Kampf der Kulturen

 

Vougar Aslanov

KAMPF DER KULTUREN

Einakter

Personen:

Paul – Ultranationalist, 48 Jahre alt

Ahed – ein in Deutschland geborener Araber und Besucher der Koran-Schule, 20 Jahre alt

Schakir – ein Tatare aus Russland, 47 Jahre alt

Helena – 45 Jahre alt

Bakamba – Afrikanerin, 70 Jahre alt

Joachim – katholischer Fahrer, 60 Jahre alt

Hermann – Buddhist, 55 Jahre alt

Erster Polizist, 50 Jahre alt

Zweiter Polizist, 35 Jahre alt

In Kursiv sind die Regieanweisungen sowie die Gedanken und innere Monologe der Personen

Hauptbahnhof in Frankfurt am Main. Es ist ein Uhr Nacht. Paul sitzt mit einem Becher Bier alleine im Pavillon für Weiterreisende und singt etwas in Jazz-Rhythmen.

PAUL: Wau… wau… ja – ouu… ouu…wau – wua.

Ahed kommt rein, sagt nichts und nimmt auf der anderen Seite von Paul Platz. Er ist religiös muslimisch angekleidet; hat einen langen schwarzen Bart, trägt ein Gewand und eine Mütze auf dem Kopf. Er holt ein Buch aus seiner Tasche und liest/singt halblaut: „Kampf der Kulturen“ weiterlesen

Wie der Schwanz weggegangen war

Vougar Aslanov

 

WIE DER SCHWANZ WEGGEGANGEN WAR


Eine kurze Vorgeschichte

Peter Langstock, schon über fünfzig, arbeitete sein ganzes Leben lang als kleiner Beamter. Er war ein einfacher deutscher Mann: Er hatte den Bauch, weil er oft in die Bierstube ging; er mochte Fußball, weil mit dem er alle seine Sorgen vergaß. Peter stammte aus Norddeutschland, hatte keine Kinder, obwohl er mehrmals verheiratet war. Zum Beginn unserer Geschichte lebte er schon seit vielen Jahren in der hessischen Stadt Limburg. Er war auch ein ruhiger Mensch, mochte es nicht, sich zu streiten und stimmte oft seinem Opponenten zu, wenn er auch mit ihm nicht einverstanden war. Peter hatte aber noch eine Besonderheit: Er hatte einen langen Penis. Ihm wäre das egal, aber die Frauen, mit denen er lebte, mochten seinen Penis sehr und wollten immer mit dem was zu tun haben. Das quälte Peter immer und er verließ aus diesem Grund mehrere Frauen. Zuletzt suchte er nach einer Frau, die so einen langen Penis nicht mochte und nicht viel Liebe von ihm verlangte. Er fand endlich so eine Frau, die schon einen getrennt lebenden Sohn von einer früheren Ehe hatte und sich überhaupt für Bettsachen nicht interessierte, und zog in ihre Wohnung. Das war aber nur der Anfang.

Seine letzte Frau Erika Groß – eine mollige, lustige, liebevolle und lebendige Frau mit fünfzig – war in Limburg geboren, wo sie auch immer noch lebte und arbeitete als Erzieherin im Kindergarten. Ihr erster Mann, der vor fünf Jahre gestorben war, war ein Schullehrer. Er hörte immer seiner Frau zu und war sehr abhängig von Erika. Erika war der Meinung, dass die Männer wie Kinder seien: Neugierig, hilflos und ängstlich. Eine Frau müsse oft alleine die Verantwortung für die Familie tragen, auch für den Ehemann. Die Liebessachen empfand sie eher als etwas, was zum Lachen bringen sollte. Als sie aber Peter näher kennen lernte, hatte sie dennoch ihre Meinung dazu geändert.

Der Schwanz war zum Beginn dieser Geschichte im gleichen Alter wie Peter Langstock und war sehr lange mit ihm zusammen. Er war groß, schlank, hübsch und intelligent. Schwanz war der Meinung, dass Peter selbst und seine Frauen ihn immer gequält hatten. Er wollte immer Peter erklären, dass er mit ihm so nicht umgehen dürfe, weil er ein wichtiger Teil nicht nur seines Körpers, sondern auch seiner Seele sei. Peter hörte ihm aber niemals zu. Er hatte noch den Anspruch, den gleichen Namen wie Peter Langstock zu haben, obwohl das vom anderen Peter nicht akzeptiert wurde.

Der Polizist Hartmann war Hauptmann in der Kriminalpolizei in Limburg. Er war fünfzig Jahre alt, kam aus Marburg. Nachdem seine Frau ihn vor vielen Jahren verlassen hatte, lebte er alleine. Er hatte nur ein Ziel: Die Menschen zu finden, die für die Gesellschaft gefährlich waren; alle zu verfolgen und zu fangen, die verdächtigt waren.

Der Hotelmann Gottfried Sammler war achtundvierzig Jahre alt. Er kam aus Frankfurt am Main, war verheiratet, hatte zwei Töchter, das Hotel in Frankfurt führte er doch allein. Er hielt sich für einen ernsthaften, netten und ehrlichen Mensch, mochte doch nicht, wenn jemand ihm und seinem Geschäft Probleme bereitete. Von solchen Menschen wollte er immer schnell Abstand nehmen.

Selbst die Geschichte

 

Ein Mal passierte mit Peters Schwanz etwas ganz Besonderes. In einer Nacht, als Peter schon schlafen wollte, bat Erika ihn:

„Peter, bitte noch ein Mal“.

„Erika, bitte nicht – ich will jetzt schlafen“.

„Peter, aber nur ganz kurz, bitte“.

„Das sagst Du immer, aber dann möchtest Du ihn – den Armen – stundenlang nicht in Ruhe lassen“.

Der Schwanz hörte das alles und hoffte, dass Peter Erika diesmal nicht nachgibt. Aber Peter konnte ihr wieder ein Mal nicht widerstehen und ließ Erika noch ein Mal alles mit ihm tun, was sie wollte. Der Schwanz duldete zehn Minuten: Er war sehr gespannt, rot und nervös. Jede Bewegung von Erika tat ihm weh und er entschied sich endlich, wegzugehen. Plötzlich schrie Erika:

„Peter, guck mal, er geht weg“.

„Wer, wer geht weg?“ fragte der fast eingeschlafene Peter.

Als Peter seine Augen öffnete, sah er durch die offene Tür des Schlafzimmers seinen Schwanz im Flur: Er stand schon im Peters neuen Kostüm und war gerade dabei, dessen Mantel anzuziehen.

„He, he, wo gehst Du hin?“ fragte Peter und wollte aufstehen.

Der Schwanz drohte hier aber Peter:

„Wenn Du mir zu nah kommst, schlage Dich mit dem Stock“.

Danach bestellte er telefonisch ein Taxi:

„Gute Nacht, ich brauche ein Taxi“.

„Gute Nacht. Sagen Sie mir bitte, wie Sie heißen und wie Ihre Adresse ist?“, fragte die Stimme am Telefon.

„Peter Langstock“, antwortete Schwanz.

„Nein, das stimmt nicht“, sagte Peter empört und versuchte wieder aufzustehen.

„Bleib liegen, habe ich Dir schon gesagt, verdammt noch mal“, drohte ihm der Schwanz wieder mit dem Stock.

„Wie bitte?“, fragte die Stimme am Telefon.

„Habsburger Straße einundzwanzig in Limburg“, sagte Schwanz.

„Gut, ich schicke Ihnen jetzt ein Taxi. Wo wollen Sie hinfahren?“ fragte wieder die Stimme am Telefon.

„Das weiß ich noch nicht. Ich will einfach weg von Limburg“, sagte Schwanz.

Der Schwanz nahm die Geldbörse mit Geld, Ausweis und den Kreditkarten von Peter, dazu dessen Hut und Regenschirm mit und verließ die Wohnung.

Peter und Erika haben danach sehr aufmerksam auf den Lärm aus dem Hof gelauscht.

„Er ist schon weg!“, sagte Peter, als das Taxi den Hof verlassen hatte, hilflos.

„Wie weg? Steh auf und verfolge ihn. Er kann nicht sehr weit gehen!“ schrie Erika Peter an.

Peter stand auf, mit Schrecken gewahrte er wieder, dass sein Schwanz nicht mehr an seinem Platz war.

„Oder noch besser wäre, wenn Du die Polizei anrufst“, sagte Erika, als sie sah wie Peter erschrocken war. „Polizei findet ihn bestimmt und schnell“, sagte sie diesmal mit Nostalgie und leicht weinend.

„Aber was sage ich der Polizei? Wen sollen sie suchen?“

„Wen?.. Ha… Wirklich schwierig. Aber jetzt! Ich habe eine Idee: Die Polizei muss jemanden finden, der sich für Peter Langstock vorgibt, der auch Dir die Dokumente, Geld, und Kre- ditkarten gestohlen hat“.

„Ja, das ist wirklich eine gute Idee“, sagte Peter und griff zum Telefon.

„Hallo, hallo, Polizei!“, schrie er ins Telefon.

„Was ist los, wieso schreist Du so man, es ist schon ein Uhr Nacht“, sagte die Stimme unzufrieden am Telefon.

„Er ist schon weg!“

„Wer ist weg, verdammt?“

„Mein Schwanz“.

„Wie?

„E… e… Entschuldigung. Ein Mann hat mir die Geldbörse mit Geld, Kreditkarten und Ausweis, noch dazu den Mantel und den Stock gestohlen“.

„Wann war das?“, fragte wieder der Polizist.

„Jetzt gerade“.

„Und wie hat er das gemacht?“

„Wie hat er das gemacht?“, fragte Peter Erika leise.

„Ganz einfach. Nahm das alles mit und ging weg“, sagte Erika.

„Ganz einfach. Er nahm das alles mit und ging aus dem Haus“, sagte Peter dem Polizisten, der am Telefon eine Antwort auf seine Frage wartete.

„Und was machte er bei Euch zu Hause?“, fragte wieder der Polizist.

„Und was machte er bei uns zu Hause“, fragte wieder Peter seine Frau.

„Er wurde einfach zum Abendbrot eingeladen“, soufflierte ihm Erika.

„Wir haben diesen Mann zum Abendbrot eingeladen“.

„Und hat alle Deinen Sachen mitgenommen, als ihr mit dem Abendbrot fertig wart?“, fragte der Polizist, der schon, wie es schien, kein großes Interesse mehr an dieser Geschichte hatte.

„Ja, eben so war es gewesen“, antwortete Peter.

„Aber kanntet ihr ihn vorher?“

„Kannten wir ihn vorher?“, fragte Peter wieder seine Frau.

„Nein, nein“, sagte Erika ihm leise.

„Nein, nein, wir kannten ihn vorher nicht“, antwortete Peter dem Polizisten.

„Aber wir konntet ihr ihn dann zum Abendbrot einladen, den Unbekannten?“

„Wir konnten wir ihn dann zum Abendbrot einladen?“, fragte Peter erneut seine Frau.

„Nein, wir kannten ihn, aber nur ein bisschen, nicht viel“, sagte seine Frau ihm wieder vor.

„Den Mann kannten wir schon ein bisschen vorher“, antwortete Peter dem Polizisten.

„Ja gut. Wie heißt er?

„Er heißt Schwa…“

„Wie?! Noch Mal!“

„Schwanz, Schwanz, richtig“, unterstützte ihn Erika.

„Schwanz heißt er“, sagte Peter am Telefon.

„Schwanz? Das ist Vorname oder Nachnahme?“, fragte der Polizist.

„Ist das Nachname?“, fragte Peter seine Frau.

„Ja, ja. Nachname, Nachname“, antwortete Erika. „Jetzt gibt er aber sich für Peter Langstock aus“.

„Ja, das ist sein Nachname und jetzt gibt er sich für Peter Langstock aus“, sagte Peter.

„Und wer ist Peter Langstock?“, fragte Polizist.

„Das bin ich“, antwortete Peter.

„Sein Vorname ist Euch auch bekannt?“, fragte der Polizist.

„Sein Vorname ist uns auch bekannt?“, fragte Peter wieder Erika.

„Nein, nicht bekannt“, sagte Erika.

„Nein, nicht bekannt“, sagte Peter dem Polizisten.

„Gut, bald kommt die Polizei zu Euch. Seid aber bitte zu Hause“, sagte der Polizist.

Inzwischen fuhr der Schwanz mit Taxi nach Frankfurt und ging in ein Hotel. Vorher war er aber noch beim Arzt gewesen. Danach war sein Gesicht mit einer Binde verbunden. Schwanz betrat das Hotel und ging zur Rezeption.

„Guten Abend“, sagte Schwanz, als er Gottfried Sammler in der Rezeption sah.

„Guten Abend“, antwortete ihm der Hotelmann. „Wollen Sie ein Zimmer zur Übernachtung?“

„Ja, ich will ein Zimmer“.

„Gut. Ich kann Ihnen ein schönes und nicht teueres Zimmer anbieten“.

„Was kostet dieses Zimmer?“

„Nur hundert zehn Euro, in anderen Hotels müssten Sie für so ein Zimmer mindestens zwei hundert Euro bezahlen“.

Schwanz stocherte in der Geldbörse und sagte:

„Gut, ich nehme dieses Zimmer“.

„Und wie viel Übernachtungen?“ fragte Sammler erfreut.

Schwanz dachte bisschen nach und sagte:

„Zunächst nur eine. Dann schauen wir mal“.

„Gut, dann können Sie auch es verlängern, wenn Sie wollen. Jetzt sagen Sie mir bitte Ihren Namen: Wie heißen Sie?“

Schwanz schwieg eine Minute und antwortete dann: „Peter Langstock“.

Sammler war immer vorsichtig und es hat ihm nicht gefallen, wie der Gast diesmal auf sine Frage antwortete.

„Ja, Sie heißen wirklich so?“, fragte er zweifelnd. „Darf ich ihren Ausweis sehen?“

Schwanz sagte nichts und zeigte dem Hotelmann einen Ausweis. „Ja, bitte schön“.

Sammler schaute das vorsichtig an. „Ja, hier steht das genauso: Peter Langstock. Hm… Aber auf diesem Bild sehen Sie ein bisschen anders aus. Und was ist überhaupt mit Ihrem Gesicht los?“

„Ich bin verletzt“, antwortete der Schwanz.

„Wo? Wann?“

„Heute. In meiner Wohnung“.

„Wo haben Sie ihre Wohnung?“

„In Limburg“.

„Ja, auf dem Ausweis steht auch Ihre Adresse: Habsburger Straße 21 in Limburg“.

„Ja, genau“.

„Sie sehen auf diesem Bild aber etwas älter aus“, war der Hotelmann immer noch nicht sicher.

„Und Sie sind so schlank, auf dem Bild sieht man doch jemanden, der etwas dick ist. Und Ihr Gesicht kann ich überhaupt nicht sehen, um mit dem Bild zu vergleichen“.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, Schwanz versuchte den Hotelmann zu beruhigen. „Ich bin dieser Mann, der Peter Langstock heißt“.

„Gut, ich glaube Ihnen. Das ist Ihr Schlüssel, gehen Sie ins Zimmer und erholen Sie sich“.

„Danke schön und gute Nacht“, sagte Schwanz, nahm den Schlüssel mit und ging die Treppen hoch.

„Gute Nacht“, als er verschwunden war, sagte Gottfried hinterdrein. „Er ist aber irgendwie ein komischer Kerl. Eh, egal, trinke ich besser etwas Whisky“.

Zu dieser Zeit passierten in der Wohnung von Erika und Peter in Limburg an der Lahn auch merkwürdige Sachen. In der Nacht hat es geklingelt. Peter versteckte sich vor der Angst weiter unter der Decke. Erika ging zum Hörer.

„Hallo, wer ist da?“

Am Hörer sprach jemand befehlend und grob:

„Ich bin’s, Hauptmann Hartmann, von der Kriminalpolizei! Die Tür aufmachen! Schnell!!“

„Gut, gut, jetzt mach ich die Tür auf für Sie“, antwortete Erika etwas verloren.

Hartmann kam in die Wohnung herein. Er schaute sich überall um, prüfte jede Ecke. Und dann sagte zum Peter, der jetzt aufstand und im Schlafanzug vor ihm stand.

„Ausweis!“

Peter war davon sehr entgeistert:

„Ich bin… E… Ich habe keinen Ausweis…“

„Wie – ich habe keinen Ausweis?“ fragte der Hauptmann grob und bös. „Zeig mir Deinen Ausweis und zwar schnell!“

Peter zitterte:

„Ich habe aber keinen mehr…“

Hartmann war jetzt wirklich genervt.

„Wie?!“

Hier ging er schnell zu Peter so, als ob er ihn schlagen wollte.

Peter war völlig verloren:

„Aber… ba… ba… ba… „

Was würde mit Peter passieren, wenn seine Frau ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre.

„Herr Hauptmann, den Ausweis hat man ihm doch gestohlen“, sagte sie Hartmann.

Hartmann wurde hier bisschen ruhiger.

„Aber gibt mir dann etwas anders: Kreditkarte oder Führerschein, schnell!“

„He… He… He – er…”

Peter half hier wieder seine Frau:

„Herr Hauptmann, es wurde ihm doch alles gestohlen: Alle seinen Papiere und Kärtchen lagen in der Geldbörse“.

Härtmann lächelte mit böser Ironie:

„Das kann aber nicht sein: Auf ein Mal sind alle seine Papiere und Kärtchen weg. Ne, das glaube ich nicht“.

„Es ist wirklich so, Herr Hauptmann – es wurde ihm alles auf ein Mal gestohlen“, sagte Petra.

Hartmann war unzufrieden:

„Hm. Was für einer… Dann zeigt Du Deinen Ausweis, aber schnell, ich habe keine GeDuld mehr mit Euch zu reden. Oder sind Deine Papiere auch gestohlen?“

„Nein, nein, Herr Hauptmann“, sagte Petra. „Gott sei dank nicht. Ich bringe Ihnen meinen Ausweis gleich“.

Erika ging ins Wohnzimmer und brachte ihren Ausweis:

„Hier ist das, bitte schön“.

Hartmann schaute den Ausweis an und sagte:

„Hm… Erika Groß … Hm… Moment… Ich kenne Dich doch! Warst Du schon mal bei uns im Knast?“

„Herr Hauptmann, ich weiß nicht, wovon Sie reden. In welchem Knast?“.

„Wie in welchem? Bei uns – in der Polizei“.

„Nein, Herr Hauptmann, Gott sei Dank, nicht“, sagte die Ehefrau von Peter.

„Gut, aber ich kenne Dich irgendwoher. Der Name Erika Groß sagt mir was“.

„Sie haben mich mit jemandem verwechselt, glauben Sie mir“.

„Ja, kann sein. Ich werde es noch nachprüfen. Wie heißt dann dieser Kerl?“

„Das ist mein Mann. Er heißt Peter Langstock“.

„Aha!“, sagte Hartmann bös und fröhlich, als er diesen Namen hörte:

„Jetzt habe ich ihn! Peter Langstock! Er ist doch vor zwei Monaten in den Schmuckladen eingebrochen! Ja?“

„Ich … nicht… bin … He… He…”, Peter konnte von der Angst wieder nicht richtig sprechen.

„Herr Hauptmann… Mein Mann ist Beamter“, unterstütze Erika wieder ihren Mann.

„Ja, gut, ich werde das alles sowieso noch Mal nachprüfen, was ihr für Typen seid. Wer hat jetzt die Polizei gerufen?“

„Wir beide: Mein Mann und ich“.

„Wofür?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt: Jemand hat meinem Mann seine Geldbörse, wo alle seine Papiere und Kärtchen drin waren, gestohlen“.

„Wie sieht er aus?“

„Groß und schlank“, sagte Erika begeistert, aber auch seufzend.

„Wie ist die Farbe seiner Haare und Augen?“, fragte der Hauptmann.

Erika schaute auf ihren Mann und sagte: „Er ist Dunkelhaarig und seine Augen sind braun“.

„Ich werde jetzt klären, wer das ist“, sagte Hartmann.

„Sie finden ihn aber, Herr Hauptmann, hoffe ich…“, sagte Erika vermisst.

„Finden, finden… Ihr denkt, dass das so einfach ist“, sagte der Hauptmann und verlies das Ehepaar.

„Es ist immer besser, wenn man mit der Polizei überhaupt nichts zu tun hat“, sagte Peter hinter ihm.

„Was sagst Du, Peter!? Wer wird aber dann alle Verbrecher finden?“

„Ja, Du hast Recht“, gab Peter wie immer nach.

Am nächsten Tag, morgens, war es in Sammlers Hotel etwas unruhiger. Zwei Männer von der Nachbarschaft, einer zu groß, der andere zu klein, saßen im Café-Restaurant. Sie waren beide leicht angetrunken und lachten laut über etwas. Der Hotelmann kam zu ihnen, um sie zu warnen:

„Hey, sprecht bitte etwas leiser. Und nicht so laut lachen. Ihr seid nicht bei Euch zu Hause.“

„Aha, es ist der Chef persönlich. Ha-ha-ha…”, sagte der große Mann.

Sammler war empört:

„Ja, was lachst Du, man? Ich habe gerade gesagt, nicht so laut lachen hier im Hotel…“

„In Deinem Hotel wohnt jetzt ein merkwürdiger Typ, wir lachen über ihn“, sagte der kleine Mann.

„Ja, lachen musst ihr über Euch selbst, dass ihr so viel Lärm hier macht“.

„Aber weißt Du, Gottfried, wen wir meinen?“, fragte der kleine Mann.

„Nein, weiß ich nicht. Aber hier sind außer Euch alle ganz normale Leute und alle sind sehr ruhig. Und wer trinkt überhaupt außer Euch den Wein morgen früh?“.

„Das ist unsere Sache – was wir trinken und wann wir trinken. Das geht Dich nicht an, Gottfried! Heute ist auch Feiertag und wir feiern es schon jetzt. Aber wir haben heute im Café einen Mann gesehen, dessen Gesicht total verbunden war. Darum geht es“, sagte der große Mann und lachte wieder.

„Ich weiß, wen ihr meint. Na und, sein Gesicht ist verletzt.“

Der kleine Mann lachte wieder laut:

„Ha-ha!.. Sein Gesicht… Hast Du gesehen, wie er Wasser trinkt?“

Sammler wurde hier wütend:

„Das interessiert mich jetzt nicht. Ich lasse Euch nie wieder hierher ins Café kommen. Jetzt raus! Ich will Euch nie wieder hier sehen! Raus!“, jagte er seine alten Bekannten und Nachbarn jetzt aus.

„Ja, Gottfried! Ruhig jetzt! Hör zu, was man Dir sagt. Er trinkt ganz anders Wasser, verstehst Du? Und er hat seine Lippen auf dem Kopf“, sagte der große Mann.

„Wie auf dem Kopf? Habt ihr heute zu viel getrunken? Ich sehe es schon. Jetzt aber wirklich raus! Ich habe keine Zeit und keine Lust mir euren betrunkenen Unsinn anzuhören. Jetzt raus! Marsch nach Hause!“

„Ja, sei selbst leise, man, es reicht schon!“, warnte der große Mann den Besitzer des Hotels.

„Er war immer so, der Knote“, war auch der kleine Mann auf Sammler böse. „Ja, gehen wir jetzt. Es gibt genug Cafés in der Stadt“.

„Ne, ich bleibe hier. Ich habe meinen Wein noch nicht ausgetrunken. Du auch noch nicht. Erzähl ihm besser, was Du gesehen hast …“

Der kleine Mann unterbrach den Kollegen:

„Ich will nicht mehr“.

„Dann versuche ich ihm selbst zu erklären“, sagte der Große. „Weißt Du, Gottfried, dieser Mann ist nicht normal, er ist nicht wie wir, verstehst Du? Und er hat seine Lippen wirklich auf dem Kopf. Glaubst Du das nicht? Wir haben es aber gesehen“.

„Ja, jetzt trink ihr den Wein aus und raus“, Sammler konnte ihrem Quatsch wirklich nicht mehr zu hören.

„Eh, er glaubt wieder nicht“, sagte der Große enttäuscht dem kleinen Mann.

„Sag Du es ihm auch“.

„Ja, wir haben gesehen so was, vor einer Stunde“, sagte jetzt der Kleine: „Dieser Mann kam im Kostüm und im Hut runter, nahm in der Bar eine Flasche Mineralwasser und saß uns gegenüber. Sein Gesicht ist ganz abgebunden, ja, das kann man noch verstehen. Aber weißt Du, was er danach machte? Er nahm seinen Hut ab und goss die ganze Flasche auf den Kopf ein“.

„Na und?“ fragte Sammler. „War es ihm vielleicht zu heiß?“

„Wir hätten auch so gedacht“, sagte wieder der Große. „Aber er hat dieses Wasser durch den Kopf getrunken. Verstehst Du? Er hat seine Lippen auf dem Kopf! Wir haben diese Lippen gesehen und wir haben auch gesehen, wie diese Lippen begierig das ganze Wasser aufgenommen hatten“.

„Unsinn, Unsinn!.. Ich kann mir das nicht mehr anhören und ich kann Euch auch nicht mehr hier sehen. Raus endlich! Oder ich rufe die Polizei! Raus!..“

„Du wirst das noch bedauern, wenn Du uns wegjagst. Schauen wir mal“, sagte der Große.

„Schauen wir mal“, antwortete ihm Sammler ruhig.

Die beiden Männer tranken schnell ihre Weine aus, stellten die Gläser ab und verließen das Hotel.

„Ich habe jetzt Kopfschmerzen wegen dieser Idioten“, sagte Sammler ihnen hinterher.

Dann machte er Fernsehen an. Zunächst lief Musik, dann kamen die Nachrichten.

Die Fernsehsprecherin teilte etwas von der Polizei mit:

„Die Polizei sucht weiter den Mann, der Herrn Peter Langstock die Geldbörse mit allen Papieren, dem Bargeld und den Kärtchen gestohlen hat. Seine Merkmale: Groß, schlank, Dunkelhaarig, mit brauen Augen, höflich und intelligent. Das letzte Mal war er im Dunklen Mantel und Dunklen Hut. Wenn Sie diesen Mann gesehen haben, rufen Sie bitte sofort die Polizei unter der Nummer 0800-111111111111 an“.

Hier wurde Sammler nachdenklich:

„Ha… Ist das nicht dieser Mann, der gestern angekommen war, von dem diese beiden Mistkerle gesprochen haben? Groß, schlank, höflich, intelligent… Das alles ist doch stimmt. Hat er aber wirklich dunkle Haaren und braune Augen? Ich habe es gar nicht gemerkt. Vielleicht hat er sein Gesicht deswegen abbinden lassen, damit ihn keiner erkennt. Ist er dann ein Dieb? Muss ich jetzt die Polizei anrufen? Nein, das mache ich nicht. Polizei findet ihn selbst, wenn er wirklich der gesuchte Mann ist. Aber es ist besser, wenn er bald verschwindet“.

Kurz danach kam Schwanz selbst im Kostüm und Hut unter und stand vor der Rezeption.

„Ich will noch zwei Nächte hier bleiben“, sagte er. „Was macht das? Ich bezahle jetzt gleich. Ich soll nur meine Geldbörse holen“.

„Das kann ich leider nicht mehr verlängern. Ich war nicht sicher, ob Sie weiter hier bleiben. Ich habe deswegen Ihr Zimmer für jemand anderen reserviert“, antwortete ihm der Hotelmann.

„Was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass Sie heute bis zwölf Uhr hier bleiben können, dann müssen Sie weg. Es ist jetzt zehn Uhr. Sie haben noch zwei Stunden Zeit.“

Schwanz war offensichtlich enttäuscht.

„Haben Sie dann vielleicht ein anderes Zimmer für mich?“ fragte er. „Wenn es auch teurer ist, ist das kein Problem: Ich kann das bezahlen“.

Der Hotelmann antwortete ironisch:

„Bezahlen… Woher haben Sie denn so viel Geld? Na gut, das ist nicht meine Sache. Ich habe Ihnen schon ganz klar gesagt, dass Sie bis zwölf Uhr das Hotel verlassen müssen. Ich habe kein freies Zimmer mehr für Sie. Haben Sie mich verstanden? Überall sind die Hotels, Sie können sicher ein Zimmer dort finden. Vergessen Sie bitte Ihre Sachen nicht im Zimmer.“

„Ich habe keine anderen Sachen, außer dem Mantel. Und ich gehe besser jetzt um schneller woanders ein anderes Zimmer zu finden“.

„Gut, wie Sie wollen. Holen Sie bitte zunächst Ihren Mantel, dann geben Sie den Schlüssel hier ab und Sie sind frei“.

Schwanz wollte wieder die Treppe hochgehen. In diesem Moment hörte man draußen die Polizeisirene.

„Nein, kommen Sie zurück!“, sagte ihm Sammler unruhig und ängstlich.

„Gehen Sie schnell raus! Nein, nein! Man bemerkt dann Sie. Kommen Sie besser hierher, ich verstecke Sie.“

Schwanz wusste immer noch nicht, was passiert, machte aber das, was ihm Sammler sagte. Sammler versteckte ihn hinter der Rezeption, unter dem Tisch. Kurz danach kam Hartmann mit einer Polizistin und einem Polizist rein.

„Ja, der Mann muss hier sein!“ sagte Hartmann laut. „In welchem Zimmer ist er?“

„Welcher Mann? Ich weiß nicht, wovon Sie reden“.

Seine Antwort machte Hartmann wütend.

„Aha, weißt Du nicht? Von Limburg bis Frankfurt wissen das alle, dass der Dieb sich bei Dir versteckt, Du weißt es aber noch nicht?“

„Sind Sie aus Limburg? Frankfurt hat doch eigene Polizei…“

„Das geht Dich nicht an. Die Kollegen sind aus Frankfurt, aber die Operation leite ich, weil das Verbrechen seine Spuren in Limburg hat. In welchem Zimmer ist er? Sag schnell!“

„Zimmer hundert vier. Das ist im ersten Stock“, verriet Sammler seinen Kunden.

„Geht nach oben und bringt ihn her“, sagte der Hauptmann den beiden Polizisten.

„Er ist aber nicht im Zimmer. Er ist raus gegangen“, sagte Sammler.

„Raus gegangen?“, war Hartmann wieder sauer. „Er kommt aber zurück, oder? Gibt den Schlüssel her, wir prüfen erst, was er in seinem Zimmer hat“.

Dann gab Hartmann den Schlüssel seinen Polizisten und schickte sie nach oben.

„Dein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Warst Du schon Mal in Limburg bei der Polizei?“, fragte er den Hotelmann, wenn sie zu zweit geblieben waren.

„Nein, nein, Herr Kommissar, ich bin ein sehr ruhiger, gehorsamer Mensch und habe mit der Polizei bis jetzt nichts zu tun gehabt“.

„Wie ist Dein Name?“

„Gottfried Sammler“.

„Sammler, Sammler… Doch, Du warst schon mal bei uns wegen der Vergewaltigung“.

„Nein, nein, Herr Kommissar, das ist falsch…“

„Gut, ich werde das noch prüfen. Sammler, Gottfried Sammler…“

Die Polizisten kamen runter mit dem Mantel und Geldbörse vom Schwanz.

„Er hat einige seiner Sachen im Zimmer vergessen: Mantel und Geldbörse mit dem Bargeld, Ausweis und Kärtchen“, rapportierte die Polizistin ihrem Chef.

„Gut, das bedeutet, er kommt wieder. Wir gehen jetzt raus und werden wachen, wann er wieder kommt“.

Dann sagte er zu Sammler.

“Und das mit Dir werde ich noch klären: Sammler, Sammler… Gottfried Sammler…“

Dann sagte er den Polizisten: „Wer weiß, er ist vielleicht ein Geschäftspartner von diesem Dieb. Ich werde jetzt alles prüfen lassen“.

Dann ging Hartmann mit Polizisten raus.

„Verdammter Mistkerl“, sagte Sammler Hartmann hinterher: „Wie ein Hund kratzt er die Menschen…“ Dann sagte er dem Schwanz: „Hey, hast Du alles gehört? Sie suchen Dich. Du kannst hier auch nicht lange bleiben“.

Und er holte einen anderen Schlüssel.

„Nimm diesen Schlüssel und geh zum siebten Stock. Dort gibt es ein freies Zimmer. Moment… Ich komme auch mit. Jetzt aber schnell“.

Die beiden gingen ins Zimmer, das Gottfried für Schwanz empfohlen hatte. Sammler blieb unruhig und stehend beim Fenster, schaute nach unten. Um jede Ecke des Hotels stand ein Polizist und beobachtete das Geschehen um sich herum.

„Sie wachen überall wie Hunde“, sagte der Hotelmann. „Ne, Du kannst hier nicht raus kommen. Wir müssen uns trotzdem etwas ausdenken, wie Du weggehen kannst. Aber wie, weiß ich nicht. Hast Du wirklich jemandem die Geldbörse gestohlen?“

Schwanz antwortete traurig:

„Ja“.

„Wieso, bist Du wirklich ein Dieb?“

„Nein, ich bin kein Dieb“.

„Aber warum hast Du dann die Geldbörse gestohlen? Wer ist dieser Mann?“

„Das bin ich selbst“.

„Wie? Du hast Dir selbst die Geldbörse gestohlen?“

„Ja. Aber wir waren früher zusammen und seit vorgestern nicht mehr“.

„Ich verstehe gar nicht, was Du meinst“.

„Es gibt eine Person, die Peter Langstock heißt. Und ich bin ein Organ von ihm“.

„Was für ein Organ?“

„Ich bin sein Schwanz“.

Gottfried lachte bitter:

„Wie Schwanz?“

„Ja, ich bin sein Schwanz“.

„Und was machst Du dann hier?“

„Ich bin von ihm weggegangen, weil er mich immer gequält hatte. Genauer gesagt, mich quälten die Frauen, die mit ihm zusammen waren“.

„Aha, Du bist von Peter Langstock weggegangen, weil er oder die Frauen an seiner Seite Dich gequält hatten?“

„Ja, es war nicht mehr möglich, das weiterhin zu ertragen“.

Schwanz nahm hier die Binde von seinem Gesicht weg.

„Ha, was ist mit Deinem Gesicht los?“, fragte Sammler erschreckend.

„Ich hatte schon früher Wunden in meinem Körper und Gesicht. Die Frauen, die Peter hatte, haben mich immer ausgebeutet und verletzt. Sie wollten mich immer mehr und mehr in sich haben. In ihnen drin brannte mein Körper, bei diesen Bewegungen hin und her wurde oft mein Haupt versohlt. Denen war es egal. Und Peter fühlte meine Schmerzen wie seine eigenen, aber er konnte mich vor ihnen nicht schützen. Und Erika, seine jetzige Frau, war so hungrig nach mir, ich dachte, dass ich das nicht mehr aushalten kann“.

„Und Du bist von ihnen weggegangen? Was willst Du jetzt machen? Dann finde ich vielleicht Peter, Du gehst ihm wieder in die Hose rein, wo Du sein solltest“.

„Nein, ich will nicht mehr zu ihm. Mich verband mit Peter immer nicht nur das Körperliche, sondern auch das Seelische. Aber wir verstehen uns schon lange nicht mehr. Er hat nicht nur mich, sondern seine ganze Seele verraten. Er wollte nicht verstehen, dass ich ein wichtiger Teil seiner Seele bin. Er hat mich immer unterdrückt und den unersättlichen grausamen Frauen zum Zerreißen gegeben“.

Hier hörten die beiden die Stimmen von unten.

„Jetzt werden wir alle Zimmer, Dach, Keller gucken: Vielleicht versteckt dieser Kerl seinen Freund irgendwo anders“, das war die Stimme Hartmanns.

„Sie kommen jetzt hierher“, sagte Sammler. „Du musst auch der Polizei die Wahrheit sagen. Dann passiert Dir nichts. Du kommst wieder zu Peter zurück und er vergisst das, was Du ihm angetan hast“.

„Nein, ich gehe nicht mehr zu ihm zurück“, Schwanz war kategorisch.

Dann ging Schwanz zum Fenster und sah Peter mit Erika unten, vor dem Hotel.

Peter merkte den Schwanz sofort:

„Komm bitte wieder zu mir. Ich werde nur das tun, was Du willst. Ich werde Dich niemals mehr verraten“, floh Peter ihn an.

„Ja, komm zu uns zurück“, sagte auch Erika. „Ich werde Dich jetzt in Ruhe lassen. Du kannst mir glauben“.

Schwanz war aber genervt und wollte ihnen nicht zuhören:

„Ich glaube Euch nicht. Ihr werdet mich weiter quälen“, schrie er durch Fenster „Das kann ich aber nicht mehr ertragen“.

Nachdem er das gesagt hatte, wollte Schwanz sich nach unten werfen.

Peter weinte und schrie:

„Nein, mach das bitte nicht, verzeihe es mir, was ich Dir angetan habe. Komm zu mir zurück. Wenn Du willst, gehe ich auch von Erika weg. Wir können auch alleine ohne Frau leben“.

Erika war jetzt wütend auf Peter:

„Bist Du verrückt, warum alleine?“. Dann sagte sie wieder dem Schwanz: „Ja, komm zurück, wir werden wieder alle zusammen leben und ich werde Dich nie wieder berühren“.

„Nein“, blieb Schwanz hart. “Ich glaube nicht, ich glaube nicht, ich kenne Euch beide schon gut …“

Nach diesen Worten warf Schwanz sich runter. Peter schrie und rennte zusammen mit Erika zum Schwanz. Die Polizisten kamen auch zu ihm und zogen das Kostüm vom verstorbenen Schwanz aus.

Die Polizistin war entsetzt, als sie den nackten Schwanz sah:

„Er sieht aber nicht wie ein Mensch aus, guck mal“.

Bad Camberg, 2010

 

© Vougar ASLANOV

Der Großschamane

Vougar Aslanov

DER GROßSCHAMANE

Nach Motiven der alten Mythen aus Mesopotamien und Schamanen-Geschichten aus Sibirien

Personen:

Ensuh-Keschdanna – der Regent von Aratta1

Enmerkar – der Regent von Sumer

Großschamane – das Oberhaupt der alten Religion – des Schamanen-Kults in Aratta

Großpriester – das Oberhaupt des Inanna-Kults in Aratta

Großpriester von Sumer – das Oberhaupt der Religion in Sumer

Die junge Schamanin

Der alte Schamane

Der junge Schamane

Rehha – Anführerin der Aufständischen

Reschak – ein junger Mann, Anhänger des Inanna – Kults

Eschdana – eine junge Frau, Anhängerin des Schamanen-Kults

Rach, Mach, Kach – die Geister

Der Bote

Erster Krieger

Zweiter Krieger

Krieger, Hofleute, Anhänger des Schamanen-Kults, Anhänger des Inanna-Kults.

Erster Akt

1. Szene

Der Hof des Regenten Ensuh-Keshdanna in Aratta. Der Regent sitzt auf dem Thron und spricht mit seinem Staatsrat. Mehrere Hofleute, darunter der Großschamane und Großpriester stehen um ihn herum.

ENSUH-KESCHDANNA: Das Fest zur Ehre Inannas muss diesmal großartig sein: Wir müssen die Heilige Hand – unsere Göttin nicht mehr verärgern. Überall in Aratta müssen in ihrem Namen Tiere zum Opfer gebracht werden; die Menschen müssen so satt werden wie nie zuvor. Sie wird dann zufrieden sein (zum Großpriester). Ja du, möchtest du etwas zum Inanna-Fest sagen?

„Der Großschamane“ weiterlesen

Die Verbrennung der Schlangen

Vougar Aslanov

DIE VERBRENNUNG DER SCHLANGEN

Nach Motiven einer Geschichte aus dem Mahabharata

Es war die Zeit als die Götter noch sterblich waren und die Weisen und Einsiedler große Macht hatten. Der gottähnliche Asket und Sänger Kaschjapa lebte auch in dieser Zeit auf der Erde. Der heilige Mann war von allen Lebendigen für seine Mühen um das Gute und Großtaten geachtet.

Der große Weise träumte von Nachkommen: er heiratete zwei himmlische Jungfrauen – die Schwestern Winata und Kadru und entschied sich eines Tages das Opfer für dieses Ziel zu bringen. Kaschjapa lud die Götter und Halbgötter, Einsiedler und Weisen ein, um seine Opferbringung zu feiern.

Und als Obergott Indra kam, sagte ihm Kaschjapa:

„Bring mir Holz, erfülle meinen Befehl!“

Inrda brachte so viel Holz für ihn, bis im Wald ein Holzberg gebildet wurde. Der große Gott hörte aber nicht auf und trug immer weiter das Holz. Und er begegnete auf seinem Weg plötzlich Weisen, die körperlich so klein und ohnmächtig waren, dass alle zusammen ein kleines Holzstück kaum tragen konnten: die geistigen Großtaten schwächten sie so. Sie fielen in eine kleine Grube hinein, die mit dem Wasser gefüllt war und mussten mächtig kämpfen um dort überhaupt heraus zu kommen. Als Indra das alles sah, lachte er laut und machte sich lustig über diese Männer. Das machte die Weisen sehr wütend und sie schworen:

„Im Namen unserer Strenge in den Gesetzen, unserer Unumstößlichkeit unserer unbrechbaren Gelübde sei ein neuer Indra geschaffen, der hundert Mal stärker wird als dieser Eingebildete“.

Als Indra das hörte, verstand er, dass er die gerechte Wut der Weisen ausgelöst hatte. Er ging zu Kaschjapa und sagte ihm:

„Hilf mir o großer Weiser, mich von der Verwünschung der anderen Weisen zu befreien“.

Indra erzählte Kaschjapa wie es zum Streit zwischen ihm und den Weisen gekommen war und bat ihn, die Erschaffung eines zweiten Indra zu verhindern. Kaschjapa sprach die von Indra gekränkten Weisen an:

„Indra hat Brahma geschaffen“, sagte er ihnen. „Deswegen wäre die Erschaffung eines zweiten Indra gegen den Willen Brahmas“.

Und Kaschjapa schlug vor, dass sie den zweiten Indra nicht als Gott, sondern als Indra unter den Erdtieren und Vögeln schaffen. Das wurde angenommen und die Weisen waren bereit unter den Erdtieren und Vögeln die zu schaffen. Die Schwester Winata und Kadru, die Frauen von Kaschjapa, wurden für diese große Aufgabe ausgewählt: eine sollte Indra unter den Erdtieren und Indra unter den Vögeln gebären, die andere müsste einem Sonderwesen – der Schlangen-Sippe den Anfang geben und eine von ihnen sollte Indra unter den Schlangen werden.

Ein Blick des Weisen Kaschjapa reichte aus, damit Winata und Kadru schwanger werden konnten: Winata brachte nur zwei Eier hervor, ihre Schwester tausend Eier. Nach fünfhundert Jahre schlüpften aus den Eiern Kadrus tausend Schlangen, auf die Kadru sehr stolz war. Der älteste von ihnen Söhnen war Schescha, Indra unter den Schlangen, der zweite Wasuki, die längste unter den Schlangen, und der dritte war Takschaka, der böseste und tückischste unter den Schlangen.

Die zwei Eier Winatas waren aber auch nach fünf hundert Jahre nicht ganz reif. Sie konnte nicht mehr lange warten und brach selbst ein Ei auf, um ihren Sohn zu sehen. Ihr Sohn war nur bis zur Hälfte reif und er war sehr empört wegen der Tat der Mutter:

„O du gierige Mutter!“, sagte er. „Du solltest nur noch einige Tage warten, bis ich ganz reif wäre und selbst das Ei aufbrechen würde. Wegen dir bin ich jetzt unreif geboren und kann meine Aufgabe nicht erfüllen. Dafür bekommst du eine Bestrafung: Du muss noch fünfhundert Jahre warten, bis dir der zweite Sohn geboren wird. Zudem wirst Du noch in diesen fünfhundert Jahren als Sklavin leben. Mein Bruder wird nach fünfhundert Jahren kommen und dich befreien“.

So konnte der ältere Sohn der Göttin Winata, Aruna hieß er, seine Aufgabe nicht erfüllen und kein Indra unter den Tieren werden. Er ging zurück in den Himmel und wurde zum Fuhrmann des Sonnengottes Sira Narajana.

Kurz danach schufen die Götter das Getränk der Unsterblichkeit Amirati, tranken daraus und wurden unsterblich.

Eines Tages sahen die Schwestern ein sehr schönes weißes Pferd und Winata sprach:

„Das ist das göttliche Pferd, das geboren wurde als die Götter das göttliche Getränk Amirati schufen, und es ist ganz weiß wie Milch und hat nirgendwo einen schwarzen Fleck“.

„Nein“, sagte die Kadru. „Dieses Pferd hat einen schwarzen Schwanz, ich habe das jetzt gemerkt“.

Die Schwestern stritten darüber lange, bis Winata sagte:

„Es ist ganz weiß und hat auch einen weißen Schwanz. Ich bin bereit mit dir darüber zu wetten“.

„Nein“, wollte Kadru nicht aufgeben. „Es hat einen schwarzen Schwanz. Ich bin auch bereit zu wetten. Unter der Bedingung, wer verliert, wird zur Sklavin der anderen“.

Sie entschieden sich, am nächsten Tag zur Insel im Meer zu fliegen, wo dieses Pferd lebte, und alles genau zu beobachten.

Kadru kam zu Schlangen – ihren Kindern und sagte:

„Ich weiß nicht, was mich dazu zwang, aber ich habe nun mit meiner Schwester Winata gewettet, wenn wir morgen feststellen, dass das göttliche Pferd einen schwarzen Schwanz hat, wird sie zu meiner Sklavin. Das Pferd hat aber wirklich einen weißen Schwanz wie Winata sagte und deswegen würde ich selbst zur Sklavin meiner Schwester, wenn ich nichts dagegen unternehme. Ihr musst morgen früh zur Insel im Meer gehen und den Schwanz des Pferdes so umwickeln, dass dieser aus der Ferne ganz schwarz aussieht“.

Ihre Kinder erfüllten jedoch die Erwartung der Mutter nicht, weil sie mit ihr nicht einverstanden waren:

„Du tust Unrecht, o Mutter“, sagten sie. „und willst auch uns dazu zwingen. Wir können das nicht tun, was du sagst“.

Die Antwort ihrer Kinder machte Kadru sehr wütend und sie schrie empört:

„Es ist eure Pflicht, der Mutter zu gehorchen und das wortlos zu erfüllen, was sie euch sagt“.

Die Schlangen lehnten erneut ab, ihre Bitte zu erfüllen.

Kadru betrachtete das als große Achtungslosigkeit ihr selbst gegenüber und verfluchte ihre Kinder mit den Worten:

„Ich verfluche euch alle, meine Kinder – alle Schlangen wegen dieser Ungehorsamkeit und Unachtung der Mutter gegenüber! Es kommt die Zeit, in der ihr alle verbrannt werdet“.

Die Schlangen hatten das nicht erwartet und fragten die Mutter, was das bedeuten sollte. Darauf antwortete Kadru ihren Söhnen:

Es kommt Dschanamedschaja, der Schlangen-Vernichter,

Für die Schlangen-Sippe wird er ein grausamer Richter.

Er kommt einst, der Herrscher, er kommt in seiner Zeit

Und die Giftigen er dann wirklich ins Feuer treibt.

Am nächsten Tag flogen die beiden Schwester zur Insel im Meer um das Pferd genau anzuschauen. Das Pferd hatte aber wirklich einen schwarzen Schwanz. So hat Kadru die Wette gewonnen und ihre Schwester Winata zu eigener Sklavin gemacht. Kadru verstand, dass ihre Söhne wegen der Angst von ihrem Fluch doch hierher gekommen waren und den Pferdschwanz umwickelten, wie sie es wünschte. Es war aber zu spät: sie konnte ihren Fluch nicht mehr zurücknehmen.

Nach fünfhundert Jahre wurde aus dem anderen Ei Winatas ihr zweiter Sohn geboren. Garuda hieß er und er war Indra unter den Vögeln: stark, mächtig und furchtlos. Er befreite seine Mutter und danach verließen beide Schwester wieder die Erde und gingen in den Himmel zurück, wie auch Garuda selbst.

Wasuki war der König der Schlangen. Denn einst haben die Götter ihm als Seil genutzt, als sie den Berg ins Weltmeer stürzen wollten, um das Honigmeer zu schaffen, das für sie als Amrati – der Getränk der Unsterblichkeit dienen sollte.

Wasuki war sehr klug, regierte und richtete immer gerecht, rief die Schlangen zu Vernunft und edlem Verhalten auf. Obwohl nicht alle von ihnen immer das taten, was ihr König verlangte, waren die Schlangen voll Achtung ihm gegenüber. Trotz alledem beunruhigte Wasuki eine Sache sehr: jener Fluch der Mutter.

Auch den anderen Schlangen bereitete der Fluch der Mutter früher Sorgen, aber sie hatten das bald wieder vergessen. Nur Wasuki dachte Tag und Nacht daran und suchte Wege, die Schlangen vom Fluch der Mutter, also von der Vernichtung zu retten. Wasuki wusste, dass der Herrscher, der die Schlangen ins Feuer treiben sollte, als Nachkomme Bharatas geboren würde. Wasuki war Zeuge des Kampfes zwischen diesen – den Cousins Kurawas und Pandawas; Wasuki dachte, dass die Kurawas in der großen Schlacht im Feld Kurukschetra siegen würden, weil sie viel zahlreicher und mächtiger waren als ihre Cousins. Nach Wasukis Überlegungen sollten alle Schlangen nach diesem Krieg die Kurawas überfallen und töten, weil sie Unrecht taten. Als jedoch die Pandawas siegten und der älteste von ihnen Judhischtira zum neuen Herrscher über ganz Bharata wurde, überlegte der Schlangenkönig, es wird unmöglich, diese im Kampf zu besiegen, denn war auch bekannt, wie Pandawas das Dharma erfüllten, vor allem Judhischtra selbst. Deswegen konnten sie auch ihre Cousins besiegen; denen das Gemüt der Kurawas, ihre Adharma ebenso gut bekannt war.

Dann suchte Wasuki andere Wege, um dem Muterfluch zu entgehen. Es war jetzt klar, das der Herrscher Dschanamedschaja einer der Pandawas wird. Judhischtra und vier seiner Brüder hatten keine Kinder; ihre Söhne waren im Krieg gegen die Kurawas gefallen, ohne Nachfolger hinterlassen zu haben. Nur Ardschunas Sohn Abhimanju wurde nach seinem Tod ein Sohn geboren – Parikschit, der die Herrschaft der Pandawas über Bharata fortsetzen musste. Judhischtras Name war auf der ganzen Welt berühmt als der eines klugen und gerechten Herrschers, als eines beharrlichen Erfüllers des Dharma. Als er alt wurde, verzichtete Judhischtra auf den Thron zugunsten Parikschits und ging zusammen mit vier seiner Brüder in die Berge des Himalajas.

Parikschit wurde auch bald überall als gerechter Herrscher bekannt. Der Schlangenkönig beobachtete den jungen Herrscher und dessen Leben ständig, und als er seinen neugeborenen Sohn Dschanamedschaja – der Vernichter der Schlangen – genannt hatte, wurde es Wasuki klar, der Herrscher, der den Fluch seiner Mutter zur Erfüllung bringen sollte, war schon geboren. Aber was soll es verursachen, dass diesen Dschanamedschaja dazu bringen würde, die Schlangen-Sippe zu vernichten? Um das schon vorher zu klären rief Wasuki alle Schlangen, die in der Magie und im Vorhersagen mächtig waren, zusammen und stellte ihnen die Aufgabe die anderen zu warnen. Das war für diese Schlangen jedoch nicht einfach; viele beschwerten sich darüber, dass der Grund dafür, was bald geschehen müsse, ganz tief liege, die anderen sagten, dass es schwer vorauszusehen sei, weil das nicht direkt mit Dschanamedschaja selbst verbunden werde. Doch eine alte Schlange schrie endlich laut:

„Ich habe es gesehen! Dschanamedschaja wird das aus Rache tun! Eine der Schlangen wird seinen Vater Maharadscha Parikschit in seinem Palast tödlich beißen und dessen Sohn wird deswegen alle Schlangen töten wollen“.

Als der Grund der Schlangen-Vernichtung, die Dschanamedschaja durchführen sollte, Wasuki bekannt geworden war, rief er darauf alle Schlangen der Welt zusammen. Da kamen zu ihm die Schlangen aus allen Richtungen der Erde, die so unterschiedlich waren, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Sie waren alle glücklich gleich, aber unglücklich aus verschiedenen Gründen. Unter ihnen waren die schönen und die hässlichen, aber viele von ihnen verband eins – das tödliche Gift, das sie unter ihren Zähnen hatten.

„O Brüder und Schwester“, sagte Wasuki. „Ihr weiß es, dass über uns allen Schlangen der Fluch schwebt. Wir sind nicht schwach, wir können Vieles. Aber wir sind gegen den Fluch der Mutter hilflos! Wenn ich mich auch jetzt daran erinnere, beginne ich zu zittern: „Seid ihr verflucht, böse Kinder!“ sagte unsere Mutter damals in der Morgendämmerung. Das haben die Götter gehört und angenommen, das hat selbst Brahma gehört und angenommen. So droht allen Schlangen die Vernichtung, wie die Mutter sagte:

Es kommt Dschanamedschaja, der Schlangen-Vernichter,

Für die Schlangen-Sippe wird er ein grausamer Richter.

Er kommt einst, der Herrscher, er kommt in seiner Zeit

Und die Giftigen er dann wirklich ins Feuer treibt.

Wir müssen trotzdem etwas unternehmen um Dschanamedschaja daran zu hindern, seine Rache durchzuführen. Aus diesem Grund habe ich euch alle heute versammelt. Was denkt ihr: Wie können wir Dschanamedschaja anhalten und uns vor dem Fluch der Mutter retten?“

Und als Antwort hörte Wasuki viele Vorschläge: Einige sagten, sie würden selbst in der Gestalt der Weisen zum Maharadscha gehen und ihn davon überzeugen, von der Verbrennung der Schlangen abzusehen.

Die weisen Schlangen beschuldigten diese doch der Dummheit.

„Wir gehen“, sagten diese, „zu ihm als Ratgeber, als Diener, die ihm helfen wollen. Und wird er uns danach fragen, wie man die Verbrennung der Schlangen am besten durchführt? Wir finden hunderte von Hindernissen und beschuldigen seine Weisen der Götterlästerung. Dann sagen wir ihm, dass die Verbrennung der Schlangen ein großes Unglück in die Welt bringt. Wenn er nicht darauf hört, beißt ihn eine von uns zu Tode“.

Aber die gutmütigen Schlangen waren auch damit nicht einverstanden:

„Wir müssen das ohne Gewalt lösen“, sagten sie. „Mord ist das schlimmste von allen Verbrechen! Das lassen wir niemals zu!“

Die Schlangen-Zauberer hatten eigenen Vorschlag:

„Wir verwandeln uns in die schwarzen, großen Wolken, bewegen uns zum Altar und löschen das Feuer der Jagia aus!“

Eine andere Schlange sagte:

„Es ist ganz einfach: einige der tapferen Schlangen, die auch gute Diebe sind, gehen und stehlen den Priestern Dschanamedschajas die Kelle und den Behälter für die Durchführung der Jagia. Oder anders: um es zu verhindern, befehlen wir unzähligen Schlangen nach Hastinapur zu kriechen. Wir beißen dort die Menschen, kriechen in die Häuser hinein, verderben ihr Essen und Trinken, sodass sie immer in ihrem Geschirr den Dreck von Schlangen finden. Das wird Dschanamedschaja Angst machen und er sagt ab, die Verbrennung der Schlangen durchzuführen“.

Nachdem Wasuki all diese Ratschläge gehört hatte, sagte er enttäuscht:

„O Brüder, ich habe von keinem von Euch einen vernünftigen Rat gehört. Das macht es mir noch schwerer“.

Eine andere Schlange, der vorsichtige Elapatra, sagte dann:

„Ich möchte euch jetzt etwas offenbaren, was ich bis jetzt niemandem gesagt hatte. Als die Mutter uns verflucht hatte, kletterte ich vor der Angst in die Berge hoch. Und dort habe ich gehört, wie einige der Götter, die von diesem Flucht erfahren hatten, zu Brahma gingen und ihm sagten:

„Wie kann es sein, dass die Mutter ihre eigenen Kinder verflucht? Kannst du das nicht, o großer Brahma, verhindern?“

Brahma antwortete ihnen:

„Es ist unmöglich, den Fluch der Mutter zu verhindern. Andererseits gibt es unter den Schlangen viele verbrecherische. Wenn mehrere von diesen vernichtet werden, werden alle davon nur gewinnen. Es gibt aber gute, unschuldige Schlangen, die doch überleben werden“.

„Wie können die unschuldigen Schlangen überleben, o Brahma, wenn sie alle von der Mutter verflucht worden sind?“, fragten wieder Götter.

Brahma antwortete ihnen:

„Einst wird Dscharaktaru geboren, der zu einem großen Asket und Weisen wird. Er wird Jahrzehnte lang in Enthaltsamkeit leben. Dann wird Dscharaktaru wird ein Sohn geboren, der schon in jungen Jahren große Weisheit erreichen wird. Er wird auch die gute Schlangen von der Vernichtung retten“.

„Aber wer wird zur Mutter dieses Jungen?“ fragten ihn die Götter.

„Dscharaktaru wird nur eine Frau nehmen, die den gleichen Nahmen wie er selbst trägt, damit der große Asket sich trösten kann, dass er doch immer noch sein Gelübde erfülle“.

Einige Schlangen wollten daran glauben was sie jetzt gehört hatten, andere nicht.

Elapatra setzte seine Rede fort:

„O Wasuki“, sagte er. „Du hast eine junge schöne Schwester, die auch Dscharaktaru heißt. Vielleicht würde sie die Frau des Weisen Dscharaktaru werden und ihm den Sohn gebären, der die unschuldigen Schlangen retten würde?“

Als Wasuki hörte, freute er sich sehr und sagte, dass dies wirklich eine gute Lösung sei.

Das haben dann auch die anderen Schlangen unterstützt:

„Sehr schön! Sehr schön!“ sagten sie und gingen dann alle wieder zurück.

Es vergingen wieder viele Jahre bis Brahma selbst dem Wasuki erschien und ihm sagte:

„O Wasuki, habe keine Angst! Du nahmst einst an einer sehr wichtigen Sache teil, als wir das Getränk der Unsterblichkeit Amirati für die Götter schaffen wollten. Du dientest uns als der kräftige Strick um den großen Berg ins Weltmeer zu stürzen. Deinen Verdienst haben wir nicht vergessen. Du musst jetzt wissen, dass Dscharaktaru schon lebt und er ist nun ein bekannter Asket und Weise geworden. Nur von seinen Samen, weil er diesen sehr lange zurückhielt, konnte ein junger Weiser geboren werden, der die unschuldigen Schlangen retten wird. Warte noch, bis die Zeit gekommen ist und gib deine Schwester Dscharaktaru dem Weisen zur Frau. Nur sollst du das rechtzeitig tun“.

Der Weise Dscharaktaru, der große Asket, lebte als Einsiedler, unter dem Gelübde der Enthaltsamkeit. Seinen Körper schränkte er streng ein und lebte, sich nur dem Geistigen hingebend. Deswegen nannte man ihn auch Dscharaktaru: einer, der seinen Körper streng zurück gedrängt hatte. Ihm war der ganze weltliche Spaß fremd; für immer sagte er der Lust ab und hielt auch seinen Samen zurück. Diese unendlich schwere Last trug er mit großer Freude, erhöhte sogar ständig deren Schwere. Er bummelte durch die Wälder, Steppen und Wüsten, schlief dort ein, wo ihn die Nacht erreicht hatte: lag in Sümpfen, Gruben, an holprigen Orten. Seine unvergleichbaren geistigen Großtaten vollbrachte er, die für die anderen kaum erfüllbar gewesen wären. Die Veden nahm er mit Begeisterung auf und führte die Waschungen an heiligen Orten durch. So bummelnd, lebte er alleine von der Luft, wurde immer dünner, nur die Blätter von den Bäumen saugend. Den ganzen Tag verbrachte der heilige Mann mit Beten, sang Hymnen zur Ehre der Götter und hatte großen Namen in der ganzen Umgebung.

Nur seine verstorbenen Ahnen waren mit ihm unzufrieden. Und einmal traf der große Asket seine Ahnen. An einem steilen Abgrund wuchs ein einziges Gras und an dessen Stängel hingen mit den Köpfen nach unten Männer. Den Stiel, von dem nur noch eine Faser übrig geblieben war, nagte ruhig eine Ratte weiter ab. Dscharaktaru kam ihnen nah und schrie laut:

„Was wird mit euch geschehen, o gute Männer, sobald die Ratte den Stiel bis Ende abgenagt hat? Sag mir: wer seid ihr denn? Wie kann ich euch helfen? Wie kann ich euch von diesem Abgrund retten? Ich würde ein Drittel, sogar die Hälfte meiner geistigen Großtaten dafür opfern um euch zu retten, glaubt mir!“

Die Männer antworteten ihm:

„O großer Asket! Du hilfst vielen mit deinen Taten, das glauben wir. Wir waren selbst Asketen, erfüllten auch viele geistige Großtaten. Wir hatten aber keine Familien, keine Kinder, deswegen wurden wir so bestraft. Wir waren heilige Wanderer, Mönche, Brahmanen. Wir haben uns in allem eingeschränkt in unserem irdischen Leben: Im Essen und in der Liebe, lebten ohne Dach, erfüllten stets am strengsten unser Gelübde, wir schufen dass Gute, halfen den Menschen. Aber weil wir der Welt keine Kinder schenkten, wurden alle unsere Verdienste zunichte und jetzt hängen wir an einer Faser über die Hölle und werden in deren Abgrund gestürzt, wenn diese ganz gefressen ist. Wir haben aber auf der Welt noch einen Nachkkommen – den Weisen Dscharaktaru. Er ist ein großer Weiser, für ihn sind aber nur die geistigen Gesetze und deren Erfüllung wichtig. Dscharaktaru hat sich vom Spaß und Glück der Welt los gesagt, er hat deswegen keine Frau und keine Kinder. Und wir hängen wegen unseres dummen Nachkommens über der Hölle. Vielleicht triffst du, o Asket, Dscharaktaru eines Tages auf Deinem Weg. Dann sage ihm, dass seine Ahnen nun an einem Stängel hängen, von der nur eine Faser übrig geblieben ist. Diese Faser ist Dscharaktarus Leben und die Ratte ist die Zeit, die es frisst. Ihm bleibt nur ein wenig Zeit, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sonst wird er auch selbst nach uns in die Hölle gestürzt. Sage ihm, dass alle seine geistigen Großtaten umsonst sein werden, so wie es mit uns geschehen wird, wenn er keine Kinder zeugt. Er wird auch, so wie wir jetzt, die Höllen-Qualen erleben und erleiden wie die Sünder, ohne je eine Sünde begangen zu haben“.

„Ich bin selbst dieser Mann, euer Nachkomme Dscharaktaru, – antwortete ihm der Asket tief betroffen. – „Ich dachte, dass ich mit der Enthaltsamkeit das Ziel erreiche, ein großer Weiser zu werden. Ich habe nichts, dachte ich, und wie kann so jemand eine Frau unterhalten, die ein Haus haben, die Schmuck aus Gold tragen will. Womit soll ich meine Frau und die Kinder ernähren, wenn ich selbst von Almosen lebe? Ich würde niemals einverstanden sein, davon auch meine Familie zu unterhalten. Ich dachte, dass ich mich durch die Enthaltsamkeit von der Sünde des Spaßes bewahre und dann in den Himmel komme. Jetzt sehe ich meinen Fehler. Ich bin bereit, das zu ändern: ich heirate und bekomme einen Nachkommen, um euch zu retten, o Großväter! Ich werde aber eine Frau heiraten, die den gleichen Namen trägt wie ich, damit sie ein Trost für mich sein wird. – für den Mann, der für die schweren geistigen Taten geboren wurde. Ich soll aber deren Unterhalt auch als Almosen erhalten, denn ich selbst nicht in der Lage bin sie zu ernähren“.

Als Dscharaktaru das gesagt hatte, verschwand der Abgrund mit seinen Ahnen wieder. Er verstand, dass dies eine Warnung für ihn war. Jetzt suchte er nach einer jungen Frau, die zu ihm passen würde. Aber nirgendwo konnte Dscharaktaru so eine Frau finden. Verzweifelt, ging er in den Wald, weinte laut und rief nach allen Lebendigen:

„O ihr Lebendigen alle – sich Bewegende und sich nicht Bewegende! Hört von meinem Kummer: Ich bin ein armer Einsiedler, ich habe nichts, wovon ich eine Frau unterhalten kann. Deswegen brauche ich eine Frau, die den gleichen Namen hat wie ich und deren Unterhalt mir als Almosen gegeben wird. Da ich unter Fasten und in der Sühne lebe. Ich gab meinen leidenden Ahnen mein Wort zu heiraten, damit ich sie und meine Zukunft rette. Ich kann aber nirgendwo eine passende Frau für mich finden. O ihr alle Lebendigen – sich Bewegende und sich nicht Bewegende! Wenn ihr von einer solchen hört, gebt sie mir zur Frau“.

Den Aufruf Dscharaktarus haben alle Lebendigen – sich Bewegende und sich nicht Bewegenden vernommen. Davon hörte auch der alte Wasuki und schickte sofort nach seiner jungen Schwester Dscharaktaru, die die schönste unter den Schlangen war.

„O Dscharaktaru“, sagte er ihr als sie den Bruder wie immer herzlich begrüßt hatte. “Weiß du, warum ich dich gerufen habe? Einmal haben wir – die Schlangen die Bitte der Mutter nicht erfüllt. Deswegen hat sie uns verflucht. Nach diesem Fluch, der über alle Schlangen hängt, muss uns alle eines Tages ein Maharadscha verbrennen. Brahma half uns damit, dass dennoch die Schlangen gerettet werden können, die nichts Übles getan haben. Um die unschuldigen Schlangen zu retten, stellte Brahma die Bedingung: nur vom Samen eines sehr strengen Askets, der sich einmal entscheidet, sein Gelübde zu brechen, könne ein junger Weiser geboren werden, der die Schlangen vor der völligrn Vernichtung retten würde. Und das sollte ein Weiser sein, der den gleichen Namen trägt, wie du: Dscharaktaru. Ich habe sehr lange darauf gewartet, ob ich irgendwann von ihm höre. Brahma sagte mir darüber einmal selbst, dieser Mann lebe schon und sei nun ein berühmter Weiser geworden. Ich musste aber warten, bis er seine strenge Enthaltsamkeit abbricht und heiraten will. Ich hatte schon beinahe meine Hoffnung verloren: denn ein sehr strenger Asket bricht sein Gelübde nicht. Aber heute erhielt ich eine Nachricht darüber: der strengste aller Asketen, Dscharaktaru, möchte nun wirklich sein Gelübde brechen und heiraten. Er will aber eine Frau heiraten, die den gleichen Namen wie er selbst trägt: Dscharaktaru. Eine Frau, die ursprünglich keine menschliche Gestalt hat, kann er nur dann heiraten, wenn sie eine menschliche Gestalt annimmt. Dscharaktaru, meine liebe Schwester, die schönste unter den Schlangen! Du weiß selbst wie ich dich liebe! Du weißt wie dein Glück für mich wichtig ist!

Aber sage mir jetzt, wärest du bereit, dich dafür zu opfern um unsere Schlangen-Sippe zu retten? Du musst aber gut darüber nachdenken: wenn du einmal die menschliche Gestalt annimmst, kannst du niemals wieder eine Schlange werden. Du bleibst dann ewig eine Menschenfrau. Du wirst zur Frau des Menschensohnes, der aus dir eine Dienerin machen wird. Noch schlimmer: er macht von dir den Schatten seines eigenen Bildes. Aus diesem Grund durftest du keinen anderen Namen haben, sondern nur den gleichen tragen wie er selbst. Dein Leben wird nur daraus bestehen, ihm zu dienen, seine Wünsche zu erfüllen! Du darfst dich an ihn nur als „mein Herr“ wenden! Er wird aber niemals mit dir zufrieden sein, er wird dich immer erniedrigen, schimpfen, sogar verprügeln, öfter auch ohne Grund. Wenn du zu einer Menschenfrau wirst, vergisst du auch alle deine Weisheit, es wird dir so scheinen, dass alles, was dein Mann tut, rechtens ist und du das alles wortlos hinnehmen musst. Du musst dann aber auch immer nur unter den Menschen leben, in der Lüge, der Unwissenheit, der Rechtlosigkeit und Unehrlichkeit. Die Menschen wissen nicht was Treue ist, die wir Schlangen halten, sprechen aber viel davon. Sie wissen nicht was Gerechtigkeit ist, in der wir, die Schlangen, leben, sprechen aber viel davon. Sie wissen nicht was die Weisheit ist, die wir die Schlangen besitzen, sprechen aber viel davon. Sie beschuldigen uns – die Schlangen und andere Tiere des Verbrechens, der Grausamkeit, nennen die Schlangen „giftige Sippe“. Weist du warum? Weil sie selbst die schlimmsten Verbrechen gegen die anderen begehen – Pflanzen, Tiere und selbst gegen Menschen – und mit der Beschuldigung ihrer Opfer versuchen sie ihr Gewissen zu erleichtern.

Wäre man weise, hätte man davon nicht viel gesprochen, wäre man gerecht, hätte man davon nicht viel geredet. So sind die Menschen, sie sprechen von etwas, aber erfüllen es nicht. Deswegen können sie die Wahrheit nie erkennen, deshalb können sie die Gerechtigkeit nie erreichen. Meine liebe Schwester, o du Schönste! Mir bricht das Herz, wenn ich daran denke, dass du Stets in der Lüge, der Rechtlosigkeit und der Unwissenheit leben musst, wenn du zu einer Menschenfrau wirst. Deswegen wünsche ich selbst es dir nicht. Das ist aber meine Aufgabe, ich muss dir anbieten, eine Menschenfrau zu werden.

Ich bin selbst schon sehr alt, was aber ist, wenn dereinst ein Maharadscha namens Dschanamedschaja – der Schlangen-Vernichter – kommt und mich verbrennen lässt? Angst davor habe ich aber nicht. Ich bin bereit das anzunehmen und damit den Fluch der Mutter zu erfüllen. Ich trage aber Verantwortung für alle anderen Schlangen, vor vielen Jahren habe ich mit Brahma eine Lösung zur Rettung der unschuldigen Schlangen gefunden. Jetzt aber denke ich, dass der Preis zu hoch ist, wenn du zur Menschenfrau wirst und dich unterdrücken und erniedrigen lässt. Es wäre besser, wenn du so bliebest: eine Schlangenfrau – frei, selbstbewusst, edelmutig, unabhängig und weise. Wenn wir dann einst sterben würden, dann aber als Schlangen…“

Nachdem er das alles seiner Schwester erzählt hatte, weinte der alte Wasuki.

„Mein Bruder, du König der Schlangen, den selbst die Götter den „großen und weisen Wasuki“ nennen“, antwortete ihm die schöne Dscharaktaru, „deshalb wurdest du ja auch zum König der Schlangen erklärt und nicht dein älterer Bruder Schescha, dem die Götter eine andere Aufgabe zuteilten. Eine Schlangenfrau kann niemand zwingen etwas zu tun, was sie selbst nicht will. Deswegen treffe ich selbst diese Entscheidung: um die Schlangen vor völligen Vernichtung zu retten, bin ich bereit die Gestalt einer Menschenfrau anzunehmen und den Menschensohn zu heiraten“.

In Tränen küsste Wasuki seine Schwester auf die Stirn und sagte:

„Das war deine eigene Entscheidung!..“

Danach rief der Schlangenkönig die Zauberer unter den Schlangen. Sie kamen und brauten aus vielen Pflanzen einen Trank für Dscharaktaru und gaben ihr den zu trinken. Nachdem Dscharaktaru ihn getrunken hatte, wurde sie in eine Menschenfrau verwandelt: Sie war nun eine sehr schöne junge Frau, mit langem seidigem schwarzem Haar, strahlendem Gesicht, mit großen dunklen Augen, mit einer schlanken Taille und mit runden Oberschenkeln.

Wasuki nahm sie und brachte zum Weisen Dscharaktaru, den er wieder im Wald traf.

„O großer Asket“, sagte der Schlangenkönig, „ich habe gehört, dass du eine Frau suchst um sie zu heiraten. Nimm diese, eine bessere Frau für dich wirst du nirgendwo finden“.

„Wie heißt sie?“, fragte der Einsiedler.

„Dscharaktaru, wie du selbst“, antwortete Wasuki.

„Nein“; sagte der Asket. „Ich kann sie nicht ernähren. Dafür habe ich keine Mittel…“

„Ich selbst sorge für ihren Unterhalt, ich werde sie auch selbst schützen. Sie ist meine jüngste Schwester, um deine Frau zu werden, hat sie für immer die Gestalt einer Menschenfrau angenommen. Alles was ihr braucht, bekommt von mir: ein Haus, wie ein Palast, alles zu Essen und zu Trinken, ein ruhiges, beschauliches Leben…“

Als Dscharaktaru dies alles gehört hatte, äußerte er sein Einverständnis, Wasukis Schwester zu seiner Frau zu nehmen. Als diese gesetzlich zu seiner Frau erklärt worden war, brachte der Weise Dscharaktaru seine Frau in das Haus, dem Geschenk vom Oberhaupt der Schlangen.

Überall lagen kostbare Teppiche und Gold und Diamanten zierten es.

Der Weise Dscharaktaru sprach zu ihr:

„Jetzt bist du meine Frau und musst ab jetzt nur das erfüllen, was ich dir sage, und nur das tun, was mir wirklich passt und mir gefällt. Wenn du nur einmal Ungehorsam zeigst, verlasse ich dich sofort“.

Diese harten Worte verletzten das Herz Dscharaktarus – der ehemaligen Schlange – sie konnte aber ihm nur antworten:

„Ich bin einverstanden, mein Herr, dein Wort ist Gesetz für mich, meine Aufgabe ist nur dir zu dienen und das zu erfüllen, was du willst“.

So wurde Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – zur Frau und Dienerin des großen Asketen. Der große Mann änderte darauf nicht viel in seinem Leben: er verbrachte seine Tagen mit Beten, sang Hymnen an die Götter und erfüllte das, was in heiligen Schriften stand. Mit seiner Frau sprach er kaum, nahm nur ihre Dienste gerne an. Eines Tages dachte sie selbst daran, sich ihrem Mann anzunähern, vollführte vorher die heilige Waschung und legte sich neben ihm halbnackt ins Bett. Aus dieser Vereinigung bildete sich sogleich der Keim, der durch die geistige Kraft schnell in ihrem Leib erblühte.

Ihr Mann wurde aber immer strenger. Einmal legte er seinen Kopf auf ihre Knie und schlief ein. Der große Asket schlief diesmal lange und wurde auch dann nicht wach, als die Sonne schon hinter die Bergen untergehen wollte. Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – wusste nicht, was sie jetzt tun sollte: ihr Mann hätte, bevor die Sonne unterging, noch einmal beten sollen. Wenn sie ihn wecken würde, könnte er ihr verübeln, dass seine Frau seinen Schlaf störte. Wenn sie ihm aber schlafen ließe, könnte er ihr verübeln, dass er wegen ihr das Abendgebet versäumt hatte. Sie entschied sich, ihren Mann zu wecken, damit er das Gesetz nicht breche und sagte zu ihm:

„O mein Herr, du großer Mann, der der Beste in der Erfüllung der geistlichen Gesetze ist, hör bitte, was dir deine Dienerin sagt: Bald geht die Sonne unter, du muss aber vorher noch einmal beten. Deswegen du solltest du jetzt aufstehen“.

Dscharaktaru – der Weise – hörte das, wurde wach, stand auf und sagte dann seiner Frau:

„Warum hast du meinen Schlaf gestört? Die Sonne müsste darauf warten, dass ich aufwache, bevor sie untergeht. Das Licht dürfte nicht dem Dunkel weichen, bevor ich mein Abendgebet erfüllt habe“.

Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – stand nur wortlos vor ihrem Mann und hörte sich seine Vorwürfe an.

„Habe ich dir am Anfang nicht gesagt, wenn du einmal etwas tun würdest, was mir nicht gefällt, würde ich dich verlassen? Du hast das jetzt getan“.

Nachdem der große Asket das gesagt hatte, ging er sofort weg und lies seine Frau alleine zurück. Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – hatte verstanden, dass ihr Mann nie wieder zurückkäme und so ging sie selbst zu Wasuki und erzählte ihm alles. Das enttäuschte den alten König der Schlangen sehr. Dann fragte er sie:

„Sag mir, meine liebe Schwester, hat er dir aber seinen Samen geschenkt? Trägst du etwas von ihm in deinem Leib?“

„Ja, mein Bruder“, antwortete sie. „Ich trage in meinem Leib einen Keim vom großen Asketen“.

Diese Nachricht erfreute Wasuki sehr.

„Endlich ist es geschehen! Du gebärst bald einen Sohn, der schon in seinen jungen Jahren zu einem Weisen wird und die Schlangen vor der Vernichtung erretten wird“.

Und das, was von einer alten Schlange prophezeit worden war, geschah bald wirklich. Der Maharadscha von Hastinapur, Parikschit, jagte einst in einem Wald einem Hirsch hinterher und traf dort einen Ritschi, der auf dem Gras sitzend, betete.

Der Maharadscha begrüßte den alten Mann und fragte ihn, ob er den Hirsch gesehen habe. Der Ritschi antwortete ihm nicht und betete weiter. Das gefiel Parikschit nicht; er sah eine tote Schlange in der Nähe, nahm sie und hing diese über die Schulter des Alten. Der Richi bewegte sich auch dann nicht; er betete weiter, als sei nichts geschehen. Parikschit beschimpfte ihn wegen der Verachtung ihm gegenüber mit schlimmsten Worten und ging von dannen. Das alles hörte wenig später auch der Sohn des Ritschis: dieser erfüllte auch selbst alle geistigen Gesetze und herrschte über die geistige Kraft. Er wollte diese Beleidigung dem Maharadscha nicht verzeihen und entschied sich Rache zu nehmen. Dafür verfluchte er den Maharadscha und beschwor: Die Schlange Takschaka muss Parikschit in seinem Palast töten. Takschaka war darüber sehr erfreut, denn schon lange hegte er Groll gegen Pandawas.

Der gottähnliche Weise Kaschjapa traf man zu jener Zeit immer noch auf der Erde, er war aber schon sehr alt; nachdem seine himmlischen Frauen Winata und Kadru ihn verlassen hatten, lebte er alleine. Alle Schlangen hielten Kaschjapa für ihren Vater und nicht selten kamen sie zu ihm. Kaschjapa war damals auch der Einzige auf der ganzen Erde, der die Kunst der Heilung einer Wunde vom giftigen Schlangenbiss beherrschte.

Kaschjapa hörte davon und machte sich auf den Weg zu Parikschit: er wollte an seiner Seite sein, um für den Fall, dass Takschaka ihn beißen würde, den Maharadscha selbst zu heilen. Takschaka erreichte Kaschjapa unterwegs und überredete seinen Vater zurückzukehren: Er sei der Einzige, der das Gift vom Maharadscha entfernen und ihn heilen könne. Er solle dies jedoch nicht tun, da Parikschit diese Rache als Bestrafung für seine Tat gegen den alten Ritschi verdient habe. Nachdem Kaschjapa umkehrte, konnte niemand mehr Takschaka dabei stören, Parikschit zu töten. Und am nächsten Morgen fand man im Palast den Maharadscha tot gebissen von der Schlange.

Die Jahre vergingen und viel später wurde Parikschits Sohn Dchanamedschaja zum neuen Maharadscha gewaschen und übernahm den Thron. Eines Tages versammelte er die Hofleute und Priester und wollte wissen, was den Tod seines Vaters verursacht habe. Man erzählte ihm, Parikschit sei von der Schlange Takschaka tot gebissen wurde. Und Takschaka hätte damals nur durch Betrug in den Palast hineinkommen können.

„Ich muss für den Tod meines Vaters rächen“, entschied sich der junge Maharadscha. “Aber wenn die Schlangen so hinterlistig, so gefährlich sind, werde ich nun auch alle Lebendigen von den Giftigen befreien: ich befehle eine große Jagia – Opferfeuer-Ritual vorzubereiten und alle Schlangen dahin zu treiben“.

Dchanamedschaja lud die Weisen und Brahmanen von überall ein, mit der Aufgabe, zusammen mit seinen Priestern eine große Jagia mit einem starken Feuer zu veranstalten. Es kamen die Weisen und Brahmanen nach Hastinapur und bereiteten die Jagia vor.

Doch vorher gebar Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – einen Sohn, der Astika – der Erkennende – genannt wurde. Er war schon von der Geburt an ein gottähnliches Wesen, so klug und so bedacht wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Er lernte Gesetze, das Recht, die Hymnen und Überlieferungen, die älter als die Welt selbst waren. Astika, durch große Vernunft erhellt, stellte bald fest, das wichtigste ist die Erkenntnis und es gibt ein Gesetz, dem alle Lebendigen, Menschen, Erdentiere, Vögel, Pflanzen und Insekten untergeordnet sind. Von ihm hörten alle Lebendigen und nannte man ihn „den ewig Lebenden“, denn die Erkenntnis ist ewig und Astika rief zur Erkenntnis von sich selbst und der Welt auf.

Eines Tages sagte Wasuki zu Astikas Mutter:

„Liebe Schwester, ich fühle, dass das Unglück immer näher kommt. Bald beginnt Dschamedschaja mit der Jagia um die Schlangen zu verbrennen. Es ist an der Zeit, dass du deinem Sohn seine Vorbestimmung offenbarst“.

Dscharaktaru – die ehemalige Schlange – rief Astika zu sich und erzählte ihm die ganze Vorgeschichte seiner Geburt.

„Ich wurde zur Frau des Asketen“, sagte sie, „damit du geboren wurdest um die Schlangen vor der Vernichtung zu retten. Das ist die Aufgabe, die du erfüllen musst“.

„Gut“, antwortete Junge. „Ich werde das tun, nur möchte ich zunächst die Schlangen besser kennen lernen“.So ging Astika zu den Orten, wo die Schlangen lebten; zwei Monate lang beobachtete er das Leben aller Schlangenarten. Dann kam er zurück nach Hause und sagte seiner Mutter:

„Ich bin bereit, meine Aufgabe zu erfüllen“.

„Die Zeit ist gekommen, mein Sohn“, antwortete seine Mutter. „Dschanamedschaja hat die Priester, Brahmanen und Weisen versammelt und den Altar für die Gestaltung der Jagia vorbereitet. Jetzt beginnt er bald mit der Verbrennung der Schlangen. Du musst nach Hastinapur gehen und das aufhalten“.

Astika küsste der Mutter die Hand und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Hastinapur, das er in zwei Tagen erreichen sollte.

Am gleichen Tag begann Dschanamedschaja mit der Verbrennung der Schlangen. Die Stärke der Jagia, die die größten Weisen und Brahmanen zusammen mit den Priestern gestaltet hatten, löste die Flammen aus, deren Zungen hoch in den Himmel loderten. Die Priester sprachen ihre Beschwörungen laut:

O Schlangen, die bösen und die bissigen,

O Sippe der Kriechenden und Giftigen!

Kommt her, schnell kriecht ihr zum Altar,

Heute frisst euch alle das große Feuer!

Ihr seid jetzt in der Macht Agni – des Gottes,

Der sieben Flammen hat und siebenzüngig ist.

Brahmanen und Weise sangen Hymnen zur Ehre der Götter und beteten. Die Priester gossen ständig Öl ins Feuer hinein; je mehr Öl sie hineingossen, umso stärker wurde die Zugkraft der Jagia, die die Schlangen kraftlos, blind und willenlos machte und sie selbst ins Feuer kriechen ließ. Je mehr Verbrechen eine Schlange begangen hatte, umso schneller gelangte sie auch ins Feuer hinein. Ständig wurden Hymnen gesungen und es wurde gebetet, die Flammen loderten immer höher, die Jagia wurde immer stärker, und zog die Schlangen immer heftiger ins Feuer hinein. Es gab Schlangen, die sich aus Angst selbst tödlich bissen. Doch viele Schlangen versuchten mit letzter Kraft sich der Jagia zu widersetzen, dazu wanden sich einige zu Ringen, andere versuchten sich an Steinen und Gräsern zu klammern, die dritten versteckten sich in ihren Behausungen unter der Erde. Das alles half ihnen aber nicht: aus der ganzen Welt krochen vom Einfluss der Jagia entkräftete, hilflose Schlangen nach Hastinapur. Ein unendlicher Strom der Schlangen, die unter der Macht des Mutterfluchs zum Altar strebten und, sich ineinander wickelnd, dort verbrannten. In der ganzen Umgebung roch es bald nach den brennenden Schlangen; aus ihren Hirnen und aus ihrem Fett floss ein Fluss. Das Stöhnen, Flehen und Weinen der Schlangen hörten alle anderen Lebendigen zum ersten Mal. Alle sahen nun, welch Feiglinge die Schlangen in der Tat sind, die nachts und tags das Böse taten, die anderen Lebendigen bissen und sie tödlich vergifteten.

Auch Takschaka drohte bald in die Jagia hineingezogen zu werden. Er wollte sich von einem Freund – einem Dämon, in einen Wurm verwandeln lassen, verlor er aber plötzlich all seine Kraft und konnte es nicht mehr tun. Er floh zum Obergott Indra und flehte ihn an:

„O Indra, bald werde auch ich ins Feuer getrieben. Hilf mir, bitte versteckt mich!“

Indra, der auch zu Takschaka immer freundlich war, sagte ihm:

„Habe keine Angst, Takschaka! So lange du neben mir bist, kann dich niemand ins Feuer treiben. Ich verstecke dich in den feuchten Wolken und Nebeln, damit du vor der Zugkraft der Jagia geschützt bist“.

Inzwischen wurde die Jagia noch stärker und Flammen loderten noch höher.

„Jetzt gibt es gibt nichts mehr, das die Verbrennung der Schlangen verhindern kann“, sagte Dschanamedschaja. „Bald werden sie alle bis zur Letzten vernichtet sein, als Strafe für ihre bösen Taten!“

„Nur ein Weiser kann dies noch verhindern“, sagte einer der Brahmanen. „So steht es in den alten Hymnen“.

Als Dschanamedschaja das hörte, befahl er den Wächtern:

„Es darf kein Weiser mehr hereinkommen!“

Und genau in diesem Augenblick erreichte Astika den Ort der großen Jagia. Er wurde von Wächtern aufgehalten, die ihn nicht zum Altar lassen wollten. Darauf hob Astika an, mit Gedichten die Jagia und das Feuer zu rühmen:

„O Maharadsch, dein Ruhm tönt überall,

Von Priestern und Weisen hast du gute Wahl.

Euer Feuer strahlt wie der Mond und Sterne,

Für die Rache tut ihr bestimmt gute Dinge.

Kann man mit Rache Böses bekriegen?

Kann man mit Kummer das Unglück besiegen?“

Als Dschanamedschaja dieses Gedicht gehört hatte, sagte er:

„Dieser Junge ist klug wie ein alter Weiser! Vielleicht ist er tatsächlich einer und nahm nur die Gestalt eines Jungen an? Ich möchte die Brahmanen darum bitten, diesen Jungen zum Altar kommen lassen. Er ist jung, hat aber das Wissen eines alten Weisen! Ich möchte ihm etwas schenken“.

Hier erinnerte ihm einer der Weisen an Takschaka.

„Wo ist Takschaka geblieben?“, fragte Dschanamedschaja die Weisen. „Der größte Verbrecher, wegen dem wir die ganze Jagia gestaltet haben?“

Die Weisen fingen an, nach Takschaka zu suchen. Einer von ihnen sagte dann:

„Takschaka versteckt sich bei Indra. So steht es auch in alten Hymnen: Der Obergott hat ihm seinen Schutz versprochen“.

Darauf schrie ein Priester:

„Schaut ihr! Oben im Himmel fährt Indra, mit den Halbgöttern, mit den himmlischen Jungfrauen und umgekreist die Wolken. In seinem Wagen hat er Takschaka versteckt, ich sehe den heraushängenden Schwanz der Schlange“.

„Wenn Indra diesen Verbrecher versteckt und schützt, werft ihr ihn zusammen mit Takschaka ins Feuer“, sagte Dschanamedschaja den Priestern und Weisen.

Die Weisen verstärkten die Jagia noch mehr um auch Indra vom Himmel zu holen.

Der Obergott wollte nun sich selbst retten und warf Takschaka aus seinem Wagen hinunter.

Derselbe Priester schrie wieder:

„Schaut, schaut nur! Indra warf Takschaka aus seinem Wagen um sich selbst zu retten. jetzt fällt Takschaka runter und wird bald ins Feuer stürzen: auf seinem Weg versucht er aber sich an jeder Wolke festzuhalten und das verlangsamt seinen Sturz ins Feuer“.

Takschaka ereichte aber schon bald den Altar, sein gewundener Körper hing über dem Feuer. Er war kurz davor sein Bewusstsein zu verlieren und dann ins Feuer zu stürzen.

Einer der Brahmanen verlangte von Dschanamedschaja:

„Jetzt musst Du aber auch den jungen Weisen beschenken, wie du es versprochen hattest“.

Dschanamedschaja sagte zu Astika:

„Du mein Gast, du junger Weiser! Sag mir, was du von mir verlangst! Ich bin bereit dir selbst das zu schenken, was die anderen für unvernünftig halten würden. Sag mir zunächst wie du heißt?“

„O Maharadsch! Ich heiße Astika“, antwortete der junge Weise. „Höre bitte sofort mit der Verbrennung der Schlangen auf – das wäre meine einzige Bitte an dich oder ein Geschenk, das ich von dir sehr gerne annehmen würde“.

„O Junge, der klug ist wie ein alter Weiser“, antwortete ihm Dschanamedschaja. „Ich kann dir hundert Kuh-Herden schenken, ich kann dir Gold und Silber geben soviel du willst! Nur bitte mich nicht darum, mit der grössten Jagia aller Zeiten aufzuhören. Die Schlangen müssen bestraft werden für ihre bösen Taten! Das ist eine gerechte Bestrafung!“

Takschaka blieb weiter über dem Feuer hängen. Das wunderte Dschanamedschaja und er fragte die Priester:

„Warum wird dieser Verbrecher nicht ins Feuer gestürzt und bleibt weiterhin hängen?“

„Ihn hält die geistige Kraft von Astika“, antworteten ihm die Priester.

„O Maharadsch!“ wandte sich Astika wieder an Dschanamedschaja. „Ich stimme Dir zu, dass unter den Schlangen viele Verbrecher waren. Sie sind aber schon fast alle vernichtet. Jetzt können auch die unschuldigen Schlangen von der Jagia betroffen werden“.

„Unschuldigen Schlangen?“ Dschanamedschaja war nicht einverstanden damit. „Sie sind alle Verbrecher! Diese Giftigen sind eine große Gefahr für alle! Schau mal, Junge, wie sich alle Lebendigen über die Tötung der Schlangen freuen. Ich habe eine große Aufgabe übernommen: mit dieser großer Jagia vernichte ich alle Schlangen und befreie alle Lebendigen von dieser Gefahr und vor der Angst vor ihnen!“

„O Maharadsch!“, sagte jetzt Astika. „Das stimmt, dass es unter den Schlangen viele giftige gibt. Aber die meisten von ihnen sind harmlos; haben kein Gift und führen ein friedliches Leben. Bevor ich hier her kam, habe ich das alles selbst untersucht und alle Schlangen-Arten kennen gelernt. Nur wenige von ihnen sind gefährlich. Aber schau mal bitte: nachdem die meisten der verbrecherischen Schlangen verbrannt worden sind, stürzen sich die unschuldigen Schlangen jetzt nacheinander ins Feuer. Es gibt ein Gesetz, Maharadsch, dem alle Lebendigen – Menschen, Erdentiere, Vögel, Pflanzen und Insekten untergeordnet sind. Für den Menschen lautet es so: Tue niemals dem Lebendigen etwas Böses an, lebe so, dass Du niemanden Angst machst. Liebe alle Lebendigen, erlaube es dir es nicht, ein Tier oder eine Pflanze zu töten und messe alle Lebendigen mit dem gleichen Maß wie Dich selbst. Sei barmherzig gegenüber den Menschen, Tieren und Pflanzen. Das ist das, das der Mensch in sich erkennen muss. Das ist das höchste Gesetz: Keinem Lebendigen weh zu tun, ob das Pflanzen, Tiere oder Menschen sind!“

„O Junge!“ antwortete Dschanamedschaja. „Du hast mich wirklich überzeugt! Ich bin auch der Rache überdrüssig geworden! Ich will nur, dass Takschaka bis zum Abend über dem Feuer hängt, bis die Jagia ihre Kraft verliert und der Wind die Schlange zur Seite weht. Ansonsten aber beende ich jetzt die Jagia!“

Alle klatschten und schrieen:

„Es lebe Dschanamedschaja – der gerechte Maharadscha! Es lebe Astika – der junge Weise!“

Die Weisen, Brahmanen und Priester kamen herbei und umarmten Astika:

„Du hast heute uns allen das höchste Gesetz und die höchste Wahrheit offenbart. Ehre sei dir o Astika!“

Astika ging wieder zu seinen Verwandten zurück. Auch aus der Umgebung Wasukis waren mehrere Schlangen verschwunden. Die Mutter umarmte Astika und erzählte ihm, wie in ihren Augen die Jagia viele Verwandte ins Feuer gezogen habe.

Der alte Wasuki war sehr froh darüber, seinen Neffen wieder zu sehen. Er küsste Astika auf die Stirn und sagte ihm:

„Du hast deine große Aufgabe erfüllt! Du hast das Unmögliche vollbracht! Hast du einen Wunsch, den ich dir jetzt erfüllen könnte?“

Astika antwortete seinem Onkel:

„Ich habe nur einen Wunsch: dass die Schlangen sich in der Zukunft so verhalten, damit niemand mehr vor ihnen Angst haben muss“.

Frankfurt, 2016

© Vougar ASLANOV

Chosrou und Schirin

Vougar Aslanov

CHOSROU UND SCHIRIN

Nach den Motiven des gleichnamigen Poems von Nizami1

Personen:

Chosrou – Prinz, später auch Schah – Kaiser Irans der Sassaniden – Dynastie
Mariam – die erste Frau von Chosrou
Schiruja – sein Sohn von Mariam
Schapur – Hofmaler und Hofdichter Chosrous
Dscham – Hauptpriester der Zarathustra-Lehre
Mahin Banu – Königin von Kaukasus
Albania2
Schirin –  ihre Nichte, Prinzessin, später auch Königin von Kaukasus
Albania
Nakisa – die Fürstentochter und Freundin von Schirin
Waras – Hauptpriester von Kaukasus Albania
Maurikios –  früherer Kaiser von Byzanz
Pfackos – späterer Kaiser von Byzanz
Grigorios – Hauptpriester von Byzanz
Far-Hat Sin – freier Maler und Architekt aus China
Sirwan – Anführer der Masdakiden
Barbäd – Hofmusiker Chosrous
Basirgümid – ein Weiser, der später als Hofminister bei Chosrou dient.
Die Alte
Hofleute, Henker, Bewaffnete, Menschenmasse, Diener und Dienerinnen.

                                                            Vorspiel

Goethe und Schiller in Weimar.

GOETHE3: Friedrich, mein Freund, ich habe wieder einen großen Dichter entdeckt: Nisami! Er lebte im 12. Jahrhundert und kam aus der Stadt Gendsche4. Ein zarter, hochbegabter Geist, der… nunmehr die lieblichsten Wechselwirkungen innigster Liebe zum Stoff seiner Gedichte wählt. Medschnun und Leila, Chosrou und Schirin, Liebespaare, führt er vor; durch Ahnung, Geschick, Natur, Gewohnheit, Neigung, Leidenschaft füreinander bestimmt, sich entschieden gewogen; dann aber durch Grille, Eigensinn, Zufall, Nötigung und Zwang getrennt, ebenso wunderlich wieder zusammengeführt und am Ende doch wieder auf eine oder die andere Weise weggerissen und geschieden. Aus diesen Stoffen und ihrer Behandlung erwächst die Erregung einer ideellen Sehnsucht. Befriedigung finden wir nirgends. Die Anmut ist groß, die Mannigfaltigkeit unendlich. Auch in seinen andern, unmittelbar moralischem Zweck gewidmeten Gedichten atmet gleiche liebenswürdige Klarheit. Was auch dem Menschen Zweideutiges begegnen mag, führt er jederzeit wieder ans Praktische heran und findet in einem sittlichen Tun allen Rätseln die beste Auflösung. Übrigens führt er, seinem ruhigen Geschäft gemäß, ein ruhiges Leben unter den Seldschugiden und wurde in seiner Vaterstadt Gendsche begraben. Daher heißt er Nisami Gendschewi. „Chosrou und Schirin“ weiterlesen

Sieben Prinzessinnen

Vougar Aslanov

SIEBEN PRINZESSINNEN

Nach Motiven der gleichnamigen Dichtung von Nizami Gändschewi1

Nach dem Tod seines Vaters sollte Prinz Bahram der neue Schah des Iran werden. Doch viele der Hofleute waren dagegen. Die Zeit der Sassaniden sei vorbei, sagten viele von ihnen. Und während Bahram sich im Jemen aufhielt, wurde sein Vater, der Schah Jasdegard gestürzt und ermordet. Jasdegard war ein grausamer Schah und war beim Volk des Iran nicht beliebt. Nach seinem Sturz, brachten die Hofleute einen alten Mann auf den Thron; sie wollten in dessen Namen ab jetzt den Iran selbst regieren. Als Bahram vom Sturz und der Ermordung des Vaters hörte, eilte er zurück in den Iran. Viele Krieger aus dem ganzen Sassaniden-Reich waren auf seiner Seite und wollten ihm helfen, den ihm zustehenden Thron zurück zu erobern. Es war auch sehr wahrscheinlich, dass sich das Volk des Iran auf die Seite des Thronprinzen stellen würde. Nun dachten die Hofleute Bahram auf andere Weise daran zu hindern, Schah des Iran zu werden. Sie stellten dem Thronprinzen eine unerfüllbare Bedingung: Wenn er der Schah Irans werden wolle, müsse er die Krone des Schahs aus einem Löwengehege heraus holen. Man hoffte, dass er dies nicht schaffe und von den Löwen zerrissen würde. Bahram nahm dennoch die Herausforderung an und in einigen Tagen sollte die Rettung der Krone vor den Löwen stattfinden.

Bahram war ein junger Mann, dem die Angst nicht bekannt war: als Kind wurde ihm die Kampfeskunst gelehrt, er konnte mit dem Schwert hervorragend umgehen, es gab in der Umgebung niemand, der die Pfeile so schießen konnte wie er. Deswegen war er bereit, gegen den Löwen um die Krone zu kämpfen und hatte keinen Zweifel daran, dass er es schaffen würde.

Einen Tag vor dem bevorstehenden Kampf kam ein junger Mann zu ihm und stellte sich als Sohn des Regenten der Provinz Gilan vor.

„Ich heiße Rast Röwschän“, erzählte der junge Mann weiter. „Meine Mutter ist Inderin; ich lebte viele Jahre bei meinen Onkeln in Indien und wurde dort von den besten Brahmanen und Weisen unterrichtet. Bahram, denkst du wirklich daran, gegen die zehn Löwen zu kämpfen? Du bist sehr stark, du beherrschst gut die Kampfeskunst, obwohl du noch nicht viele Erfahrungen gesammelt hast. Mit allen deinen Vorzügen wirst du es nicht schaffen, diese Aufgabe zu erfüllen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass du einen Löwen töten wirst. Vielleicht, mit etwas Glück auch den zweiten, na gut, du verletzt noch den dritten, aber dann wirst du von den anderen bis auf die Knochen gefressen. Wer diesen Löwenkampf um die Krone ausgedacht hat, war sich sicher, dass du da nie lebend raus kommst.“

Bahram war empört darüber, was ihm der junge Mann erzählte:

„Was erlaubst du dir, so was über mich – den Thronfolger der großen Sassaniden – zu reden? Du kennst meine Stärke nicht! Hast du gesehen, wie ich mit dem Schwert spiele, hast du gesehen, wie ich die Pfeile schießen kann? Hast du mich auf der Jagd gesehen: ich hefte mit dem Pfeil das Bein einer Antilope an ihren Kopf. Hast du davon gehört, wie ich einst den Drachen besiegte und getötet habe? Ich würde den Kampf auch gegen hundert Löwen aufnehmen, um den Sassaniden-Thron zu retten, nicht nur gegen diese zehn. Oder willst du mich überzeugen, auf den Kampf zu verzichten, um den Thron den anderen zu überlassen? Soll Bahram vielleicht peinlich seine Niederlage anerkennen? Geh du, Junge, besser weg, sonst werdet ihr beide – du und dein Vater – das sehr bedauern“.

Rast Rowschän war allerdings nicht besonders beeindruckt von dem, was der Kronprinz ihm erzählte und sagte ihm:

„Bahram, ich bin hergekommen, um dir zu helfen, denke nichts anderes. Ich sage dir nur eins: Du sollst die Krone von den Löwen holen, aber nicht mit dem Kampf, sondern mit dem Kopf“.

„Was meinst du damit, ich verstehe es nicht“.

„Bahram, sag mir bitte, was ist ein Löwe? Das ist eine Raubkatze und nichts anderes. Und was mag eine Katze? Sie mag vor allem spielen. Ich spielte ein Mal mit meinen Freunden Tschowgan2. Wir hatten dafür ein gutes Spielfeld im Wald eingerichtet, um in Ruhe spielen zu können. Plötzlich tauchten auf dem Spielfeld zwei Löwen auf. Wir hatten nichts außer den Spielstöcken und wollten uns mit diesen verteidigen. Aber wenn du wüsstest, was dann passierte: sie haben nicht uns überfallen, sondern den Ball. Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine lustige Szene das war, die Löwen zu sehen, wie sie hinter dem rollenden Ball herliefen und diesen einander wegnehmen wollten. Wir vergaßen die Gefahr und lachten laut über sie. Und die Löwen verschwanden, weiter hinter dem rollenden Ball herjagend, im Wald. Nehmt Euch zwei oder drei Bälle mit, wenn Ihr morgen zu den Löwen geht, und werft ihnen diese zu. Sie werden die Krone liegen lassen und den Ball angreifen. Wisst Ihr warum? Weil für sie das, was davon rollt, viel faszinierender und spielbarer ist, als die tot da liegende goldene Krone“.

Nachdem Röwschän Bahram dieses erzählt hatte, verbeugte er sich und verließ den Prinzen wieder. Bahram machte sich Gedanken: sollte er den Rat des jungen Mannes annehmen oder besser nicht? Der Sassaniden-Nachfolger überlegte mehrere Stunden, bis er sich schließlich für den Rat des Kleinprinzen aus der Provinz entschied.

Aus seinem Befehl wurden ihm mehrere Tschowgan-Bälle gebracht. Bahram erzählte niemandem, was er vor hatte und nahm die Bälle am nächsten Tag mit, als er zu den Löwen ging.

Auf dem Stadtplatz hatten sich an diesem Tag viele Menschen versammelt: alle wollten den Kampf des Thronprinzen gegen die Löwen sehen. Bahram kam völlig aufgerüstet zum Platz in der Umgebung der Hofleute. Einer seiner Begleiter erzählte dann den Versammelten, was nun passieren solle und warum: Der Thronprinz solle eine Prüfung bestehen und damit beweisen, dass er wirklich für den iranischen Thron geeignet sei. Das sei eine iranische Tradition, die seit Jahrhunderten feststehe.

Auf dem Platz hatte man Zäune aufgebaut, hinter denen die Löwen auf Bahram warteten. Der Thronprinz stieg von seinem Pferd, sprang über den Zaun und ging auf die Löwen zu. Gerade vor ihnen lag die Krone der Sassaniden, die zuletzt Bahrams Vater trug. Alle warteten atemlos darauf, wann der Kronprinz die Löwen angreife, um die Krone zu retten. Die Löwen schauten den Thronfolger böse an und brüllten. Bahram holte die Bälle aus der Tasche und warf sie ihnen zu. Die Löwen fielen sofort über sie her: die Bälle rollten davon und jede Berührung der Löwen setzte sie weiter in Bewegung. Damit regten sie die Raubkatzen noch mehr auf. Sie liefen den rollenden Bällen hinterher, spielten mit ihnen und versuchten diese einander wegzunehmen. Und das sah von der Seite so lustig aus, dass die Versammelten nicht mehr an sich halten konnten und alle laut lachten. Bahram nahm die achtlos liegen gebliebene Krone, sprang dann über den Zaun zurück und kam wieder zu den Hofleuten. Keiner hatte das erwartet; diejenigen, die Bahram als Schah sehen wollten, waren jetzt sehr erfreut und jubelten von ganzem Herzen. Die anderen versuchten ihren Neid und Hass zu verstecken und jubelten mit.

So wurde Bahram zum neuen Schah des Iran. Eines Tages fragte er nach dem jungen Mann – dem Sohn des Regenten aus Gilan – und befahl, man solle ihn an den Hof holen. Als Rast Röwschän hereinkam, bedankte sich der junge Schah bei ihm und sagte:

„Du bist wirklich klug, junger Mann. Deine Klugheit hat mir geholfen, den iranischen Thron zu retten. Deine Klugheit kann mir auch dabei helfen, diesen zu behalten. Deswegen möchte ich dich zu meinem Wesir ernennen“.

Rast Röwschän bedankte sich beim Schah für dieses große Vertrauen und übernahm die Stelle des Wesir. Als Wesir brachte danach Vieles im Reich in Ordnung, sowohl in der Verwaltung als auch in der Wirtschaft. Er schaffte Vieles ab, womit die Menschen unter dem Vater Bahrams unzufrieden waren und führte viele neue Regeln ein, die dem Volk das Leben offensichtlich erleichterten. Bahram war sehr zufrieden mit dem Wesir und lobte ihn ständig vor allen.

Als Bahram einmal in der Provinz Luristan unterwegs war, traf er die Tochter des Regenten der Provinz Selbinas und verliebte sich in sie. Darauf besuchte er den Regenten von Luristan und bat um die Hand seiner Tochter. Das Provinzoberhaupt war sehr glücklich darüber, dass der Schah selbst seine Tochter heiraten wollte. Es gab ein großes Hochzeitsfest als Bahram Selbinas heiratete. Er war mit seiner Frau sehr glücklich und wollte, dass auch seine Untertanen gerecht regiert wurden und glücklich leben konnten.

Einmal sagte der Wesir zum Schah:

„Großer Schah, Ihr wisst selbst, dass der Iran viele Feinde hat. Aber uns fehlen auch die Freunde nicht. Deswegen sollte man etwas tun, was den Freunden Freude macht und die Feinde weiterhin verärgert. Wir könnten eine Burg bauen lassen, die die größte und schönste der Welt wird. In dieser Burg werden die schönsten Gemälde der Welt hängen und eure Heldentaten widerspiegeln. Euer Stiefbruder Neman holte einmal einen sehr guten Maler aus Mavarennehr, der Simnar heißt. Simnar baute ein schönes und großes Haus für Neman. Er schmückte dieses mit schönen Gemälden. Jetzt könnte er die schönste Burg für Euch bauen, mein Schah! Diese muss er auch mit den schönsten Gemälden der Welt schmücken“.

Als Bahram das hörte, war davon sehr begeistert, wieder lobte er den Wesir für seine Klugheit und erlaubte ihm den Bau dieser Burg in seinen Namen auszuführen.

Der Wesir ging zum Stiefbruder des Schahs, Neman und überbrachte diesem ihm den Befehl des Schahs. Neman nahm das sehr eifersüchtig auf, weil er nicht wollte, dass jemand etwas über die Geheimnisse seines Hauses erführe. Jetzt konnte jedoch nichts mehr gegen den Willen des Schahs unternehmen, daher brachte er den Baumeister und Maler Simnar zum Wesir. Der Wesir erklärte dem Meister seine Aufgabe und in wenigen Monaten entstand die schönste und höchste Burg der Welt in der Nähe der Hauptstadt der Sassaniden, Medain. Dann befahl ihm der Wesir, die Szenen abzubilden die Bahrams Heldtaten zeigen: Bahram heftet während der Jagd mit einem Pfeil die Pfote einer Antilope an deren Kopf; Bahram besiegt den Drachen, Bahram holt die Krone von Löwen. Danach berichtete der Wesir dem Maler über sieben Prinzessinnen: die indische Prinzessin Furek, die byzantinische Prinzessin Humay, die khorezmische Prinzessin Nazperi, die slawische Prinzessin Nesrinnusch, die maghribische Prinzessin Azerjun, die chinesische Prinzessin Yagmanaz und die iranische Prinzessin Dürset. Simnar musste darauf nach seinen Beschreibungen alle diese Schönheiten malen.

Eines Tages lud der Wesir den Schah ein, die neue Burg und deren Gemälde zu besichtigen. Der Schah war begeistert von der Burg und lobte den Wesir und den Meister Simnar.

„Wundervoll, wundervoll, Wesir! Ich habe so einen Bau noch nirgendwo gesehen und noch nie gehört, dass es woanders so etwas gibt. Du musst den Meister Simnar würdig belohnen!“

Als der Wesir Bahram in das Zimmer führte, in dem die sieben Schönheiten gemalt waren, bedeckte der Schah seine Augen mit der Hand: denn diese wirkten auf ihn wie sieben Sonnen, die er nicht anschauen konnte. Dann forderte er von dem Wesir eine Erklärung. Der Wesir erzählte ihm von den sieben schönsten Prinzessinnen der Welt.

„Ich glaube dir Wesir“, antwortete der Schah. „Ich bin aber verheiratet und liebe meine Frau sehr, die nicht weniger schön ist, als diese Prinzessinnen. Du weißt das selbst“.

„Es wäre gut, großer Schah“, sagte Wesir, „wenn ihr all diese sieben Prinzessinnen zu Euren Mägden machen würdet. Die Frau ist eines, aber die Magd etwas anderes. Es wäre gut, für jede Magd einen Palast zu bauen. Das schafft wieder Simnar. Dann habt ihr die schönste und höchste Burg in der Welt sowie die schönste Frau, die schönsten Mägde und die schönsten Paläste“.

Diese Erläuterung seines Wesirs gefiel dem Schah. Er entschied sich, nun statt der Antilopen nach den erwähnten Prinzessinnen nach zu jagen. Obwohl die schönste von ihnen, Dürset, im Iran lebte, wollte er mit der indischen Prinzessin anfangen und fuhr nach Rajasthan. Der Maharadscha bereitete Bahram einen sehr würdigen Empfang und lobte ihn. Bahram brachte die indische Prinzessin nach Medain, befahl einen Palast für sie zu bauen und schickte dem Kaiser selbst nach Byzanz, die Botschaft, dass er nun seine Tochter zu seiner eigenen Magd machen wolle. Da es schon lange einen Streit zwischen dem Iran und Byzanz gab, und die beiden daher oft Kriege gegeneinander führten, lehnte der Kaiser dies ab. Als Antwort begann Bahram einen neuen Krieg gegen Byzanz. Als er mit seinen zahlreichen Truppen vor den Toren Konstantinopels stand, gab der Kaiser nach. Bahram brachte auch die Kaisertochter nach Iran. Für sie wurde ebenfalls ein neuer Palast erbaut. Bahram selbst machte sich nun auf den Weg nach Khorezm. Auch der Schah von Khorezm betrachtete die Verwandtschaft mit dem iranischem Schah als große Würde und gab sein Tochter Bahram zur Magd. Während Simnar für die Prinzessin einen Palast baute, war der Schah wieder unterwegs, diesmal nach Maghrib. Der König des Maghrib, wie auch später der König der Slawen und der Kaiser von China waren sehr froh, zum berühmt gewordenen Schah des Iran so enge Beziehungen durch ihre eigenen Töchter zu bekommen.

Die letzte, die schönste Prinzessin Dürset, gehörte zur alten Schah- Dynastie des Iran, den Achemäniden; sie war die Urenkelin des alten Schah Keikawus. Bahram machte auch diese zu seiner Magd.

Nun hatte er die sieben schönsten Prinzessinnen als Mägde, für jede hatte Simnar einen schönen Palast gebaut hatte und jeder Palast hatte eine Farbe des Regenbogens.

Jetzt lasst uns von Simnar erzählen. Als er mit allen Arbeiten fertig war, äußerte sich der Wesir über Simnars hohe Kunst mit großer Begeisterung.

„Nirgendwo gibt es so eine schöne Burg, solch schöne Gemälde und Paläste! Du bist ein großer Meister, Simnar, und deshalb bekommst du fünftausend Goldstücke für deine Arbeit! Aber sag mir, ist diese Burg, diese Gemälde, die schönen Paläste, die Grenze deines Könnens oder könntest du für jemanden noch etwas Besseres schaffen?“

„Verehrter Wesir“, antwortete der große Maler und Baumeister, „es hängt davon ab, wie viel man dafür bezahlt. Ihr zahlt mir für meine ganze Arbeit fünftausend Goldstücke. Das ist eine gute Bezahlung, so viel hat mir bis jetzt niemand bezahlt. Wenn aber jemand mir dafür fünfzigtausend bezahlt, werde ich eine zehn Mal bessere und schönere Burg mit Gemälden und Palästen schaffen, weil er mir zehn Mal mehr bezahlt“.

Als Wesir das hörte, war er sehr erzürnt; er schickte Simran wieder zurück und ging zu Neman.

„Neman, es darf auf dieser Welt keine größere und schönere Burg, keine schöneren Gemälde mehr geben. Die Geheimnisse dieser allerhöchsten Kunst sind nur Simnar bekannt. Er sagt, er sei aber bereit, für jemanden etwas Besseres zu schaffen, wenn man ihm dafür mehr bezahlt. Das darf man nicht zulassen“.

„Was sollen wir nun tun? – fragte Neman, „wir können ihm nicht verbieten, auch für die anderen zu bauen oder zu malen“.

„Wir können aber was anders tun: Befehle deinen Leuten, dass sie ihn heute von der Spitze der Burg herunterwerfen. Du kannst dies danach als ein Unglück erklären“.

„Was wird aber Bahram dazu sagen, wenn er davon erfährt?

„Er erfährt darüber nichts, wenn es ihm niemand erzählt. Das musst auch du Sorge tragen“, sagte der Wesir und verließ Nemans Haus.

In der Nacht brachte Simnar Neman unter dem Vorwand, bei ihm ein Nachtbild zu bestellen, wie alles von der Spitze der Burg ausssehe. Als Simran von dort aus die Umgebung, den Himmel, die Sterne und den Mond beobachtete, stiess Neman ihn von hinten. In der Nachbarschaft hörten viele den Todesschrei des herunter stürzenden Malers.

So kam das Ende des großen Meisters, der viele seiner Geheimnisse ins Grab mitnahm.

Bahram ging jeden Abend zu einer Prinzessin; sie tanzte und sie kochte für ihn, sie schenkte ihm Wein nach und dann erzählte sie dem Schah eine Geschichte: Geschichten über Liebe und Hass, über Treue und Betrug, über Gelassenheit und Krieg, über das Gute und das Böse,

über das Licht und die Finsternis. Dies erzählten die schönsten Prinzessinnen der Welt dem Schah.

So verbrachte der junge Schah mehrere Jahre in den Palästen der Prinzessinnen. Eines Tages wollte er dennoch seine Familie besuchen und sehen, wie es ihnen gehe. Er fand seine Frau sehr krank, sie lag kraftlos im Sterbebett. Im letzten Augenblick wollte sie ihrem Mann etwas verraten, sie konnte aber nur „der Mann, dieser böse Mann…“ sagen. Bahram war sehr traurig und weinte mehrere Tage am Bett seiner Frau. Ihn tröstete nur, dass seine Frau ihm zwei Söhne hinterlassen hatte. Er beerdigte sie und wollte danach alleine durch das Land wandern um sich vom Kummer zu befreien.

Bahram erinnerte immer wieder an die letzten Worte seiner sterbenden Frau und wollte herausfinden, wenn sie gemeint haben konnte. Aber ihm fiel niemand ein. Als Bahram durch das Land ging, war der junge Schah sehr erschüttert davon, was er in seinem Land sah. Überall verfielen die Häuser, die Wirtschaft war verwahrlost, die Felder blieben unbestellt, ohne Ernte, die Menschen sahen sehr unglücklich aus. Viele hungerten, die anderen bettelten; der Diebstahl und die Plünderei fremden Gutes wurde zum Alltag. Er war ratlos, wusste nicht, wie er das alles ändern und seinen Untertanen, seinem Land helfen sollte. So wanderte er alleine sehr nachdenklich durch das Land weiter, bis er am Rande einer Stadt auf eine Herde traf. Der Schah wollte schon vorbei gehen, als er ein ungewöhnliches Bild sah: an einem Baum war ein großer Schäferhund erhängt. Da der Schah in seinem Leben noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, wollte er unbedingt wissen, warum man das getan hatte. So ging Bahram in das Haus des Schäfers. Der Schäfer verstand, dass der gute Herr jemand vom Hof sein sollte; er erwies den entsprechenden Respekt und brachte ihm gutes Essen und Trinken. Der Schah bedankte sich beim alten Mann und sagte:

„Vielen Dank für alles! Ich werde aber deine Gastfreundschaft nur dann genießen, wenn du mir erzählst, warum du den Hund erhängt hast“.

Der Schäfer war einverstanden, ihm das zu erzählen.

„Guter Herr“, begann der Gastgeber. “Ich hüte sehr lange die Schafherde und hatte in letzter Zeit die größte Herde in der Umgebung. Das war dankte nicht nur mir, sondern auch meinem Schäferhund. Dieser Hund diente mir 15 Jahre lang und war immer sehr treu und tapfer. Aus Angst vor ihm konnte kein Wolf und kein Dieb meine Schafe überfallen. Ich fuhr manchmal mit meiner Familie zu Verwandten und blieb dort mehrere Tage. Der Hund war dann selbst der Hirte und hütete die Schafe. Vor einem Monat habe ich bemerkt, dass eines der Schafe am Bein verletzt war. Und das war nichts anderes als ein Wolfsbiss. Das wunderte mich sehr: wie konnte es sein, dass ein Wolf den Weg zu meiner Herde gefunden hatte? Dann habe ich angefangen jeden Morgen zu zählen, wie viele Schafe ich noch habe. Und jedes Mal fehlte eines. Dann wollte ich selbst nachts wachen und beobachten, was in der Herde passierte. In der Nacht kam eine Wölfin, die sich mit meinem Hund traf. Danach ließ dieser Verräter die Wölfin in die Herde hinein. Diese Wölfin holte sich vor meinen Augen ein Schaf. Ich habe den Hund erhängt, dass es auch für alle anderen eine Lehre sei. Damit man versteht, welchen Preis man für den Verrat zahlen muss.

Bahram bedankte sich beim seinem Gastgeber, aß und trank mit ihm, dann verließ er sein Haus. Er war in tiefen Gedanken und wollte wieder zum Hof zurückkehren. Diese Geschichte, die ihm der Schäfer erzählt hatte, beeindruckte ihn tief.

„Ich bin verwundert“, sah der Schah ein:

„Mich lehrte ein Schäfer Schah zu sein.

Das ist ja meine wohl Geschichte,

Schafe – Untertanen, ich Hirte 3“.

Nachdem Bahram an den Hof zurückkam, wollte er selbst untersuchen, was während seiner Abwesenheit hier geschehen war. Er forderte, ihm die Listen aller Gefangenen zu bringen. Der Schah erschrak, als er diese Listen kennen gelernt hatte: so viele Menschen, oft unschuldig, wurden vom Wesir ins Gefängnis geworfen. Oft stand auf der Liste, neben dem Namen der Gefangenen eine Anmerkung: Der Schah habe ihn zum Tode verurteilt, der Wesir ihn begnadigt und seine Strafe durch eine Freiheitsstrafe ersetzt. Immer wurde der Schah als ein böser Herrscher, der Wesir als sein guter Ratgeber dargestellt. Nun wollte der Schah selbst die Gefangenen anhören. Sie erzählten dem Schah die unglaublichen Grausamkeiten, die der Wesir in letzten Jahren verübt hatte. Es kaum heraus, dass der Wesir eine große Räubersippe hatte, mit der er das Volk unterdrückte und verfolgte. Er fand unter den Gefangenen auch seinen Schwiegervater, den früheren Regenten der Provinz Luristan. Dieser weinte und erzählte Bahram, was der Wesir ihm und seiner Familie angetan hatte.

„Ich hatte ein schönes Pferd, das mir Euer verstorbener Vater für meine Dienste geschenkt hatte. Eines Tages schickte der Wesir seine Räuber, die in seinem Namen dieses Pferd von mir verlangten. Als ich es verweigerte, peitschen sie mich grausam aus. Als meine Frau und mein Sohn das verhindern wollten, haben diese Räuber die beiden getötet und das Pferd geraubt. Ich wusste, das Ihr nicht am Hof seid und schrieb deswegen einen Brief an meine Tochter, eure Gemahlin und berichtete ihr von den Taten des Wesirs. Meine Tochter wollte uns verteidigen und verlangte Rechenschaft vom Wesir. Er erfand dann einen Grund, sie selbst schuldig zu sprechen und liess sie ebenfalls auspeitschen. Meine Tochter war sowieso über die Trennung von Euch, großer Schah, unglücklich und nachdem der Wesir sie ausgepeitscht hatte, wurde sie sehr krank. Als ich das hörte, wollte ich meine Tochter besuchen, aber die Leute des Wesirs nahmen mich fest und warfen mich ins Gefängnis. Habt Ihr jetzt Eure Gemahlin gesehen, wenn ich fragen darf ? Geht es ihr wieder gut?“

Bahram antwortete ihm sehr traurig, dass seine Frau in seinen Armen gestorben war. Sein Schwiegervater weinte bitter, als er dies hörte. Der Schah tröstete ihn und sagte, das sich bald der Wesir für alle seine Taten verantworten müsse. Er liess den Schwiegervater frei und ernannte ihn wieder zum Regenten der Provinz Luristan.

Bahram wusste jetzt, wen sterbende Frau als „dieser Mann, dieser böser Mann“ erwähnt hatte. Er kam in den Hof zurück, sammelte alle Hofleuten und beschuldigte sehr wütend den Wesir vor ihnen:

„Ich habe das ganze Land dir anvertraut“, sagte der Schah zu Rast Röwschän. – „Womit hast du aber auf mein Vertrauen beantwortet? Ich hielt dich für einen klugen Mann, der mir auch treu sein sollte. Ich habe gehofft, dass du in meiner Abwesenheit das Land gerecht regieren wirst. Stattdessen hast du die Räuber um dich gesammelt und das Land geplündert. Wo du Steuer sammeln solltest, hast du Gold und Silber genommen um dich weiter zu bereichern. Deine Räuber nahmen dem Volk das Letzte weg. Wer Widerstand leistete, den warfen sie ihn ins Gefängnis. Du wolltest es so haben; alle mussten arm; schwach und unterdrückt werden, nur du und deine Leute alleine sollten reich werden“.

Rast Röwschän verbeugte sich vor dem Schah und sagte:

„Großer Schah, ich rufe Euch auf, den Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Diese Gerüchte verbreiten die Feinde des iranischen Throns. Ihr habt, das ich hoffe sehr, nicht vergessen, als ich Euch vor vielen Jahren vor der Verschwörung der damaligen Hofleute gerettet und Euch geholfen habe, den Thron zu besteigen…“

„Ich habe deine Dienste nicht vergessen, Wesir, deswegen übergab ich dir auch die höchste Macht im Land. Aber sage mir: war das nicht ein Falle, die du mir gestellt hast, als du mir vorschlugst, die sieben Prinzessinnen zu meinen Mägde zu machen? Während ich mich diesen Schönheiten hingab, schuftst du deine eigene Macht im Land mit deinen Räubern“.

„Der große Schah muss den Gerüchten nicht glauben. Ihr kennt mich doch…“

„Du sagst es wieder: die Gerüchte! Ich mache spreche jetzt offen Gericht über dich. Diejenigen, die von deiner Willkür betroffen sind, werden dir das selbst erzählen und dies vor dem ganzem Volk“.

Nach diesen Worten befahl der Schah, den Wesir zu fesseln und ins Gefängnis zu werfen.

Nach zehn Tagen fand das offene Gericht über den Wesir und seine Räuber auf dem Stadtplatz statt. Es waren so viele Menschen auf dem Platz versammelt, dass man sich kaum mehr bewegen konnte. Nachdem das Gericht begonnen hatte, rief der Schah die sieben der Gefangenen auf, die er selbst angehört hatte, und unter denen auch sein Schwiegervater war, und bat sie ihre Geschichten zu erzählen. Alle sieben Gefangenen erzählten nacheinander vor dem Gericht, wie der Wesir mit seinen Räubern sie und ihre Nahestehenden ausgeplündert, geschlagen und schließlich unschuldig ins Gefängnis geworfen hatte. Zum Schluss bat der Stiefbruder des Schahs Neman ums Wort. Darauf erzählte er, wie der Wesir ihn vor vielen Jahren gezwungen hatte, den großen Maler Simran von der Burgspitze herunter zu werfen. Weder der Wesir, noch seine Räuber konnten sich von diesen schweren Beschuldigungen verteidigen. Der Schah befahl Galgen auf dem Platz zu bauen und den Wesir samt seiner Räubern vor dem Volk aufzuhängen.

Nachdem Bahram das Land vom Wesir und seinen Räubern befreit hatte, herrschte im Land wieder Gerechtigkeit. Der Schah half allen, die vom Wesir und seiner Sippe betroffen waren, er gab ihnen ihre weg genommenen Güter zurück. Er half den Armen, er machte die die Hungernden wieder satt und er bemühte sich immer um das Wohl der Menschen und des Landes. So wurde Bahram bei seinem Volk wieder zum beliebten Regenten.

Die sieben Schönheiten hatte er aber auch nicht vergessen. Aber jede von ihnen besuchte er jetzt nur ein Mal im Monat.

So verbrachte Bahram seine Jahre bis er sechzig Jahre alt geworden war. Was er in diesen Jahren nicht aufgegeben hatte, war die Jagd auf die Antilopen. Als er wieder mit seinem Gefolge auf der Jagd war, fuhr er einer Antilope hinterher. Diese lief durch den ganzen Wald, dann ging sie in eine große und tiefe Höhle, und Bahram folgte ihr. Die Leute des Schahs warteten vor der Hölle mehrere Tage auf ihn; Bahram aber kam nie wieder aus der Höhle heraus.

                                                                                                                                                                    Frankfurt, 2015

1 Nizami Gändschewi – aserbaidschanischer Dichter (12. Jh.), von dem J. W. Goethe im „West-östlichen Diwan“ (1819) sehr begeistert spricht.

2 Ein altes Ballspiel mit Stöcken auf Pferden im Orient. Ähnlich dem modernen Polospiel

3 Übersetzung des Nisami – Gedichts vom Autor.