Kampf der Kulturen

 

Vougar Aslanov

KAMPF DER KULTUREN

Einakter

Personen:

Paul – Ultranationalist, 48 Jahre alt

Ahed – ein in Deutschland geborener Araber und Besucher der Koran-Schule, 20 Jahre alt

Schakir – ein Tatare aus Russland, 47 Jahre alt

Helena – 45 Jahre alt

Bakamba – Afrikanerin, 70 Jahre alt

Joachim – katholischer Fahrer, 60 Jahre alt

Hermann – Buddhist, 55 Jahre alt

Erster Polizist, 50 Jahre alt

Zweiter Polizist, 35 Jahre alt

In Kursiv sind die Regieanweisungen sowie die Gedanken und innere Monologe der Personen

Hauptbahnhof in Frankfurt am Main. Es ist ein Uhr Nacht. Paul sitzt mit einem Becher Bier alleine im Pavillon für Weiterreisende und singt etwas in Jazz-Rhythmen.

PAUL: Wau… wau… ja – ouu… ouu…wau – wua.

Ahed kommt rein, sagt nichts und nimmt auf der anderen Seite von Paul Platz. Er ist religiös muslimisch angekleidet; hat einen langen schwarzen Bart, trägt ein Gewand und eine Mütze auf dem Kopf. Er holt ein Buch aus seiner Tasche und liest/singt halblaut:

AHED: Wua – e – alla- wua-e-alla – Rebbana – Allahu – Allahu – illah!

Schakir kommt rein, bleibt ein Augenblick am Eingang stehen und nimmt dann Platz zwischen Paul und Ahed.

SCHAKIR: Hallo.

Ihm antwortet niemand.

AHED: (Nach einer kurzen Pause):

Bist du Muslim?

SCHAKIR: Lass mich bitte in Ruhe!

Ich bin so müde von dieser Frage. Ich muss immer darauf antworten, ob ich Muslim bin oder nicht. In diesen 15 Jahren, die ich hier bin, habe ich mich niemals als Mensch gefühlt. Einfach wie ein Mensch unter den Menschen.

PAUL: Hou… wua… hou-hou… wua!

Diese sind wahrscheinlich beide Terroristen. In so einer späten Zeit erscheinen sie, guck. Sie haben bestimmt auch Sprengstoffe dabei.

AHED: Bist du kein Muslim?

SCHAKIR: Lass mich bitte, habe ich dir gesagt.

AHED: Ich wollte nur wissen, ob du Muslim bist oder nicht.

SCHAKIR: Was geht dich das an, verstehe ich nicht? Lies besser dein Buch weiter.

AHED: (zeigt aufs Buch in seiner Hand) Wenn du Muslim bist, muss du im Koran lesen.

SCHAKIR: Lass mich besser in Ruhe. Es geht auch ohne dich schlecht.

PAUL: Ja – ja, je – ja – ja, hau… wau .. wah…

Aha, sie spielen eine kleine Szene vor ihrer Terror-Aktion, damit ich sie nicht als Terroristen erkenne. Man muss sofort die Polizei anrufen.

HERMANN: (kommt rein mit Joachim). Hier ist der Pavillon für Weiterreisende, glaube ich.

JOACHIM: Danke, ich danke Ihnen, ohne Sie würde ich vielleicht noch lange nach diesem Pavillon suchen.

HERMANN: Nicht zu danken. Wir müssen sowieso bis vier Uhr hier zusammen sitzen. Um vier fährt erst mein Zug.

JOACHIM: Kurz nach vier fährt auch meiner: Ich muss schaffen den Gottesdienst um halb elf zu feiern. Fahren sie auch nach Hause?

HERMANN: Nein, ich fahre direkt zum Flughafen. Ich muss meine Frau treffen.

JOACHIM: War Ihre Frau im Ausland?

HERMANN: Sie ist Chinesin und kommt das erste Mal nach Deutschland. Ich war selbst vier Jahre in China. Ich habe mich dort zum Buddhismus bekannt und dann eine chinesische Frau geheiratet.

JOACHIM: Ich verstehe nicht, warum Sie das tun sollten.

HERMANN: Ja, Vater, Sie sind ein katholischer Fahrer und wissen nicht, wie schwer es mit deutschen Frauen ist.

JOACHIM: Aber ihre Mutter ist, oder war auch eine Deutsche?

HERMANN: Ja, das ist stimmt. Aber das waren andere Zeiten, Vater. Jetzt sind sie voll emanzipiert und wollen gar nichts mehr für ihre Männer tun. Wenn man eine Chinesin bittet etwas zu kochen oder ins Bett zu gehen, macht sie das ohne irgendeinen Widerstand. Versuche das mal mit einer deutschen Frau: Sie wird dir erzählen von ihrer Freiheit, ihren Rechten und weiterem Quatsch. Alles will sie nur dann machen, wenn sie es will. Das stimmt aber nicht damit überein, wann ich das will oder kann. Das ist eine Hölle, mit einem Wort, mit einer deutschen Frau zu leben.

JOACHIM: Aber, mein Herr, wie soll das sein? Wenn alle so denken und tun würden, wie Sie, was wäre dann unsere Zukunft? Wir gehen dann als Nation verloren.

HERMANN: Das interessiert mich jetzt nicht. Ich bin jetzt in Sirwana. Um ein Mal Nirwana zu erreichen, muss ich mich viel bemühen. Wenn es mir aber nicht in diesem Leben gelingt, komme ich wieder auf diese sündige Welt, was normalerweise eine Bestrafung ist.

JOACHIM: Das ist aber eine Verwirrung, glauben Sie mir. Dass Sie solches Interesse am Buddhismus haben, passiert nur deswegen, weil Sie Ihre eigene Religion nicht kennen. Sind Sie evangelisch?

HERMANN: Ja! Ich war evangelisch irgendwann. Das ist aber schon lange nicht mehr meine Religion. Ich bin Buddhist.

JOACHIM: Der Teufel hat sich mehrere Religionen ausgedacht, um den Mensch von der einzig wahren Religion – von der Lehre unseren Herrn Jesus Christus abzulenken.

PAUL: Woau-a… ver-dammt, ver-dammt Aus-länder woau –a…

JOACHIM: (zu Hermann) Was sagt er?

HERMANN: Nichts. Er singt.

JOACHIM: Ach singt. So, so, er singt…

PAUL. Ich muss jetzt wirklich die Polizei anrufen, sonst fliegen wir alle in Luft(ab).

HELENA: (kommt mit Bakamba und mit der Bibel in der Hand rein) Guten Abend. Es ist aber kalt hier. Ich habe gedacht, es wird hier bisschen wärmer sein als draußen. Es scheint aber nicht so. Es gibt kein Dach sogar (zu Bakamba). Ja, setzt dich hier. Es ist sehr kalt, aber bis Morgen müssen wir trotzdem hier bleiben. Jehova-Gott verlässt uns auch hier nicht. Bakamba, deine Frage war, warum wir solch schwieriges Leben auf dieser Erde haben?

BAKAMBA: Ja warum so Probleme, Krankheit, Tod hat Menschen. Warum Gott nix helfen?

HELENA: (listet in der Bibel): Jetzt schauen wir mal an, was die Bibel dazu sagt. Es gibt eine Stelle über Hiob. Ich kenne sie aber schon auswendig: Iob war ein sehr gläubiger Mensch, er war aber sehr krank, sein Körper war mit großen und tiefen Wunden bedeckt; seine Kinder starben nacheinander und er verlor sein ganzes Vermögen. Seine Bekannten lachten über ihn: Was ist mit deinem Gott, warum hilft er dir nicht? Iob achtete auf sie nicht, duldete weiter und schließlich war er wieder gesund, bekam wieder viele Kinder und war wieder ein reicher Mann. So belohnte ihn Gott für seinen Glauben, seine Treue und Geduld.

JOACHIM: (sehr begeistert zu Herrmann) Haben Sie gehört, welch für schöne Geschichte sie aus der Bibel erzählt hat.

HERMANN: (lacht laut) Ha-ha-ha. Ein Märchen für Kinder, nichts zu sagen.

HELENA: Glauben Sie an dieser Geschichte nicht?

HERMANN: Wieso muss ich daran glauben? Das ist doch ein Märchen.

JOACHIM: Aber was Sie vom Buddhismus erzählt hatten, war kein Märchen?

HERMANN: Nein, das sind die realen geistlichen Erfahrungen von Buddha.

HELENA: Was, Buddha? Sind sie wirklich Buddhist?

HERMANN: Ja ich bin Buddhist. Na und?

HELENA: (holt aus ihrer Tasche mehrere Broschüren und geht zu Hermann) Nehmen Sie das, erwachen Sie, verstehen Sie den Sinn dieser einzig wahren Religion.

JOACHIM (beruhigend): Ja das ist wirklich gut für ihn.

HELENA: Nehmen Sie auch. Ich habe genug. Das hilft Ihnen genauso gut.

JOACHIM: Nein, danke. Ich bin schon ein richtig gläubiger Christ. Bei mir ist der Glaube schon festgelegt (zeigt auf Hermann). Das geben Sie unseren glaublosen, gottlosen Bürgern. Geben Sie das auch den Heiden (zeigt auf Ahed und Schakir), die in unserem Land fremd sind, damit sie auch von Gottes Evangelien hören können.

AHMED: Wer ist ein Heide, ich?

JOACHIM: Ich habe gemeint, dass es auch Ihnen nützt, von Evangelien zu hören.

AHED: Du hast aber selbst vom Koran gehört?

JOACHIM: Ich brauche das nicht: Ich habe die Religion, die einzig wahre ist. Und alle Menschen auf der Welt müssen einmal Christen werden, dann gibt es auch keinen Krieg und keine Spannungen mehr.

HELENA: Das ist stimmt. Aber hat die katholische Kirche die Nationalsozialisten damals unterstützt. Das ist ein falsches Christentum. Einzig wahres Christentum haben nur die Zeugen Jehovas (blättert in der Bibel). Jetzt finde ich diese Stelle…

HERMANN: Nein, brauchen Sie nicht, das haben wir auch von ihren Brüdern und Schwestern schon genug gehört.

JOACHIM: (zu Hermann) Und die Zeugen Jehovas interpretieren die Bibel oft sehr falsch: Es wird in vielen Stellen nicht so gemeint, wie sie das verstehen.

HERMANN: Warum dürfen nicht mehrere unterschiedliche Religionen auf der Welt gleichzeitig existieren?

HELENA: Das geht nicht: Alle Menschen müssen eine einzige wahre Religion haben um glücklich zu werden. Alles andere ist Verwirrung.

HERMANN: Wieso denn? Ich verweigere die Bedeutung Jesus und seiner Lehre nicht. Aber es gibt solche Lebenssituationen, in denen diese Lehre uns nicht hilft.

AHED: In so einer Situation kann der Koran helfen. Und müssen alle ein Mal Muslim werden: Ein Gott, ein Prophet, eine Religion für ganze Welt.

JOACHIM: Ich kann mir das nicht vorstellen, wo Gottes Wort hilflos sein könnte.

BAKAMBA: Christentum besser. Aber Zeuge Jehova.

PAUL (kommt rein). Wau-wua. Raus Ausländer!.. Wau-wua.

Niemand reagiert auf Paul.

JOACHIM (zu Schakir) Entschuldigen Sie, Sie haben die ganze Zeit geschwiegen; welche Religion haben Sie denn?

SCHAKIR: Ich habe keine Religion: Ich bin Atheist.

JOACHIM: Dann kommen Sie wahrscheinlich aus Russland. Das mit dem Atheismus ist klar. Aber wer waren ihre Eltern?

SCHAKIR: Kommunisten. Aber meine Ureltern waren Muslime. Ich bin aber Atheist, wie meine Eltern.

JOACHIM: Sind sie auch Kommunist?

SCHAKIR: Nein, ich bin kein Kommunist. Ich bin auch nicht religiös, weil ich die Welt wissenschaftlich erkennen will. Ich bin Atheist.

Ich würde niemals denken, dass ich hier in Deutschland, in so einer Situation leben würde. Viele Vorstellungen der Menschen sind hier mittelalterlich. Außerdem können sie betreffend der Kulturen nur schwarz-weiß denken.

JOACHIM: Sagen Sie so was nicht: Ich bekehre Sie zum katholischen Glauben.

HELENA: Nein, Sie brauchen nur diese Broschüre zu lesen. Dann kommen auch Sie zur Wahrheit.

AHED: Hey, wenn deine Ureltern Muslime waren, muss du auch Muslim werden. Du brauchst dafür nur diese Wörter sagen: Aschadu Allahu…

HERMANN: Nein, nein. Zu so jemandem würde Buddhismus besser passen: Frei und unverbindlich. Das kannst du überall erleben, auch ohne Menschen.

SCHAKIR: Das ist aber Mittelalter, museumsreif!

HERMANN: Was ist Mittelalter?

SCHAKIR: Religionen, egal welche. Wir haben das schon mal gehabt: Egal Christentum, Buddhismus oder Islam. Das ist alles schon vorbei.

Zwei Polizisten kommen mit einem Hund rein.

ERSTER POLIZIST: Lassen Sie alle Ihr Gepäck liegen und kommen Sie raus! Schnell!

JOACHIM: Was heißt das? Was ist los?

HERMANN: Ich verstehe auch nicht, was das heißen soll. Wieso müssen wir raus?

ZWEITER POLIZIST: Kommen Sie alle schnell raus. Stellen Sie keine Fragen.

Alle Weiterreisende lassen ihr Gepäck liegen und gehen raus. Die Polizisten bleiben mit ihnen zusammen außen vor dem Pavillon, den Hund schicken sie rein, und durch die Tür verfolgen seine Bewegungen.

HELENA: Guck Mal, der Hund holt meine Broschüren aus der Tasche raus. Er macht sie kaputt.

ERSTER POLIZIST: Bitte ruhig blieben und nicht viel reden.

ZWEITER POLIZIST ( zum ersten Polizist). Guck mal, er hat gar nichts gefunden: Nur Bücher und Klamotten liegen da und noch etwas zum Essen oder Trinken.

ERSTER POLIZIST: Wenn ich nur wüsste, wer angerufen hat (zu Weitereisenden). Sie können wieder alle rein. Es ist schon alles vorbei.

Polizisten gehen mit dem Hund weg, die Weiterreisenden gehen wieder in den Pavillon hinein.

HERMANN: Diese Hunde… Sie haben meine Bücher durcheinander gebracht.

HELENA: O mein Gott! Meine Broschüren sind wirklich kaputt. Was suchten sie denn hier überhaupt?

AHED: Meinen Koran hat der Hund unbrauchbar gemacht. Allah bestraft diese Leute!

SCHAKIR: Sie suchten vielleicht eine Bombe, haben aber nichts gefunden.

PAUL: Wau – wua… Verdammte Ausländer… Wau – wau – wua.

HERMANN: Es ist schon bald vier Uhr. Ich muss jetzt gehen.

JOACHIM: Ich auch! Wiedersehen!

Außer Paul verlassen auch alle andere den Pavillon.

PAUL: Alle, alle, alle! Ausländer raus! Wau-wau-wua. Raus – raus!

                                     ENDE

Bad Camberg, 2008

© Vougar ASLANOV

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