Die Auflösung des Altersheims

 

Vougar Aslanov

DIE AUFLÖSUNG DES ALTERSHEIMS
Einakter

Personen:

Der Aktionär – Ein Rentner

Erste Aktionärin – eine Frau 50 Jahre alt

Zweite Aktionärin – eine Frau 45 Jahre alt

Der Stellvertreter des Vorsitzenden des Altersheims GmbH „Abendfrieden“.

Der Versammlungssaal des Altersheims der Aktiengesellschaft „Abendfrieden“. Ein Aktionär und zwei Aktionärinnen warten auf den Vorsitzenden der Gesellschaft Namens Herr Müller. Der Saal ist lange nicht renoviert, die Möbel – der Tisch, an dem die Aktionäre sitzen, und die Stühle – und die Vorhänge sind sehr alt und schmutzig. Im ganzen Saal fühlt man die abgestandene und sogar ein bisschen stickige Luft.

Zweite Aktionärin: Oh, wie stinkt es hier, man möchte sich die Nase zuhalten.

Der Aktionär: Ja, wirklich, was für eine schwere Luft hat man hier!

Erste Aktionärin: Aber bitte vergessen Sie nicht, dass Herr Müller in diesem Gebäude jahrelang arbeiten und das alles erdulden musste.

Zweite Aktionärin: Ja, es ist wirklich schwer, mehrere Jahre in dieser Atmosphäre zu arbeiten.

Erste Aktionärin: Und immer diese unerfreulichen Szenen vom Leben älterer Menschen ansehen zu müssen, das ist, glaube ich, wie Sie mir sicher zustimmen werden, nicht leicht.

Zweite Aktionärin: Ja endlich ist alles vorbei. Es gibt kein Altersheim mehr. Es ist mir jetzt viel leichter geworden.

Der Aktionär: Ja und ich muss jetzt endlich etwas von diesem Altersheim bekommen, oder nicht?

Erste Aktionärin: Machen Sie sich keine Sorgen, lieber Herr. Wir bekommen alle unsere Anteile, nachdem das Altersheim aufgelöst worden ist.

Der Aktionär: Aber wie lange soll man warten? Bisher habe ich kein Geld von diesem verdammten Heim bekommen. Und welche Hoffnungen gab uns Herr Müller, als er dieses Altersheim zu gründen begann? Und ich habe ihm geglaubt, und gab ihm alles, was ich Jahre lang ansparte. Warum machte ich das, ich alter Idiot? Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich mein Geld weiter in der Bank gelassen hätte? Wozu brauchte ich die ganze Geschichte mit diesem Altersheim?

Erste Aktionärin: Seien Sie ruhig, lieber Herr. Alles wird gut werden. Auch Sie werden zufrieden sein, glauben Sie mir. Herr Müller ist so ein guter, ehrlicher Mensch. Er arbeitete so lange hier für uns, unter diesen unerträglichen Bedingungen. Das ist jemand, der an sich selbst nur in letztem Moment denkt. Wie kann man über ihn was Schlechtes sagen? Man muss sich dafür schämen, einen so guten Menschen zu beleidigen.

Zweite Aktionärin: Ja einverstanden. Aber Sie waren, mein Herr am Anfang auch ohne Grund mit ihm unzufrieden und wollten kein gutes Wort über ihn sagen. Alle Männer sind immer so. Mein Mann kann es ebenso nicht ertragen, wenn man über jemanden ein gutes Wort sagt. Für ihn ist alles immer schlecht. Er denkt, dass alle ihn betrügen möchten. Er sucht immer nur einen Grund alles durchzustreichen.

Die Aktionäre schweigen alle eine Zeit. Nur der Aktionär murmelt was Unverständliches. Die Frauen flüstern unter sich. Manchmal deuten sie mit ihre Köpfen und Augen auf den Aktionär. Der Aktionär sieht immer unruhiger aus.

Erste Aktionärin: Wollen Sie nicht sagen, lieber Herr, was Sie mit ihrem

Geld zu machen gedenken, wenn Sie es bekommen? Haben Sie schon etwas geplant?

Der Aktionär: Ja, natürlich, habe ich was geplant.

Erste Aktionärin: Und was denn, wenn das kein großes Geheimnis ist?

Der Aktionär: Ach diese Frauen…Sie wollen immer alles wissen.

Zweite Aktionärin: Aber wir sind für Sie keine fremden Menschen. Uns könnten sie vielleicht vertrauen.

Erste Aktionärin: Ja, wirklich, wir sind Aktionäre der gleichen Gesellschaft. Wir sind fast Verwandte.

Der Aktionär: Sie beide, meine Damen, sehe ich erst zum zweiten Mal. Und früher habe ich Sie ein Mal auf der ersten Versammlung, auf der Herr Müller uns goldene Berge versprochen hatte, gesehen.

Erste Aktionärin: Ja richtig, aber wir gehören schon seit vier Jahren zu den Aktionären dieses Altersheims. Wir stehen so nah zueinander. Wir sind fast Verwandte…

Der Aktionär: Ja aber ich kenne nicht einmal Ihren beiden Nahmen und sie kennen meinen auch nicht. Was sind wir für Verwandte?

Zweite Aktionärin: Aber trotzdem finde ich, dass die Kollegin völlig Recht hat. Wir sind wirklich einander sehr nah stehende Menschen, fast Verwandte…

Der Aktionär: Verwandte, Verwandte… Ich habe die Nase voll von meinen eigenen Verwandten. Sie erinnern sich an mich nur, wenn sie etwas von mir brauchen. Also, danke, ich brauche keine weitere Verwandten.

Erste Aktionärin: Aber ich kenne die Menschen, die auch Aktionäre einer Gesellschaft sind, sie sind sehr lieb zueinander. Sie gehen sehr freundlich miteinander um.

Der Aktionär: (sauer) Ich will jetzt nur meinen Teil nach der Auflösung dieses verdammten Altersheims bekommen und dann will ich niemanden mehr sehen. Ich sage noch, dass ich es sehr bedauere, dass ich mit diesem Altersheim und diesem Herrn Müller überhaupt etwas zu tun habe. Das würde ich niemals machen, wenn man alles zurückdrehen könnte. Man weiß nicht, was er uns noch bezahlt? Ich habe nichts mehr außer diesem Geld, das ich damals investiert hatte.

Zweite Aktionärin: Machen Sie sich nicht so viele Sorge, Sie bekommen Ihr Geld, mindestens verdoppelt zurück. Denken Sie besser daran, was Sie machen werden, nachdem Sie Ihren Teil vom Altersheim bekommen haben?

Der Aktionär: (seufzt und schweigt. Nach einer Pause) Ich will eine Weltreise machen. Die Länder der Welt, von denen ich nur gehört habe, sehen. Die geheimnisvollen Länder, die exotischen Völker mit ganz anderen Kulturen und Gewohnheiten (träumerisch). Das war immer ein großer Wunsch von mir.

Erste Aktionärin: (zur zweiten Aktionärin leise und unzufrieden). Ja das können wir uns denken: Die Männer wollen in diese Länder wegen der kleinen Prostituierten fahren.

Zweite Aktionärin: (leise zur ersten Aktionärin) Ja, meistens reisen die Männer in die exotischen Länder nur mit diesem Ziel.

Der Aktionär: (hört sie nicht, traurig). Aber ich denke manchmal, dass ich kein Geld von diesem verfluchten Altersheim bekomme. Ich gebe niemals wieder mein Geld jemandem, auf keinen Fall. Ach bin ich so dumm, warum habe ich mein Geld diesem Herrn Müller gegeben? Warum habe ich ihm geglaubt? Ich könnte schon mit diesem Geld, das ich ihm gegeben habe, eine gute Reise machen. Ein bisschen kleinere. Aber trotzdem eine interessante und gute Reise… Aber ich habe gedacht, jetzt kann ich mein Geld verdoppeln, verdreifachen und dann eine große Reise machen…

Erste Aktionärin: Ja glauben Sie mir, sie brauchen sich nicht so viele Sorgen zu machen. Sie bekommen Ihr Geld und auch viel mehr als Sie gegeben haben.

Zweite Aktionärin: Ja, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, das ist richtig (zur ersten Aktionärin, leise). Und was wollen Sie mit ihrem großen Geld machen, haben Sie schon was geplant?

Erste Aktionärin: (leise zu ihr). Wissen Sie, ich beneide immer die Menschen, die oft ins Restaurant gehen können. So will ich jetzt auch oft ins Restaurants gehen und essen und trinken, was meine Seele wünscht. Es gibt jetzt auch so viele unterschiedliche und schöne Restaurants. Am meisten mag ich aber Sushi, Krebs, Oktopus und Gerichte, die sehr scharf sind. Ich will die Gerichte aller Länder der Erde probieren. Dafür muss man aber nicht in andere Länder reisen. Heutzutage gibt es schon alles in Deutschland. Die Sache ist nur das Geld.

Zweite Aktionärin: Ein sehr guter Wunsch, ein menschlicher Wunsch. Ich will mir aber eine

Yacht kaufen; ich fühlte immer Neid gegenüber Menschen, die eine Yacht haben.

Erste Aktionärin: Ihr Wunsch ist auch sehr verständlich und auch sehr menschlich.

Ein sehr gut gekleideter Mann im mittleren Alter mit Krawatte und einer großen schwarzen Mappe kommt herein. Er sieht freundlich und nett aus. Die Frauen stehen auf, der Aktionär bleibt aber sitzen.

Erste Aktionärin: Herr Müller, sind Sie das?

Zweite Aktionärin: (leise zur Ersten Aktionärin) Oh dieser Herr Müller, wie hübsch er aussieht.

Der Mann: (lächelnd) Nein ich bin nicht Herr Müller, ich bin sein Stellvertreter. Er ist sehr beschäftigt und konnte heute leider nicht kommen (setzt sich).

Der Aktionär: (unruhig) Aber warum, hat er selbst uns heute eingeladen?

Stellvertreter Herr Müllers: (lächelnd und ruhig). Wissen Sie, es steht ihm ein schwieriger Gerichtstermin bevor.

Erste Aktionärin: (unruhig) Was für ein Termin, was für ein Gericht?

Herr Müllers Stellvertreter: (wieder ruhig) Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Er hat schon die besten Anwälte, die es schaffen, ihn von dieser schwierigen Situation wegzubringen.

Zweite Aktionärin: Aber was für eine schwierige Situation ist das? Was hat Herr Müller denn?

Herr Müllers Stellvertreter: Wissen Sie, das ist nicht so, wie sie denken. Aber die Kunden haben uns angezeigt.

Erste Aktionärin: (ängstlich) Angezeigt? Aber warum, mein Herr?

Herr Müllers Stellvertreter: Weil unsere Kunden so schlecht sind. Alle haben gesehen, wie viele Mühen sich Herr Müller gegeben hat, um ein richtiges und komfortables Altersheim zu schaffen. Wie er sich selbst um diese alten Menschen kümmerte, dass wissen auch alle. Aber…

Der Aktionär: (mit schmerzhafter Ironie) Aber?!

Herr Müllers Stellvertreter: (besäuft sich) Aber, die Kunden, genauer gesagt, ihre Familienangehörigen und Verwandte haben uns angeklagt.

Der Aktionär: (ungeduldig) Aber was war die Ursache, was für einen Grund hatten sie?

Herr Müllers Stellvertreter: (sauer macht die große Mappe auf und überblickt die Blätter). Ja nichts besonderes. z.B. steht hier, dass die Bedingungen viel schlechter seien, als man den Kunden am Anfang versprochen hätte Es gäbe weniger Personal, als es nötig wäre, und auch mit der Sauberkeit und den persönlichen Bedingungen der Kunden wäre es schlecht bestellt. Das stimmt aber gar nicht. Und Sie brauchen ihnen nicht zu glauben. Und noch was steht hier (liest aus einem Papier still für sich)… Was? Das kann nicht sein. Ich sehe das auch das erste Mal. Das istwirklich Blödsinn, was sie schreiben.

Der Aktionär: Was steht da?

Herr Müllers Stellvertreter: Das kann nicht wahr sein… Woher kommen hier die Ratten? Sehen Sie was für einen Quatsch die Kläger schreiben. Hier steht, die Kundin B. habe zwei Mal, die Kundin F. drei Mal in ihren Essen Kakerlaken gefunden. Das könnte noch sein, aber die Ratten – das ist unglaublich! Wenn es noch Mäuse wären, könnte man es glauben (überblickt die Blätter weiter). Hier steht zum Beispiel: (liest) „Unser Vater hat ein Mal aus seiner Suppe eine tote Maus rausgeholt“. Das ist, glaube ich, auch übertrieben (liest weiter). „Unsere Mutter war ein Mal die Treppe heruntergefallen, weil die Treppe wackelte“. Hm…(liest weiter) “Schäden am Altersheim wurden in den ganzen Jahren niemals repariert. Überall gab es immer einen unerträglichen Gestank“. Das stimmt wieder nicht!

Der Aktionär: (traurig) Warum lesen Sie uns jetzt das jetzt vor? Sagen Sie was die Kunden oder ihre Verwandten jetzt wollen?

Herr Müllers Stellvertreter: (versucht wieder zu lächeln) Sie wollen ihr Geld jetzt zurück.

Der Aktionär: Und was bedeutet das?

Herr Müllers Stellvertreter: Das bedeutet, dass die Aktionäre kein Geld von der Auflösung des Alterheimes bekommen können.

Der Aktionär: Und das sagt uns jetzt Herr Müller und sonst nichts?

Herr Müllers Stellvertreter: Herr Müller empfiehlt, jetzt, heute das Altersheim aufzulösen. Die Summe, die die Kläger fordern, ist zwei Mal höher, als wir auf unserem Konto haben. Deswegen lösen wir heute unsere Gesellschaft auf. Alle müssen freiwillig auf ihren Anteil verzichten und Herrn Müller alles Weitere überlassen. Wenn er beim Gericht verliert, wird er für alles alleine verantwortlich sein. Wenn er aber gewinnt, bezahlt er Ihnen wieder ihre Anteile zurück.

Erste Aktionärin: Ah, Herr Müller wird für alles alleine verantwortlich sein. Der arme…

Zweite Aktionärin: Ja, wirklich, er ist ein sehr guter Mann; er will nicht den anderen Probleme machen.

Herr Müllers Stellvertreter: Jetzt unterschreiben Sie bitte, dass Sie ab heute keine Aktionäre dieser Gesellschaft mehr sind und keinen Anspruch mehr haben.

Der Aktionär: (wütend) Nein, ich unterschreibe es nicht!

Die Erste und Zweite Aktionärin: (zusammen) Wollen Sie sich vor dem Gericht zusammen mit Herrn Müller verantworten?

Der Aktionär unterschreibt nach den anderen auch schweigend den Zettel und alle gehen langsam zum Ausgang.

Erste Aktionärin: Herr Müller ist wirklich ein guter Mensch.

Zweite Aktionärin: Das denke ich auch.

Erste Aktionärin: Aber was wird mit ihrer Yacht sein? Wollen sie keine mehr haben?

Zweite Aktionärin: Ach, egal. Es ist viel besser, ohne Yacht zu bleiben, als diese ganze Geschichte mit dem Gericht zu haben.

Erste Aktionärin: Sie haben Recht. Ich kann auch nicht oft in Restaurants gehen und immer gut essen, wie bisher. Das wichtigste ist es, dass man seine Ruhe hat. Und vielleicht wird Herr Müller den Prozess gewinnen, wer weiß (erfreulich)? Dann bezahlt er unser Geld mit guten Zinsen zurück.

Zweite Aktionärin: Ja das ist sehr wahrscheinlich, wir wollen es hoffen.

Der Aktionär (weinend): Ach warum habe ich, ich alter Idiot, mein Geld abgegeben? Die

Summe war schon ausreichend für die Reise. Oh, Gott, wie dumm ich doch bin…

Herr Müllers Stellvertreter (von hinten): Auf Wiedersehen, meine Damen und mein Herr. Sie bekommen von mir immer Bescheid, wie alles weiter laufen wird.

 

ENDE

 

Bad Camberg, 2003

© Vougar ASLANOV

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