie gemeint haben konnte. Aber ihm fiel niemand ein. Als Bahram durch das Land ging, war der junge Schah sehr erschüttert davon, was er in seinem Land sah. Überall verfielen die Häuser, die Wirtschaft war verwahrlost, die Felder blieben unbestellt, ohne Ernte, die Menschen sahen sehr unglücklich aus. Viele hungerten, die anderen bettelten; der Diebstahl und die Plünderei fremden Gutes wurde zum Alltag. Er war ratlos, wusste nicht, wie er das alles ändern und seinen Untertanen, seinem Land helfen sollte. So wanderte er alleine sehr nachdenklich durch das Land weiter, bis er am Rande einer Stadt auf eine Herde traf. Der Schah wollte schon vorbei gehen, als er ein ungewöhnliches Bild sah: an einem Baum war ein großer Schäferhund erhängt. Da der Schah in seinem Leben noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, wollte er unbedingt wissen, warum man das getan hatte. So ging Bahram in das Haus des Schäfers. Der Schäfer verstand, dass der gute Herr jemand vom Hof sein sollte; er erwies den entsprechenden Respekt und brachte ihm gutes Essen und Trinken. Der Schah bedankte sich beim alten Mann und sagte:

„Vielen Dank für alles! Ich werde aber deine Gastfreundschaft nur dann genießen, wenn du mir erzählst, warum du den Hund erhängt hast“.

Der Schäfer war einverstanden, ihm das zu erzählen.

„Guter Herr“, begann der Gastgeber. “Ich hüte sehr lange die Schafherde und hatte in letzter Zeit die größte Herde in der Umgebung. Das war dankte nicht nur mir, sondern auch meinem Schäferhund. Dieser Hund diente mir 15 Jahre lang und war immer sehr treu und tapfer. Aus Angst vor ihm konnte kein Wolf und kein Dieb meine Schafe überfallen. Ich fuhr manchmal mit meiner Familie zu Verwandten und blieb dort mehrere Tage. Der Hund war dann selbst der Hirte und hütete die Schafe. Vor einem Monat habe ich bemerkt, dass eines der Schafe am Bein verletzt war. Und das war nichts anderes als ein Wolfsbiss. Das wunderte mich sehr: wie konnte es sein, dass ein Wolf den Weg zu meiner Herde gefunden hatte? Dann habe ich angefangen jeden Morgen zu zählen, wie viele Schafe ich noch habe. Und jedes Mal fehlte eines. Dann wollte ich selbst nachts wachen und beobachten, was in der Herde passierte. In der Nacht kam eine Wölfin, die sich mit meinem Hund traf. Danach ließ dieser Verräter die Wölfin in die Herde hinein. Diese Wölfin holte sich vor meinen Augen ein Schaf. Ich habe den Hund erhängt, dass es auch für alle anderen eine Lehre sei. Damit man versteht, welchen Preis man für den Verrat zahlen muss.

Bahram bedankte sich beim seinem Gastgeber, aß und trank mit ihm, dann verließ er sein Haus. Er war in tiefen Gedanken und wollte wieder zum Hof zurückkehren. Diese Geschichte, die ihm der Schäfer erzählt hatte, beeindruckte ihn tief.

„Ich bin verwundert“, sah der Schah ein:

„Mich lehrte ein Schäfer Schah zu sein.

Das ist ja meine wohl Geschichte,

Schafe – Untertanen, ich Hirte 3“.

Nachdem Bahram an den Hof zurückkam, wollte er selbst untersuchen, was während seiner Abwesenheit hier geschehen war. Er forderte, ihm die Listen aller Gefangenen zu bringen. Der Schah erschrak, als er diese Listen kennen gelernt hatte: so viele Menschen, oft unschuldig, wurden vom Wesir ins Gefängnis geworfen. Oft stand auf der Liste, neben dem Namen der Gefangenen eine Anmerkung: Der Schah habe ihn zum Tode verurteilt, der Wesir ihn begnadigt und seine Strafe durch eine Freiheitsstrafe ersetzt. Immer wurde der Schah als ein böser Herrscher, der Wesir als sein guter Ratgeber dargestellt. Nun wollte der Schah selbst die Gefangenen anhören. Sie erzählten dem Schah die unglaublichen Grausamkeiten, die der Wesir in letzten Jahren verübt hatte. Es kaum heraus, dass der Wesir eine große Räubersippe hatte, mit der er das Volk unterdrückte und verfolgte. Er fand unter den Gefangenen auch seinen Schwiegervater, den früheren Regenten der Provinz Luristan. Dieser weinte und erzählte Bahram, was der Wesir ihm und seiner Familie angetan hatte.

„Ich hatte ein schönes Pferd, das mir Euer verstorbener Vater für meine Dienste geschenkt hatte. Eines Tages schickte der Wesir seine Räuber, die in seinem Namen dieses Pferd von mir verlangten. Als ich es verweigerte, peitschen sie mich grausam aus. Als meine Frau und mein Sohn das verhindern wollten, haben diese Räuber die beiden getötet und das Pferd geraubt. Ich wusste, das Ihr nicht am Hof seid und schrieb deswegen einen Brief an meine Tochter, eure Gemahlin und berichtete ihr von den Taten des Wesirs. Meine Tochter wollte uns verteidigen und verlangte Rechenschaft vom Wesir. Er erfand dann einen Grund, sie selbst schuldig zu sprechen und liess sie ebenfalls auspeitschen. Meine Tochter war sowieso über die Trennung von Euch, großer Schah, unglücklich und nachdem der Wesir sie ausgepeitscht hatte, wurde sie sehr krank. Als ich das hörte, wollte ich meine Tochter besuchen, aber die Leute des Wesirs nahmen mich fest und warfen mich ins Gefängnis. Habt Ihr jetzt Eure Gemahlin gesehen, wenn ich fragen darf ? Geht es ihr wieder gut?“

Bahram antwortete ihm sehr traurig, dass seine Frau in seinen Armen gestorben war. Sein Schwiegervater weinte bitter, als er dies hörte. Der Schah tröstete ihn und sagte, das sich bald der Wesir für alle seine Taten verantworten müsse. Er liess den Schwiegervater frei und ernannte ihn wieder zum Regenten der Provinz Luristan.

Bahram wusste jetzt, wen sterbende Frau als „dieser Mann, dieser böser Mann“ erwähnt hatte. Er kam in den Hof zurück, sammelte alle Hofleuten und beschuldigte sehr wütend den Wesir vor ihnen:

„Ich habe das ganze Land dir anvertraut“, sagte der Schah zu Rast Röwschän. – „Womit hast du aber auf mein Vertrauen beantwortet? Ich hielt dich für einen klugen Mann, der mir auch treu sein sollte. Ich habe gehofft, dass du in meiner Abwesenheit das Land gerecht regieren wirst. Stattdessen hast du die Räuber um dich gesammelt und das Land geplündert. Wo du Steuer sammeln solltest, hast du Gold und Silber genommen um dich weiter zu bereichern. Deine Räuber nahmen dem Volk das Letzte weg. Wer Widerstand leistete, den warfen sie ihn ins Gefängnis. Du wolltest es so haben; alle mussten arm; schwach und unterdrückt werden, nur du und deine Leute alleine sollten reich werden“.

Rast Röwschän verbeugte sich vor dem Schah und sagte:

„Großer Schah, ich rufe Euch auf, den Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Diese Gerüchte verbreiten die Feinde des iranischen Throns. Ihr habt, das ich hoffe sehr, nicht vergessen, als ich Euch vor vielen Jahren vor der Verschwörung der damaligen Hofleute gerettet und Euch geholfen habe, den Thron zu besteigen…“

„Ich habe deine Dienste nicht vergessen, Wesir, deswegen übergab ich dir auch die höchste Macht im Land. Aber sage mir: war das nicht ein Falle, die du mir gestellt hast, als du mir vorschlugst, die sieben Prinzessinnen zu meinen Mägde zu machen? Während ich mich diesen Schönheiten hingab, schuftst du deine eigene Macht im Land mit deinen Räubern“.

„Der große Schah muss den Gerüchten nicht glauben. Ihr kennt mich doch…“

„Du sagst es wieder: die Gerüchte! Ich mache spreche jetzt offen Gericht über dich. Diejenigen, die von deiner Willkür betroffen sind, werden dir das selbst erzählen und dies vor dem ganzem Volk“.

Nach diesen Worten befahl der Schah, den Wesir zu fesseln und ins Gefängnis zu werfen.

Nach zehn Tagen fand das offene Gericht über den Wesir und seine Räuber auf dem Stadtplatz statt. Es waren so viele Menschen auf dem Platz versammelt, dass man sich kaum mehr bewegen konnte. Nachdem das Gericht begonnen hatte, rief der Schah die sieben der Gefangenen auf, die er selbst angehört hatte, und unter denen auch sein Schwiegervater war, und bat sie ihre Geschichten zu erzählen. Alle sieben Gefangenen erzählten nacheinander vor dem Gericht, wie der Wesir mit seinen Räubern sie und ihre Nahestehenden ausgeplündert, geschlagen und schließlich unschuldig ins Gefängnis geworfen hatte. Zum Schluss bat der Stiefbruder des Schahs Neman ums Wort. Darauf erzählte er, wie der Wesir ihn vor vielen Jahren gezwungen hatte, den großen Maler Simran von der Burgspitze herunter zu werfen. Weder der Wesir, noch seine Räuber konnten sich von diesen schweren Beschuldigungen verteidigen. Der Schah befahl Galgen auf dem Platz zu bauen und den Wesir samt seiner Räubern vor dem Volk aufzuhängen.

Nachdem Bahram das Land vom Wesir und seinen Räubern befreit hatte, herrschte im Land wieder Gerechtigkeit. Der Schah half allen, die vom Wesir und seiner Sippe betroffen waren, er gab ihnen ihre weg genommenen Güter zurück. Er half den Armen, er machte die die Hungernden wieder satt und er bemühte sich immer um das Wohl der Menschen und des Landes. So wurde Bahram bei seinem Volk wieder zum beliebten Regenten.

Die sieben Schönheiten hatte er aber auch nicht vergessen. Aber jede von ihnen besuchte er jetzt nur ein Mal im Monat.

So verbrachte Bahram seine Jahre bis er sechzig Jahre alt geworden war. Was er in diesen Jahren nicht aufgegeben hatte, war die Jagd auf die Antilopen. Als er wieder mit seinem Gefolge auf der Jagd war, fuhr er einer Antilope hinterher. Diese lief durch den ganzen Wald, dann ging sie in eine große und tiefe Höhle, und Bahram folgte ihr. Die Leute des Schahs warteten vor der Hölle mehrere Tage auf ihn; Bahram aber kam nie wieder aus der Höhle heraus.

                                                                                                                                                                    Frankfurt, 2015

1 Nizami Gändschewi – aserbaidschanischer Dichter (12. Jh.), von dem J. W. Goethe im „West-östlichen Diwan“ (1819) sehr begeistert spricht.

2 Ein altes Ballspiel mit Stöcken auf Pferden im Orient. Ähnlich dem modernen Polospiel

3 Übersetzung des Nisami – Gedichts vom Autor.