Es ging nicht anders

                         Familie Uljanow

 

Vougar Aslanov

ES GING NICHT ANDERS

Historische Erzählung

Astrakhan, in dem früher nur die buddhistischen Kalmücken und muslimischen Tataren und Tschuwaschen lebten, wurde schon von Zar Iwan dem Schrecklichen eingenommen. Um die Bevölkerung zu christianisieren, schickte man her immer wieder Missionare und baute orthodoxe Kirchen; auch Teile der russischen Armee und irgendwelche Bediensteten hielten sich hier auf. Wurde man getauft, erhielt man stets einen russischen Vornamen und Vatersnamen, als Nachname aber wurde häufig jener übernommen, den man schon vorher trug. So hielt man es mehrere Jahrhunderte.

Anfang der 1820er Jahre wandte sich ein Kalmücke, der einen Schneiderladen in Astrakhan besaß und schon über fünfzig Jahre alt war, an die dortige Russische Orthodoxen Kirche.

Wie ist dein Name?“ fragte der orthodoxe Priester den Mann.

Ulan Batur“, antwortete dieser.

Was bedeutet das?“

Ulan bedeutet in Kalmückisch groß, Batur bedeutet der Recke“.

Der Priester sagte zu ihm:

Du wirst nach der Taufe im Namen des Herrn Nikolaj Wassiljewitsch heißen. Und als Nachnamen bekommst du Baturin“.

Doch dann erinnerte sich der Priester, dass einer der Stellvertreter des orthodoxen Bischofs von Astrakhan ebenfalls Baturin hieß. Und jener Mann mochte es nicht, wenn ihn jemand an seine kalmückische Herkunft erinnerte. Deshalb bildete der Priester einen neuen Nachnamen für den frisch Getauften aus dessen Vornamen und trug im Kirchenbuch ein: der neu Getaufte trägt künftig den Namen Nikolaj Wassiljewitsch Ulanin.

In der Stadtverwaltung konnte man die Handschrift des Priesters nicht deutlich genug lesen und registrierte ihn als neuen Angehörigen der orthodoxen Gemeinde unter dem Namen Nikolaj Wassiljewitsch Uljanin.

Kurz darauf heiratete Uljanin die Tochter des Kleinbürgers aus Astrakhan Aleksej Smirnow, die dreißig Jahre jünger war. Die Smirnows waren Tschuwaschen, die sich auch zum Christentum bekannt hatten, und deswegen durfte Alexej die Tochter eines russischen Offiziers heiraten. Alexejs Tochter Anna gebar Nikolaj Uljanin fünf Kinder, das jüngste von ihnen hieß Ilja.

Als Ilja in Astrakhan das Gymnasium besuchte, schämte er sich immer sehr seiner kalmückisch-tschuwaschischen Herkunft. Mit ihm zusammen lernten auch die Söhne der russischen Offiziere, aber auch einiger Bediensteten, die, obwohl selbst nicht immer russischer Abstammung, sich aber für russisch-stämmig ausgaben. Denn ein Nicht-Russe zu sein, also ein Nicht-Christ zu sein, fand man im Gymnasium peinlich.

Vor dem Abschluss des Gymnasiums änderte Ilja seinen Nachnamen auf Uljanow, weil das, seiner Überzeugung nach, eher russisch klang. Nachdem Ilja Uljanow auch ein Studium an der Kasaner Universität abgeschlossen hatte, wurde er nach Nischni Nowgorod geschickt, um dort am Gymnasium Mathematik zu unterrichten. In Nischni Nowgorod lernte er die Familie Blank und deren Tochter Maria kennen.

Marias Vater Israel Blank kam aus der polnischen Stadt Starokonstaninow, die eine große, überwiegend aus Deutschland stammende jüdische Gemeinde hatte. Nach der Teilung Polens gehörte die Stadt zum Russischen Reich. Israels Vater Mojsche Blank entwickelte das Geschäft, das er von seinen Eltern geerbt hatte, weiter, vor allem den Handel mit Salz und Tabak, und wurde zu einem einflussreichen Kaufmann in der Umgebung.

Der Vater kaufte dort noch einen großen Laden hinzu, dort verkauften Israel und sein zwei Jahre älterer Bruder Abel seine Waren. Abel war bereits mit einer entfernten Verwandten aus Zhitomir verlobt, in einigen Monaten sollte die Hochzeit stattfinden. Die Juden kamen gerne zu ihnen zum Einkaufen, oft wurden die jungen Leute nach dem Leben ihrer Familie gefragt. Mit vielen von ihnen konnten die Blanks Söhne noch Jiddisch sprechen.

Die Blanks hatten zur Familie Rosenbein aus der Gemeinde eine besonders gute Beziehung. Deren älteste Tochter Ruth mochte Israel sehr und freute sich immer offensichtlich, wenn Israel zu ihnen kam. „Er wäre eigentlich gar kein schlechter Mann für unsere Ruth“, sagte auch Ruths Mutter öfter zu ihrem Mann.

Inzwischen näherte sich Israel mit einer anderen Familie in der jüdischen Gemeinde an: der Familie Altenburg. Das Haupt der Familie war der Gemeindearzt und dieser wurde hier sehr geachtet. Israels Laden stand direkt vor seinem Haus, und er beobachtete den ganzen Tag über die Menschen, die den Arzt aufsuchten. Israel träumte jetzt davon, selbst Arzt zu werden. Aber Vater… Mojsche wollte, dass die beiden Söhne seinen Handel weiter vergrößerten und wollte von einem Studium, oder gar von einem anderen Beruf nichts hören.

Der geschäftige junge Mann wäre auch ein erwünschter Schwiegersohn für die Altenburgs, die gleich mehrere volljährige Töchter hatten. Es dauerte nicht lange bis Israel selbst dem Vater seinen Wunsch offenbarte: am meisten gefiel ihm die mittlere Tochter der Altenburgs. Allerdings wusste er, dass es jüdische Tradition ist, zunächst für die älteste Tochter einen Mann zu finden. Deswegen sprach Israel an jenem Abend auch von der ältesten Tochter von Altenburgs.

Mojsche Blank hatte es sich jedoch anders vorgestellt: Rosenbeins waren große Kaufleute, die in vielen Gebieten des Reiches erfolgreich Handel trieben. Die Heirat seines Sohnes mit deren Tochter würde Mojsche helfen, sein eigenes Geschäft weiter zu vergrößern; besonders hoffte Mojsche seinen Alkoholhandel dadurch auszudehnen.

Die Tochter des Arztes? Nein! Nie im Leben!“ donnerte Mojsche als er davon hörte. „Du muss heiraten die älteste Tochter der Rosenbeins. Sie wollen es auch“.

Nein! Nie im Leben!“ antwortete Israel.

Abel stand jetzt auch an der Seite des jüngeren Bruders, und das erzürnte den Vater noch mehr.

Der Streit zwischen Mojsche und seinen Söhnen dauerte mehrere Wochen, bis Abel dem Vater schließlich sagte:

Vater, wenn du es Israel nicht erlaubst, die Frau zu heiraten, die er selbst will, werde ich mit ihm zusammen nach Zhitomir fahren um dort Medizin zu studieren“.

Nur diese Drohung, dass keiner seiner Söhne das Geschäft übernimmt, zwang Mojsche aufzugeben. Nachdem der Tag der Verlobung bestimmt war, hatte man auch in der Familie Rosenbein davon gehört. Ruth und ihre Mutter fanden es sehr peinlich; für sie sah es aus, als hätten die Blanks ihre Familie betrogen.

Geh zu ihm in den Laden und verlange von ihm vor allem, dass er dich heiraten muss und nicht diese blöde Tochter der Altenburgs“, sagte Ruths Mutter.

Als Ruth früh morgens in den Laden der Blanks kam, war Israel dort alleine; er zählte das Geld der gestern verkauften Waren und wartete auf Kunden, die bald erscheinen müssten. Abel war unterwegs mit dem Vater nach Zhitomir um dort mit den Verwandten die Hochzeitsvorbereitungen zu besprechen.

Ruth, du kommst alleine?“ fragte Israel. „Willst du etwas kaufen?“

Nein, ich möchte mit dir reden“, antwortete sie. „Darf ich hereinkommen?“

Israel hätte sie nicht hereingelassen, wenn es nach ihm ginge; denn er wusste, dass es die Juden nicht mögen, ein Mädchen alleine in einem fremden Laden zu sehen. Was würde man von ihr denken?

Er war aber sanftmütig und wollte das Mädchen, das er schon seit einiger Zeit kannte, nicht kränken und ließ sie herein. Dann schloss Israel die Tür, ließ den Fensterladen herunter, als ob das Geschäft noch geschlossen sei, damit niemand bemerken konnte, dass Ruth bei ihm war.

Ruth begann, sich sofort darüber zu beschweren, dass nun alle in der Gemeinde über sie lachten: denn Israel Blank, der Mann, der sie eigentlich heiraten sollte, würde jetzt ein anderes Mädchen heiraten.

Israel versuchte sie zu beruhigen und zu überzeugen, dass das nur ein Irrtum sei, denn er selbst ihr gegenüber niemals solche Gedanken gehabt hätte und wollte schon immer ein anderes Mädchen heiraten. Aber Ruth wollte nichts mehr davon hören und verlangte schließlich von ihm:

Du muss jetzt vor der ganzen Gemeinde erklären, dass die Gerüchte über deine Heirat mit der Tochter der Altenburgs grundlos sind und du mich bald heiraten wirst“.

Ruth“, Israel bemühte sich sie erneut vom Gegenteil zu überzeugen. „Denk doch bitte einmal nach, bevor du redest. Mein Vater hätte ja dann zunächst zu deinem Vater gehen müssen um von ihm die Erlaubnis für mich einzuholen, dich zu heiraten“.

Und warum habt ihr das bis jetzt nicht getan?“ fragte Ruth.

Weil ich nicht dich, sondern die Tochter der Altenburgs heiraten will und mich bald mit ihr verloben werde“.

Ah!..“ schrie plötzlich Ruth sehr laut. „Was erlaubst du dir, warum habt ihr mich betrogen?“

In ihrer Hysterie warf sie sich auf den jungen Blank und begann, auf ihn einzuschlagen. Sie nahm noch die Waren, die in der Nähe lagen, und begann diese zu zerstören. Blank bemühte sich jetzt sie aufzuhalten und die Waren zu retten.

Viele Juden hatten aber schon draußen den Lärm gehört, der aus dem Geschäft der Blanks drang, und zum Laden kamen viel Menschen. Man war nun neugierig, was da wohl im Laden vor sich ginge, und einer der Ältesten trat vor und verlangte, dass man die Tür öffne.

Israel folgte dieser Aufforderung nicht. Aber nachdem der alte Mann es von ihm wieder und wieder eindringlich und lautstark verlangte, war er schließlich gezwungen, die Tür zu öffnen und den Fensterladen hochzuziehen. Jetzt entdeckte die ganze Versammlung die Tochter der Rosenbeins in Blanks Laden. Ihr Gesicht war verweint, ihr Kopftuch hing von den Schultern, ihr Kleid sah unordentlich aus, und Israel selbst war auch sehr aufgeregt.

Was treibst du hier, du Verdammter?“ fragten sie ihn.

Israel wusste nicht, was er antworten sollte und schwieg. Ruth war immer noch hysterisch und weinte unaufhörlich.

Schnell verbreitete sich in der Gemeinde das Gerücht, Israel habe sich mit der Tochter der Rosenbeins vergnügen wollen, bevor er mit der Tochter der Altenburgs verlobt werden sollte. Jetzt musste es der Rabbi entscheiden, was mit Israel geschehen sollte.

Am nächsten Tag, morgens früh, schickte der Rabbi der Gemeinde jemanden zu Israel und rief ihn zu sich. Der junge Mann solle mit seinem Vater kommen, aber alle wussten, dass dieser verreist war. Jedoch wollte oder konnte der Rabbi nicht warten, bis Mojsche zurückkäme.

Israel schloss das Geschäft und begab sich zum Rabbi. Im hinteren Raum der Synagoge warteten auf den jungen Blank außerdem noch zwei der Gemeinde- Ältesten.

Stimmt das, junger Mann, dass du die Tochter der Rosenbeins in deinem Laden vergewaltigen wolltest?“ fragte ihn der Rabbi, auch ein älterer Mann, sehr direkt.

Nein, das stimmt nicht“, parierte Israel.

Du solltest in Kürze mit der Tochter der Altenburgs verlobt werden oder?“ fragte der Rabbi.

Das stimmt“, antwortete Israel.

Warum hast du dann die Tochter der Rosenbeins in euren Laden geholt?“

Sie kam von selbst zu mir. Ich kannte sie schon vorher, weil ich früher des Öfteren bei jenen zu Gast war“.

Lass deine Lügerei, junger Mann“, sagte der Älteste, der am Vortag Israel gezwungen hatte, den Laden zu öffnen. „Ich habe gestern alles mit eigenen Ohren gehört, – wie sie weinte und schrie, mit eigenen Augen gesehen, dass ihre Kleidung zerrissen war. Du hast gestern versucht, die Tochter der Rosenbeins zu vergewaltigen. Das ist eindeutig“.

Ihre Mutter war auch gestern bei mir und sagte, dass du das Mädchen in den Laden gelockt hättest, als sie etwas bei dir kaufen wollte, und es niemand außer ihr im Laden war. Sie kam in den Laden herein, weil sie dich schon vorher kannte und dir vertraute“, erläuterte der Rabbi.

Israel wollte nun auch nicht länger schweigen und erzählte nun, was Ruth von ihm verlangt hatte und warum sie gestern zu ihm gekommen war.

Die Alten schwiegen eine Zeitlang, dann sagte der andere Älteste:

Wie ich sehe, dieser junge Mann ist nicht nur ein Vergewaltiger, sondern auch ein Lügner und Verleumder. Für so jemanden gibt es keinen Platz in der jüdischen Gemeinde“.

Der Rabbi stimmte ihm zu:

Du hast recht! Ich würde ihn sowieso aus der Gemeinde ausschließen“.

Dann sprach er zu Israel:

Wegen deiner Übeltaten schließe ich dich hiermit aus der jüdischen Gemeinde aus. Du musst bis morgen die Gemeinde verlassen“.

Israels Vater erfuhr davon noch am selben Tag, als er abends zusammen mit seinem älteren Sohn zurückkam. Mojsche wollte das auf keinen Fall hinnehmen; er ging zum Rabbi und verlangte die Entscheidung über seinen Sohn zurückzunehmen. Jedoch der Rabbi blieb hart.

Nur deinen Sohn Israel habe ich aus der Gemeinde ausgeschlossen, er muss auch alleine bis morgen die Gemeinde verlassen“, waren die letzten Worte Rabbiners.

Mojsche missachtete das und stand selbst neben seinen Söhnen am nächsten Tag im Laden. Die Juden versammelten sich vor dem Laden und verlangten von ihm, dass sein jüngerer Sohn sofort die Gemeinde verließe. Mojsche verteidigte Israel und nannte das alles einen Irrtum. Ihm mochte aber keiner mehr glauben, und auch die Altenburgs wollten Israel nicht mehr als Schwiegersohn haben.

In der Nacht wurden Mojsche und seine Frau, ihre beiden Söhne und die drei Töchter wach vom Brandgeruch: man hatte ihr Haus angezündet. Es gelang Mojsche mit seinen Söhnen die Flamme, wenn auch nicht so schnell, zu löschen.

Am nächsten Tag hing große schwarze Schlösser an den Türen des Hauses und des Ladens der Blanks, nachdem sie diesen leer geräumt und alle Waren und anderen Habseligkeiten auf einen großen Planwagen geladen hatten, den zwei Pferde zogen.

Nachdem die Blanks die jüdische Gemeinde Starokonstantinow verlassen hatten, gelangten sie nach Zhitomir, zu ihren Verwandten. Einige Tage später erklärte Israel seinem Vater:

Vater, ich möchte jetzt mich taufen lassen“.

Das erlaube ich dir nicht!“ schrie ihn Mojsche an. „Ich spreche mit dem Rabbi und du wirst hier wieder in die Gemeinde aufgenommen“.

Nein! Ich lasse mich taufen und gehe danach Medizin studieren“, erläuterte Israel.

Vergiss das!“ schrie Mojsche. „Einmal gab ich dir nach, als du nicht die Tochter der Rosenbeins, sondern die Tochter der Altenburgs heiraten wolltest. Jetzt erlaube ich dir keine Eigenwilligkeiten mehr! Oder du sollst nie wieder vor meinen Augen erscheinen: du bist nicht länger mein Sohn, wenn du dich taufen lässt“.

Abel stand wieder auf der Seite des Bruders, und Mojsche warf beide Söhne, nach einem langen Streit, der mehrere Tage dauerte, aus dem Haus.

Israel und Abel suchten danach den orthodoxen Priester in Zhitomir auf und baten ihn um einen Empfang. Der Priester hörte ihnen aufmerksam zu und fragte danach Israel selbst:

Du bist aus der jüdischen Gemeinde zu Unrecht ausgeschlossen worden. Jetzt suchst du nach der Gerechtigkeit. Wir als Orthodoxen Kirche können dir diese Gerechtigkeit anbieten“.

Ich will auch getauft werden“, äußerte auch Abel seinen Wunsch.

Darauf nannte der Priester den Tag der Taufe für die beiden Brüder.

Den Brüdern wurde erlaubt, alle ihre Sachen im Nebengebäude der Kirche abzuladen und selbst dort zu übernachten, bis der Priester eine bessere Unterkunft für sie gefunden hatte.

So bekam Israel nach der Taufe den Namen Alexander Dmitrijewitsch, sein Bruder den Namen Dmitri Dmitrijewitsch, aber ihr Nachname blieb nach wie vor Blank. Die beiden Brüder begannen danach gemeinsam Medizin zu studieren und wurden schließlich Ärzte.

Nach dem Studium heiratete Alexander Blank das Mädchen aus der reichen Familie Großschop. Diese war die Enkelin des bekannten schwedischen Juweliers Karl Ästedt, der aus Stockholm nach Sankt Petersburg umgezogen war. Ästedts Tochter heiratete Johan Großschop, einen Kaufmann aus Hamburg, der nach Petersburg als Repräsentant einer großen deutschen Firma kam. Deren Tochter Anna heiratete auch später Alexander Blank. Annas Vater bekam zu dieser Zeit noch eine gute Anstellung bei der Regierung in Petersburg.

Die Blanks hatten sechs Kinder, und Maria war Zweitjüngste aus dieser Ehe. Maria lernte Ilja Uljanow 1861 bei einem Empfang kennen. Ihr Vater, der zu dieser Zeit als Inspekteur der Krankenhäuser und Hospitäler mehrerer Bezirke einen jahrelangen und erfolgreichen Dienst hinter sich hatte, fand in Uljanow einen klugen und fleißigen jungen Mann mit Zukunft und gab ihm seine Tochter zur Frau. So konnte Ilja Uljanov zwei Jahre nach ihrer ersten Begegnung Maria Blank heiraten.

Das, dass Uljanow bereit war, sich für die bessere Bildung und bessere Erziehung einzusetzen, wurde von der Leitung des Gymnasiums und später auch vom Volksbildungsministerium gemerkt. So schickte man Ilja Uljanow als Inspekteur für die Volkschulen nach Simbirsk.

Uljanow engagierte sich in Simbirsk weiterhin für eine bessere Volksbildung und gleiche Bildungschancen für alle Völker Russlands. Da die Bildung mit den christlichen Werten verbunden war, konnte man die besser gebildeten nicht-christlichen Völker des Imperiums auch leichter zum Christentum bringen; und je gebildeter die Untertanen überhaupt wären, umso treuer wären sie andererseits auch dem Zar gegenüber. Auf jeden Fall war das das Hauptmotiv in der Tätigkeit Uljanows. Nachdem Anfang der 1870er Jahre der Volksbildungsminister Uwarow eine neue Ideologie für Russland formuliert hatte, wurde daraus das wichtigste Motto für das Zarenreich gebildet: der Zar, die Orthodoxie, das Volk. Und dies stärkte auch die Bedeutung der Volksschulen. Für seine Verdienste in dieser Richtung ernannte man Ilja Uljanow zum Direktor der Volkshochschulen des Gouvernements Simbirsk und er wurde noch in den Stand eines Adligen und Staatrates erhoben.

Als sie nach Simbirsk kamen, hatten die Uljanows zwei Kinder: die Tochter Anna und der Sohn Alexander. In Simbirsk wurden ihnen noch zwei Söhne und zwei Töchter geboren. Zwei weitere überlebten nicht. Ilja Nikolajewitsch liebte seine Kinder sehr und war stolz auf sie. Er war auch nur in seiner Familie glücklich. Denn er sich weiterhin unsicher fühlte und war leicht verletzbar durch seine Kollegen wegen seiner kalmückisch-tschuwaschischen Herkunft. Er konnte darüber mit niemandem sprechen und beschwerte sich nur über seine Arbeit, wenn sich die ganze Familie zum Essen versammelte: er sei nicht zufrieden damit, wie sich die Arbeit in den Volksschulen entwickele. Er beschwerte sich zu Hause auch nicht selten über die Beamten, die für die Volksbildung zuständig waren. Viele von ihnen seien unehrlich, gierig und würden nur im Sinn haben, das Volk zu bestehlen und die eigenen Taschen zu füllen. Da die meisten Beamten ihre Verwandten in den Behörden hätten, könnten sie auch ungestraft gegen die Gesetze verstoßen. Russland brauche ehrliche Juristen, die diese vor dem Gesetz zur Verantwortung ziehen würden.



          Alexander Uljanow

Ilja Uljanow bemühte sich dennoch darum, seine Kinder zum Fleiß, zur Liebe zum Volk und zur Treue dem Zar gegenüber zu erziehen. Es war zudem wichtig, dem Vaterland zu dienen und Gutes für es zu tun. Sie mussten noch ein frommes Leben führen: der regelmäßige Kirchenbesuch und ständiges Beten bildeten einen wichtigen Teil im Leben der Uljanows.

Die Kinder Uljanows hatten guten Ruf am Gymnasium in Simbirsk: Man hielt vor allem Alexander für einen sehr klugen, gut erzogenen jungen Mann, mit vorbildlichem Verhalten. Das älteste der Kinder, die Tochter Anna und insbesondere der zweite Sohn Wladimir waren vom älteren Bruder völlig begeistert und liebten ihn sehr. Alexander las viel über die Geschichte Russlands, über andere Länder, über Philosophie und Theologie, er berichtete dem jüngeren Bruder Wladimir davon und empfahl ihm selbst diese Bücher zu lesen. Hatten die beiden ein Buch gelesen, kam es öfter zur Diskussion. Sie diskutierten heiß über alles, aber mehr noch über die Länder und Personen, über die sie in den Büchern gelesen hatten.

Als Alexander sechzehn wurde, begann er öfter über die Gesellschaft und die Aufklärung zu reden.

Man sollte das Volk noch besser ausbilden als jetzt geschieht“, sagte er zu Wolodja. „Nur mehr Aufklärung, mehr gebildete Menschen und die Entwicklung der Wissenschaften können Russland in die Reihe der wohlhabenden europäischen Länder bringen“.

Die Gesetze sind auch sehr wichtig“, war die Meinung Wolodjas. „Nur dann kann es einer Gesellschaft gut gehen, wenn dort die Gesetze eingehalten werden. Das kann nur dann gelingen, wenn man gute Juristen hat“.

Alexander wusste, dass Wolodja Jurist werden wollte und unterstützte das. Er selbst träumte davon, ein berühmter Naturwissenschaftler zu werden: so könnte er der Heimat einen guten Dienst erweisen.

1883 ging Alexander an die Universität Sankt Petersburg, seine Schwester Anna begann gleichzeitig dort die Hochkurse für die Frauen zu besuchen. Beide sahen ihre Familie nun zweimal im Jahr: in den Winterferien und in den Sommerferien.

Anfang 1886 fühlte sich Ilja Uljanow plötzlich schlecht und legte sich ins Bett. Der Arzt konnte ihm nicht helfen, und bald starb er.

Es war sehr schwer für Maria Alexandrowna: Ilja Uljanow hinterließ sie mit sechs Kindern – drei Söhnen und drei Töchtern, alleine zurück. Sie fand trotzdem Mut und Kraft, die Familie weiterhin über die Runden zu bringen.

Im Sommer, einige Monate nach des Vaters Tod, fuhr Alexander mit dem Zug nach Sysran, von dort musste er mit der Postkutsche nach Simbirsk, zu seiner Familie. Der plötzliche Tod des Vaters machte Alexander sehr traurig, aber nun hatte er einen Grund zur Freude: seine Arbeit über die Ringelwürmer gewann im Studentenwettbewerb der Universität den ersten Platz und dies wurde mit einer Goldmedaille gewürdigt.

Als der Zug in Moskau anhielt, betrat ein Mann das Abteil, in dem Alexander saß, etwa fünfundzwanzig Jahre alt: er trug einen bereiten Sakko und Kappe und hatte einen Bart.

Hier ist noch frei?“ er zeigte auf den Platz gegenüber Alexander.

Alexander war sehr in ein Buch vertieft: er las weiter über die Ringelwürmer.

Ja, der Platz ist noch frei“, Alexander war davon nicht begeistert, dass der Mann seine Aufmerksamkeit abgelenkt hatte, und las weiter.

Der Mann stellte seinen Koffer ab und nahm Platz. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Eine Zeitlang schwieg der Reisegefährte Alexanders, aber beobachtete ihn aufmerksam.

Student?“ fragte er plötzlich wieder. „Wo studierst du und was?“

Mein Herr“, sagte Alexander abermals etwas mürrisch. „Sie stören mich, ich bin beschäftigt“.

Dann antwortete er aber trotzdem:

Ich studiere an der Universität Petersburg, in der Abteilung der Naturwissenschaften der Physischen – mathematischen Fakultät“.

Aha, klar“, sagte der Mann. „Und worüber ist das Buch, das du liest?“

Über die Organe der Ringelwürmer“.

Worüber? Ich habe nicht ganz verstanden“.

Über die Organe der Ringelwürmer“, wiederholte Alexander und ergänzte dann stolz: „meine Arbeit über die Teil- und Geschlechts-Organe der Ringelwürmer gewann den ersten Platz an der Universität mit einer Goldmedaille. Ich werde darüber jetzt auch eine Dissertation schreiben“.

Der Mann konnte nicht mehr an sich halten und lachte laut heraus:

Ha-ha-ha! Was bitte? Die Geschlechts-Organe der Ringelwürmer?“

Alexander war nun verwirrt und fragte den Mann aufgeregt:

Was gibt es denn hier zu Lachen, gnädiger Herr?“

Der Mann wurde jetzt auch ernst und fragte ihn:

Junger Mann, ich sehe, dass du ein kluger und fähiger Mensch bist. Aber findest du dann keinen anderen Bereich, um dein Wissen und Können zu verwirklichen?“

Ich tue das, was ich mag und denke nicht daran, das zu ändern“, sagte Alexander stolz.

Gut“, sagte der Mann. „Ich wohne auch in Petersburg. In Moskau war ich nur um einige Angelegenheiten zu regeln. Wann wirst du wieder in Petersburg sein?“

Ende August geht das neue Semester wieder los“, murmelte Alexander.

Komm doch ein Mal bei mir vorbei“, sagte der Mann, „dann sprechen wir über einige ernsthafte Dinge“.

Danach schrieb er etwas auf ein Stück Papier und gab dies Alexander:

Hier ist meine Adresse in Petersburg. Ich heiße Pjotr Schewyrjow“.

Dann erzählte Schewyrjow ihm von Alexander Herzen und Nikolaj Tschernyschewski, von deren Werke. Schließlich schenkte er ihm Herzens Buch „Geschehnisse und Gedanken“, bald danach verabschiedete er sich und stieg aus.

Dieser merkwürdige Mann beschäftigte Alexanders Gedanken nur für kurze Zeit, dann las er sein Buch über die Ringelwürmer weiter.

Da Anna früher mit Ihren Prüfungen fertig war, befand sie sich schon zu Hause als Alexander Simbirsk erreichte. Maria Alexandrowna trauerte noch immer wegen des Todes des Familienhauptes, andererseits war sie aber sehr glücklich, dass nun alle ihre Kinder wieder zusammen waren. Am nächsten Morgen lud die Mutter alle zum Familien-Frühstück: auf den Tisch lagen Pfannkuchen mit dem Schmand, Quarkpfannkuchen, Maultaschen und Pasteten.

Alexander stürzte sich auf das Essen:

Das fehlte mir wirklich alles in Petersburg!“

Anja, kochst du dort nicht? Du bist schon seit drei Jahren mit ihm in derselben Wohnung!“ beschwerte sich die Mutter über ihre älteste Tochter.

Mama, du kannst dir nicht vorstellen, wie viel ich am Tag lernen muss: um etwas aus der echten russischen Küche zu kochen, bleibt keine Zeit. Alle Studenten essen entweder in der Kantine oder kochen nur etwas Schnelles. Außerdem ist Sascha immer beschäftigt, manchmal kommt sogar nicht an den Tisch um mit mir zusammen zu essen“, Anna versuchte sich vor der Mutter zu rechtfertigen.

Sie hat recht, Mama“, verteidigte Alexander die älteste Schwester, „als Student hat man wirklich wenig Zeit. Und wenn wir immer so schön essen würden wie heute, würden wir vielleicht noch die Lust am Lernen verlieren“.

Die Mutter wandte sich dann wieder an den älteren Sohn:

Sascha, erzähl noch etwas davon wie du deine Goldmedaille gewonnen hattest“.

Anna hatte das von Alexander in Petersburg gehört und hatte es auch schon geschafft, der Mutter davon zu erzählen.

Das ist die ernsthafteste Arbeit, die ich bis jetzt erledigt habe“, begann Alexander. „Über die Organe der Ringelwürmer wurde bis jetzt nur wenig geschrieben. Das ist überhaupt eine noch wenig erforschte Wurm-Art. Ich möchte das Thema vertiefen und damit beweisen, wie wichtig die Entstehung und Entwicklung der primitiven Organismen für die Evolution war. Ohne zu wissen wie die Insekten gebaut sind und wie sie sich verhalten, kann man kein vollendetes Bild von der Evolution bekommen“.

Das ist alles sehr schön“, sagte die Mutter, „wenn ich auch nicht alles verstehe. Ich bin sehr stolz auf dich, Sascha!“

Was planst du jetzt, Sascha?“ fragte Wolodja.

Der Professor Awerinow hat mein Thema schon als Diplom- und Dissertationsarbeit bestätigt“, antwortete Sascha. „Es bleiben mir noch zwei Semester für den Abschluss. Danach werde ich auch weiter unter der Leitung Awerinows arbeiten. Er sagte mir, dass ich nach ihm den Lehrstuhl für Mikrobiologie in der Fakultät leiten müsse“.

Der berühmte russische Biologe Alexander Iljitsch Uljanow!“ tönte Wolodja, „du wirst auch der erste Gelehrte in der Familie Uljanow“.

Und die Anja wird die erste Lehrerin!“ schrie die vierzehnjährige Olga.

Alexander äußerte sich dazu:

Unser verstorbener Vater war selbst Lehrer. Und Anja wird jetzt die zweite Lehrerin in der Familie, weil unsere Mutter ebenfalls Lehrerein ist, wenn sie auch fast nur mit uns Kindern beschäftigt war“.

Und Wolodja der erste Jurist in der Familie Uljanow“, sagte Dmitri, der vor kurzem zwölf Jahre geworden war.

Wolodja muss aber noch mit dem Gymnasium fertig werden. Dann kann er studieren gehen“, auch die Kleinste der Familie, die zehnjährige Maria wollte ihren Geschwistern nicht nachstehen; das alles hatte sie schon mehrmals von der Mutter gehört.

Ja alles ist richtig!“ lächelte Alexander der jüngsten Schwester zu, „was willst du aber selbst werden, Mascha?“

Ich will auch Lehrerin werden, wie Anja!“

Ich werde auch Lehrerin“, pflichtete Olga ihr bei.

Schön, das freut mich“, sagte Anna. „Für die Vertiefung der Volksbildung braucht man noch sehr, sehr viele Lehrer, besonders aber Lehrerinnen“.

Und du Dmitri?“ fragte Alexander den jüngsten Bruder. „Vielleicht willst du auch Lehrer werden: man braucht auch viele männliche Lehrkräfte“.

Nein! Ich werde auch Jurist wie Wolodja, um alle diejenigen, die gegen die Gesetze verstoßen, zu bestrafen“, antwortete Dmitri stolz.

Ein Jurist muss nicht unbedingt Staatsanwalt oder Richter werden. Er kann auch Anwalt werden, um Menschen dagegen zu verteidigen, dass sie keine Strafe bekommen, die sie nicht verdient haben“, sagte Alexander und schaute Wolodja an. „Was würdest du dazu sagen, Wolodja?“

Ein Anwalt muss die Menschen verteidigen, die ungerecht gehandelt wurden, klar“, antwortete Wolodja. „Die Gesetze müssen vor allem genau befolgt werden, das ist wichtig“.

Gut“, wollte Alexander jetzt ein Schlusswort dazu sagen, „so haben wir in der Familie Uljanow, mit der Mutter zusammen, vier schöne Lehrerinnen, einen Lehrer, zwei Juristen und dazu noch einen Gelehrten“.

Schade, dass der Vater das nicht mehr erleben konnte“, sagte Maria Alexandrowna unter Tränen, aber auch freudig, „er wäre sehr stolz auf seine Kinder“.

Alle schwiegen traurig. Dann unterbrach Alexander das Schweigen:

Der Vater hat viel dafür getan, damit seine Familie und seine Kinder glücklich werden. Wir werden, Mama, uns alle auch sehr bemühen um den guten Namen des Vaters noch höher zu erheben! Dessen müssen wir alle sicher sein“.

Am selben Abend rief Maria Alexandrowna ihren ältesten Sohn zu sich.

Saschenka“, sagte sie zu ihm. „Du bist der älteste Sohn. Und weil dein Vater nicht mehr lebt, bist du nun selbst das Familienoberhaupt. Sie lieben dich alle sehr und vermissen dich…“

Ich weiß, Mutter“, antwortete Alexander, „ich liebe euch alle auch sehr“.

Wie ich aber sehe, hast du für uns immer weniger Zeit, sogar selbst für Anja, die dort neben dir lebt“.

Das ist nur jetzt so, Mama! Es bleiben mir noch zwei Semester: ich muss die Prüfungen und Examen bestehen und mein Diplom bekommen. Danach beginne ich sofort mit meiner Dissertation und das wird viel lockerer sein als jetzt und ich werde auch mehr Zeit haben für euch“.

Das wäre wirklich sehr schön, wenn es dazu käme“, sagte die Mutter. „Ich möchte jetzt mit dir noch über deine Geschwister sprechen. Anna hast du vor den Augen – was sie betrifft, bin ich einerseits beruhigt. Andererseits denke ich aber, dass nicht alle jungen Männer aus guten Familien ein gebildetes Mädchen heiraten wollen…“

Keine Sorge, Mama! Es gibt in Petersburg, unter den Studenten genug junge Leute aus den guten Familien, die gerne ein gebildetes Mädchen, so wie unsere Anna, heiraten wollen. Einige von meinen Studentenkameraden haben sie auch schon gesehen und sind sehr guter Meinung über Anna. Vielleicht findet sie schon dort einen Bräutigam, heiratet ihn und bleibt auch in Petersburg“.

Und du selbst Sascha? Wann gedenkst du zu heiraten?“

Ich werde auch ein gebildetes Mädchen heiraten; es gibt viele hübsche Mädchen, die studieren, so wie unsere Anja“.

Ich will, dass du auch mit Wolodja sprichst und ihm etwas mehr vom Studenten-Leben in Petersburg erzählst. Er braucht das jetzt sehr“, sagte die Mutter.

Gut, Mama! Ich tue das und gebe ihm schon jetzt Ratschläge für sein Studium“.

Maria Alexandrowna küsste ihren Sohn, wünschte ihm gute Nacht und ging dann selbst schlafen.

Alexander hatte aber auch während der Ferien wenig Zeit für die Familie: er stand morgens sehr früh auf und ging zu dem Tisch, auf dem er ein Mikroskop aufgebaut hatte. Unter dem Mikroskop betrachtete er ganze Tage die Schnitte der Organe der Ringelwürmer.


Zwei Monaten später war Alexander wieder unterwegs mit einer Postkutsche von Simbirsk nach Sysran. Der Wagen, war voll mit allen möglichen Leuten; da waren die Kaufleute, die aus Sysran neue Waren holen wollten, die Frauen der Beamten in niederem und mittleren Rang, die zur Hauptstadt weiter reisen wollten, und noch viele andere. Gelangweilt von solch einer kleinbürgerlichen Reisegesellschaft, wollte Aleksander wieder lesen. Schon wollte er sein Buch über die Ringelwürmer herausholen, als er plötzlich das Buch am Boden des Koffers entdeckte, das ihm der merkwürdige Mann, Pjotr Schewyrjow gegeben hatte. Es war merkwürdig, dass er sich an diesen Mann und dessen Buch in den letzten zwei Monaten nie wieder erinnert hatte. Vielleicht wäre es besser, das Buch dieses Mannes einfach wegzuwerfen: dieser Mann hatte Alexander gar nicht gefallen. Wie viele solcher Männer hatte er in den drei Jahren seines Studiums in Petersburg schon kennen gelernt: alle mit den großen Ansprüchen, mit der Überzeugung, sie seien die besten und klügsten. Und fast jeder empfahl oder schenkte ihm gar ein Buch. Wenn er all diese Dummheiten lesen würde, könnte er seine eigenen Forschungen nicht fortsetzen.

Alexander holte trotzdem das Buch aus dem Koffer und blätterte in ihm. Von Alexander Herzen und dessen Freund Nikolaj Ogarjow hatte er schon früher mal gehört. Man bezeichnte diese beiden als „englische Spione, die von London aus einen ideologischen Kampf gegen Russland führten“. Für englisches Geld, natürlich. Alexander wusste auch nicht, dass diese beiden nicht mehr am Leben waren. Er hatte auch schon von deren kritischen Zeitschriften gehört: Alexander traf Studenten, die ihm Exemplare davon geben wollten, er lehnte das jedoch ab: Politik war nichts für ihn, den künftigen großen Wissenschaftler. Trotzdem fand er jetzt den Schreibstil Herzens interessant, als er das Buch durchblätterte: er schrieb über seine Familie, die Kindheit, das Leben in Moskau. Dann fiel ihm eine andere Stelle auf.

Nach dem 14. Dezember änderte sich der Ton in der Gesellschaft offensichtlich“, schrieb Herzen, „der schnelle moralische Untergang bewies traurigerweise noch deutlicher, wie wenig unter den russischen Aristokraten das Gefühl ihrer eigenen Würde entwickelt war. Niemand hatte den Mut, außer deren eigenen Frauen, den Betroffenen gegenüber eigene Anteilnahme zu zeigen, ein warmes Wort über die Verwandten oder den Freunden zu sagen, denen man noch gestern die Hand drückte, die aber in der Nacht verhaftet worden waren. Hingegen tauchten nun die wilden Fanatiker der Sklaverei auf: einige voll von hasserfüllter Niedertracht, die anderen – noch schlimmer – unter dem Deckmantel der Uneigennützigkeit…“

Was für ein Unsinn! So ein Buch sollte man wirklich sofort wegwerfen. Alexander wollte das Buch schon weglegen, dann überlegte er sich doch anders und las weiter. Da stand an einer anderen Stelle:

Ich war vom Erzählten über den Aufstand, über das Gerichtverfahren, und von dem dadurch ausgelösten Schrecken in Moskau stark betroffen; mir öffnete sich eine neue Welt, die immer mehr und mehr zum Mittelpunkt meiner moralischen Existenz wurde. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen war, aber, es nur wenig oder sehr verworren verstehend, fühlte ich, dass ich nicht an jener Seite stehe, an der Kartätsche und Sieg, Gefängnis und Kette waren. Die Hinrichtung Pestels und seiner Mitstreiter haben meine Seele aus dem kindlichen Traum endgültig erweckt“.

Zu dieser Stelle schrieb der Autor auch eine Bemerkung:

Den Sieg Nikolajs über diese fünf Revolutionäre feierte man in Moskau mit Beten. Inmitten Kremls dankte Metropolit Philaret Gott für die Ermordungen. Die ganze Zaren-Familie betete mit, die Senatsmitglieder, die Minister beteten neben dieser mit; rings herum standen dichte Reihen der Gardisten, die, kniend, auch beteten. Die Kanonen donnerten von den Höhen hinter dem Kreml. Niemals erlebten die Galgen so eine Feier! Nikolaj hat die Wichtigkeit des Sieges verstanden! Als Junge mit vierzehn Jahren, verirrt in der Menschenmenge, war ich auch bei diesem Beten. Und hier, vor dem Altar, der vom blutigen Gebet entweiht worden war, schwor ich, für die Hingerichteten Rache zu nehmen und gegen diesen Thron, diesen Altar und diese Kanonen zu kämpfen. Ich habe es nicht gerächt; die Garde und der Thron, der Altar und die Kanonen – alles ist geblieben; aber auch nach dreißig Jahre stehe ich immer noch unter derselben Fahne, die ich niemals verlassen hatte“.

Alexander klappte das Buch zu und legte es wieder in den Koffer: er würde dieses Buch wegwerfen, wenn er in Petersburg ankomme. Dann holte er wieder sein Buch über die Organe der Ringelwürmer hervor. Es gelang ihm aber nicht mehr sich darauf zu konzentrieren; vor seinen Augen schwammen die Szenen aus dem Buch Herzens: die Galgen, Kanonen, Zar, Gardisten. Alexander holte wieder das Buch Herzens hervor und las weiter…

Als Alexander eine Woche später in Peterburg ankam, hatte er das Buch „Geschehnisse und Gedanken“ ganz durchgelesen. Niemals hätte er daran gedacht, dass ein Buch über die politischen Ereignisse für ihn so interessant sein könnte. Nun wollte er unbedingt von Herzen noch mehr lesen.

Pjotr Schewyrjow machte ihm die Tür selbst auf.

Oh, du bist das“, sagte der Mann als er Alexander vor der Tür sah. „Ich freue mich über deinen Besuch. Komm herein“.

Es war eine kleine Einzimmerwohnung in einem neuen Haus, nicht weit von der Stadtmitte. Das Zimmer war unaufgeräumt, alles lag chaotisch durcheinander auf dem Boden, auch sein Bett.

Schewyrjow lud ihn ein, am kleinen Tisch am Fenster Platz zu nehmen. Dann fragte er Alexander:

Du hast mir damals auch nicht gesagt wie du heißt“.

Ich heiße Alexander Uljanow“.

Schön!“ sagte Schewyrjow. „Hast du das Buch von Herzen gelesen?“

Ja, ich hab’s gelesen“, antwotete ihm Alexander.

Ich kann dir wieder etwas geben von ihm, auch von Tschrnyschewski, wenn du magst“.

Ich wollte nun gerne einige Exemplare von Herzens Heften „Polarstern“ und „Die Glocke“ anschauen, wenn du welche hast“.

Ja ich habe natürlich“, Schewyrjow stand auf und brachte bald darauf drei verschiedene Ausgaben von jedem Heft. „Übrigens, in eurer Fakultät, ich weiß nicht genau in welcher Abteilung, studiert Andrejuschkin. Er hat auch gute Literatur“.

Alexander wollte nicht mehr lange bleiben; er bedankte sich bei Schewyrjow und verließ bald darauf die Wohnung mit den Heften.

Mitte Herbst lernte Alexander in der Fakultät auch Pochomi Andrejuschkin kennen. Dieser war Student der Abteilung Chemie. Andrejuschkin lud Alexander ein, ihn in seiner Wohnung zu besuchen, in der er mit zwei anderen Studenten zusammen wohnte.

Auch hier in der Wohnung war alles chaotisch und unaufgeräumt. Andrejuschkin stellte Alexander zwei andere junge Männer vor:

Wassilij Generalow und Wassilij Ossipanow“.

Alexander gab den beiden die Hand:

Sehr angenehm. Ich heiße Alexander Uljanow: Student der Naturwissenschaften im vorletzten Semester“.

Wir haben von dir gehört“, plauderte Ossipanow. „Du bist Sekretär des wissenschaftlich-literarischen Rats der Universität und hast eine Goldmedaille für deine Arbeit bekommen“.

Ja das stimmt alles“, entgegnete ihm Alexander. „Ich bin heute aber wegen einer anderen Sache hier“.

Als sie alle am Tisch Platz genommen hatten, erläuterte Alexander:

Ich möchte noch etwas von Herzen, Ogarjow und Tschernyschewski lesen. Pjotr Schewyrjow sagte mir, dass ihr solche Bücher habt“.

Ah, du kennst auch Petja?“ fragte Generalow.

Und Petja war es auch, der Sascha zu uns schickte“, sagte Andrejuschkin und brachte danach einige Bücher aus einem anderen Zimmer.

Sascha, willst du auch Revolutionär werden?“ fragte Generalow, „was wird dann aus deiner wissenschaftlichen Arbeit?“

Es gibt noch andere Dinge außer der Wissenschaft, die man auch wissen muss“, war die Antwort des jungen Studenten-Forschers.

Dann komm zu uns, werde auch Mitglied unseres Vereins“, bot ihm Ossipanow an.

Was für ein Verein?“ fragte Sascha.

Unser Verein ist mit der Partei „Volkswille“ verbunden“, teilte jetzt Andrejuschkin mit. „Schewyrjow ist Leiter des Vereins und Kontaktmann zur Partei. Hat er dir das nicht erzählt?“

Nein“, Alexander war sichtlich überrascht, „Schewyrjow sagte mir kein Wort davon. Aber, hört mal, was für eine Partei „Volkswille“ ist das: doch nicht die, die den Zar vor fünf oder sechs Jahren her getötet hat?“

Genau, dieselbe“, betonte Generalow stolz.

Gibt es die überhaupt noch? Ich glaube es nicht“, deutete Alexander etwas verloren an, „hat die Regierung diese Terroristen nicht vor fünf Jahren völlig beseitigt?“

Nein!“ erwiderte Andrejuschkin feierlich, einen „Volkswille“ kann man nicht vernichten! „Volkwille“ lebt und wird immer weiter leben. Und unser Verein ist ein Teil der Partei und heißt „Terroristische Aktion des „Volkswille“.

Aber der Terror…“

Terror wird als ein erzwungener Pfad verwendet, nachdem alle andere Methoden des Kampfes versagt haben“, war die Antwort Andrejkuschkins.

Aber nein, danke! Das ist nichts für mich“, erklärte Alexander und wollte schon seine neuen zweifelhaften Bekannten verlassen.

Ich gebe dir noch ein Buch, Sascha“, hielt ihn Andrejuschkin auf, „von Nikolaj Dobroljubow; er ist früh gestorben, hat uns aber sehr gute Sachen hinterlassen. Das Buch heißt: „Wann kommt der echte Tag?“

Alexander steckte auch dieses Buch in seinen Beutel hinein und verließ die Wohnung.

Einen Monat lang hörte keiner der Vereinsmitglieder etwas von Alexander. Anfang November tauchte er wieder in deren Wohnung auf.

Vielen Dank, Pachomi, dass du mir Dobroljubows Buch gegeben hattest. Das ist wirklich ein schönes Buch! Dadurch habe ich viel Neues erfahren. Übrigens: in zehn Tagen ist der fünfundzwanzigste Todestag Dobroljubows. Wir können eine Demonstration in der Stadt zur Erinnerung an Dobroljubow durchführen. Was sagt ihr dazu“.

Alle Vereinsmitglieder äußerten die Bereitschaft, ihn dabei zu unterstützen. Das freute Alexander, und er sagte zu seinen neuen Bekannten:

Unter dem Eindruck dessen, was ich in letzten Monaten gelesen habe, habe ich selbst ein Programm verfasst; es besteht aus den Forderungen an die Regierung, um Russland freier und glücklicher zu machen. Ich lade euch alle am 10. November zu mir ein. Ich möchte es euch dann vorlesen“.

Alle Anwesenden waren bereit, Alexander zu unterstützen; Andrejuschkin übernahm die Aufgabe, auch die anderen Mitglieder dazu einzuladen.

Ein paar Tage vor der bevorstehenden Demonstration versammelten sich viele Studenten, und dazu einige Nicht-Studenten in der Wohnung, die Alexander und Anna gemietet hatten. Anna räumte die Wohnung schön auf, bereitete Piroggen zu, mit Fleisch und Kohl und kochte dazu Tee für alle. Anna war allerdings an diesem Tag nicht die einzige Frau, die mit dabei war: auch einige andere junge Damen waren anwesend. Der Leiter des Vereins Schewyrjow war auch selbst unter den Versammelten.

Alexander bedankte sich bei allen für ihr Kommen und sagte:

Ich möchte jetzt die Forderungen an die Regierung, die ich niedergeschrieben habe, vorlesen“.

Alle waren bereit, ihm zuzuhören. Alexander las vor:

Die endgültigen Forderungen für die Versorgung der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Volkes und seiner freien Entwicklung sind diese:

Die ständige volkseigene Regierung, die frei, mit direkter und allgemeiner Abgabe der Stimmen gewählt wird.

Die breite lokale Selbstverwaltung.

Die Selbstständigkeit der Gemeinde als eine ökonomische und administrative Einheit.

Die volle Freiheit des Gewissens, des Wortes, der Presse, der Versammlungen und Demonstrationen.

Die Nationalisierung des Grunds und Bodens.

Die Nationalisierung der Fabriken, der Betriebe und der Werkzeuge der Herstellung.

Die Ersetzung der ständigen Armee durch eine Bürgerwehr.

Die kostenlose Grundbildung“.

Großartig!“ sagte Schewyrjow. „Hier fehlt aber noch Einiges“.

Ich denke auch“, unterstützte ihn Alexandra Schmidowa, „irgendeiner Ergänzung bedarf es hier noch“.

Vor allem das: was wir tun werden, wenn die Regierung unseren Forderungen nicht nachkommt?“ ergänzte Schewyrjow.

Ich denke, wir sollten zunächst diese Forderungen an die Regierung stellen. Wenn sie diese nicht annehmen, können wir etwas anders unternehmen“, Anna Uljanowa war wie immer an der Seite ihres Bruders.

Die Diskussionen gingen weiter; einige waren dafür, die Forderungen Alexanders an die Regierung zusammen mit einer Warnung zu schicken, die anderen lehnten das aber ab und schlugen vor, sofort mit dem Terror gegen die Regierungsleute anzufangen. Man entschied sich schließlich, sich in zwei Wochen, nach der Demonstration wieder zu versammeln und über das weitere Vorgehen zu reden.

Am Tag der Demonstration kamen zum vereinbarten Ort in der Newa- Allee viele Studenten: das geschah wieder Dank der Bemühungen der Vereinsmitglieder und deren Arbeit unter den Studenten.

Heute ist der fünfundzwanzigste Todestag Nikolajs Dobroljubows“, begann Alexander seine Rede vor den Versammelten, „das war ein großer Mann, der uns, trotz seiner kurzen Lebenszeit, ein sehr bedeutsames Erbe hinterlassen hat. Aus Dankbarkeit ihm gegenüber haben wir auch heutige Demonstration organisiert“.

Mit einem großen Dobroljubows Porträt zog Alexander durch die Newa-Allee, die Menge folgte ihm. Bald hörte man allerdinngs die Parolen, die nicht unbedingt über Dobroljubow waren.

Gerechtigkeit! Freiheit! Eigenständigkeit!“ schrien die Studenten auf ihrem Zug durch die Newa-Allee.

An der Kasan-Kathedrale wurden sie von berittenen Gendarmen angehalten.

Trennt euch! Geht nach Hause! Schnell! Sonst müsst ihr mit sehr schweren Konsequenzen rechnen!“ schrie ihnen der Gendarmenoffizier entgegen.

Studenten hörten auf ihn nicht und schrieen ihre Parolen weiter:

Gerechtigkeit! Freiheit! Eigenständigkeit!“

Manche gingen noch weiter und schrieen:

Verbrecher! Korrupte! Blutssauger!“

Dann fingen andere an offen zur Rebellion aufzurufen:

Nieder! Nieder mit der Regierung! Nieder mit der Polizei und den Gendarmen!“

Die berittenen Gendarmen trieben ihre Pferde zwischen die Demonstranten und schlugen mit Peitschen auf sie ein. Alexander wollte ihnen noch etwas erklären, sie aufhalten, dann wurde er selbst niedergeknüppelt; das Porträt Dobroljubows wurde ihm entrissen und zerstört…

Zwei Wochen später, Ende November, versammelten sich erneut viele Studenten in der Wohnung Andrejuschkins. Zu dieser Versammlung des Vereins erschien Alexander wieder zusammen mit seiner Schwester.

Schewyrjow begrüßte die Versammelten und fing mit einer Ansprache an:

Diejenigen, die noch immer daran geglaubt haben, dass wir Verhandlungen mit der Regierung führen und auf diese einwirken können, haben bei der letzten Demonstration gesehen, wie illusorisch diese Hoffnungen waren. Der „Volkswille“ kennt nur eine Kampf-Methode: die Regierungsclique zu beseitigen und selbst die Macht zu ergreifen. Alles andere ist Träumerei der Liberalen, ist für die Schwätzer und Maulhelden! Wir müssen nun etwas Deutliches tun, wir müssen Zeichen setzen!“

Petja, das Volk ist aber derartig unterdrückt, dass es nicht in der Lage ist, eine Revolution im Land durchzuführen“, äußerte Generalow seine Meinung.

Dafür ist die Intelligenz da“, sagte Ossipanow.

Die Intelligenz wird die Revolution leiten. Wir brauchen aber Massen, die dahinter stehen“, erläuterte Schmidowa.

Der „Volkswille“ führt seit Jahren ständig Agitation unter den Arbeitern durch. Heutzutage sollte man nicht mehr mit einer Bauernrevolution rechnen, wie man es sich früher vorstellte. In Europa wird auch vor allem auf die Arbeiter gesetzt“, erwiderte Schewyrjow.

Alexander, der bis jetzt allen mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte, sagte jetzt:

So wie ich es mir erhoffte, kann man es leider nicht mehr anstellen. Ich gestehe meine bisherige Naivität und trete heute zusammen mit meiner Schwester Anna der „Terroristische Aktion der Partei „Volkswille“ bei. Ich arbeite jetzt an einem anderen Programm für unseren Verein und möchte dieses bald vorstellen. Dafür lade ich euch alle wieder zu uns ein. Den genauen Tag teile ich noch mit, wenn ich mit dem Programm fertig geworden bin“.

Kurz vor den Weihnachten versammelten sie sich alle wieder in der Wohnung Uljanows.

Ich möchte jetzt mein neues Programm offenlegen“; fing Alexander an und las vor: „Im Kampf gegen die Revolutionäre benutzt die Regierung extreme Formen der Verängstigung. Deswegen wird jetzt auch die Intelligenz gezwungen, zur extremsten Kampfesform zu greifen, um auf die Gewalt seitens Regierung zu antworten, das heißt, wir antworten mit Terror.

Der Terror ist also ein Zusammenstoß der Regierung und der Intelligenz, wenn die Möglichkeit der friedlichen kulturellen Einwirkung auf das öffentliche Leben geraubt wird. Der Terror soll systematisch wirken und die Regierung desorganisieren, er wird eine riesige psychologische Wirkung haben: er wird den revolutionären Geist des Volkes wecken. Die Fraktion soll für die Dezentralisierung des terroristischen Kampfes stehen: die Welle des roten Terrors muss auf alle Provinzen ausgedehnt werden, in denen das System der Verängstigung als Protest gegen die administrative Unterdrückung notwendig ist“.

Das ist schon etwas anderes!“ schrie ihn Schewyrjow freudig an.

Wie haben alle gesehen, dass es anders nicht geht“, erklärte Alexander. „Die letzte Demonstration zeigte, dass die Regierung uns keine anderen Methoden erlaubt, als gegen sie mit härtesten Mitteln zu kämpfen“.

Das ist wirklich ein Fortschritt, was Sascha gerade erläutert hatte“, erklärte Andrejuschkin, „die Zeit und die Politik lassen uns keine Möglichkeit, friedlich die Probleme zu lösen. Deswegen Terror, roter Terror!“

Sascha schlug vor, den roten Terror im ganzen Russischen Reich einzusetzen. Wie soll aber das genau vor sich gehen? Wen müssen wir zunächst beseitigen?“ fragte Generalow.

Den Zar selbst vor allem!“ sagte Ossipanow.

Besser wäre es, mit den Ministern anzufangen: mit dem Innenminister zum Beispiel“, entgegnete Schmidowa.

Es bringt viel mehr, wenn wir gleichzeitig in Petersburg, Moskau und auch in den Provinzen Terroranschläge durchführen: das wird die Regierung paralysieren“, äußerte Andrejuschkin seine andere Meinung.

Ich denke auch, wie Wasja Ossipanow, dass wir mit dem Zar anfangen sollten“, bedeutete Schewyrjow endlich. „Wenn der Zar getötet wird, wird tatsächlich die gesamte Regierung paralysiert, und wir können dann sofort die Macht übernehmen“.

Ich bin auch damit einverstanden“, äußerte sich Alexander nun dazu. „Denn jeder Organismus ist erst dann wirklich tot, wenn man ihm das Haupt abschlägt. In unserem Fall ist der Zar das Oberhaupt des Organismus, der als Regierung bezeichnet wird. Ist er tot, bricht die ganze Regierung zusammen“.

Einverstanden“, sagte Anna.

Das geschah aber 1881 nicht; damals war es vergebens. Den getöteten Alexander den Zweiten ersetzte auf dem Thron dessen Sohn Alexander der Dritte, der jetzige Zar“, sagte Generalow.

Damals hat man viele Fehler gemacht, diese dürfen sich nicht wiederholen. Wir müssen auch einen Plan für die Machtübernahme vorbereiten“, sagte Ossipanow.

Wie aber übernehmen wir die Macht?“ fragte erneut Generalow. „Haben wir erst den Zar getötet, was tun wir danach? Die Beamten, die Armee, Polizei, Gendarmerie – all diese sind noch lebendig“.

Es gibt schon viele unter den Arbeitern, die auf unserer Seite sind. Nachdem wir den Zar getötet haben, organisieren wir zunächst einen Volksrat, aus den Arbeitern bilden wir die revolutionären Truppen und bewaffnen diese“, stellte nun Ossipanow seine Position vor.

Und können denn die bewaffneten Arbeiter erfolgreich gegen die Armee kämpfen?“ fragte Generalow wieder skeptisch.

Warum sollte die Armee gegen die Arbeiter kämpfen?“ stellte Ossipanow die Gegenfrage. „Wer sind denn die Arbeiter – es sind die ehemaligen Bauern, die ihre Dörfer verlassen haben, um mit einer sehr schweren Arbeit ihr Brot zu verdienen. Und wer sind die Soldaten – es sind die ehemaligen Bauern, die für die Armee rekrutiert wurden. Warum sollten sie dann quasi gegen sich selbst kämpfen?“

Wie müssen die Agitation unter den Arbeitern verstärken und diese auch unter den Soldaten beginnen“, sagte Schewyrjow dazu.

Wie soll es dann in den Provinzen vor sich gehen?“ fragte wiederum Generalow.

In den Provinzen wird es ungleich einfacher“, antwortete ihm erneut Ossipanow, „wir erklären dem Volk, dass nun Grund und Boden ihm gehört. Warum sollten sie dagegen sein?“

Jetzt kommen wir zum Schluss: ich möchte, dass auch die heutige Versammlung einen Beschluss fasst, wenn ihr nicht dagegen seid“, erklärte jetzt Alexander.

Ja mach das, Sascha“, sagten die anderen.

Alexander fuhr fort:

Auf der heutigen Versammlung wurde der rote Terror als einzige Methode unseres Kampfes angenommen. Wir beginnen damit, ein Attentat auf den Zar selbst vorzubereiten und durchzuführen. Hebt jetzt bitte die Hände, wer damit einverstanden ist“.

Alle hoben die Hand.

Einstimmig angenommen“, sagte Alexander. „Deswegen ist es unnötig die Frage zu stellen, wer dagegen ist und wer sich enthalten hat. Jetzt die andere Frage: wann sollen wir mit den Attentats-Vorbereitungen anfangen? Bald beginnen die Winterferien. Mein Vorschlag wäre, Ende Januar mit den Vorbereitungen anzufangen. Wer ist damit einverstanden?“

Wieder hoben alle die Hand.

Wieder einstimmig angenommen“, plauderte Alexander. „Ich erkläre hiermit die Versammlung geschlossen“.

Anfang Januar 1887 kamen Alexander und Anna wieder nach Hause, aber nur für eine Woche. Die Mutter bemerkte das Alexander und Anna irgendwie nachdenklich schienen. Sie erklärte sich das damit: beide seien erschöpft nach den Prüfungen und dem langen Weg und bräuchten Erholung. Maria Aleksandrowna bemühte sich deswegen auch dieses Mal sehr darum, den beiden älteren Kindern ihr hausgemachtes Essen und Erholung anzubieten und alle ihre Gedanken kreisten um diese Beiden.

Andererseits wurde Alexander in den Diskussionen mit Wolodja, die der jüngere Bruder wieder gerne mit ihm führen wollte, immer verbissener. Damit erstaunte er Wolodja auch immer mehr, aber dieser wollte nicht, sich gegen den älteren Bruder mit der gleichen Härte durchsetzen.

Ich denke, dass der Zar zu gutherzig ist“, fing eines Tages wieder Wolodja beim Frühstück an. „Die Verbrecher müssten härter bestraft werden“.

Die wahren Verbrecher aber, die, die es verdient haben“, korrigierte ihn Alexander.

Die es verdient haben, natürlich! Wie könnte es anders sein?“ die Erklärung des älteren Bruders verwunderte Wolodja erneut.

Hier mischte sich Anna ein:

Alexander meint, dass die Urteile nicht immer entsprechend sind“.

Wieso?“ Wolodja zog die Schultern hoch.

Zum Beispiel, wenn es um Korruption geht“, antwortete Alexander. „Es gibt viele Korrupte unter den Gerichtsbeamten: ob das nun die Staatsanwälte sind, selbst unter den Richtern oder sogar die Vollstrecker“.

Was kann der Zar dafür, wenn ein Beamter korrupt ist?“ Wolodja war wieder einmal mit dem ältesten Bruder nicht ganz einverstanden.

Wäre der Zar gerecht, könnten seine Beamten nicht korrupt sein“, antwortete ihm Alexander. „Denn auch hier ist alles miteinander verbunden: an der Spitze sitzt der Zar, um ihn herum sind die Hofleute, die Minister, der Polizei-Chef und der Gendarmerie-Chef. Das sind diejenigen, die den Willen des Zaren überall umsetzen, auch in den Provinzen. Und was ist dieser Wille, weiß du: die Reichen zu unterstützen, das Volk noch stärker zu unterdrücken. Das ist alles, darum nur geht es“.

Ein anderes Mal fragte Wolodja ihn danach, was die Wahrheit sei.

Die Wahrheit ist immer anders als wir denken“, sagte ihm Alexander. „Man kann nur dann zur Wahrheit gelangen, wenn man viel gelesen und viel nachgedacht hat“.

Aber, Sascha, das letzte Mal sagte der Priester in der Kirche, dass der Mensch die Wahrheit nicht erkennen könne. Denn die Wahrheit sei Gott selbst und Gott sei unerkennbar…“

Wolodja! Man kann die Wahrheit wirklich nicht erkennen, wenn man nichts dafür tut. Die Wahrheit kann man nur selbst erkennen: durch Lesen und Denken und auch dann nur mit Einschränkungen. Jemand, der ein bequemes Leben führen will, kann die Wahrheit nicht erkennen. Dein Priester, zum Beispiel. Ihr geht alle mit der Mutter jeden Sonntag in die Kirche, die Mutter spendet jedes Mal etwas Geld wie alle anderen auch. Was macht der Priester mit diesem gesammelten Geld? Was denkst du? Er nimmt das alles für sich. Wenn auch nicht alles, dann doch den größten Teil. Und dann erzählt er, dass die Wahrheit unerkennbar sei. Er will nicht, dass jemand solch eine Wahrheit entdeckt, dass er dahinter kommt, was er mit dem in der Kirche gesammelten Geld macht. Er ist deswegen gegen die Wahrheit! Zunächst muss man diese kleinen Wahrheiten sehen und verstehen können, nur so kann man auch zur großen Wahrheit kommen, zur absoluten Wahrheit“.

Wolodja hatte früher nie solche Worte von Sascha gehört und konnte nicht verstehen, warum jetzt Sascha so verändert war.

Das Unverständnis unter den Brüdern wuchs weiter. Wladimir wurde vor allem durch diese Erläuterungen des älteren Bruders verwirrt: die Kirche solle nicht mit dem Zarenhaus verbunden sein und der Mensch müsse selbst entscheiden, ob er die Kirche besuchen will oder nicht. Wladimir sah aber selbst wie der Kirchenbesuch der Mutter half, selbst die Gespräche mit dem Priester. Ohne Religion könnte sie die ganze Last der Familie nicht durchstehen. Und die Heilige Zarenmacht! Wieso steht nun sein Bruder ihr so kritisch gegenüber? Er fand Alexander nach wie vor großartig und unvergleichbar, hörte ihm weiterhin begeistert zu, konnte aber immer seltener dessen Erklärungen zustimmen.

Jetzt erzählte Alexander ihm von Buch Raditschews „Eine Reise von Moskau nach Petersburg“, von den Gedichten Rylejews, von Pestel und seinem Verfassungsentwurf „Russisches Gesetz“. Noch dazu von einem Mann, der in London lebte: Alexander Herzen. Er sagte selbst, dass diese Bücher verboten und ihre Autoren als „außerhalb des Gesetzes stehend“ erklärt worden seien. Wladimir machte sich manchmal Gedanken wegen Alexander, denn es war ihm bekannt, dass öfter junge Leute verfolgt und festgenommen wurden, wenn die Behörden bei ihnen revolutionäre Stimmung entdeckten. Er hoffte aber sehr, dass Gott es nicht zuließe, dass seinem Bruder etwas geschähe: denn die Mutter würde das nicht überleben. Wolodja wollte mit Alexander noch Gespräche, – die für ihn wichtig waren -, über sein künftiges Jura-Studium führen, er fuhr aber schon Mitte Januar mit Anna zusammen wieder nach Petersburg zurück.

Zwei Monate später, Mitte März, am letzten Schultag vor den Osterferien rief die Lehrerin am Gymnasium Wera Kaschkadamowa Wolodja zu sich und gab ihm einen Brief für die Mutter:

Wolodja“, sagte sie. „Diesen Brief an Deine Mutter schickte mir jemand aus Petersburg. Hier steht, dass Alexander und Anna festgenommen seien. Es gab in Petersburg wieder einen Versuch den Zar zu töten. Die beiden werden verdächtigt, unter den Verschwörern zu sein. Ich denke aber, das ist ein Irrtum. Denn wir alle wissen, wie Anna und Alexander erzogen sind. Das passiert öfter, wenn ein Attentat stattfindet: man nimmt alle fest, die in der Nähe waren und nur an der falschen Stelle die Straße überquert haben. So gib das auch an Maria Alexandrowna weiter. Du bist jetzt das älteste der Kinder, wenn Anna und Alexander nicht da sind. Sag der Mutter, auch in meinem Namen, dass das alles sicherlich ein Irrtum sei. Anna und Alexander müssen bald wieder freigelassen werden“.

Wolodja war sehr besorgt über das, was ihm die Lehrerin erzählt hatte. Unterwegs öffnete er den Brief und las ihn selbst nochmal. Sie seien der Mordverschwörung gegen den Zar verdächtig? Wie konnte so etwas sein? Könnte sein Bruder gegen die Heilige Macht die Hand erheben? Nein, daran glaubte er nicht. Es könnte sein, dass die Polizei ihn mit einem Revolutionär verwechselt hat: es wird sich bald aufklären. Wieso aber hat man Anna festgenommen? Die Untersuchung braucht das vielleicht, das ist ja eigentlich nur Untersuchungshaft, für die beiden.

Als Wolodja eintrat, war die Mutter mit der Dienerin beschäftigt: Maria Alexandrowna erklärte ihr gerade, warum sie mit deren Arbeit nicht ganz zufrieden sei und was diese anders tun solle.

Mama“, sagte Wolodja zu ihr, „ich muss Dich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen “.

Gut, fang jetzt an und ich komme dann, um alles nochmals nachzuprüfen“, sagte Maria Alexandrowna zur Dienerin und schickte sie wieder an die Arbeit.

Was gibt es, Wolodja?“ fragte sie ihren Sohn.

Wolodja reichte ihr den geöffneten Brief:

Mama, du solltest dir auf keinen Fall Sorgen machen. Das ist eher ein Missverständnis. Das benötigt aber die Untersuchung“.

Maria Alexandrowna nahm den Brief an sich und ging in ihr Zimmer:

Ich muss meine Penzinne holen“.

Es waren nur wenige Minuten vergangen, als Wladimir aus dem Zimmer der Mutter einen lauten Aufschrei und Stöhnen hörte…

      Wolodja Uljanow

Einst, sechs Jahre vorher, erschreckte Alexander Wladimir durch die Nachricht:

Hast Du schon gehört, Wolodja, die Revolutionäre vom „Volkswille“ haben den Zar getötet! Sofia Perowskaja hat alles geleitet! Ich gehe jetzt um über das Weitere zu erfahren.“

Als Wolodja dies hörte, rannte er ins Zimmer der Mutter und schrie, aufgewühlt:

Mama, Mama, hast du gehört, die Revolutionäre haben den Zar getötet!“

Maria Alexandrowna war gerade beim Gebet, neben ihr standen die jüngeren Geschwister Wladimirs.

Oh Gott, behüte uns, schütze und rette uns! Für die Kinder vor allem bitte ich Dich, oh Allmächtiger, um Deinen Schutz!“

Die Mutter kniete vor der Ikone der Gottesmutter mit dem Jesuskind, war tief traurig, wischte sich ihre Tränen mit dem Handrücken aus den Augen und fuhr fort im Gebet.

Wolodja, Wolodja, komm zu mir, mein Junge!“ die Mutter rief ihn zu sich. „Wo ist Alexander?“

Wladimir sagte, dass der Bruder schon aus dem Haus gegangen sei.

Er muss auch zum Beten herkommen“, verlangte die Mutter.

Dann beteten alle Kinder zusammen mit der Mutter zu Gott, baten ihn um Frieden und Glück für die Familie…

Wolodja hatte eigentlich nur noch zwei Wochen Ferien, doch der Direktor erlaubte ihm noch einen weiteren Monat Abwesenheit: der Leiter des Gymnasiums, Fjodor Kerenski, war ein Freund seines verstorbenen Vaters und zeigte nun auch Verständnis der Familie gegenüber. So fuhr Wolodja mit der Mutter zusammen zu den Verwandten nach Petersburg; sie wollten dort Alexander sehen und die Gerichtsversammlungen besuchen.

Das erste Treffen mit dem gefangenen Alexander wurde ihnen schwer gemacht: alle fünfzehn gefassten Attentäter landeten in der Festung Schliesselburg; man wollte sie dort bis zum Ende des Prozesses und der Verkündung des Gerichtsurteils wie politische Gefangene behandeln. Aber trotzdem gelang es der Mutter und Wolodja, einen Besuch zu erwirken. Die Mutter brach in Tränen aus, als sie ihn sah, aber Alexander selbst war sehr ruhig und gefasst, er benahm sich so, als sei mit ihm gar nichts geschehen. Über die Details seiner Festnahme wollte er nichts erzählen, Wolodja gelang es dennoch, mehr darüber zu erfahren, mit welcher Gruppe der Revolutionäre sein Bruder Verbindung hatte. Mit dem „Volkwille“, natürlich, mit wem denn sonst?..

Zu der letzten Gerichtsverhandlung wurden die Verwandten nicht zugelassen. Und einige Tage später erfuhren sie, dass das Gericht alle fünfzehn Teilnehmer am geplanten Attentat auf den Zar zum Tode verurteilt habe. Die Mutter war untröstlich, ihre Tränen trockneten nie. Trotzdem versuchte sie sich vor den Verwandten, wie immer, tapfer zu zeigen.

Eines Tages war die Gräfin Orzhewskaja zu Gast bei den Verwandten der Mutter. Der Gatte der Gräfin arbeitete im Volksministerium und hatte den verstorbenen Ilja Nikolajewitsch auch gut gekannt. Sie versuchte die Mutter zu trösten und zum Schluss übergab sie ihr einen Brief an den General Orzhewski, einen Cousin ihres Gatten, der wiederum ein Freund des Innenministers, des Grafen Tolstoj, war.

Schon bald nachdem Maria Alexandrowna den Brief der Gräfin zusammen mit ihrer eigener Bitte an ihn geschickt hatte, erhielt sie eine Antwort vom General: Graf Orzhewski sei bereit sie zu empfangen.

General Orzhewski empfing sie, nachdem Wladimir mit der Mutter einen halben Tag im Vorzimmer auf ihn gewartet hatte.

Als sie eintraten, schüttelte Orzhewski den Kopf:

Es ist sehr schade, dass unsere Kinder manchmal so einen falschen, gefährlichen und sündigen Weg gehen“.

Dann nahm er einen Stapel Papiere vom Tisch auf und blätterte in diesen.

Hm… jetzt sehen wir doch mal…“, sagte der General und las laut vor: „Ilja Nikolajewitsch Uljanow. Zeigte sich von der guten Seite als Lehrer am Gymnasium in Nizhni Nowgorod, danach auch als Inspekteur der Volksschulen in Simbirsk, später sogar als deren Direktor. Immer zeigte er Treue gegenüber Ihrer Kaiserlichen Hoheit und brachte das auch in den Schulen seinen Schülern bei. Gestorben am Bluterguss ins Hirn …“

Der General stand auf, lief eine Minute im Zimmer auf und ab und wandte sich dann an Maria Alexandrowna:

Gar nicht schlecht: Ihr Ehemann war ein würdiger, throntreuer Mensch. Sein Sohn wurde aber zum Revolutionär! Gab es von der Seite Ihres verstorbenen Gatten oder von Ihrer Seite jemand, der früher eine Verbindung zu den Revolutionären hatte?“

Nein, auf keinen Fall, Euer Wohlgeboren“, antwortete Maria Alexandrovna unter Tränen, „weder von meiner Seite noch von der Seite des verstorbenen Ilja Nikolajewitsch gab es irgend jemanden, der sich gegen die Ordnung gestellt hätte. All unsere Verwandten sind gehorsame, throntreue und gläubige Menschen“.

Sie begann erneut zu weinen.

Gut, Maria Alexandrowna“, antwortete General. „Ich werde dann selbst für Ihren Sohn vor Ihrer Kaiserlichen Hoheit Führsprache halten und darum bitten, das Todesurteil durch zehn Jahre Zwangsarbeit in Sibirien zu ersetzen. Nach fünf Jahren kann sich Ihr Sohn dort frei ansiedeln und wenn er sich für weitere fünf Jahre von seiner guten Seite zeigt und den Kontakt zu den Revolutionären wirklich abbricht, kann er zurückkommen…“, Der General seufzte. „Er ist noch jung, er kann in dieser Zeit seine Sünde büßen, seinen eigenen Fehler und Irrtum einsehen und dann wieder auf die Beine kommen“.

Vielen Dank, Euer Wohlgeboren“, Maria Alexandrowna versuchte ihre Träne jetzt zu unterdrücken. „Ihr wisst nicht, wie dankbar ich Euch bin. Trotzdem fasse ich den Mut Euch noch etwas zu fragen: wie groß ist die Möglichkeit, dass Ihre Kaiserliche Hoheit einverstanden sein werden, das Gerichtsurteil zu ändern“.

Alle wissen, dass General Orzhewski sich nicht für jeden einsetzen würde. Das weiß Ihre Kaiserliche Hoheit auch. Bis jetzt wurde es nie abgelehnt, wenn ich mich für jemanden einsetzte. Auch diesmal wird es nicht anders sein. Seien Sie bitte beruhigt. Was ich von Ihnen nur noch brauche, ist die Bittstellung an den Zaren. Diese muss Ihr Sohn selbst schreiben. Sie könnten dann alles andere mir überlassen“.

Die Mutter bedankte sich beim General sehr herzlich, sie wollten schon gehen als der General sich an Wladimir wandte:

Sie sind der Bruder des Revolutionärs Alexander Uljanow, nicht wahr, mein Herr?“

Das stimmt ganz genau, Euer Wohlgeboren“, antwortete Wladimir, ohne zu verstehen, worauf der General mit dieser Frage an ihn abzielte.

Wie alt sind Sie denn?“ fragte der General wieder.

Ich werde bald siebzehn, Euer Wohlgeboren“, antwortete Wladimir.

Welche Beschäftigungen haben Sie, mein Herr?“ fragte jetzt Orzhewski.

Er wird bald das Gymnasium beenden“, antwortete die Mutter für den Sohn; auch sie konnte nicht verstehen, wozu der General das alles fragte.

Wollen Sie wohl auch ein Studium beginnen?“

Ja, ich will Jura studieren“, sagte Wladimir.

Das ist schön, sehr schön“, sagte General, „was kann besser sein als die jungen Leute ins Studium zu schicken? Aber…“ Orzhewski hörte auf zu reden und dachte eine Zeitlang an etwas. „Aber warum gibt es immer mehr Revolutionäre unter den Studenten? Das ist die Wirkung der Propaganda der Feinde Russlands. Überall, auch in Europa haben jetzt alle erkannt, dass wir bald das mächtigste Reich der ganzen Welt werden und sie wollen das verhindern. Sie agitieren unsere Kinder, hetzen sie auf gegen das Russische Reich, versuchen sie dazu zu bringen, sich gegen unseren heiligen Staat zu stellen. Und sie wollen durch die Hände unserer eigener Kinder Ihre Kaiserliche Hoheit jetzt umbringen lassen. Das haben ja einige sogar vor sechs Jahren geschafft, – den Zar zu töten! Die Hand gegen Ihre Kaiserliche Hoheit zu erheben heißt die Hand gegen Gott selbst zu heben!“ Der General wurde nun wütend. “Die Feinde Russlands schaffen aber es nicht, unser Land in die Knien zu zwingen!“ Dann wandte er sich wieder an Wladimir: „Seien Sie, mein Herr, vorsichtig! Lassen Sie sich nicht von der feindlichen Propaganda beeinflussen. Adieu meine Herrschaften!“

Als Maria Alexandrowna mit Wladimir zusammen Alexander wieder im Gefängnis besuchte, berichtete sie von ihrem Besuch und ihrem Erfolg beim Grafen Orzhewski. Sie teilte Alexander die freudige Nachricht mit, dieser lehnte jedoch das Gnadengesuch ab. Die beiden versuchten ihn zu überreden, aber alles Bitten war vergeblich.

Maria Alexandrowna war jetzt völlig verloren und hoffnungslos und konnte nicht mehr davon ablassen, auch vor den Verwandten unaufhörlich zu weinen. Wladimir saß immer neben ihr und versuchte sie zu trösten. Dann sagte er zur Mutter:

Wir haben noch etwas Zeit, die Petition zu stellen. Ich gehe alleine um mit Alexander zu sprechen, bevor ich nach Simbirsk zurückfahre“.

Die Mutter weinte nur weiter, statt etwas dazu zu antworten.

Wladimir bekam bald erneut die Erlaubnis zu einem Treffen mit dem Bruder in dessen Zelle in der Festung Schliesselburg.

Sascha, ich bin gekommen, um dich darum zu bitten, deine Entscheidung zu ändern. Wenn du diese Petition an den Zar richtest, wird das Gerichtsurteil geändert, du wirst nach Sibirien geschickt, statt aufgehängt zu werden“, sagte er dem ältesten Bruder.

Was bedeutet es schon, wenn ich, ein Revolutionär, der den Zar töten wollte, aufgehängt werde? Wenn das russische Volk täglich dieses Schicksal erleidet? Würde ich eine Bitte um Vergebung schreiben, würde das bedeuten, dass sie gewonnen hätten. Nein, Wolodja! Niemals werde ich das tun! Das verspreche ich euch!“

Sascha! Aber die Mutter! Du kannst dir nicht vorstellen, wie unglücklich sie ist. Sie überlebt es nicht, wenn du hingerichtet wirst“.

Nein, Wolodja, auch wegen der Mutter nicht… Es gibt niemanden, für den ich meine Entscheidung ändern würde“.

Wenn nicht für die Menschen, dann vielleicht für Gott … denn es ist eine Sünde, wenn man sein eigenes Leben nicht rettet…“

Für Gott?“, Alexander lächelte bitter. „Das ist auch eine Sünde vor Gott, wenn man die schreiende Ungerechtigkeit sieht und sie zulässt“.

Du sollst aber diese Bittschrift an den Zar richten, Sascha, glaube mir. Wenn nicht wegen der Mutter, dann wegen deiner jüngeren Geschwister. Denke nach: was wird mit denen geschehen, wenn es die Mutter nicht mehr gibt“.

Gut! Ich schreibe die Petition an den Zaren, aber nur wegen unserer Mutter und der kleinen Geschwister. Morgen wird sie fertig sein“, sagte Alexander.

Wladimir kehrte sehr freudig zurück; er war stolz, dass er es geschafft hatte, den Bruder zur Bittstellung zu überreden. Am nächsten Tag besuchte er gemeinsam mit der Mutter erneut das Gefängnis und holte die Bittstellung ab. Alexander hatte geschrieben:

Eure Kaiserliche Hoheit! Es ist mir vollkommen bewusst, dass der Charakter und die Eigenschaften der von mir geplanten Tat und meine Beziehung dazu mir weder das Recht noch den moralischen Grund dafür liefern, sich an Eure Hoheit mit der Bitte um Erleichterung meines Schicksals zu wenden. Aber ich habe Mutter, deren Gesundheit in den letzten Tagen stark geschwankt hat, und die Vollstreckung des Todesurteils an mir würde ihr Leben in ernsteste Gefahr bringen. Im Namen meiner Mutter und meiner minderjährigen Geschwister, die keinen Vater mehr haben und in ihr den einzigen Halt finden, habe ich mich entschlossen, Eure Hoheit darum zu bitten die Todesstrafe durch irgendeine andere Strafe zu ersetzen. Eure Gnade wird die Kräfte und die Gesundheit meiner Mutter zurückholen. Sie wird so ihrer Familie zurückgegeben, für die ihr Leben so sehr wertvoll ist, und mich wird dies vom qualvollen Bewusstsein befreien, dass ich zum Grund des Todes meiner Mutter und des Unglücks über meine ganze Familie werde.

Alexander Uljanow“.

Die Mutter war außer sich vor Freude, nachdem sie die Bittstellung Alexanders gelesen hatte und wollte nun den General Orzhewski erneut treffen.

Der General empfing Maria Alexandrowna und Wladimir ein zweites Mal und versprach ihnen alsbald alles zu erledigen. Danach fuhr Wladimir wieder nach Simbirsk zurück, die Mutter blieb noch für eine gewisse Zeit in Petersburg.

General Orzhewski schickte Alexanders Bittstellung zusammen mit seiner eigenem Befürwortung an die Sonderkommission des Senats, die auch das Todesurteil für alle fünfzehn Revolutionäre gefällt hatte. Diese leitete Alexanders Petition an den Zar weiter. Jetzt musste der Zar die Bestrafung für jeden Verurteilten bestätigen.

Eines Tages rief der Zar General Orzhewski zu sich.

Wie kann es sein, Graf, dass Ihr Euch für jemanden einsetzt, der ein allerschlimmster Terrorist ist?“ fragte der Zar.

Ich verstehe, Eure Kaiserliche Hoheit! Ich hatte nur deshalb den Mut Euch darauf aufmerksam zu machen, weil der Vater Uljanows ein sehr treuer, verdienter Mensch war, und die Mutter dann mit den minderjährigen Kindern alleine wäre …“, sagte Orzhewski.

Es geht aber um deren Sohn!“ unterbrach ihn der Zar unwirsch, „es ist Euch doch bekannt, Graf, dass ich am Anfang überhaupt gegen den Gerichtsprozess war? Ich empfahl, alle Beteiligten in der Festung Schliesselburg einzusperren und sie dort für viele Jahre zu vergessen“.

Ja, das ist mir bekannt, Eure Kaiserliche Hoheit“.

Wisst Ihr warum ich meine Meinung geändert hatte? Deswegen!“

Der Zar zeigte Orzhewski mehrere Papiere mit langen Listen.

Das ist das Programm der so genannten „Terroristischen Fraktion des „Volkswille!“ setzte der Zar fort. „Und das hat kein anderer, sondern Uljanow selbst geschrieben. Die Untersuchung hat festgestellt, dass der Leiter des Vereins Pjotr Schewyrjow war. Aber dessen Ideologe ist Uljanow! Außerdem war Schewyrjow in Jalta, als man es plante, hier auf mich eine Bombe zu werfen, und das alles hat Uljanow geleitet. Und so jemanden soll ich begnadigen?“

Der Zar hatte recht: Uljanow hatte die Leitung der Vorbereitung des Attentats auf den Zaren übernommen, nachdem er gegen Ende Januar 1887 aus Simbirsk zurückgekehrt war. Zu seinem großen Erstaunen fand er Schewyrjow nicht mehr in Petersburg vor. Nach den Worten Andrejuschkins hatte sich dieser nach Jalta begeben, um seine Tuberkulosen behandeln zu lassen. Man durfte aber keine Zeit mehr verlieren.

Man sollte nun die Bomben herstellen. Ein Mitglied des Vereins, Olga Ananjina, war bereit, das Sommerhaus der Familie, hinter Petersburg gelegen, dafür zur Verfügung zu stellen. Alexander und Andrejuschkin brachten dorthin die nötigen Sprengstoffe und Zünder, um die Bomben herzustellen.

Ende Februar versammelten sich die Vereinsmitglieder wieder in der Wohnung Andrejuschkins. Alexander leitete die Versammlung und teilte allen mit:

Die Bomben sind bereits fertig. Andrejuschkin, Generalow und Ossipanow werden die Bomben auf den Zar werfen. Gorkun und Kantscher müssen auf der Straße warten und sobald der Wagen des Zaren erscheint, müssen sie den Werfern sofort ein Zeichen geben. Die Route des Zaren haben wir schon festgestellt: am 28. Februar muss der Zar zur Kasaner Kathedrale fahren. Wie stets, führt seine Route über die Newa Allee“.

Alexanders Plan wurde wiederum einstimmig angenommen.

Am 28. Februar, früh am Morgen, schickte Alexander die Signalgeber und Bombenwerfer zur Newa-Allee. Er selbst wartete, mit vielen anderen zusammen, in der Andrejuschkins Wohnung auf Nachricht von ihnen. Der Zar hat sich jedoch entschieden, nicht an diesem, sondern am nächsten Tag zur Kasaner-Kathedrale zu fahren. Uljanow musste nun die ganze Operation am 1. März wiederholen.

Am 1. März 1887 waren es sechs Jahre nach der Ermordung des letzten Zaren durch den „Volkswille“. Das war ein weiterer wichtiger Grund, an diesem Tag die Polizeikontrollen in Petersburg zu verstärken. Die Polizei überwachte allerdings schon lange vorher die verdächtigen jungen Studenten, die bei der Demonstration an Dobroljubows Todestag auf sich aufmerksam gemacht hatten. Ihre Kontakte und ihre Korrespondenz entging ebenso wenig der Kontrolle. Und dies geschah nicht nur in Petersburg.

Gegen Ende Februar fing die Polizei in Charkow einen Brief an den Studenten Nikitin ab und öffnete ihn. Jemand schrieb ihm unter anderem:

Bei uns ist der grausamste Terror möglich, und ich glaube fest, dass das geschieht und in einer sehr nahen Zeit“.

Die Polizisten nahmen Nikitin sofort fest und verhörten ihn. Nikitin gestand, wer ihm diesen Brief geschrieben hatte: ein Student der Petersburger Universität namens Andrejuschkin. Diese Nachricht wurde sofort nach Petersburg telegrafiert. Allerdings begannen die Polizei-Agenten hier erst am 28. Februar damit, die Wohnung Andrejuschkins zu überwachen: dass an diesem Tag viele junge Leute dessen Wohnung besuchten, verstärkte den Verdacht gegen ihn. Am 1. März, morgens früh, richtete der Innenminister Graf Dmitri Tolstoj seinen Bericht an den Zar:

Eure Kaiserliche Hoheit! Gestern wurde der Chef der Sankt Petersburger Geheimabteilung durch seine Agenten davon benachrichtigt, dass ein Verein von Übeltätern beabsichtigt, ein Attentat auszuführen. Zu diesem Zweck verfügen diese über Wurfgeschosse, die ein aus Charkow Stammender von dort geliefert hat“.

Die Polizei wusste allerdings noch nicht genau, ob diese jungen Leute, die sie seit zwei Tagen überwachten, wirklich ein Attentat durchführen wollten, und begann vorsorglich all diese festzunehmen. So gelang es den Polizisten zunächst den Signalgebern Gorkun und Kantscher, bald darauf auch alle Werfern an der Newa-Allee samt deren Bomben habhaft zu werden, und das wenige Stunden vor dem Erscheinen des Wagens des Zaren.

Der Polizeichef erkannte, dass die Signalgeber jünger und unsicherer waren als die Werfer und begann zuerst auf diese harten Druck auszuüben, sie zu verängstigen und ihnen dazu noch etwas zu versprechen:

Ich sehe, dass ihr viel jünger seid als die anderen, die wir mit den Bomben erwischt haben. Wenn ihr alles offen gesteht und erzählt, was ihr über die Organisatoren des Attentats wisst, passiert euch nichts. Wenn aber ihr das nicht tut, lasse ich die anderen laufen und mache euch beiden an allem schuldig. Dann werden nur ihr Beide aufgehängt, die anderen aber werden freigelassen“.

Das wirkte tatsächlich auf die jungen Leute und es dauerte nicht lange bis sie alles gestanden; sie erzählten alles, was sie über den Verein, dessen Leiter und seine Mitglieder wussten. Aufgrund dieser Geständnisse wurde Uljanow festgenommen und Schewyrjow aus Jalta nach Petersburg überstellt. Danach führte die Polizei Massenverhaftungen durch und nahm in wenigen Tagen fast hundert junge Leute fest.

Die Untersuchung dauerte nur zwei Wochen, und nach deren Beendigung wurden nur fünfzehn Menschen vom Gericht angeklagt. Diese waren außer den Leitern des Vereins, wie Schewyrjow und Uljanow, die Bombenwerfern und Signalgebern, auch noch diejenigen, die bei der Lieferung der Sprengstoffe und der Herstellung der Bomben sowie bei der Vorbereitung der Terroraktion mitgeholfen hatten. Mehrere andere bekamen administrative Bestrafungen; unter ihnen war auch Anna Uljanowa, die für fünf Jahre nach Sibirien verbannt wurde.

Innenminister Tolstoj wurde bald darauf vom Zar empfangen. Der Innenminister gab dem Zar seinen ergänzten Bericht zu den Geschehnissen an diesem Tag.

Eure Hoheit“, sagte der Innenminister, „nachdem die Polizei alle Verdächtigen festgenommen hat, besteht keine Gefahr mehr durch die Verschwörer. Um unnötige Gerüchte zu vermeiden, wollte ich Eure Hoheit um die Erlaubnis bitten, einen Sonderbericht über das Geschehene vorzubereiten“.

Ich bin einverstanden, Graf! Ich lese Euren Bericht aufmerksam und verfasse daraufhin eine Resolution “.

Nachdem der Innenminister gegangen war, las der Zar den Bericht und überlegte: Wieso soll man wirklich die jungen Leuten, diese Studenten vor Gericht stellen? Unter ihnen gibt es bestimmt solche, die in der Zukunft Russland gut dienen können und etwas zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen können.

Zar Alexander verfasste dann eine Resolution als Antwort auf den Bericht des Innenministers:

Ich billige es völlig, und es wäre besser, diesen Arrestanten keine besondere Bedeutung beizumessen. Meiner Meinung nach, sollte man von ihnen alles, was nur möglich ist, herausbekommen, sie aber nicht vor Gericht stellen, sondern ohne unnötiges Aufsehen in die Festung Schliesselburg schicken: das wäre die stärkste und unangenehmste Bestrafung für jene“.

Einige Tage später bekam der Zar jedoch „Das Programm der Terrorfraktion der Partei „Volkswille“ in seine Hand. Nachdem Russlands Herrscher das durchgelesen hatte, reagierte er äußerst empört und schrie:

Ich dachte, das sind harmlose junge Studenten, die nur von der Idee der „Volkswille“ – Terroristen angesteckt sind! Diese haben jedoch noch weit schlimmere Ideen, als die alten „Volkswille“ – Terroristen!“

Dieser Alexander Uljanow! Wie kam ausgerechnet er dazu, diese extrem gefährlichen Ideen zu entwickeln?

Der Zar verfasste eine Resolution als Antwort auf das Programm Uljanows:

Das sind nicht die Notizen eines Verrückten, sondern eines echten Idioten!“

Graf Tolstoj bereitete bald wieder einen Bericht an den Zar über diese Ereignisse vor, vertieft und weiter ergänzt. Diesen ergänzte er durch die Auskünfte über die Festgenommenen. Als Alexander der Dritte das alles gelesen hatte, erinnerte er sich wieder an das Attentat, das sechs Jahre vorher durchgeführt worden war. Seinen Vater, tödlich verletzt von den Bombenwerfern am Newa-Ufer, brachte man an den Hof zurück. Der Thronfolger, Zarewitsch Alexander saß neben ihm am Bett, auf dem der Zar lag, dessen Körper von Bomben zerrissen war, und hielt die Hand seines Vaters fest in seiner Hand.

Alexander, du muss immer sehr vorsichtig sein“, flüsterte ihm der sterbende Zar zu. „Die werden immer mehr, diese Revolutionäre… Gott schütze Dich…“

Darauf schwieg der Vater, einige Stunden später starb er.

Dieses Mal rettete uns Gott! Wie lange aber noch?“ schrieb der Zar an seinen Innenminister zurück. „Ich danke den Polizisten aller Ränge, dass sie nichts versäumten und so erfolgreich handelten. Wenn Ihr etwas mehr erfahrt, schickt mir auch das bitte sofort zu“.


Maria Alexandrowna und Wolodja besuchten die Gerichtsversammlungen und hörten aufmerksam zu, was man dort sagte. Die Sonderkommission des Senats führte nicht nur den Gerichtsprozess, sondern stellte noch die Beschuldigungen den abgesichteten Attentätern. Einer der Senats-Mitglieder stellte Alexander die Frage:

Herr Uljanow, Sie kommen aus einer vorbildlich frommen, adligen und reichen Familie. Ihr Vater war Staatsrat, ein sehr zarentreuer und verdienter Mann. Für Sie selbst ist man an der Universität des Lobes voll; sie waren Sekretär des Gelehrtenrates der Universität – als Student bekommt man solche Position sehr selten – Sie haben eine Goldmedaille für Ihre Arbeit bekommen und waren schon auf dem Weg zu Ihrer Dissertation. Wir haben auch gehört, dass so bekannte Gelehrte wie Professor Dmitri Mendelejew und auch noch andere Professoren Sie unbedingt für ihre Lehrstühle gewinnen wollten. In ein paar Jahren wären Sie dann selbst Professor geworden. So eine hervorragende Karriere in einer kurzen Zeit! Was hat Sie aber dazu bewegt, aus diesem Weg auszusteigen und ein Attentat gegen Ihre Kaiserliche Hoheit vorzubereiten, ein Programm für die Verbreitung des Terrors zu schreiben, anstatt weiter über Ihre Ringelwürmer zu forschen? Vielleicht wollen Sie eine Reue-Erklärung abgeben, das würde Ihnen auch die Schuld mindern und sie könnten auf eine mildere Bestrafung erhoffen“.

Alexander stand neben den vierzehn weiteren Beschuldigten, hinter dem Gitter im Gerichtssaal. Nun stand er auf und sprach:

Sehr geehrte Senatsmitglieder, sehr geehrte Anwesende! Es gibt unter uns viele, die ein gutes, sattes Leben führen, sich nur mit sich selbst beschäftigen und nie daran denken, wie es den anderen ergeht. Auch mein Leben verlief lange Zeit so, bis mir eines Tages die Augen geöffnet wurden. An jenem Tag habe ich verstanden, wie unglücklich das Volk Russlands ist. Es gibt zwar keine Leibeigenschaft mehr in unserem Land. Aber das Leben der Bauern in den Provinzen wurde dadurch nicht erleichtert, auch nicht nach der Abschaffung der Leibeigenschaft. Weil man die Bauern befreit hatte, ohne ihnen eigenes Land zu geben. Ohne Grund und Boden kann ein Bauer nicht frei sein! Wovon soll er denn leben, wenn er nirgends ein Feld zu beackern und einzusäen hat? Heute ist der russische Bauer weiterhin von seinem Gutbesitzer abhängig wie zuvor: und die Gutbesitzer handeln sie noch immer wie Sklaven, lassen sie sehr schwere Arbeit für einen handvollen Weizen zu vernichten. Und diejenigen, die ihre Dörfer verlassen haben, müssen heute für ein Stück Brot, Sklavenarbeit in den Fabriken verrichten. Manchmal arbeiten diese zwei-drei Tage durch, ohne sich erholen zu können! Sie haben Recht, Herr Richter: ich wäre in ein paar Jahren selbst Professor, ich würde vielleicht weltberühmt werden wegen meiner Forschungen über die Ringelwürmern. Aber dadurch könnte ich das Leben des russischen Volks nicht erleichtern! Wie kann ein Gelehrter glücklich sein, wenn sein Volk unglücklich ist? Wie kann man überhaupt glücklich sein, wenn man immer wieder die Leiden seines Volkes sieht?“

Und soll das der Grund sein, dass ein Gelehrter zum Terroristen wird?“ fragte ein anderes Senatsmitglied.

Nein! so denke ich nicht: ich bin überhaupt gegen jegliche Gewalt! Sie wissen das selbst, aus unseren Forderungen, die ich am Anfang an die Regierung gerichtet habe: dort ging es nur um die Grundfreiheiten, deren Einführung man bei uns schon seit Jahrzehnten fordert“.

Nein, ich bin damit ganz und gar nicht einverstanden, Herr Uljanow. Diese Forderungen an die Regierung überschreiten deutlich das, was Sie Grundfreiheiten nennen: das sind revolutionäre Forderungen! Sie hätten sie trotzdem der Regierung unterbreiten können: vielleicht hätte man nicht alles, aber doch das eine oder andere davon wirklich berücksichtigt“, sagte wieder das erste Senatsmitglied.

Das fanden wir aber nicht mehr sinnvoll, nachdem unsere Demonstration zur Erinnerung an den Todestag Dobroljubows von der Gendarmerie gewaltsam aufgelöst wurde. Wir haben gesehen, dass die Regierung für diese Forderungen taub ist und sie würde nichts unternehmen, um im Land irgendetwas zu verbessern. Ich habe schon gesagt, dass ich selbst gegen den Terror war! Wir waren aber in unserer Verzweiflung zum Terror zu greifen. Wir sahen keine andere Möglichkeit mehr, gegen die Regierung und gegen die herrschende Lage zu protestieren. Terror ist nicht die Ursache, Terror ist die Wirkung! Die Wirkung der Politik, die die Regierung ausübt und nichts daran verändern will. Deswegen empfinde ich auch keine Reue: es ging nicht anders“.

Zar Alexander der Dritte unterzeichnete allerdings nur für fünf der fünfzehn Todesurteile; einige wurden nach seiner Entscheidung für viele Jahre in der Festung Schliesselburg gefangen gehalten, die anderen mussten Zwangsarbeit in Sibirien verrichten.

Die Todesurteile mussten im Sommer, in der Festung Schliesselburg vollstreckt werden, – ohne Öffentlichkeit.

In Morgengrauen führten die Scharfrichter alle fünf zu Tode Verurteilten zum Ort der Hinrichtung. Da es nicht möglich war, einen großen mehrschläfrigen Galgen in der Festung zu errichten, reichte dieser nur dafür aus, gleichzeitig drei Verurteilte aufzuhängen. Deswegen mussten zwei von ihnen warten, nämlich Uljanow und Schewyrjow.

Die Henker brachten zunächst die drei Verurteilten zum Galgen. Der Priester ließ sie das Kreuz küssen und betete für die Rettung ihrer Seelen. Als sie auf den Richtplatz stiegen, legten die Henker den Strick um ihren Hals.

Es lebe „Volkswille!“ schrieen nacheinander Andrejuschkin und Generalow.

Nach ihnen wollte auch Ossipanow das gleiche schreien, er schaffte es aber nicht mehr: man zog ihnen schon die schwarzen Hauben über den Kopf, öffnete die Klappe unter ihren Füßen und alle drei fielen bis zum Gürtel hinunter, am Strick baumelnd, und bald darauf waren sie tot.

Uljanow und Schewyrjow wirkten auch sehr gefasst. Schewyrjow schob die Hand des Priesters mit dem Kreuz zurück, Uljanow hingegen küsste das Kreuz und sagte zum Priester:

Beten Sie auch für uns!“

Einige Tage später berichtete man in den Zeitungen über die Hinrichtung der fünf zu Tode verurteilten Verbrecher.

Wolodja erwartete auf die Rückkehr der Mutter aus Sankt Petersburg; sie sollte mit einer guten Nachricht zurückkommen. Darüber, dass das Todesurteil für Alexander für ihn durch Zwangsarbeit in Sibirien ersetzt worden sei.

An einem Tag, Ende Mai, stand Wolodja wieder wie gewohnt morgens früh auf. Er machte Gymnastik, wusch sich, frühstückte und begann sich wieder auf die Prüfungen vorzubereiten. Es war gerade mitten im Abitur und vor ihm lagen noch mehrere Prüfungen.

Kurz nach Mittag erblickte Wolodja durch das Fenster den Sohn des Direktors des Gymnasiums Kerenski, den siebenjährigen Saschka, der offenbar auf dem Weg zu ihm war. Nicht nur der Direktor Kerenski war ein guter Freund von Wolodjas Vater gewesen, sondern es waren auch deren Gattinnen und Kinder freundschaftlich verbunden. Wolodja beschützte zudem den kleinen Saschka gegen die Quälereien der älteren Jungen.

Wolodja öffnete das Fenster:

Ja, was gibt es denn, Saschka? Hat dich wieder jemand verprügelt? Sag mir nur, wer es war!“

Nein, Wolodja! Ich möchte dir heute eine andere Sache mitteilen! Eine sehr wichtige!“ antwortete Saschka.

Ja komm herein. Aber ich habe heute sehr wenig Zeit für dich, ich muss mich auf die Prüfungen vorbereiten“.

Wolodja zog Saschka durch das Fenster ins Zimmer.

Ja, sag mir, was du sagen wolltest, Saschka!“

Saschka holte eine Zeitung hervor, die er unter seinem Hemd versteckt hatte.

Wolodja, die Zeitung brachte gestern Abend der Vater mit nach Hause“, sagte Saschka geheimnisvoll und aufgeregt. „Guck mal was hier steht über deinen Bruder Sascha“.

Wolodja nahm ihm die Zeitung schnell ab und suchte nach der Nachricht, von der der Junge redete. Auf der ersten Seite stand schon mit großen Lettern: „Die fünf Staatsverbrecher wurden in der Festung Schliesselburg aufgehängt“. Darunter stand auch der Name Alexander Uljanow…

Das Haus Uljanows war nun in der tiefen Trauer, man lief und sprach hier viele Tage sehr leise. Die Mutter aß viele Tage selbst kaum etwas, nachdem sie aus Petersburg zurückgekehrt war, und die Kinder aßen auch nur wenig. Man versuchte zwar, die Hinrichtung Alexanders auch weiter vor dessen jüngeren Geschwistern geheim zu halten, sie wussten aber das alles schon; unter den Nachbarn, am Gymnasium sprachen nun alle davon, dass Alexander Uljanow wegen des geplanten Anschlags auf den Zar aufgehängt worden sei.

Jetzt kam zu ihnen kaum noch jemand zu Besuch, selbst ihre Verwandten kamen nicht mehr. Auf der Straße und an der Schule zeigten alle mit Fingern auf sie, als die Mutter und die Geschwister des aufgehängten Attentäters. Die Uljanows wollten auch nicht mehr in Simbirsk bleiben und zogen auf das Familiengut in der Nähe von Kasan, nachdem Wolodja sein Abitur abgeschlossen hatte.

Ende August bestand Wladimir die Aufnahmeprüfung für das Jura-Studium und begann an der Universität Kasan zu studieren. Drei Monate nach Studienbeginn kam es zu einer Demonstration der Studenten in Kasan. Man wollte die Kontrolle über die Studenten verstärken und Verdächtige sogar überwachen. Als Protest dagegen gingen die Studenten auf die Straße, auch Wladimir nahm daran teil. Er gehörte auch zu den festgenommenen Studenten, nachdem die Gendarmerie-Truppen die Demonstration aufgelöst hatten.

Aha, Wladimir Iljitsch Uljanow! Seid Ihr nicht der Bruder Alexander Uljanows?“ fragte ihn der Untersuchungsrichter beim Verhör.

Ja, ganz genau: ich bin es“, antwortete Wolodja.

Jetzt verstehe ich, warum Sie unter den Demonstranten waren, aber das andere verstehe ich nicht: was suchen Sie unter den Studenten? Die Universität ist kein Ort für Sie, Herr Uljanow“.

Zwei Wochen später wurde Wladimir wieder auf freien Fuß gesetzt. Aber schon am ersten Tag, wenn Wolodja die Universität wieder besuchen wollte, wurde er zum Präsidenten gerufen.

Es tut mir sehr leid, Herr Uljanow“, begann der Präsident der Universität sofort als Wolodja hereinkam. „Bei uns sind Sie kein Student mehr: politisch unzuverlässige Menschen können nicht an der Universität studieren“.

Gegen Ende Dezember kehrte Wladimir mit dieser schlechten Nachricht nach Simbirsk zurück.

Maria Alexandrowna bemühte sich, den Sohn zu trösten:

Du kannst aber das Examen extern machen, Wolodja“.

Das gab Wolodja neue Hoffnung. Anfang 1888 hatte er angefangen den ganzen Jura Kurs für den Diplom-Abschluss selbstständig zu studieren. Im Frühjahr 1890 schickte Wolodja die erste Bitte an den Bildungsminister, im zu erlauben, externe Prüfungen und Examen fürs Jura-Diplom zu machen. Einige Monate später erfolgte die Absage ohne eine besondere Erklärung des Grundes. Wolodja war schon fast verzweifelt, als Maria Alexandrowna ihm wieder die Hoffnung gab:

Du kannst deine Bitte wiederholen, Wolodja. Schreib nochmals ans Ministerium“.

Wolodja schickte zum zweiten Mal die Bitte an den Minister und erhielt etwas später erneut eine Absage. Und diesmal war Wolodja wirklich verzweifelt.

Eines Nachts hörte Maria Alexandrowna laute Schreie und wurde wach. Was sollte das sein? Sie trat aus ihrem Zimmer und schaute ins Kinderzimmer: Olga, Dmitri und Maria schliefen ruhig. Wolodja hatte jetzt ein eigenes Arbeitszimmer, wo er auch schlief. Durch die Glastür sah sie, dass das Licht in Wolodjas Zimmer brannte. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, vernahm sie wieder laute Schreie:

Nieder mit der Regierung! Nieder mit dem Zar!“ schrie Wolodja.

Wolodja stand auf einem Hocker, über ihn hing ein Strick; er legte den Strick um seinen Hals und stieß sich vom Hocker ab.

Nein! Wolodja!“ schrie die Mutter und rannte zu ihm.

Schnell schob sie den Hocker wieder unter die Beine des Sohnes, stieg den auf den Hocker, und lockerte den Strick um seinen Hals, löste ihn und brachte Wolodja wieder auf den Boden. Wolodja konnte aber nicht mehr auf den Beinen stehen und fiel. Die Mutter warf sich neben ihn und legte den Kopf des Sohnes in ihren Schoß.

Wolodja! Wolodja!“ rief Maria Alexandrowna und weinte. „Wie kannst du das tun? Warum denkst du nicht an mich, Wolodja? Wie soll ich weiter leben, wenn du so etwas machst? Was geschieht dann mit deinen kleinen Geschwistern, Wolodja? Warum hast du daran nicht gedacht?“

Ich kann nicht mehr, Mama… Ich kann nicht mehr leben, glaub mir…“ sagte Wolodja.

Nein, Wolodja! Du muss leben, für deine Mutter und deine Geschwister!“

Mama, ich habe Alexander gezwungen, die Bittstellung an den Zar zu schreiben. Ich fühle mich schuldig gegenüber Alexander, Mama! Ich habe ihn sich erniedrigen lassen durch die Bittstellung. Und trotzdem wurde er dann aufgehängt“.

Was hättest Du sonst tun können, Wolodja?“ die Mutter weinte, „das war der Wille des Zaren. Und der Zarenwille ist heilig“.

Heilig?“ fragte Wolodja bitter. „Ist das die Heilige Zarenmacht, Mama, die die begabten Studenten, die Zukunft Russlands, aufhängen lässt? Ist das die Heilige Kirche, die die Hinrichtung der jungen Leute segnet? Zar und Kirche gehören wirklich zusammen, aber das Volk gehört nicht dazu: das habe ich jetzt verstanden. Kirche und Zar unterdrücken gemeinsam das Volk und betrügen es. Das ist eine Lüge, wenn man sagt: Zar, Orthodoxie und Volk“…

Wolodja, ich verstehe, dass du sehr verbittert bist. Aber trotzdem, sag so was nicht. Erinnere dich, wie wichtig deinem Vater diese Aussage war“.

Wolodja schwieg eine Zeitlang, dann sagte er:

Ich hoffte sehr, eines Tages juristisch beweisen zu können, dass Sascha das Todesurteil nicht verdient hat. Man gibt mir diese Möglichkeit aber nicht, Mama!“

Wolodja, du musst nicht verzweifeln! Ich schreibe jetzt selbst an den Bildungsminister, ich erinnere ihn nochmals an die Verdienste deines Vaters! Falls es nötig wird, fahre ich selbst wieder nach Petersburg, ich erreiche aber wenigstens, dass du die Erlaubnis für ein externes Examen bekommst“.

Am nächsten Tag schrieb Maria Alexandrowna einen Brief an den Volksbildungsminister Deljanow.

Sehr geehrter Herr Minister!

Ich, die Witwe des verstorbenen Staatsrates Ilja Nikolajewitsch Uljanow, Maria Alexandrowna Uljanowa, belästige Euch heute wegen meines Sohnes Wladimir Uljanow. Mein verstorbener Gatte Ilja Nikolajewitsch widmete sein ganzes Leben der Volksbildung, er eröffnete in mehreren entfernten Orten des Gouvernements Simbirsk neue Volksschulen, damit sich auch die Kinder dort bilden könnten. Seine Verdienste wurden von der Regierung immer hoch geschätzt.

Mein Sohn Wladimir Uljanow hat das Gymnasium mit einer Goldmedaille abgeschlossen und ging im August desselben Jahres an die Kasaner Universität um Jura zu studieren. Ende 1887 wurde er aus der Kasaner Universität ausgeschlossen, wegen seiner Teilnahme an einer Studenten-Demonstration. Sonst hat mein Sohn bisher keinen einzigen Verstoß gegen das Gesetz begangen. Er will hingegen selbst Jurist werden, um das Gesetzt zu schützen. Zwei Jahre lang bereitete sich mein Sohn darauf vor, den ganzen Jura-Kurs extern zu absolvieren. Zwei Mal schickte er an Euch die Bitte, ihm ein externes Examen in Jura zu erlauben. Zwei Mal erhielt er eine Absage und ist jetzt sehr verzweifelt, besonders nach der zweiten Absage. Heute Nacht befreite ich meinen Sohn mit eigenen Händen von dem Strick, mit dem er sich erhängen wollte. Wäre ich nur ein paar Minuten später gekommen, wäre mein Sohn heute nicht mehr am Leben. Ich fürchte jetzt sehr, dass er wieder einen Selbstmord begehen kann.

Ich bitte Euch sehr, Herr Minister, meinem Sohn Wladimir Uljanow zu erlauben, extern den ganzen Jura Kurs an der Petersburger Universität zu absolvieren und das Examen abzulegen.

Hochachtungsvoll,

Maria Alexandrowna Uljanowa“.

Nach zwei Monate erhielt Wolodja die Erlaubnis für die externen Prüfungen und das Jura-Examen an der Petersburger Universität.

Nachdem Wolodja im Frühjahr alle Prüfungen bestanden hatte, legte er gegen Ende 1891 das Examen ab. Die Professoren der Universität versetzte er mit seinen Kenntnissen und seinem Gedächtnis in Erstaunen, und erhielt etwas später das Diplom für Jura.

Was wollen Sie werden, Herr Uljanow“, fragte ihn nach dem Examen der alte Professor.

Anwalt“, antwortete Wolodja.

Sie werden ein großartiger Anwalt sein, Herr Uljanow“, sagte der Professor und wünschte ihm viel Erfolg auf seinem Weg.

Im Jahr darauf bekam Wolodja die Stelle eines Assistenten des vereidigten Bevollmächtigten in Samara an der Wolga. Hier übernahm er bald die Verteidigung der Bauer aus dem Gouvernement Samara, die wegen des Hungers einen Aufstand gewagt hatten.

Wladimir konnte eine hervorragende Verteidigung aufbauen. Auf die Frage des Richters warum die hungernden Bauern meuterten, wenn die Regierung für sie die Hilfspunkte organisiert hatte, antwortete der junge Anwalt:

Diese Hilfspunkte waren zu wenig um den Menschen wirklich zu helfen. Die Ursache des Aufstands war der Hunger! Und die Unterdrückungs-Maßnahmen, die von der Regierung durchgeführt wurden, waren vor allem ein Kampf gegen die Hungernden: das war ein Kampf gegen den Aufstand der Hungernden, statt ein Kampf gegen den Hunger selbst “.

Wladimir gewann seine erste Verteidigung und Anfang des folgenden Jahres übernahm er die Stelle des Helfers eines anderen beeidigten Bevollmächtigten und zog nach Petersburg um. Das war aber nur ein Vorwand für Wladimir um in die Hauptstadt einzuziehen. Und kurz darauf schrieb er an seine Mutter:

Liebe Mama! Ich habe schon acht Monate als Anwalt gearbeitet. Ich habe mich aber jetzt entschieden, eine Zeitlang auf die Arbeit als Anwalt zu verzichten. Ich schreibe jetzt für mehrere Zeitungen in Petersburg und könnte dadurch noch mehr verdienen, wenn ich auch mehr schreiben würde. Mir scheint die Tätigkeit als Publizist nun interessanter zu sein als die als Anwalt. Ich komme irgendwann wieder dazu als Anwalt weiter tätig zu werden, aber nicht jetzt“.

Wladimir hatte schon etwas vorher, noch in Samara, einen marxistischen Verein entdeckt, den er mehrmals besucht hatte, ohne dessen Mitglied zu werden. Durch diesen Verein kam Wladimir dazu einige Bücher Georgi Plekhanows zu lesen, den ersten russischen Marxisten, der zu jener Zeit in der Schweiz lebte. Durch die Bücher Plekhanows lernte Wladimir auch die marxistische Theorie kennen. Jetzt bewegte ihn der Wunsch, basierend auf den Werken von Marx, publizistische Arbeiten über die russische Wirtschaft und Politik zu veröffentlichen.

Maria Alexandrowna hoffte sehr, dass dies nur ein vorübergehendes Interesse ihres Sohnes sei und er bald wieder seine Tätigkeit als Anwalt fortsetzen würde. Vielleicht würde er sogar eine hervorragende Karriere machen, wie viele es ihm vorhergesagt hatten. Sie täuschte sich allerdings: Wladimir nahm nie wieder seine Tätigkeit als Anwalt auf.

 

                                                                                                 Frankfurt, 2017

                                                                           ©Vougar Aslanov

Der Sohn des Arztes

Vougar ASLANOV

DER SOHN DES ARZTES

In dem kleinen Städtchen war der Beruf des Arztes der angesehenste. Doch wussten die Menschen zwischen den guten und den weniger guten Ärzten zu unterscheiden, und sie gingen natürlich zu den guten. Und es gab einen Arzt, der als erfahrener als alle anderen galt. Er praktizierte jahrelang im Städtchen und versetzte alle in Erstaunen, dass er ohne über besondere medizinische Apparate zu verfügen, Diagnosen stellte, die auch bei späteren Untersuchungen in großen, gut ausgestatteten medizinischen Einrichtungen bestätigt wurden. Gewöhnlich untersuchte er die Patienten nicht lange, auch wenn er, wie alle anderen Ärzte, Herz und die Lunge abhörte, sich die Zunge zeigen ließ und sich die Farbe des Teints ansah. Doch hatte er seine Untersuchungen beendet, hörte er aufmerksam den Klagen der Patienten zu, und während er ihnen direkt in die Augen sah, erläutete er, was er über ihren Zustand dachte und was sie für ihre Gesundung tun sollten. Auf seine Diagnose wartete die Bewohner des Städtchens wie auf ein Urteil und harrten voller Spannung seinen Worten. Er war langsam, ließ alle warten und sagte lange nichts, als ob er sich bemühte, eine Krankheit in der Tiefe zu verstehen. Die dem Kranken Nahestehenden fürchteten nichts so sehr, als dass er sich schweigend damit begnügte, traurig den Kopf zu schütteln. Denn dies bedeutete, dass dem Menschen schon nicht mehr zu helfen war und er bald sterben würde.
Manchmal wollten die Verwandten des Kranken dem Arzt nicht glauben und brachten den Armen in die berühmtesten und teuersten Heilanstalten in der größten Stadt des Landes, und in der Tat, oft bewirkten die dort angewandten Heilmethoden eine Besserung. Dann streuten sie Gerüchte, dass der Ruhm des Arztes unbegründet sei, da sich von ihm gestellte Diagnose einer unheilbaren Krankheit nicht bewahrheitet habe, wovon der jetzige Zustand des Kranken zeuge, der nach der Heilung durch fähigere Ärzte nach Haus zurückgekehrt sei, sein Leben fortsetzte und die Krankheit nach und nach vergesse. Doch es verging nur wenig Zeit, und der Zustand des Menschen verschlechterte sich wieder; diesmal schaffte man es gewöhnlich nicht mehr, den Kranken rechtzeitig zu den Ärzten zu bringen, die ihm das weitere Leben versprochen hatten, und er starb. Über die Jahre hinweg untermauerten solche Fälle den Ruf des ungewöhnlichen Arztes, und die Menschen neigten immer mehr dazu, ihm zu vertrauen und daran zu glauben, dass er sein Handwerk gründlich verstünde. Wenn die Leute krank wurden, hofften sie in der Hauptsache auf ihn, und viele heilte er wirklich, indem er ihnen einige Medikamente oder Heilpflanzen verordnete. Wenn er aber seine Ohnmacht fühlte, wollte er das nicht verbergen und die Nächsten des Kranken nicht umsonst beruhigen.
Diesem Arzt, in seinem langen Leben, wurden nacheinander drei Töchter geboren. Doch es war sein allergrößter Wunsch, einen Sohn zu haben, und wirklich brachte seine Frau das vierte Mal nach der Geburt einen Jungen nach Hause. Seine Freude war ohne Grenzen, das ganze Städtchen freute sich über dieses Ereignis, und alle hintereinander beglückwünschten ihn. Er richtete ein großes Fest zur Geburt des Sohnes aus und lud dazu viele Einwohner des Städtchens ein. Der Sohn wuchs heran, und alle sagten von ihm, daß er seinem Vater sehr ähnelt und wahrscheinlich in der Zukunft in seine Fußstapfen treten wurde und Arzt wird. Das Kind jedoch sprach sehr lange nicht, es war allzu träg. Erst als es fünf Jahre alt war, verstand der Arzt, daß sein Sohn unter einer angeborenen Geisteskrankheit leidet. Das war wahrscheinlich die größte Erschütterung in seinem Leben. Er hatte noch nie die Menschen behandelt, die an derartigen Krankheiten litten, da nur die Behandlung der körperlich Kranken zu seiner Aufgabe gehörte. Doch ungeachtet des Zuredens der Verwandten, die über einige Jahre auf ihn einredeten, schickte er den Sohn nicht in eine Klinik für Geisteskranke, da er seine Krankheit für unheilbar hielt.
Im Städtchen galt der Arzt nicht nur als Kenner seines Fachgebiets, sondern auch als ein weiser Mann, der viel von der vergangenen und gegenwärtigen Welt kannte. Auf vielen Versammlungen, die im Städtchen veranstaltet wurden, zitierte er oft die Verse bekannter Dichter, die Sprüche der Weisen oder erzählte verschiedene historische Ereignisse , aus denen man etwas lernen konnte. Man hörte ihm immer aufmerksam zu, und später erzählten viele Geschichten anderen und fanden dabei ein weniger sachkundiges, aber um so neugieriges Auditorium. Der beste Arzt des Städtchens fuhr fort, die Leute zu heilen und bei vielen gelang es ihm wirklich, ihnen zu helfen; dabei verbarg er vor ihnen seinen unheilbaren Kummer. Und sein Sohn wuchs auch weiter. Wie mir später sein Nachbar erzählte, betete er damals oft zu Gott, dass er dieses wahnsinnige Wesen aus seinem Leben verschwinden lassen möge, was bedeutet, dass er seinen Tod wünschte. Doch trotz seines Wunsches lebte das Kind, und aller Wahrscheinlichkeit nach drohte ihm in nächster Zukunft nicht der Tod. Der Arzt machte ihn zum Hausarrestanten; im Unterschied zu vielen anderen Geisteskranken, die frei durch die Straßen des Städtchens wanderten, ging der Sohn des Arztes sehr selten aus dem Hof hinaus, wo sich sein monotones Leben hauptsächlich abspielte.
Das Leben der geisteskranken Bewohner des Städtchens unterschied sich jedoch völlig vom Leben der anderen Bevölkerung und hatte seine Besonderheiten. Den größten Teil ihrer Zeit verbrachten sie auf der Straße, nicht weit von jenen Orten entfernt, wo sich die Menschen versammelten, unter die sie sich jedoch nicht mischten. Sie sich wahrten einen bestimmten Abstand zu ihnen. Doch hier verhielt man sich noch nicht einmal so schlecht zu ihnen. Einen Menschen zu verspotten oder auszulachen, der, wie die Bewohner des Städtchens meinten, von Gott selbst betrogen worden war, galt als etwas Unanständiges, sogar als Sünde. Außerdem glaubten die Bewohner des Städtchens noch daran, daß geisteskranke Menschen irgendeine übernatürliche Kraft besitzen, die ihnen als Ausgleich für diesen angeborenen Mangel gegeben wurde. Wenn sie, wie so oft, die Zukunft nach der Erfüllung irgendeines Wunsches befragten, versprachen sie beim Eintreffen dieser Erfüllung, einen Geisteskranken oder mehrere von ihnen zu belohnen. Und manchmal hofften die Leute darauf, daß sie, wenn sie diesen Kranken kleine Geldsummen spendeten, einen Teil ihrer Sünden abwaschen könnten. Außerdem waren die Geisteskranken von allen Verpflichtungen befreit, von jeder Art von Zwangsarbeit, die die anderen Bewohner immer wieder leisten mußten, weil dies vom Staat angeordnet wurde. Auch mussten die Geisteskranken keine Verantwortung für ihre Taten tragen, weder vor der Stadtgemeinde noch vor dem Gesetz. Wenn einer dieser Kranken etwa einen Menschen ermordet hätte, wäre dennoch kein Urteil über ihn gesprochen worden, sondern man hätte ihn nur zur Zwangsbehandlung in die Stadt geschickt, die einige Kilometer vom Städtchen entfernt lag und in der sich ein Heilanstalt für Geisteskranke befand. Sie dachten auch nicht an das tägliche Brot und daran, wie und womit man seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Außer den Spenden, die man, zur Ehre der Spender sei es gesagt ,genügend gab, war es üblich, sie mit warmem Essen und Getränken zu bewirten, wenn sie vor den standen und hinein sahen. So gaben sie sogar das ihnen zugesteckte Geld kaum aus, und wenn sie es ausgaben, dann größtenteils für den Kauf größerer Leckereien, die ihnen niemand umsonst anbot.
Augenscheinlich genossen die Geisteskranken des Städtchens (mit Ausnahme der aggressiven, von denen man glaubte, sie ins Krankenhaus schicken zu müssen), mehr Vorteile und Privilegien als seine Normalbürger, deren Leben durch zu viele Verbote und Forderungen seitens der bürgerlichen Moral wie der Staatsmacht mehr als schwer erschien. Und es ist kein Wunder, dass die Leute manchmal im Scherz sagten, dass es gut gewesen wäre, als Geisteskranker geboren zu sein und all seine Sorgen auf die vernünftigen Leute legen zu können. Doch Scherz beiseite – einmal begann ein junger Bewohner des Städtchens sich so zu benehmen, wie es bei Geisteskranken üblich ist. Das war hier eine ungewöhnliche Erscheinung und geschah sehr selten. Die erst in späteren Jahren und nicht von ihrer Geburt an Erkrankten begaben sich gewöhnlich zur Heilung ins Krankenhaus, von wo kaum jemand zurückkehrte. Und die Gründe dafür waren verschieden. Vor allem war es schwer für das Städtchen, einen Menschen, der nicht so geboren war, sondern erst später den Verstand verloren hatte, als Kranken anzuerkennen; deshalb war auch eine Rückkehr aus dem Krankenhaus für sie unerwünscht.
Der Mensch, der in späteren Jahren seinen Verstand verloren hatte, sollte aus dem „Irrenhaus“, wie man diesen Ort im Volksmund nannte, entweder geheilt zurückkehren oder immer Patient dieser Anstalt bleiben, in der man es nicht besonders liebte, die Insassen zurückzuschicken. Doch bevor man manchmal die Menschen, die sich als krank gezeigt hatten, ins Krankenhaus schickte, mussten sie sich einer bestimmten Prüfung unterziehen, um die Krankheit öffentlich zu bestätigen. Jedoch bot sich diese Möglichkeit nicht vielen an, hauptsächlich denjenigen, die wirklich geisteskrank genannt werden und zu den anderen Irren des Städtchens hinzugezählt werden konnten, die man hier lassen konnte, ohne sie ins Krankenhaus zu schicken, jedenfalls nach Meinung derer, die zusammengekommen waren, um zu entscheiden und von Anfang an ein Urteil über die Existenz oder Abwesenheit einer Geisteskrankheit abzugeben.
Die von Geburt an Geisteskranken schickte man gewöhnlich nicht zur Behandlung, falls sie nicht mit Benehmen und Aussehen die vorgegebenen Normen überschritten. Das heißt, daß sie sich nicht aggressiv verhalten und dadurch eine gewisse Gefahr für die Bewohner des Städtchens bilden durften und vor allem das tun mussten, was die Bewohner des Städtchens von ihnen erwarteten. Meistens war das auch der Fall, die Kranken führten sich anständig auf, sie waren gehorsam, und wenn sie auch manchmal ihre Verhaltensnormen überschritten, kamen sie schnell zu sich und zeigten ihr früheres Gesicht, wenn man ihnen nur damit drohte, dass man sie wegen solchen Übermuts in eine Heilanstalt schickten könnte.
So hatten, wie gesagt, im Städtchen die Geisteskranken nicht nur gewisse Privilegien von Seiten der Gesellschaft und des Staats, sondern es wurden auch gewisse Forderungen von privater wie offizieller Seite an sie gestellt. Um einen Menschen als Geisteskranken anzuerkennen, wenn er sich nicht schon von Geburt an als solcher zeigte, sondern das erst später meldete, musste er erst einmal aussehen wie die anderen, schon anerkannten Geisteskranken des Städtchens und alles so machen wie sie. Und sie gingen nie in ein Bad, wuschen sich nicht, schnitten sich nicht die Haare, rasierten sich nicht und verachteten die Verhaltensregen, deren Beachtung für die anderen Bewohner des Städtchens Pflicht war. In eine Bade – oder Rasierstube gingen sie nur dann, wenn jemand eine gewisse Summe aus der eigenen Tasche spendete und sie dorthin mitnahm. Außerdem war noch unter den Geisteskranken das Ausziehen und die Verbrennung der Kleidung an öffentlichen Plätzen sehr weit verbreitet. Einer der älteren Bewohner des Städtchens sagte oft, dass sich die Kranken ohne Kleidung besser fühlten und so die Möglichkeit erhielten, sich von den anderen zu unterscheiden.
Und da zeigte sich der schon erwähnte junge Mensch aus dem Städtchen plötzlich als Geisteskranker, genauer gesagt, er begann sich so zu benehmen wie sie. Er rasierte sich den Kopf im Winter kahl, (im Städtchen schnitt man sich die Haare so erst bei Anbruch der warmen Jahreszeit), zog sein klein kariertes Jackett verkehrt herum an und trug die Pantoffeln am falschen Fuß. Doch das alles reichte längst nicht aus, um von den anderen als ein Mensch anerkannt zu werden, der an Geistesverwirrung litt und sich anders als die anderen benahm, was ihm die Möglichkeit gegeben hätte, zu den Geisteskranken des Städtchens gerechnet zu werden. Bis zu jenem Tag, als er plötzlich die Anzeichen der Geisteskrankheit zeigte, war er einer der Normalbürger und arbeitete als Wachmann in einem Bauunternehmen, und er war schon fünfundzwanzig Jahre alt.
Um ihn als Kranken anzuerkennen, beschlossen etliche Bewohner des Städtchens, ihm ein paar Prüfungen abzuverlangen (man muss sagen, dass sie sich gern und oft um die Geisteskranken versammelten). Er musste am helllichten Tag an einem bevölkerten Platz seine ganze Kleidung ausziehen und sie verbrennen; danach im Zentrum ihres einzigen Parks, wo sich immer viel Volk versammelte, einen der Bäume bepinkeln (wofür jeder andere hinter Gitter gekommen wäre), alle Aufträge ausführen, die jedem aus seiner Umgebung in den Kopf kommen konnten, und das gedankenlos und vor allem ohne jede Aggression.
Der junge Mann, der gestern noch als Wachmann gearbeitet hatte, erduldete die ersten zwei Prüfungen still, ohne jede Verwirrung und führte einige schwierigere Aufträge der ihn umgebenden Menschenmenge aus (nach der Verbrennung der Kleider hatte man ihm, damit er sich mit dem Publikum in den Park begeben konnte, andere Kleider herbeigebracht und sie ihm gegeben, damit der sich mit ihnen bedecken konnte). Doch plötzlich war es, als ob ihn etwas sehr stark erzürnte, er stürzte sich mit lauten Schreien auf die Menge, und es schien dabei, als ob er Funken aus seinen weit aufgerissenen und nun wirklich den Wahnsinn widerspiegelnden Augen sprühen ließ. Obwohl er damals nichts in der Hand hielt, was zur Gefahr für die Leute hätte werden können, wenn er es gegen sie gerichtet hätte, lief die neugierige Menschenmenge auseinander, die zusammengekommen war, um ihn auf die Abwesenheit des gesunden Menschenverstands zu examinieren, und entschied sich, auf weitere Prüfungen zu verzichten. Aggressive Kranke liebte man hier nicht, und man konnte sich nur schwer vorstellen, dass unter den gefügigen und gehorsamen Irren ein Mensch erscheinen konnte, der sich zu jedem beliebigen Bürger des Städtchens feindselig verhält und für alle gefährlich sein kann. Nein, im Städtchen brauchte niemand solchen Kranken, und so beschloss man, ihn in das besagte Krankenhaus zu schicken. So fand sich der junge Mensch, der sich vor kurzem als Geisteskranker zeigte, in der Heilanstalt wieder.
Nun würde ich gern noch etwas darüber sagen, dass man in diesem Volk zur Behandlung der Geisteskranken als einem Fachgebiet der Medizin nicht gerade ermuntert wurde, weil dieses Gebiet hier schwach entwickelt war. Die Leute meinten, dass Gott selbst den Menschen des Verstands beraubt und dass die Menschen sich nicht in seine Angelegenheiten einmischen müssten, und derjenige, welcher sich das als Beruf auswählt, hat entweder selbst eine Neigung zu solcher Krankheit oder er erwirbt sie während seiner Tätigkeit als Arzt, wenn er die ganze Zeit mit den Geisteskranken verbringen muss. Doch deshalb, weil man in vielen Ländern meinte, dass man so ein Krankenhaus braucht und die Leute, die an Geistesverwirrung leiden, behandeln muss, erklärte man sich auch hier mit dem Vorhandensein von „Irrenhäusern“ und Ärzten mit dem verhängnisvollen Fachgebiet einverstanden.
Deshalb, weil in diesem Land die Behandlung der Geisteskranken, also die Psychiatrie weniger Ansehen brachte als die Behandlung aller anderen Kranken, wurde meistens dieses Fachgebiet entweder nur von jenen gewählt, die den Arztberuf ergreifen wollte oder deren Begabung ungenügend angesehen wurde, oder von jenen, die in anderen Gebieten der Medizin bisher keinen Erfolg hatten. Wer in den „Irrenhäusern“ arbeitete, gab sich keine Mühe, Kenntnisse zu erwerben, und selbst wenn sie es gewollt hätten, wäre dies wohl kaum möglich gewesen, weil im Land der Boden dafür nicht bereitet war. Auch wurden diese Kenntnisse von anderer Seite weder erwartet noch gefordert. Die Psychiater drückten eher den Angehörigen ihr Mitgefühl aus, führten mit ihnen Gespräche über die alltäglichen Schwierigkeiten des Kranken und verlangten mit ihnen von Gott, er möge sie heilen, was von der anderen Seite nicht immer erwünscht war. Den Gerüchten nach, die im Städtchen kursierten, behandelte man in diesen Krankenhäusern ihre aggressiven Bewohner mit der Spritze, um sie ruhig zu stellen. Auch bei dem jungen Menschen, dem früheren Wachmann, der den Verstand verloren hatte, wurde offensichtlich diese Methode angewandt, und das für immer. Nach altem Volksglauben war man im Städtchen überzeugt, dass die Geisteskranken durch irgend etwas bei der Erfüllung unerfüllbar scheinender Wünsche helfen könnten, wenn man zuvor einem von ihnen eine Belohnung für den Fall versprach, daß der Wunsch in Erfüllung ginge . Einer jener Glückssucher beschloss, eines Tages den Sohn des Arztes zu besuchen, von dem wir anfangs gesprochen hatten. Weil er sein Versprechen wahr machen wollte nach dem seine Wunsch erfüllt worden war. Als er das Haus des Arztes besuchte, zog er unerwartet den Zorn des Hausherrn auf sich, der ihn mit beleidigenden Ausdrücken vom Hof jagte. Der Mensch, der die bislang nie beobachtete Wut des Arztes verursacht hatte, verließ das Haus eines der am meisten geachteten Bürger des Städtchens in tiefem Zweifel. Unbedingt muss man hier erwähnen, dass früher keiner der Bewohner des Städtchens, zur Erfüllung eines Wunsches, an eine Belohnung des kranken Arztsohnes gedacht hatte. Da hatte nun einer an den Sohn des Arztes gedacht und war dann später wohl kaum mit seiner Handlung zufrieden. Von diesem Vorgang erfuhr man im ganzen Städtchen recht schnell. Alle, obwohl sie erstaunt darüber waren, dass der Vater des Kranken sich das erlauben konnte, wo er doch der am meisten geachtete Mann des Städtchens war und man früher nie von ihm gehört hatte, dass er gegen jemanden die Stimme erhoben hätte, beschuldigten den allzu neugierigen Glückssucher, dass er wahrscheinlich bei seinem Wunsch nicht an den Sohn des Arztes hätte denken dürfen, es gäbe doch andere Geisteskranke im Städtchen genug. Doch der Mann, der den Zorn des Arztes erlitten hatte, sagte auch, dass es ihm schiene, als ob der Sohn des Heilers größere Kräfte als andere hätte, um auf den Gang der Dinge einzuwirken, und der Arzt wisse unbedingt davon und verberge daher seinen Sohn so sorgfältig vor den Leuten. Die Mehrheit glaubte ihm und bedauerte, dass es keine Möglichkeit gab, auch seine Kraft für den Erfolg zu nutzen. Doch der vom Hof des Arztes Vertriebene erklärte, daß man beim Wunsche nach wie vor auch an den Sohn des Arztes denken, doch im Fall des Erfolgs andere Geisteskranke belohnen könne, es dürfte nur niemandem erzählt werden um nicht irgendwann wieder die Wut des Arztes zu erregen.
Da niemand mehr den Arzt erzürnt sah, dürften wir annehmen, dass die Bewohner des Städtchens diese Vorschrift streng einhielten.

                                                                               Baku, 1998-1999

Auf den Baumwollfeldern

 

  Vougar Aslanov

Auf den Baumwollfeldern

Unser Haus lag neben einer Baumwollplantage. Genauer gesagt: unser Haus war das letzte in der Reihe und weil sich dahinter nur offenes Land erstreckte, unendlich weites Land, hatte sich jemand gedacht, hier Baumwolle anzupflanzen. Dieser Jemand war der von oben ernannte Ortsvorsteher. Aber nicht das Staatsoberhaupt selbst hatte ihn ernannt, sondern der Leiter unserer Republik, von denen das Staatsoberhaupt Dutzende befehligte. So gab der Ortsvorsteher eines Tages die Anweisung, das offene Land, das als Viehweide genutzt wurde und den Kindern als Platz für alle möglichen Spiele diente, in eine Baumwollplantage zu verwandeln. Der Vater schwieg dazu, doch die Mutter klagte, dass das weiße Pulver, das die „Maisflugzeuge“1 über den Baumwollplantagen abließen, uns sehr quälen werde.

Und in der Tat, irgendwann erschienen die „Maisflugzeuge“ am Himmel über unserem Haus. Lärmend zogen sie ihre Kreise über der Plantage, dann ließen sie einen langen, weißen Strahl ab, der, nachdem sie schon fort waren, noch lange in der Luft hing. Ich hatte diesen „weißen Rauch” schon früher, weit von unserem Haus, gesehen, doch nie gedacht, dass er so stinken und einen derart bitteren Geschmack auf der Zunge hinterlassen könnte, dass einem übel wurde. Der „weiße Rauch“ schwebte einige Zeit über der Plantage und setzte sich dann langsam auf den Baumwollpflanzen ab. Doch der leichteste Windhauch wehte ihn auf und dann senkte er sich auf die nah gelegenen Häuser und Gärten. Die Früchte in unserem Garten hatten nun einen weißen, wenngleich fleckigen Belag, da half auch sorgfältigstes Waschen nichts. Nach dem Besuch der „Maisflugzeuge“ konnte man sich eine Zeitlang nicht im Garten und auf der Veranda aufhalten, das Atmen fiel bisweilen schwer. Manchmal kamen gleich zwei oder drei „Maisflugzeuge“. Hörten wir ihren Lärm, so flohen wir ins Haus, warteten, bis sie wieder verschwunden waren und der unerträgliche Gestank, den sie mit brachten, sich in der Luft verflüchtigt hatte. Die „Maisflugzeuge” kamen nur in der heißen Jahreszeit. Oft gerade dann, wenn wir beim Mittag- oder Abendessen auf der offenen Veranda saßen. Dann verließen wir fluchtartig den schon gedeckten Tisch, liefen ins Haus und warteten, bis alles still war. Wie groß war unsere Verzweiflung, wenn wir die Speisen mit dem weißen, milchigen Staub bedeckt fanden. Denn Lebensmittel wurden bei uns stets in genau bestimmter Menge für eine Mahlzeit gekauft. Waren sie verdorben, blieben die Teller leer. Wir Kinder wollten unser Essen manchmal von diesem „Fluch”, der uns gesandt wurde, reinigen und dann essen, doch die Mutter erlaubte dies nicht.

Der Vater ging morgens immer früh aus dem Haus und kehrte erst spät am Abend zurück. Bereitete die Mutter das Essen zu, so stellte sie einen großen Teil in einer Schüssel für ihn beiseite. Die Schüssel blieb stets im Haus, so dass nach einem „weißen Angriff“ der für den Vater bestimmte Teil genießbar blieb. Oft musste uns die Mutter gut zureden, bis zur nächsten Mahlzeit auszuhalten. Dann rief sie uns zu sich und erzählte uns interessante Märchen. Manchmal half dies, und wir hielten durch, bis der Vater mit neuen Lebensmitteln kam und die Mutter ein neues Mahl bereiten konnte. Doch manchmal waren wir so hungrig, dass gar nichts half, und dann brachte die Mutter das beiseite gestellte Essen, und wir stürzten uns darauf, wohl wissend, dass der Vater uns verzeihen wird.

An solchen Tage erinnerte ich mich immer an die Geschichte von der Frau mit den drei Kindern, die die Mutter oft erzählt hatte. Zu dieser Frau kommt eines Tages der als einfacher Wanderer verkleidete Herrscher mit seinem Ratgeber zu Gast. Die Kinder betteln die ganze Zeit, ob es nicht bald etwas zu Essen gäbe. Doch die Mutter zeigt jedesmal auf die auf dem Feuer stehende Kasserolle und sagt, dass das Essen noch ein wenig brauche, und sie wartet, bis die Kinder eingeschlafen sind. Und ebenso geschieht es am nächsten Tag. Doch in der Nacht kann der Herrscher seine Neugier nicht mehr zügeln. Er steht auf und nimmt den Deckel der Kasserolle hoch, weil er wissen möchte, was das sei, das in zwei Tagen nicht fertig gekocht werden konnte. Er entdeckt darin zwei kleine Wackersteine. Für uns aber gab es in den schwersten Minuten das Essen des Vaters.

Der Onkel arbeitete dort, wo die „Maisflugzeuge“ aufgetankt und mit Pulver beladen wurden. Er war ein mürrischer, sehr großer Mensch und konnte so laut brüllen, dass es einem tagelang in den Ohren klang. Alle sagten, dass er seine Sache sehr gut verstehe. Nach einiger Zeit wurde der Onkel zum Verantwortlichen für die „Maisflugzeuge“. Doch wurde er immer mürrischer und liebte es nicht, auf Fragen nach seiner Arbeit zu antworten. Ich fürchtete ihn sehr und zitterte jedesmal, wenn er sich an mich wandte. Und doch fasste ich einmal den Mut, ihn zu fragen, warum das „weiße Pulver“ notwendig sei und ob man nicht ohne auskommen könne. Der Onkel sah mich mitleidig an und erklärte, dass das „Pulver“ zur Vernichtung der Insekten diene, die der Entwicklung und dem Wachstum der Baumwolle schaden könnten. Es gebe andere sehr teure Mittel, die die Umwelt nicht schädigen. Doch würden sie in anderen Ländern produziert und daher bei uns nur selten eingesetzt.

„Und kann das Mittel auch Menschen töten, Onkel?“ fragte ich.

„Die Insekten tötet es gleich, die Menschen nicht so schnell…“, antwortete der Onkel.

Schon lange bevor unser Weideland in eine Baumwollplantage verwandelt worden war, pflanzte man in unserer Gegend Baumwolle an. Die Menschen verstanden etwas davon, ein jeder hatte am Jäten teilgenommen, also der Säuberung des Plantagenbodens und der Baumwollsaaten von Unkraut. Jahr für Jahr, vom Frühling bis in den späten Herbst, zog die ganze Bevölkerung auf die Baumwollfelder, zuerst zum Jäten und dann zur Ernte. In dieser Zeit waren alle öffentlichen Einrichtungen geschlossen, die Straßen wie ausgestorben. Auf der Hauptstraße standen dann Polizisten um einen Mann herum, der auf einem Stuhl saß und schrie:

„Begeben Sie sich auf die Plantage! Alle in die Baumwolle!“

Das geschah in der Regel morgens. Dann teilten sich die Polizisten in mehrere Trupps auf und zogen durch die Straßen, manchmal gingen sie auch in die Häuser, um all diejenigen aufzugreifen, die sich vor der Arbeit drücken wollten. Fassten sie jemanden, wurde er sofort auf die Plantage geschickt.

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1 Kleine, altmodische Flugzeuge, die in der Chruschtschow-Ära zur Insektenbekämpfung in den damals vorzugsweise angebauten Maisfeldern eingesetzt wurden. Sie behielten ihren Namen auch dann, als nach Chruschtschow der Mais nicht mehr bevorzugt wurde und man die Flugzeuge zur Insektenvertilgung in anderen Anbaugebieten benutzte.

Wie der Schwanz weggegangen war

Vougar Aslanov

 

WIE DER SCHWANZ WEGGEGANGEN WAR


Eine kurze Vorgeschichte

Peter Langstock, schon über fünfzig, arbeitete sein ganzes Leben lang als kleiner Beamter. Er war ein einfacher deutscher Mann: Er hatte den Bauch, weil er oft in die Bierstube ging; er mochte Fußball, weil mit dem er alle seine Sorgen vergaß. Peter stammte aus Norddeutschland, hatte keine Kinder, obwohl er mehrmals verheiratet war. Zum Beginn unserer Geschichte lebte er schon seit vielen Jahren in der hessischen Stadt Limburg. Er war auch ein ruhiger Mensch, mochte es nicht, sich zu streiten und stimmte oft seinem Opponenten zu, wenn er auch mit ihm nicht einverstanden war. Peter hatte aber noch eine Besonderheit: Er hatte einen langen Penis. Ihm wäre das egal, aber die Frauen, mit denen er lebte, mochten seinen Penis sehr und wollten immer mit dem was zu tun haben. Das quälte Peter immer und er verließ aus diesem Grund mehrere Frauen. Zuletzt suchte er nach einer Frau, die so einen langen Penis nicht mochte und nicht viel Liebe von ihm verlangte. Er fand endlich so eine Frau, die schon einen getrennt lebenden Sohn von einer früheren Ehe hatte und sich überhaupt für Bettsachen nicht interessierte, und zog in ihre Wohnung. Das war aber nur der Anfang.

Seine letzte Frau Erika Groß – eine mollige, lustige, liebevolle und lebendige Frau mit fünfzig – war in Limburg geboren, wo sie auch immer noch lebte und arbeitete als Erzieherin im Kindergarten. Ihr erster Mann, der vor fünf Jahre gestorben war, war ein Schullehrer. Er hörte immer seiner Frau zu und war sehr abhängig von Erika. Erika war der Meinung, dass die Männer wie Kinder seien: Neugierig, hilflos und ängstlich. Eine Frau müsse oft alleine die Verantwortung für die Familie tragen, auch für den Ehemann. Die Liebessachen empfand sie eher als etwas, was zum Lachen bringen sollte. Als sie aber Peter näher kennen lernte, hatte sie dennoch ihre Meinung dazu geändert.

Der Schwanz war zum Beginn dieser Geschichte im gleichen Alter wie Peter Langstock und war sehr lange mit ihm zusammen. Er war groß, schlank, hübsch und intelligent. Schwanz war der Meinung, dass Peter selbst und seine Frauen ihn immer gequält hatten. Er wollte immer Peter erklären, dass er mit ihm so nicht umgehen dürfe, weil er ein wichtiger Teil nicht nur seines Körpers, sondern auch seiner Seele sei. Peter hörte ihm aber niemals zu. Er hatte noch den Anspruch, den gleichen Namen wie Peter Langstock zu haben, obwohl das vom anderen Peter nicht akzeptiert wurde.

Der Polizist Hartmann war Hauptmann in der Kriminalpolizei in Limburg. Er war fünfzig Jahre alt, kam aus Marburg. Nachdem seine Frau ihn vor vielen Jahren verlassen hatte, lebte er alleine. Er hatte nur ein Ziel: Die Menschen zu finden, die für die Gesellschaft gefährlich waren; alle zu verfolgen und zu fangen, die verdächtigt waren.

Der Hotelmann Gottfried Sammler war achtundvierzig Jahre alt. Er kam aus Frankfurt am Main, war verheiratet, hatte zwei Töchter, das Hotel in Frankfurt führte er doch allein. Er hielt sich für einen ernsthaften, netten und ehrlichen Mensch, mochte doch nicht, wenn jemand ihm und seinem Geschäft Probleme bereitete. Von solchen Menschen wollte er immer schnell Abstand nehmen.

Selbst die Geschichte

 

Ein Mal passierte mit Peters Schwanz etwas ganz Besonderes. In einer Nacht, als Peter schon schlafen wollte, bat Erika ihn:

„Peter, bitte noch ein Mal“.

„Erika, bitte nicht – ich will jetzt schlafen“.

„Peter, aber nur ganz kurz, bitte“.

„Das sagst Du immer, aber dann möchtest Du ihn – den Armen – stundenlang nicht in Ruhe lassen“.

Der Schwanz hörte das alles und hoffte, dass Peter Erika diesmal nicht nachgibt. Aber Peter konnte ihr wieder ein Mal nicht widerstehen und ließ Erika noch ein Mal alles mit ihm tun, was sie wollte. Der Schwanz duldete zehn Minuten: Er war sehr gespannt, rot und nervös. Jede Bewegung von Erika tat ihm weh und er entschied sich endlich, wegzugehen. Plötzlich schrie Erika:

„Peter, guck mal, er geht weg“.

„Wer, wer geht weg?“ fragte der fast eingeschlafene Peter.

Als Peter seine Augen öffnete, sah er durch die offene Tür des Schlafzimmers seinen Schwanz im Flur: Er stand schon im Peters neuen Kostüm und war gerade dabei, dessen Mantel anzuziehen.

„He, he, wo gehst Du hin?“ fragte Peter und wollte aufstehen.

Der Schwanz drohte hier aber Peter:

„Wenn Du mir zu nah kommst, schlage Dich mit dem Stock“.

Danach bestellte er telefonisch ein Taxi:

„Gute Nacht, ich brauche ein Taxi“.

„Gute Nacht. Sagen Sie mir bitte, wie Sie heißen und wie Ihre Adresse ist?“, fragte die Stimme am Telefon.

„Peter Langstock“, antwortete Schwanz.

„Nein, das stimmt nicht“, sagte Peter empört und versuchte wieder aufzustehen.

„Bleib liegen, habe ich Dir schon gesagt, verdammt noch mal“, drohte ihm der Schwanz wieder mit dem Stock.

„Wie bitte?“, fragte die Stimme am Telefon.

„Habsburger Straße einundzwanzig in Limburg“, sagte Schwanz.

„Gut, ich schicke Ihnen jetzt ein Taxi. Wo wollen Sie hinfahren?“ fragte wieder die Stimme am Telefon.

„Das weiß ich noch nicht. Ich will einfach weg von Limburg“, sagte Schwanz.

Der Schwanz nahm die Geldbörse mit Geld, Ausweis und den Kreditkarten von Peter, dazu dessen Hut und Regenschirm mit und verließ die Wohnung.

Peter und Erika haben danach sehr aufmerksam auf den Lärm aus dem Hof gelauscht.

„Er ist schon weg!“, sagte Peter, als das Taxi den Hof verlassen hatte, hilflos.

„Wie weg? Steh auf und verfolge ihn. Er kann nicht sehr weit gehen!“ schrie Erika Peter an.

Peter stand auf, mit Schrecken gewahrte er wieder, dass sein Schwanz nicht mehr an seinem Platz war.

„Oder noch besser wäre, wenn Du die Polizei anrufst“, sagte Erika, als sie sah wie Peter erschrocken war. „Polizei findet ihn bestimmt und schnell“, sagte sie diesmal mit Nostalgie und leicht weinend.

„Aber was sage ich der Polizei? Wen sollen sie suchen?“

„Wen?.. Ha… Wirklich schwierig. Aber jetzt! Ich habe eine Idee: Die Polizei muss jemanden finden, der sich für Peter Langstock vorgibt, der auch Dir die Dokumente, Geld, und Kre- ditkarten gestohlen hat“.

„Ja, das ist wirklich eine gute Idee“, sagte Peter und griff zum Telefon.

„Hallo, hallo, Polizei!“, schrie er ins Telefon.

„Was ist los, wieso schreist Du so man, es ist schon ein Uhr Nacht“, sagte die Stimme unzufrieden am Telefon.

„Er ist schon weg!“

„Wer ist weg, verdammt?“

„Mein Schwanz“.

„Wie?

„E… e… Entschuldigung. Ein Mann hat mir die Geldbörse mit Geld, Kreditkarten und Ausweis, noch dazu den Mantel und den Stock gestohlen“.

„Wann war das?“, fragte wieder der Polizist.

„Jetzt gerade“.

„Und wie hat er das gemacht?“

„Wie hat er das gemacht?“, fragte Peter Erika leise.

„Ganz einfach. Nahm das alles mit und ging weg“, sagte Erika.

„Ganz einfach. Er nahm das alles mit und ging aus dem Haus“, sagte Peter dem Polizisten, der am Telefon eine Antwort auf seine Frage wartete.

„Und was machte er bei Euch zu Hause?“, fragte wieder der Polizist.

„Und was machte er bei uns zu Hause“, fragte wieder Peter seine Frau.

„Er wurde einfach zum Abendbrot eingeladen“, soufflierte ihm Erika.

„Wir haben diesen Mann zum Abendbrot eingeladen“.

„Und hat alle Deinen Sachen mitgenommen, als ihr mit dem Abendbrot fertig wart?“, fragte der Polizist, der schon, wie es schien, kein großes Interesse mehr an dieser Geschichte hatte.

„Ja, eben so war es gewesen“, antwortete Peter.

„Aber kanntet ihr ihn vorher?“

„Kannten wir ihn vorher?“, fragte Peter wieder seine Frau.

„Nein, nein“, sagte Erika ihm leise.

„Nein, nein, wir kannten ihn vorher nicht“, antwortete Peter dem Polizisten.

„Aber wir konntet ihr ihn dann zum Abendbrot einladen, den Unbekannten?“

„Wir konnten wir ihn dann zum Abendbrot einladen?“, fragte Peter erneut seine Frau.

„Nein, wir kannten ihn, aber nur ein bisschen, nicht viel“, sagte seine Frau ihm wieder vor.

„Den Mann kannten wir schon ein bisschen vorher“, antwortete Peter dem Polizisten.

„Ja gut. Wie heißt er?

„Er heißt Schwa…“

„Wie?! Noch Mal!“

„Schwanz, Schwanz, richtig“, unterstützte ihn Erika.

„Schwanz heißt er“, sagte Peter am Telefon.

„Schwanz? Das ist Vorname oder Nachnahme?“, fragte der Polizist.

„Ist das Nachname?“, fragte Peter seine Frau.

„Ja, ja. Nachname, Nachname“, antwortete Erika. „Jetzt gibt er aber sich für Peter Langstock aus“.

„Ja, das ist sein Nachname und jetzt gibt er sich für Peter Langstock aus“, sagte Peter.

„Und wer ist Peter Langstock?“, fragte Polizist.

„Das bin ich“, antwortete Peter.

„Sein Vorname ist Euch auch bekannt?“, fragte der Polizist.

„Sein Vorname ist uns auch bekannt?“, fragte Peter wieder Erika.

„Nein, nicht bekannt“, sagte Erika.

„Nein, nicht bekannt“, sagte Peter dem Polizisten.

„Gut, bald kommt die Polizei zu Euch. Seid aber bitte zu Hause“, sagte der Polizist.

Inzwischen fuhr der Schwanz mit Taxi nach Frankfurt und ging in ein Hotel. Vorher war er aber noch beim Arzt gewesen. Danach war sein Gesicht mit einer Binde verbunden. Schwanz betrat das Hotel und ging zur Rezeption.

„Guten Abend“, sagte Schwanz, als er Gottfried Sammler in der Rezeption sah.

„Guten Abend“, antwortete ihm der Hotelmann. „Wollen Sie ein Zimmer zur Übernachtung?“

„Ja, ich will ein Zimmer“.

„Gut. Ich kann Ihnen ein schönes und nicht teueres Zimmer anbieten“.

„Was kostet dieses Zimmer?“

„Nur hundert zehn Euro, in anderen Hotels müssten Sie für so ein Zimmer mindestens zwei hundert Euro bezahlen“.

Schwanz stocherte in der Geldbörse und sagte:

„Gut, ich nehme dieses Zimmer“.

„Und wie viel Übernachtungen?“ fragte Sammler erfreut.

Schwanz dachte bisschen nach und sagte:

„Zunächst nur eine. Dann schauen wir mal“.

„Gut, dann können Sie auch es verlängern, wenn Sie wollen. Jetzt sagen Sie mir bitte Ihren Namen: Wie heißen Sie?“

Schwanz schwieg eine Minute und antwortete dann: „Peter Langstock“.

Sammler war immer vorsichtig und es hat ihm nicht gefallen, wie der Gast diesmal auf sine Frage antwortete.

„Ja, Sie heißen wirklich so?“, fragte er zweifelnd. „Darf ich ihren Ausweis sehen?“

Schwanz sagte nichts und zeigte dem Hotelmann einen Ausweis. „Ja, bitte schön“.

Sammler schaute das vorsichtig an. „Ja, hier steht das genauso: Peter Langstock. Hm… Aber auf diesem Bild sehen Sie ein bisschen anders aus. Und was ist überhaupt mit Ihrem Gesicht los?“

„Ich bin verletzt“, antwortete der Schwanz.

„Wo? Wann?“

„Heute. In meiner Wohnung“.

„Wo haben Sie ihre Wohnung?“

„In Limburg“.

„Ja, auf dem Ausweis steht auch Ihre Adresse: Habsburger Straße 21 in Limburg“.

„Ja, genau“.

„Sie sehen auf diesem Bild aber etwas älter aus“, war der Hotelmann immer noch nicht sicher.

„Und Sie sind so schlank, auf dem Bild sieht man doch jemanden, der etwas dick ist. Und Ihr Gesicht kann ich überhaupt nicht sehen, um mit dem Bild zu vergleichen“.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, Schwanz versuchte den Hotelmann zu beruhigen. „Ich bin dieser Mann, der Peter Langstock heißt“.

„Gut, ich glaube Ihnen. Das ist Ihr Schlüssel, gehen Sie ins Zimmer und erholen Sie sich“.

„Danke schön und gute Nacht“, sagte Schwanz, nahm den Schlüssel mit und ging die Treppen hoch.

„Gute Nacht“, als er verschwunden war, sagte Gottfried hinterdrein. „Er ist aber irgendwie ein komischer Kerl. Eh, egal, trinke ich besser etwas Whisky“.

Zu dieser Zeit passierten in der Wohnung von Erika und Peter in Limburg an der Lahn auch merkwürdige Sachen. In der Nacht hat es geklingelt. Peter versteckte sich vor der Angst weiter unter der Decke. Erika ging zum Hörer.

„Hallo, wer ist da?“

Am Hörer sprach jemand befehlend und grob:

„Ich bin’s, Hauptmann Hartmann, von der Kriminalpolizei! Die Tür aufmachen! Schnell!!“

„Gut, gut, jetzt mach ich die Tür auf für Sie“, antwortete Erika etwas verloren.

Hartmann kam in die Wohnung herein. Er schaute sich überall um, prüfte jede Ecke. Und dann sagte zum Peter, der jetzt aufstand und im Schlafanzug vor ihm stand.

„Ausweis!“

Peter war davon sehr entgeistert:

„Ich bin… E… Ich habe keinen Ausweis…“

„Wie – ich habe keinen Ausweis?“ fragte der Hauptmann grob und bös. „Zeig mir Deinen Ausweis und zwar schnell!“

Peter zitterte:

„Ich habe aber keinen mehr…“

Hartmann war jetzt wirklich genervt.

„Wie?!“

Hier ging er schnell zu Peter so, als ob er ihn schlagen wollte.

Peter war völlig verloren:

„Aber… ba… ba… ba… „

Was würde mit Peter passieren, wenn seine Frau ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre.

„Herr Hauptmann, den Ausweis hat man ihm doch gestohlen“, sagte sie Hartmann.

Hartmann wurde hier bisschen ruhiger.

„Aber gibt mir dann etwas anders: Kreditkarte oder Führerschein, schnell!“

„He… He… He – er…”

Peter half hier wieder seine Frau:

„Herr Hauptmann, es wurde ihm doch alles gestohlen: Alle seinen Papiere und Kärtchen lagen in der Geldbörse“.

Härtmann lächelte mit böser Ironie:

„Das kann aber nicht sein: Auf ein Mal sind alle seine Papiere und Kärtchen weg. Ne, das glaube ich nicht“.

„Es ist wirklich so, Herr Hauptmann – es wurde ihm alles auf ein Mal gestohlen“, sagte Petra.

Hartmann war unzufrieden:

„Hm. Was für einer… Dann zeigt Du Deinen Ausweis, aber schnell, ich habe keine GeDuld mehr mit Euch zu reden. Oder sind Deine Papiere auch gestohlen?“

„Nein, nein, Herr Hauptmann“, sagte Petra. „Gott sei dank nicht. Ich bringe Ihnen meinen Ausweis gleich“.

Erika ging ins Wohnzimmer und brachte ihren Ausweis:

„Hier ist das, bitte schön“.

Hartmann schaute den Ausweis an und sagte:

„Hm… Erika Groß … Hm… Moment… Ich kenne Dich doch! Warst Du schon mal bei uns im Knast?“

„Herr Hauptmann, ich weiß nicht, wovon Sie reden. In welchem Knast?“.

„Wie in welchem? Bei uns – in der Polizei“.

„Nein, Herr Hauptmann, Gott sei Dank, nicht“, sagte die Ehefrau von Peter.

„Gut, aber ich kenne Dich irgendwoher. Der Name Erika Groß sagt mir was“.

„Sie haben mich mit jemandem verwechselt, glauben Sie mir“.

„Ja, kann sein. Ich werde es noch nachprüfen. Wie heißt dann dieser Kerl?“

„Das ist mein Mann. Er heißt Peter Langstock“.

„Aha!“, sagte Hartmann bös und fröhlich, als er diesen Namen hörte:

„Jetzt habe ich ihn! Peter Langstock! Er ist doch vor zwei Monaten in den Schmuckladen eingebrochen! Ja?“

„Ich … nicht… bin … He… He…”, Peter konnte von der Angst wieder nicht richtig sprechen.

„Herr Hauptmann… Mein Mann ist Beamter“, unterstütze Erika wieder ihren Mann.

„Ja, gut, ich werde das alles sowieso noch Mal nachprüfen, was ihr für Typen seid. Wer hat jetzt die Polizei gerufen?“

„Wir beide: Mein Mann und ich“.

„Wofür?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt: Jemand hat meinem Mann seine Geldbörse, wo alle seine Papiere und Kärtchen drin waren, gestohlen“.

„Wie sieht er aus?“

„Groß und schlank“, sagte Erika begeistert, aber auch seufzend.

„Wie ist die Farbe seiner Haare und Augen?“, fragte der Hauptmann.

Erika schaute auf ihren Mann und sagte: „Er ist Dunkelhaarig und seine Augen sind braun“.

„Ich werde jetzt klären, wer das ist“, sagte Hartmann.

„Sie finden ihn aber, Herr Hauptmann, hoffe ich…“, sagte Erika vermisst.

„Finden, finden… Ihr denkt, dass das so einfach ist“, sagte der Hauptmann und verlies das Ehepaar.

„Es ist immer besser, wenn man mit der Polizei überhaupt nichts zu tun hat“, sagte Peter hinter ihm.

„Was sagst Du, Peter!? Wer wird aber dann alle Verbrecher finden?“

„Ja, Du hast Recht“, gab Peter wie immer nach.

Am nächsten Tag, morgens, war es in Sammlers Hotel etwas unruhiger. Zwei Männer von der Nachbarschaft, einer zu groß, der andere zu klein, saßen im Café-Restaurant. Sie waren beide leicht angetrunken und lachten laut über etwas. Der Hotelmann kam zu ihnen, um sie zu warnen:

„Hey, sprecht bitte etwas leiser. Und nicht so laut lachen. Ihr seid nicht bei Euch zu Hause.“

„Aha, es ist der Chef persönlich. Ha-ha-ha…”, sagte der große Mann.

Sammler war empört:

„Ja, was lachst Du, man? Ich habe gerade gesagt, nicht so laut lachen hier im Hotel…“

„In Deinem Hotel wohnt jetzt ein merkwürdiger Typ, wir lachen über ihn“, sagte der kleine Mann.

„Ja, lachen musst ihr über Euch selbst, dass ihr so viel Lärm hier macht“.

„Aber weißt Du, Gottfried, wen wir meinen?“, fragte der kleine Mann.

„Nein, weiß ich nicht. Aber hier sind außer Euch alle ganz normale Leute und alle sind sehr ruhig. Und wer trinkt überhaupt außer Euch den Wein morgen früh?“.

„Das ist unsere Sache – was wir trinken und wann wir trinken. Das geht Dich nicht an, Gottfried! Heute ist auch Feiertag und wir feiern es schon jetzt. Aber wir haben heute im Café einen Mann gesehen, dessen Gesicht total verbunden war. Darum geht es“, sagte der große Mann und lachte wieder.

„Ich weiß, wen ihr meint. Na und, sein Gesicht ist verletzt.“

Der kleine Mann lachte wieder laut:

„Ha-ha!.. Sein Gesicht… Hast Du gesehen, wie er Wasser trinkt?“

Sammler wurde hier wütend:

„Das interessiert mich jetzt nicht. Ich lasse Euch nie wieder hierher ins Café kommen. Jetzt raus! Ich will Euch nie wieder hier sehen! Raus!“, jagte er seine alten Bekannten und Nachbarn jetzt aus.

„Ja, Gottfried! Ruhig jetzt! Hör zu, was man Dir sagt. Er trinkt ganz anders Wasser, verstehst Du? Und er hat seine Lippen auf dem Kopf“, sagte der große Mann.

„Wie auf dem Kopf? Habt ihr heute zu viel getrunken? Ich sehe es schon. Jetzt aber wirklich raus! Ich habe keine Zeit und keine Lust mir euren betrunkenen Unsinn anzuhören. Jetzt raus! Marsch nach Hause!“

„Ja, sei selbst leise, man, es reicht schon!“, warnte der große Mann den Besitzer des Hotels.

„Er war immer so, der Knote“, war auch der kleine Mann auf Sammler böse. „Ja, gehen wir jetzt. Es gibt genug Cafés in der Stadt“.

„Ne, ich bleibe hier. Ich habe meinen Wein noch nicht ausgetrunken. Du auch noch nicht. Erzähl ihm besser, was Du gesehen hast …“

Der kleine Mann unterbrach den Kollegen:

„Ich will nicht mehr“.

„Dann versuche ich ihm selbst zu erklären“, sagte der Große. „Weißt Du, Gottfried, dieser Mann ist nicht normal, er ist nicht wie wir, verstehst Du? Und er hat seine Lippen wirklich auf dem Kopf. Glaubst Du das nicht? Wir haben es aber gesehen“.

„Ja, jetzt trink ihr den Wein aus und raus“, Sammler konnte ihrem Quatsch wirklich nicht mehr zu hören.

„Eh, er glaubt wieder nicht“, sagte der Große enttäuscht dem kleinen Mann.

„Sag Du es ihm auch“.

„Ja, wir haben gesehen so was, vor einer Stunde“, sagte jetzt der Kleine: „Dieser Mann kam im Kostüm und im Hut runter, nahm in der Bar eine Flasche Mineralwasser und saß uns gegenüber. Sein Gesicht ist ganz abgebunden, ja, das kann man noch verstehen. Aber weißt Du, was er danach machte? Er nahm seinen Hut ab und goss die ganze Flasche auf den Kopf ein“.

„Na und?“ fragte Sammler. „War es ihm vielleicht zu heiß?“

„Wir hätten auch so gedacht“, sagte wieder der Große. „Aber er hat dieses Wasser durch den Kopf getrunken. Verstehst Du? Er hat seine Lippen auf dem Kopf! Wir haben diese Lippen gesehen und wir haben auch gesehen, wie diese Lippen begierig das ganze Wasser aufgenommen hatten“.

„Unsinn, Unsinn!.. Ich kann mir das nicht mehr anhören und ich kann Euch auch nicht mehr hier sehen. Raus endlich! Oder ich rufe die Polizei! Raus!..“

„Du wirst das noch bedauern, wenn Du uns wegjagst. Schauen wir mal“, sagte der Große.

„Schauen wir mal“, antwortete ihm Sammler ruhig.

Die beiden Männer tranken schnell ihre Weine aus, stellten die Gläser ab und verließen das Hotel.

„Ich habe jetzt Kopfschmerzen wegen dieser Idioten“, sagte Sammler ihnen hinterher.

Dann machte er Fernsehen an. Zunächst lief Musik, dann kamen die Nachrichten.

Die Fernsehsprecherin teilte etwas von der Polizei mit:

„Die Polizei sucht weiter den Mann, der Herrn Peter Langstock die Geldbörse mit allen Papieren, dem Bargeld und den Kärtchen gestohlen hat. Seine Merkmale: Groß, schlank, Dunkelhaarig, mit brauen Augen, höflich und intelligent. Das letzte Mal war er im Dunklen Mantel und Dunklen Hut. Wenn Sie diesen Mann gesehen haben, rufen Sie bitte sofort die Polizei unter der Nummer 0800-111111111111 an“.

Hier wurde Sammler nachdenklich:

„Ha… Ist das nicht dieser Mann, der gestern angekommen war, von dem diese beiden Mistkerle gesprochen haben? Groß, schlank, höflich, intelligent… Das alles ist doch stimmt. Hat er aber wirklich dunkle Haaren und braune Augen? Ich habe es gar nicht gemerkt. Vielleicht hat er sein Gesicht deswegen abbinden lassen, damit ihn keiner erkennt. Ist er dann ein Dieb? Muss ich jetzt die Polizei anrufen? Nein, das mache ich nicht. Polizei findet ihn selbst, wenn er wirklich der gesuchte Mann ist. Aber es ist besser, wenn er bald verschwindet“.

Kurz danach kam Schwanz selbst im Kostüm und Hut unter und stand vor der Rezeption.

„Ich will noch zwei Nächte hier bleiben“, sagte er. „Was macht das? Ich bezahle jetzt gleich. Ich soll nur meine Geldbörse holen“.

„Das kann ich leider nicht mehr verlängern. Ich war nicht sicher, ob Sie weiter hier bleiben. Ich habe deswegen Ihr Zimmer für jemand anderen reserviert“, antwortete ihm der Hotelmann.

„Was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass Sie heute bis zwölf Uhr hier bleiben können, dann müssen Sie weg. Es ist jetzt zehn Uhr. Sie haben noch zwei Stunden Zeit.“

Schwanz war offensichtlich enttäuscht.

„Haben Sie dann vielleicht ein anderes Zimmer für mich?“ fragte er. „Wenn es auch teurer ist, ist das kein Problem: Ich kann das bezahlen“.

Der Hotelmann antwortete ironisch:

„Bezahlen… Woher haben Sie denn so viel Geld? Na gut, das ist nicht meine Sache. Ich habe Ihnen schon ganz klar gesagt, dass Sie bis zwölf Uhr das Hotel verlassen müssen. Ich habe kein freies Zimmer mehr für Sie. Haben Sie mich verstanden? Überall sind die Hotels, Sie können sicher ein Zimmer dort finden. Vergessen Sie bitte Ihre Sachen nicht im Zimmer.“

„Ich habe keine anderen Sachen, außer dem Mantel. Und ich gehe besser jetzt um schneller woanders ein anderes Zimmer zu finden“.

„Gut, wie Sie wollen. Holen Sie bitte zunächst Ihren Mantel, dann geben Sie den Schlüssel hier ab und Sie sind frei“.

Schwanz wollte wieder die Treppe hochgehen. In diesem Moment hörte man draußen die Polizeisirene.

„Nein, kommen Sie zurück!“, sagte ihm Sammler unruhig und ängstlich.

„Gehen Sie schnell raus! Nein, nein! Man bemerkt dann Sie. Kommen Sie besser hierher, ich verstecke Sie.“

Schwanz wusste immer noch nicht, was passiert, machte aber das, was ihm Sammler sagte. Sammler versteckte ihn hinter der Rezeption, unter dem Tisch. Kurz danach kam Hartmann mit einer Polizistin und einem Polizist rein.

„Ja, der Mann muss hier sein!“ sagte Hartmann laut. „In welchem Zimmer ist er?“

„Welcher Mann? Ich weiß nicht, wovon Sie reden“.

Seine Antwort machte Hartmann wütend.

„Aha, weißt Du nicht? Von Limburg bis Frankfurt wissen das alle, dass der Dieb sich bei Dir versteckt, Du weißt es aber noch nicht?“

„Sind Sie aus Limburg? Frankfurt hat doch eigene Polizei…“

„Das geht Dich nicht an. Die Kollegen sind aus Frankfurt, aber die Operation leite ich, weil das Verbrechen seine Spuren in Limburg hat. In welchem Zimmer ist er? Sag schnell!“

„Zimmer hundert vier. Das ist im ersten Stock“, verriet Sammler seinen Kunden.

„Geht nach oben und bringt ihn her“, sagte der Hauptmann den beiden Polizisten.

„Er ist aber nicht im Zimmer. Er ist raus gegangen“, sagte Sammler.

„Raus gegangen?“, war Hartmann wieder sauer. „Er kommt aber zurück, oder? Gibt den Schlüssel her, wir prüfen erst, was er in seinem Zimmer hat“.

Dann gab Hartmann den Schlüssel seinen Polizisten und schickte sie nach oben.

„Dein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Warst Du schon Mal in Limburg bei der Polizei?“, fragte er den Hotelmann, wenn sie zu zweit geblieben waren.

„Nein, nein, Herr Kommissar, ich bin ein sehr ruhiger, gehorsamer Mensch und habe mit der Polizei bis jetzt nichts zu tun gehabt“.

„Wie ist Dein Name?“

„Gottfried Sammler“.

„Sammler, Sammler… Doch, Du warst schon mal bei uns wegen der Vergewaltigung“.

„Nein, nein, Herr Kommissar, das ist falsch…“

„Gut, ich werde das noch prüfen. Sammler, Gottfried Sammler…“

Die Polizisten kamen runter mit dem Mantel und Geldbörse vom Schwanz.

„Er hat einige seiner Sachen im Zimmer vergessen: Mantel und Geldbörse mit dem Bargeld, Ausweis und Kärtchen“, rapportierte die Polizistin ihrem Chef.

„Gut, das bedeutet, er kommt wieder. Wir gehen jetzt raus und werden wachen, wann er wieder kommt“.

Dann sagte er zu Sammler.

“Und das mit Dir werde ich noch klären: Sammler, Sammler… Gottfried Sammler…“

Dann sagte er den Polizisten: „Wer weiß, er ist vielleicht ein Geschäftspartner von diesem Dieb. Ich werde jetzt alles prüfen lassen“.

Dann ging Hartmann mit Polizisten raus.

„Verdammter Mistkerl“, sagte Sammler Hartmann hinterher: „Wie ein Hund kratzt er die Menschen…“ Dann sagte er dem Schwanz: „Hey, hast Du alles gehört? Sie suchen Dich. Du kannst hier auch nicht lange bleiben“.

Und er holte einen anderen Schlüssel.

„Nimm diesen Schlüssel und geh zum siebten Stock. Dort gibt es ein freies Zimmer. Moment… Ich komme auch mit. Jetzt aber schnell“.

Die beiden gingen ins Zimmer, das Gottfried für Schwanz empfohlen hatte. Sammler blieb unruhig und stehend beim Fenster, schaute nach unten. Um jede Ecke des Hotels stand ein Polizist und beobachtete das Geschehen um sich herum.

„Sie wachen überall wie Hunde“, sagte der Hotelmann. „Ne, Du kannst hier nicht raus kommen. Wir müssen uns trotzdem etwas ausdenken, wie Du weggehen kannst. Aber wie, weiß ich nicht. Hast Du wirklich jemandem die Geldbörse gestohlen?“

Schwanz antwortete traurig:

„Ja“.

„Wieso, bist Du wirklich ein Dieb?“

„Nein, ich bin kein Dieb“.

„Aber warum hast Du dann die Geldbörse gestohlen? Wer ist dieser Mann?“

„Das bin ich selbst“.

„Wie? Du hast Dir selbst die Geldbörse gestohlen?“

„Ja. Aber wir waren früher zusammen und seit vorgestern nicht mehr“.

„Ich verstehe gar nicht, was Du meinst“.

„Es gibt eine Person, die Peter Langstock heißt. Und ich bin ein Organ von ihm“.

„Was für ein Organ?“

„Ich bin sein Schwanz“.

Gottfried lachte bitter:

„Wie Schwanz?“

„Ja, ich bin sein Schwanz“.

„Und was machst Du dann hier?“

„Ich bin von ihm weggegangen, weil er mich immer gequält hatte. Genauer gesagt, mich quälten die Frauen, die mit ihm zusammen waren“.

„Aha, Du bist von Peter Langstock weggegangen, weil er oder die Frauen an seiner Seite Dich gequält hatten?“

„Ja, es war nicht mehr möglich, das weiterhin zu ertragen“.

Schwanz nahm hier die Binde von seinem Gesicht weg.

„Ha, was ist mit Deinem Gesicht los?“, fragte Sammler erschreckend.

„Ich hatte schon früher Wunden in meinem Körper und Gesicht. Die Frauen, die Peter hatte, haben mich immer ausgebeutet und verletzt. Sie wollten mich immer mehr und mehr in sich haben. In ihnen drin brannte mein Körper, bei diesen Bewegungen hin und her wurde oft mein Haupt versohlt. Denen war es egal. Und Peter fühlte meine Schmerzen wie seine eigenen, aber er konnte mich vor ihnen nicht schützen. Und Erika, seine jetzige Frau, war so hungrig nach mir, ich dachte, dass ich das nicht mehr aushalten kann“.

„Und Du bist von ihnen weggegangen? Was willst Du jetzt machen? Dann finde ich vielleicht Peter, Du gehst ihm wieder in die Hose rein, wo Du sein solltest“.

„Nein, ich will nicht mehr zu ihm. Mich verband mit Peter immer nicht nur das Körperliche, sondern auch das Seelische. Aber wir verstehen uns schon lange nicht mehr. Er hat nicht nur mich, sondern seine ganze Seele verraten. Er wollte nicht verstehen, dass ich ein wichtiger Teil seiner Seele bin. Er hat mich immer unterdrückt und den unersättlichen grausamen Frauen zum Zerreißen gegeben“.

Hier hörten die beiden die Stimmen von unten.

„Jetzt werden wir alle Zimmer, Dach, Keller gucken: Vielleicht versteckt dieser Kerl seinen Freund irgendwo anders“, das war die Stimme Hartmanns.

„Sie kommen jetzt hierher“, sagte Sammler. „Du musst auch der Polizei die Wahrheit sagen. Dann passiert Dir nichts. Du kommst wieder zu Peter zurück und er vergisst das, was Du ihm angetan hast“.

„Nein, ich gehe nicht mehr zu ihm zurück“, Schwanz war kategorisch.

Dann ging Schwanz zum Fenster und sah Peter mit Erika unten, vor dem Hotel.

Peter merkte den Schwanz sofort:

„Komm bitte wieder zu mir. Ich werde nur das tun, was Du willst. Ich werde Dich niemals mehr verraten“, floh Peter ihn an.

„Ja, komm zu uns zurück“, sagte auch Erika. „Ich werde Dich jetzt in Ruhe lassen. Du kannst mir glauben“.

Schwanz war aber genervt und wollte ihnen nicht zuhören:

„Ich glaube Euch nicht. Ihr werdet mich weiter quälen“, schrie er durch Fenster „Das kann ich aber nicht mehr ertragen“.

Nachdem er das gesagt hatte, wollte Schwanz sich nach unten werfen.

Peter weinte und schrie:

„Nein, mach das bitte nicht, verzeihe es mir, was ich Dir angetan habe. Komm zu mir zurück. Wenn Du willst, gehe ich auch von Erika weg. Wir können auch alleine ohne Frau leben“.

Erika war jetzt wütend auf Peter:

„Bist Du verrückt, warum alleine?“. Dann sagte sie wieder dem Schwanz: „Ja, komm zurück, wir werden wieder alle zusammen leben und ich werde Dich nie wieder berühren“.

„Nein“, blieb Schwanz hart. “Ich glaube nicht, ich glaube nicht, ich kenne Euch beide schon gut …“

Nach diesen Worten warf Schwanz sich runter. Peter schrie und rennte zusammen mit Erika zum Schwanz. Die Polizisten kamen auch zu ihm und zogen das Kostüm vom verstorbenen Schwanz aus.

Die Polizistin war entsetzt, als sie den nackten Schwanz sah:

„Er sieht aber nicht wie ein Mensch aus, guck mal“.

Bad Camberg, 2010

 

© Vougar ASLANOV

Sieben Prinzessinnen

Vougar Aslanov

SIEBEN PRINZESSINNEN

Nach Motiven der gleichnamigen Dichtung von Nizami Gändschewi1

Nach dem Tod seines Vaters sollte Prinz Bahram der neue Schah des Iran werden. Doch viele der Hofleute waren dagegen. Die Zeit der Sassaniden sei vorbei, sagten viele von ihnen. Und während Bahram sich im Jemen aufhielt, wurde sein Vater, der Schah Jasdegard gestürzt und ermordet. Jasdegard war ein grausamer Schah und war beim Volk des Iran nicht beliebt. Nach seinem Sturz, brachten die Hofleute einen alten Mann auf den Thron; sie wollten in dessen Namen ab jetzt den Iran selbst regieren. Als Bahram vom Sturz und der Ermordung des Vaters hörte, eilte er zurück in den Iran. Viele Krieger aus dem ganzen Sassaniden-Reich waren auf seiner Seite und wollten ihm helfen, den ihm zustehenden Thron zurück zu erobern. Es war auch sehr wahrscheinlich, dass sich das Volk des Iran auf die Seite des Thronprinzen stellen würde. Nun dachten die Hofleute Bahram auf andere Weise daran zu hindern, Schah des Iran zu werden. Sie stellten dem Thronprinzen eine unerfüllbare Bedingung: Wenn er der Schah Irans werden wolle, müsse er die Krone des Schahs aus einem Löwengehege heraus holen. Man hoffte, dass er dies nicht schaffe und von den Löwen zerrissen würde. Bahram nahm dennoch die Herausforderung an und in einigen Tagen sollte die Rettung der Krone vor den Löwen stattfinden.

Bahram war ein junger Mann, dem die Angst nicht bekannt war: als Kind wurde ihm die Kampfeskunst gelehrt, er konnte mit dem Schwert hervorragend umgehen, es gab in der Umgebung niemand, der die Pfeile so schießen konnte wie er. Deswegen war er bereit, gegen den Löwen um die Krone zu kämpfen und hatte keinen Zweifel daran, dass er es schaffen würde.

Einen Tag vor dem bevorstehenden Kampf kam ein junger Mann zu ihm und stellte sich als Sohn des Regenten der Provinz Gilan vor.

„Ich heiße Rast Röwschän“, erzählte der junge Mann weiter. „Meine Mutter ist Inderin; ich lebte viele Jahre bei meinen Onkeln in Indien und wurde dort von den besten Brahmanen und Weisen unterrichtet. Bahram, denkst du wirklich daran, gegen die zehn Löwen zu kämpfen? Du bist sehr stark, du beherrschst gut die Kampfeskunst, obwohl du noch nicht viele Erfahrungen gesammelt hast. Mit allen deinen Vorzügen wirst du es nicht schaffen, diese Aufgabe zu erfüllen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass du einen Löwen töten wirst. Vielleicht, mit etwas Glück auch den zweiten, na gut, du verletzt noch den dritten, aber dann wirst du von den anderen bis auf die Knochen gefressen. Wer diesen Löwenkampf um die Krone ausgedacht hat, war sich sicher, dass du da nie lebend raus kommst.“

Bahram war empört darüber, was ihm der junge Mann erzählte:

„Was erlaubst du dir, so was über mich – den Thronfolger der großen Sassaniden – zu reden? Du kennst meine Stärke nicht! Hast du gesehen, wie ich mit dem Schwert spiele, hast du gesehen, wie ich die Pfeile schießen kann? Hast du mich auf der Jagd gesehen: ich hefte mit dem Pfeil das Bein einer Antilope an ihren Kopf. Hast du davon gehört, wie ich einst den Drachen besiegte und getötet habe? Ich würde den Kampf auch gegen hundert Löwen aufnehmen, um den Sassaniden-Thron zu retten, nicht nur gegen diese zehn. Oder willst du mich überzeugen, auf den Kampf zu verzichten, um den Thron den anderen zu überlassen? Soll Bahram vielleicht peinlich seine Niederlage anerkennen? Geh du, Junge, besser weg, sonst werdet ihr beide – du und dein Vater – das sehr bedauern“.

Rast Rowschän war allerdings nicht besonders beeindruckt von dem, was der Kronprinz ihm erzählte und sagte ihm:

„Bahram, ich bin hergekommen, um dir zu helfen, denke nichts anderes. Ich sage dir nur eins: Du sollst die Krone von den Löwen holen, aber nicht mit dem Kampf, sondern mit dem Kopf“.

„Was meinst du damit, ich verstehe es nicht“.

„Bahram, sag mir bitte, was ist ein Löwe? Das ist eine Raubkatze und nichts anderes. Und was mag eine Katze? Sie mag vor allem spielen. Ich spielte ein Mal mit meinen Freunden Tschowgan2. Wir hatten dafür ein gutes Spielfeld im Wald eingerichtet, um in Ruhe spielen zu können. Plötzlich tauchten auf dem Spielfeld zwei Löwen auf. Wir hatten nichts außer den Spielstöcken und wollten uns mit diesen verteidigen. Aber wenn du wüsstest, was dann passierte: sie haben nicht uns überfallen, sondern den Ball. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine lustige Szene das war, die Löwen zu sehen, wie sie hinter dem rollenden Ball herliefen und diesen einander wegnehmen wollten. Wir vergaßen die Gefahr und lachten laut über sie. Und die Löwen verschwanden, weiter hinter dem rollenden Ball herjagend, im Wald. Nehmt Euch zwei oder drei Bälle mit, wenn Ihr morgen zu den Löwen geht, und werft ihnen diese zu. Sie werden die Krone liegen lassen und den Ball angreifen. Wisst Ihr warum? Weil für sie das, was davon rollt, viel faszinierender und spielbarer ist, als die tot da liegende goldene Krone“.

Nachdem Röwschän Bahram dieses erzählt hatte, verbeugte er sich und verließ den Prinzen wieder. Bahram machte sich Gedanken: sollte er den Rat des jungen Mannes annehmen oder besser nicht? Der Sassaniden-Nachfolger überlegte mehrere Stunden, bis er sich schließlich für den Rat des Kleinprinzen aus der Provinz entschied.

Aus seinem Befehl wurden ihm mehrere Tschowgan-Bälle gebracht. Bahram erzählte niemandem, was er vor hatte und nahm die Bälle am nächsten Tag mit, als er zu den Löwen ging.

Auf dem Stadtplatz hatten sich an diesem Tag viele Menschen versammelt: alle wollten den Kampf des Thronprinzen gegen die Löwen sehen. Bahram kam völlig aufgerüstet zum Platz in der Umgebung der Hofleute. Einer seiner Begleiter erzählte dann den Versammelten, was nun passieren solle und warum: Der Thronprinz solle eine Prüfung bestehen und damit beweisen, dass er wirklich für den iranischen Thron geeignet sei. Das sei eine iranische Tradition, die seit Jahrhunderten feststehe.

Auf dem Platz hatte man Zäune aufgebaut, hinter denen die Löwen auf Bahram warteten. Der Thronprinz stieg von seinem Pferd, sprang über den Zaun und ging auf die Löwen zu. Gerade vor ihnen lag die Krone der Sassaniden, die zuletzt Bahrams Vater trug. Alle warteten atemlos darauf, wann der Kronprinz die Löwen angreife, um die Krone zu retten. Die Löwen schauten den Thronfolger böse an und brüllten. Bahram holte die Bälle aus der Tasche und warf sie ihnen zu. Die Löwen fielen sofort über sie her: die Bälle rollten davon und jede Berührung der Löwen setzte sie weiter in Bewegung. Damit regten sie die Raubkatzen noch mehr auf. Sie liefen den rollenden Bällen hinterher, spielten mit ihnen und versuchten diese einander wegzunehmen. Und das sah von der Seite so lustig aus, dass die Versammelten nicht mehr an sich halten konnten und alle laut lachten. Bahram nahm die achtlos liegen gebliebene Krone, sprang dann über den Zaun zurück und kam wieder zu den Hofleuten. Keiner hatte das erwartet; diejenigen, die Bahram als Schah sehen wollten, waren jetzt sehr erfreut und jubelten von ganzem Herzen. Die anderen versuchten ihren Neid und Hass zu verstecken und jubelten mit.

So wurde Bahram zum neuen Schah des Iran. Eines Tages fragte er nach dem jungen Mann – dem Sohn des Regenten aus Gilan – und befahl, man solle ihn an den Hof holen. Als Rast Röwschän hereinkam, bedankte sich der junge Schah bei ihm und sagte:

„Du bist wirklich klug, junger Mann. Deine Klugheit hat mir geholfen, den iranischen Thron zu retten. Deine Klugheit kann mir auch dabei helfen, diesen zu behalten. Deswegen möchte ich dich zu meinem Wesir ernennen“.

Rast Röwschän bedankte sich beim Schah für dieses große Vertrauen und übernahm die Stelle des Wesir. Als Wesir brachte danach Vieles im Reich in Ordnung, sowohl in der Verwaltung als auch in der Wirtschaft. Er schaffte Vieles ab, womit die Menschen unter dem Vater Bahrams unzufrieden waren und führte viele neue Regeln ein, die dem Volk das Leben offensichtlich erleichterten. Bahram war sehr zufrieden mit dem Wesir und lobte ihn ständig vor allen.

Als Bahram einmal in der Provinz Luristan unterwegs war, traf er die Tochter des Regenten der Provinz Selbinas und verliebte sich in sie. Darauf besuchte er den Regenten von Luristan und bat um die Hand seiner Tochter. Das Provinzoberhaupt war sehr glücklich darüber, dass der Schah selbst seine Tochter heiraten wollte. Es gab ein großes Hochzeitsfest als Bahram Selbinas heiratete. Er war mit seiner Frau sehr glücklich und wollte, dass auch seine Untertanen gerecht regiert wurden und glücklich leben konnten.

Einmal sagte der Wesir zum Schah:

„Großer Schah, Ihr wisst selbst, dass der Iran viele Feinde hat. Aber uns fehlen auch die Freunde nicht. Deswegen sollte man etwas tun, was den Freunden Freude macht und die Feinde weiterhin verärgert. Wir könnten eine Burg bauen lassen, die die größte und schönste der Welt wird. In dieser Burg werden die schönsten Gemälde der Welt hängen und eure Heldentaten widerspiegeln. Euer Stiefbruder Neman holte einmal einen sehr guten Maler aus Mavarennehr, der Simnar heißt. Simnar baute ein schönes und großes Haus für Neman. Er schmückte dieses mit schönen Gemälden. Jetzt könnte er die schönste Burg für Euch bauen, mein Schah! Diese muss er auch mit den schönsten Gemälden der Welt schmücken“.

Als Bahram das hörte, war davon sehr begeistert, wieder lobte er den Wesir für seine Klugheit und erlaubte ihm den Bau dieser Burg in seinen Namen auszuführen.

Der Wesir ging zum Stiefbruder des Schahs, Neman und überbrachte diesem ihm den Befehl des Schahs. Neman nahm das sehr eifersüchtig auf, weil er nicht wollte, dass jemand etwas über die Geheimnisse seines Hauses erführe. Jetzt konnte jedoch nichts mehr gegen den Willen des Schahs unternehmen, daher brachte er den Baumeister und Maler Simnar zum Wesir. Der Wesir erklärte dem Meister seine Aufgabe und in wenigen Monaten entstand die schönste und höchste Burg der Welt in der Nähe der Hauptstadt der Sassaniden, Medain. Dann befahl ihm der Wesir, die Szenen abzubilden die Bahrams Heldtaten zeigen: Bahram heftet während der Jagd mit einem Pfeil die Pfote einer Antilope an deren Kopf; Bahram besiegt den Drachen, Bahram holt die Krone von Löwen. Danach berichtete der Wesir dem Maler über sieben Prinzessinnen: die indische Prinzessin Furek, die byzantinische Prinzessin Humay, die khorezmische Prinzessin Nazperi, die slawische Prinzessin Nesrinnusch, die maghribische Prinzessin Azerjun, die chinesische Prinzessin Yagmanaz und die iranische Prinzessin Dürset. Simnar musste darauf nach seinen Beschreibungen alle diese Schönheiten malen.

Eines Tages lud der Wesir den Schah ein, die neue Burg und deren Gemälde zu besichtigen. Der Schah war begeistert von der Burg und lobte den Wesir und den Meister Simnar.

„Wundervoll, wundervoll, Wesir! Ich habe so einen Bau noch nirgendwo gesehen und noch nie gehört, dass es woanders so etwas gibt. Du musst den Meister Simnar würdig belohnen!“

Als der Wesir Bahram in das Zimmer führte, in dem die sieben Schönheiten gemalt waren, bedeckte der Schah seine Augen mit der Hand: denn diese wirkten auf ihn wie sieben Sonnen, die er nicht anschauen konnte. Dann forderte er von dem Wesir eine Erklärung. Der Wesir erzählte ihm von den sieben schönsten Prinzessinnen der Welt.

„Ich glaube dir Wesir“, antwortete der Schah. „Ich bin aber verheiratet und liebe meine Frau sehr, die nicht weniger schön ist, als diese Prinzessinnen. Du weißt das selbst“.

„Es wäre gut, großer Schah“, sagte Wesir, „wenn ihr all diese sieben Prinzessinnen zu Euren Mägden machen würdet. Die Frau ist eines, aber die Magd etwas anderes. Es wäre gut, für jede Magd einen Palast zu bauen. Das schafft wieder Simnar. Dann habt ihr die schönste und höchste Burg in der Welt sowie die schönste Frau, die schönsten Mägde und die schönsten Paläste“.

Diese Erläuterung seines Wesirs gefiel dem Schah. Er entschied sich, nun statt der Antilopen nach den erwähnten Prinzessinnen nach zu jagen. Obwohl die schönste von ihnen, Dürset, im Iran lebte, wollte er mit der indischen Prinzessin anfangen und fuhr nach Rajasthan. Der Maharadscha bereitete Bahram einen sehr würdigen Empfang und lobte ihn. Bahram brachte die indische Prinzessin nach Medain, befahl einen Palast für sie zu bauen und schickte dem Kaiser selbst nach Byzanz, die Botschaft, dass er nun seine Tochter zu seiner eigenen Magd machen wolle. Da es schon lange einen Streit zwischen dem Iran und Byzanz gab, und die beiden daher oft Kriege gegeneinander führten, lehnte der Kaiser dies ab. Als Antwort begann Bahram einen neuen Krieg gegen Byzanz. Als er mit seinen zahlreichen Truppen vor den Toren Konstantinopels stand, gab der Kaiser nach. Bahram brachte auch die Kaisertochter nach Iran. Für sie wurde ebenfalls ein neuer Palast erbaut. Bahram selbst machte sich nun auf den Weg nach Khorezm. Auch der Schah von Khorezm betrachtete die Verwandtschaft mit dem iranischem Schah als große Würde und gab sein Tochter Bahram zur Magd. Während Simnar für die Prinzessin einen Palast baute, war der Schah wieder unterwegs, diesmal nach Maghrib. Der König des Maghrib, wie auch später der König der Slawen und der Kaiser von China waren sehr froh, zum berühmt gewordenen Schah des Iran so enge Beziehungen durch ihre eigenen Töchter zu bekommen.

Die letzte, die schönste Prinzessin Dürset, gehörte zur alten Schah- Dynastie des Iran, den Achemäniden; sie war die Urenkelin des alten Schah Keikawus. Bahram machte auch diese zu seiner Magd.

Nun hatte er die sieben schönsten Prinzessinnen als Mägde, für jede hatte Simnar einen schönen Palast gebaut hatte und jeder Palast hatte eine Farbe des Regenbogens.

Jetzt lasst uns von Simnar erzählen. Als er mit allen Arbeiten fertig war, äußerte sich der Wesir über Simnars hohe Kunst mit großer Begeisterung.

„Nirgendwo gibt es so eine schöne Burg, solch schöne Gemälde und Paläste! Du bist ein großer Meister, Simnar, und deshalb bekommst du fünftausend Goldstücke für deine Arbeit! Aber sag mir, ist diese Burg, diese Gemälde, die schönen Paläste, die Grenze deines Könnens oder könntest du für jemanden noch etwas Besseres schaffen?“

„Verehrter Wesir“, antwortete der große Maler und Baumeister, „es hängt davon ab, wie viel man dafür bezahlt. Ihr zahlt mir für meine ganze Arbeit fünftausend Goldstücke. Das ist eine gute Bezahlung, so viel hat mir bis jetzt niemand bezahlt. Wenn aber jemand mir dafür fünfzigtausend bezahlt, werde ich eine zehn Mal bessere und schönere Burg mit Gemälden und Palästen schaffen, weil er mir zehn Mal mehr bezahlt“.

Als Wesir das hörte, war er sehr erzürnt; er schickte Simran wieder zurück und ging zu Neman.

„Neman, es darf auf dieser Welt keine größere und schönere Burg, keine schöneren Gemälde mehr geben. Die Geheimnisse dieser allerhöchsten Kunst sind nur Simnar bekannt. Er sagt, er sei aber bereit, für jemanden etwas Besseres zu schaffen, wenn man ihm dafür mehr bezahlt. Das darf man nicht zulassen“.

„Was sollen wir nun tun? – fragte Neman, „wir können ihm nicht verbieten, auch für die anderen zu bauen oder zu malen“.

„Wir können aber was anders tun: Befehle deinen Leuten, dass sie ihn heute von der Spitze der Burg herunterwerfen. Du kannst dies danach als ein Unglück erklären“.

„Was wird aber Bahram dazu sagen, wenn er davon erfährt?

„Er erfährt darüber nichts, wenn es ihm niemand erzählt. Das musst auch du Sorge tragen“, sagte der Wesir und verließ Nemans Haus.

In der Nacht brachte Simnar Neman unter dem Vorwand, bei ihm ein Nachtbild zu bestellen, wie alles von der Spitze der Burg ausssehe. Als Simran von dort aus die Umgebung, den Himmel, die Sterne und den Mond beobachtete, stiess Neman ihn von hinten. In der Nachbarschaft hörten viele den Todesschrei des herunter stürzenden Malers.

So kam das Ende des großen Meisters, der viele seiner Geheimnisse ins Grab mitnahm.

Bahram ging jeden Abend zu einer Prinzessin; sie tanzte und sie kochte für ihn, sie schenkte ihm Wein nach und dann erzählte sie dem Schah eine Geschichte: Geschichten über Liebe und Hass, über Treue und Betrug, über Gelassenheit und Krieg, über das Gute und das Böse,

über das Licht und die Finsternis. Dies erzählten die schönsten Prinzessinnen der Welt dem Schah.

So verbrachte der junge Schah mehrere Jahre in den Palästen der Prinzessinnen. Eines Tages wollte er dennoch seine Familie besuchen und sehen, wie es ihnen gehe. Er fand seine Frau sehr krank, sie lag kraftlos im Sterbebett. Im letzten Augenblick wollte sie ihrem Mann etwas verraten, sie konnte aber nur „der Mann, dieser böse Mann…“ sagen. Bahram war sehr traurig und weinte mehrere Tage am Bett seiner Frau. Ihn tröstete nur, dass seine Frau ihm zwei Söhne hinterlassen hatte. Er beerdigte sie und wollte danach alleine durch das Land wandern um sich vom Kummer zu befreien.

Bahram erinnerte immer wieder an die letzten Worte seiner sterbenden Frau und wollte herausfinden, wenn sie gemeint haben konnte. Aber ihm fiel niemand ein. Als Bahram durch das Land ging, war der junge Schah sehr erschüttert davon, was er in seinem Land sah. Überall verfielen die Häuser, die Wirtschaft war verwahrlost, die Felder blieben unbestellt, ohne Ernte, die Menschen sahen sehr unglücklich aus. Viele hungerten, die anderen bettelten; der Diebstahl und die Plünderei fremden Gutes wurde zum Alltag. Er war ratlos, wusste nicht, wie er das alles ändern und seinen Untertanen, seinem Land helfen sollte. So wanderte er alleine sehr nachdenklich durch das Land weiter, bis er am Rande einer Stadt auf eine Herde traf. Der Schah wollte schon vorbei gehen, als er ein ungewöhnliches Bild sah: an einem Baum war ein großer Schäferhund erhängt. Da der Schah in seinem Leben noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, wollte er unbedingt wissen, warum man das getan hatte. So ging Bahram in das Haus des Schäfers. Der Schäfer verstand, dass der gute Herr jemand vom Hof sein sollte; er erwies den entsprechenden Respekt und brachte ihm gutes Essen und Trinken. Der Schah bedankte sich beim alten Mann und sagte:

„Vielen Dank für alles! Ich werde aber deine Gastfreundschaft nur dann genießen, wenn du mir erzählst, warum du den Hund erhängt hast“.

Der Schäfer war einverstanden, ihm das zu erzählen.

„Guter Herr“, begann der Gastgeber. “Ich hüte sehr lange die Schafherde und hatte in letzter Zeit die größte Herde in der Umgebung. Das war dankte nicht nur mir, sondern auch meinem Schäferhund. Dieser Hund diente mir 15 Jahre lang und war immer sehr treu und tapfer. Aus Angst vor ihm konnte kein Wolf und kein Dieb meine Schafe überfallen. Ich fuhr manchmal mit meiner Familie zu Verwandten und blieb dort mehrere Tage. Der Hund war dann selbst der Hirte und hütete die Schafe. Vor einem Monat habe ich bemerkt, dass eines der Schafe am Bein verletzt war. Und das war nichts anderes als ein Wolfsbiss. Das wunderte mich sehr: wie konnte es sein, dass ein Wolf den Weg zu meiner Herde gefunden hatte? Dann habe ich angefangen jeden Morgen zu zählen, wie viele Schafe ich noch habe. Und jedes Mal fehlte eines. Dann wollte ich selbst nachts wachen und beobachten, was in der Herde passierte. In der Nacht kam eine Wölfin, die sich mit meinem Hund traf. Danach ließ dieser Verräter die Wölfin in die Herde hinein. Diese Wölfin holte sich vor meinen Augen ein Schaf. Ich habe den Hund erhängt, dass es auch für alle anderen eine Lehre sei. Damit man versteht, welchen Preis man für den Verrat zahlen muss.

Bahram bedankte sich beim seinem Gastgeber, aß und trank mit ihm, dann verließ er sein Haus. Er war in tiefen Gedanken und wollte wieder zum Hof zurückkehren. Diese Geschichte, die ihm der Schäfer erzählt hatte, beeindruckte ihn tief.

„Ich bin verwundert“, sah der Schah ein:

„Mich lehrte ein Schäfer Schah zu sein.

Das ist ja meine wohl Geschichte,

Schafe – Untertanen, ich Hirte 3“.

Nachdem Bahram an den Hof zurückkam, wollte er selbst untersuchen, was während seiner Abwesenheit hier geschehen war. Er forderte, ihm die Listen aller Gefangenen zu bringen. Der Schah erschrak, als er diese Listen kennen gelernt hatte: so viele Menschen, oft unschuldig, wurden vom Wesir ins Gefängnis geworfen. Oft stand auf der Liste, neben dem Namen der Gefangenen eine Anmerkung: Der Schah habe ihn zum Tode verurteilt, der Wesir ihn begnadigt und seine Strafe durch eine Freiheitsstrafe ersetzt. Immer wurde der Schah als ein böser Herrscher, der Wesir als sein guter Ratgeber dargestellt. Nun wollte der Schah selbst die Gefangenen anhören. Sie erzählten dem Schah die unglaublichen Grausamkeiten, die der Wesir in letzten Jahren verübt hatte. Es kaum heraus, dass der Wesir eine große Räubersippe hatte, mit der er das Volk unterdrückte und verfolgte. Er fand unter den Gefangenen auch seinen Schwiegervater, den früheren Regenten der Provinz Luristan. Dieser weinte und erzählte Bahram, was der Wesir ihm und seiner Familie angetan hatte.

„Ich hatte ein schönes Pferd, das mir Euer verstorbener Vater für meine Dienste geschenkt hatte. Eines Tages schickte der Wesir seine Räuber, die in seinem Namen dieses Pferd von mir verlangten. Als ich es verweigerte, peitschen sie mich grausam aus. Als meine Frau und mein Sohn das verhindern wollten, haben diese Räuber die beiden getötet und das Pferd geraubt. Ich wusste, das Ihr nicht am Hof seid und schrieb deswegen einen Brief an meine Tochter, eure Gemahlin und berichtete ihr von den Taten des Wesirs. Meine Tochter wollte uns verteidigen und verlangte Rechenschaft vom Wesir. Er erfand dann einen Grund, sie selbst schuldig zu sprechen und liess sie ebenfalls auspeitschen. Meine Tochter war sowieso über die Trennung von Euch, großer Schah, unglücklich und nachdem der Wesir sie ausgepeitscht hatte, wurde sie sehr krank. Als ich das hörte, wollte ich meine Tochter besuchen, aber die Leute des Wesirs nahmen mich fest und warfen mich ins Gefängnis. Habt Ihr jetzt Eure Gemahlin gesehen, wenn ich fragen darf ? Geht es ihr wieder gut?“

Bahram antwortete ihm sehr traurig, dass seine Frau in seinen Armen gestorben war. Sein Schwiegervater weinte bitter, als er dies hörte. Der Schah tröstete ihn und sagte, das sich bald der Wesir für alle seine Taten verantworten müsse. Er liess den Schwiegervater frei und ernannte ihn wieder zum Regenten der Provinz Luristan.

Bahram wusste jetzt, wen sterbende Frau als „dieser Mann, dieser böser Mann“ erwähnt hatte. Er kam in den Hof zurück, sammelte alle Hofleuten und beschuldigte sehr wütend den Wesir vor ihnen:

„Ich habe das ganze Land dir anvertraut“, sagte der Schah zu Rast Röwschän. – „Womit hast du aber auf mein Vertrauen beantwortet? Ich hielt dich für einen klugen Mann, der mir auch treu sein sollte. Ich habe gehofft, dass du in meiner Abwesenheit das Land gerecht regieren wirst. Stattdessen hast du die Räuber um dich gesammelt und das Land geplündert. Wo du Steuer sammeln solltest, hast du Gold und Silber genommen um dich weiter zu bereichern. Deine Räuber nahmen dem Volk das Letzte weg. Wer Widerstand leistete, den warfen sie ihn ins Gefängnis. Du wolltest es so haben; alle mussten arm; schwach und unterdrückt werden, nur du und deine Leute alleine sollten reich werden“.

Rast Röwschän verbeugte sich vor dem Schah und sagte:

„Großer Schah, ich rufe Euch auf, den Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Diese Gerüchte verbreiten die Feinde des iranischen Throns. Ihr habt, das ich hoffe sehr, nicht vergessen, als ich Euch vor vielen Jahren vor der Verschwörung der damaligen Hofleute gerettet und Euch geholfen habe, den Thron zu besteigen…“

„Ich habe deine Dienste nicht vergessen, Wesir, deswegen übergab ich dir auch die höchste Macht im Land. Aber sage mir: war das nicht ein Falle, die du mir gestellt hast, als du mir vorschlugst, die sieben Prinzessinnen zu meinen Mägde zu machen? Während ich mich diesen Schönheiten hingab, schuftst du deine eigene Macht im Land mit deinen Räubern“.

„Der große Schah muss den Gerüchten nicht glauben. Ihr kennt mich doch…“

„Du sagst es wieder: die Gerüchte! Ich mache spreche jetzt offen Gericht über dich. Diejenigen, die von deiner Willkür betroffen sind, werden dir das selbst erzählen und dies vor dem ganzem Volk“.

Nach diesen Worten befahl der Schah, den Wesir zu fesseln und ins Gefängnis zu werfen.

Nach zehn Tagen fand das offene Gericht über den Wesir und seine Räuber auf dem Stadtplatz statt. Es waren so viele Menschen auf dem Platz versammelt, dass man sich kaum mehr bewegen konnte. Nachdem das Gericht begonnen hatte, rief der Schah die sieben der Gefangenen auf, die er selbst angehört hatte, und unter denen auch sein Schwiegervater war, und bat sie ihre Geschichten zu erzählen. Alle sieben Gefangenen erzählten nacheinander vor dem Gericht, wie der Wesir mit seinen Räubern sie und ihre Nahestehenden ausgeplündert, geschlagen und schließlich unschuldig ins Gefängnis geworfen hatte. Zum Schluss bat der Stiefbruder des Schahs Neman ums Wort. Darauf erzählte er, wie der Wesir ihn vor vielen Jahren gezwungen hatte, den großen Maler Simran von der Burgspitze herunter zu werfen. Weder der Wesir, noch seine Räuber konnten sich von diesen schweren Beschuldigungen verteidigen. Der Schah befahl Galgen auf dem Platz zu bauen und den Wesir samt seiner Räubern vor dem Volk aufzuhängen.

Nachdem Bahram das Land vom Wesir und seinen Räubern befreit hatte, herrschte im Land wieder Gerechtigkeit. Der Schah half allen, die vom Wesir und seiner Sippe betroffen waren, er gab ihnen ihre weg genommenen Güter zurück. Er half den Armen, er machte die die Hungernden wieder satt und er bemühte sich immer um das Wohl der Menschen und des Landes. So wurde Bahram bei seinem Volk wieder zum beliebten Regenten.

Die sieben Schönheiten hatte er aber auch nicht vergessen. Aber jede von ihnen besuchte er jetzt nur ein Mal im Monat.

So verbrachte Bahram seine Jahre bis er sechzig Jahre alt geworden war. Was er in diesen Jahren nicht aufgegeben hatte, war die Jagd auf die Antilopen. Als er wieder mit seinem Gefolge auf der Jagd war, fuhr er einer Antilope hinterher. Diese lief durch den ganzen Wald, dann ging sie in eine große und tiefe Höhle, und Bahram folgte ihr. Die Leute des Schahs warteten vor der Hölle mehrere Tage auf ihn; Bahram aber kam nie wieder aus der Höhle heraus.

                                                                                                                                                                    Frankfurt, 2015

1 Nizami Gändschewi – aserbaidschanischer Dichter (12. Jh.), von dem J. W. Goethe im „West-östlichen Diwan“ (1819) sehr begeistert spricht.

2 Ein altes Ballspiel mit Stöcken auf Pferden im Orient. Ähnlich dem modernen Polospiel

3 Übersetzung des Nisami – Gedichts vom Autor.