Die Geschichte von Diaus

Vougar Aslanov

DIE GESCHICHTE VON DIAUS

Aus dem Mahabharata – Zyklus

Brahma, der ewige Geist erschuf diese Welt, danach schuf er auch die Götter und die Menschen. Die Götter wollten unsterblich werden und ewig leben wie Brahma selbst und dafür suchten sie nach einem Getränk – Amirati. Um ein solches Getränk zu bekommen, fanden sie einen großen Berg und stürzten ihn mit all seinen Wäldern, Tieren und Vögeln, die dort lebten, ins Weltmeer; danach sah das Wasser im Weltmeer aus wie Milch, das immer dichter wurde. Als das Amirati fertig war, nahmen es die Götter, tranken davon und wurden zu ewigen Göttern. Indra wurde zur höchsten Gottheit, aber Wischnu und Schiwa, der auf der Spitze von Himalaja lebte, waren auch sehr stark und unabhängig von ihm.

Einmal versammelte Brahma alle Götter und Göttinnen, Weisen und Einsiedler im Himmel um sich. Unter ihnen war auch Mahabhischa: Einst ein Sterblicher, wegen seines Dienstes wurde er von Indra zum Leben im Himmel ausersehen. Als einmal ein starker Wind das Kleid der Göttin Gang hoch wehte, schaute Mahabhischa ihre schönen Beine begierig an. Brahma machte das wütend und er schrie Mahabhischa an:

„Du warst einst als Sterblicher geboren; du verlässt nun den Himmel und gehst zu den Sterblichen zurück, du wirst auf der Erde von einer Frau geboren, um dann wieder zu sterben“.

Mahabhischa wählte den Maharadscha von Hastinapur, der einen guten Ruf hatte, zu seinem irdischen Vater und wurde als dessen Sohn mit dem Namen Schantanu geboren. Nach dem Tod seines Vaters wurde Schantanu selbst zum Maharadscha von Hastinapur und leitete nun den Stamm Kurus, eines Enkels des berühmten Bruders des großen Rama, des gutmutigen Bharats, der alle diese Länder ringsum irgendwann gegründet hatte, die man nach seinem Tode Bharata nannte.

Allerdings war Mahabhischa nicht alleine unter den Unsterblichen, der eine solche Bestrafung erfuhr. Noch acht andere Götter mussten ihre göttliche Gestalt in eine menschliche wechseln.

Der Gott Diaus war einmal mit seiner schönen Frau und sieben anderen Göttern unterwegs auf der Erde. Sie kamen eines Tages in den Wald, wo der Weise Wasischtha eingesiedelt war. Der Weise war gerade in tiefer Meditation als die Himmelsbewohner seine Kuh mit ihrem Kälbchen zusammen in den Büschen entdeckten. Die schöne schneeweiße Kuh faszinierte die Götter so, dass sie, alles vergessend, nur noch diese bewundern wollten. Die Frau von Diaus sprach zu ihrem Mann:

„Wie gerecht ist das, dass Wasischtha so eine schöne Kuh hat, aber die anderen nicht? Ich möchte sie und ihr Kälbchen meiner Freundin schenken; sie ist sehr arm.“.

Diaus war zunächst mit dem Wunsch der Göttin nicht einverstanden:

„O Schöne!“, sagte er ihr. „Ob es gerecht ist, wenn wir die Kuh des großen Weisen entführen?“

„Es wäre aber gerechter, wenn meine Freundin diese Kuh hätte“, antwortete die Göttin.

Nachdem die anderen Götter dieses auch bestätigt hatten, entschied sich Gott Diaus die Kuh zu entführen. Sie schafften es aber nicht, den Wald zu verlassen. Der Weise Wasischtha hörte durch die Meditation das Gebrüll seiner Kuh und wachte auf. Als er festgestellt hatte, wer seine Kuh entführt hatte, verfluchte er Diaus und die anderen sieben Götter:

„Ihr sollt von einer Frau auf der Erde geboren werden!“

Nachdem Diaus diesen Fluch von Wasischtha gehört hatte, ging er selbst zu dem Weisen und bat ihn um Vergebung. Der alte Weise war jedoch unerbittlich und sagte dem Gott Diaus:

„Du wirst nicht nur von einer Frau geboren, du wirst noch ein schwereres Schickal haben als die anderen Götter, die ich auch verflucht habe. Weil gerade du meine Kuh entführt hattest. Du wirst als Sohn eines Maharadschas geboren, wirst aber niemals selbst zum Thronherrscher. Stattdessen wirst du zum Diener dieses Throns. Du kannst niemals heiraten und wirst keine Kinder haben. Ich kann meinen Fluch nicht mehr zurücknehmen, weil ich selbst keinen Einfluss mehr darauf habe. Wenn aber eine Göttin einverstanden sein wird, eure Mutter zu werden, könnt ihr sich wieder von meinem Fluch befreien und wenn du einmal deine irdische Aufgabe erfüllt hast, kannst du wieder in den Himmel zurückkehren“.

Diaus ging zu anderen sieben verfluchten Göttern, versammelte alle um sich und gab ihnen die Worte des Weisen weiter. Wenn sie wirklich von einer Frau geboren würden, würden sie nie wieder im Himmel leben dürfen. Bevor sie ihre Gestalt wechseln mussten, sollten sie wissen: Was sie tun könnten, um wieder in den Himmel zurückzukehren? Nur eine der Göttinnen könne sie nun retten.

Einer der Götter schlug vor:

„Gehen wir zur Göttin Gang und bitten sie darum, von ihr geboren zu werden“.

Alle acht Götter kamen zum Fluss Gang und fragten die Göttin, ob sie ihre Bitte erfüllen könne. Die Göttin Gang bedauerte diese Götter und sagte ihnen zu, ihre Mutter zu werden. Alle sieben Götter mussten direkt nach ihrer Geburt auf die menschliche Gestalt verzichten, um wieder als Götter in den Himmel zurückkehren zu können. Nur Diaus musste noch weiter als Mensch leben, ohne von seinem früheren Leben im Himmel wissen zu dürfen; er musste die Göttin Gang für seine Mutter halten. Die Göttin Gang musste aber noch einen Mann heiraten, der als sein Vater gelten sollte. Als die Götter das hörten, stürzten sie sich in den Fluss. Die Göttin ging mit acht Göttern in ihrem Leib, in der Gestalt einer jungen schönen Frau, zum jungen Maharadscha Schantanu von Hastinapur – dem größten Radschastan im ganzen Bharata.

So kam die Göttin Gang zu Schantanu und sagte ihm, dass sie seine Frau werden möchte. Sie stelle ihm dafür nur eine Bedingung: Niemals dürfe er fragen, wer sie sei und er dürfe niemals von ihr eine Erklärung zu dem verlangen, was sie tun würde. Schantanu war darüber sehr glücklich, er nahm ihre Bedingungen an und heiratete diese wunderschöne junge Frau. Nach neun Monaten ging sie zum Fluss Gang, brachte ihre neugeborenen acht Söhne zum Maharadsch und zeigte ihm diese. Danach warf die Göttin ihre sieben Söhne in den Fluss Gang hinein, nur den jüngsten – das war Diaus in seiner neuen Gestalt – hielt sie zurück.

Nachdem fünf Jahre vorbeigegangen waren, fragte der Maharadscha sie einmal:

„Vielleicht sagst du mir nun endlich, wer du bist und warum du sieben unserer Söhne in den Fluss Gang geworfen hast?“

„Du hast dein Versprechen nicht eingehalten“, sagte die Göttin Gang, „deswegen muss ich dich nun verlassen. Aber ich bringe dir deinen jüngsten Sohn wieder zurück, wenn er einmal fünfundzwanzig Jahre alt sein wird“.

Der Maharadscha Schantanu bedauerte sehr, dass seine Frau ihn verlassen hatte und keiner seiner acht Sönnen mehr neben ihm war. Der traurige Maharadscha heiratete niemanden mehr und lebte zwanzig Jahre alleine, bis er einst Satjawati, die Tochter des Hauptes eines Fischer-Volks, traf. Schantanu verliebte sich in Satjawati und wollte ihr schon seine Hand und sein Herz anbieten.

Indessen kam eines Tages unerwartet die Göttin Gang zu ihm und brachte seinen jüngsten Sohn mit:

„Dein Sohn ist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Er heißt Bhischma, er wurde von den besten Lehrern unterrichtet. Der Bahawan Praschurama selbst lehrte ihm die Kriegskunst. Unser Sohn ist unbesiegbar. Du kannst ihn zu deinem Nachfolger machen; nicht nur Hastinapur, sondern das ganze Bharata wird unter ihm erblühen“.

Die Göttin sagte dies und entschwand wieder eilig. Schantanu vergaß die schöne Satjawati und war von nun an nur noch mit seinem Sohn beschäftigt. Nach seinem Befehl fanden im Palast von Hastinapur die Waschung Bhischmas mit Wasser und Milch und seine Ernennung zum Thronnachfolger statt.

Jedoch nur kurz danach erinnerte sich Schantanu wieder an die schöne Satjawati und ging zu ihrem Vater. Als Schantanu beim alten Mann um die Hand von dessen Tochter warb, lehnte jedoch der Anführer der Fischer dies ab.

„Du hast nun deinen Sohn zum Thronfolger waschen lassen“, sprach er zum Maharadsch. „Dessen Söhne werden auch die Thronfolger von Hastinapur sein. Ich will aber, dass meine Enkel die Thronfolger werden“.

Schantanu war von dieser Rede sehr enttäuscht und verließ das Haus des Vaters von Satjawati.

Bhischma bemerkte, dass sein Vater seine Fröhlichkeit verloren hatte und fragte ihn eines Tages nach dem Grund dieser Traurigkeit. Schantanu erzählte alles seinem Sohn, und als Bhischma das hörte, ging er selbst zum Vater von Satjawati, ohne dem Maharadsch etwas zu verraten.

„Ich verzichte auf den Thron von Hastinapur“, sagte Bhischma dem Alten. „Ich selbst werde niemals heiraten und auch keine Kinder haben. Die Söhne Satjawatis und des Maharadschs Schantanu und deren Kinder werden die Thronfolger von Hastinapur. Ich selbst werde nur Hastinapur und dessen Thron dienen und seinen Herrscher schützen. Dies schwöre ich dir, o gutmütiger Alte!“

Als Satjawatis Vater dies hörte, sagte er zu dem jungen Mann:

„Ich glaube dir, Bhischma! Ich glaube, dass du deinen Eid einhältst. Deswegen bin ich einverstanden damit, dass meine Tochter den Maharadsch Schantanu heiratet“.

Obwohl Schantanu zu Anfang nicht besonders glücklich darüber war, dass sein Sohn auf den Thron verzichtet hatte, vergaß er dies bald, nachdem er die schöne Satjawati geheiratet hatte. Satjawati gebar dem Maharadsch zwei Söhne, der älteste von ihnen sollte den Thron Hastinapurs übernehmen. Als der alte Schantanu auf dem Sterbebett lag, wollte er noch einmal von seinem ältesten Sohn Bhischma hören, dass er den Thron von Hastinapur auch weiter schütze und seine Brüder auch weiterhin unterstützen würde. Nachdem Bhischma das alles erneut dem Vater versprochen hatte, umarmte der alte Herrscher Bhischma und starb in seinen Armen.

Bhischma erzog seine beiden Brüder als gute Krieger, die mit allen Waffen gut umgehen konnten und stark und mutig waren. Besonders Tschitragada, der älteste Sohn Schantanus und Satjawatis, kannte niemanden, außer seinem älteren Bruder Bhischma, der sich mit ihm in der Kampfkunst messen konnte.

Als er volljährig wurde, wusch man Tschitragada zum neuen Mahradscha von Hastinapur.

Kurz darauf kam Satjawati zu Bhichma und sagte ihm:

„O berühmter Sohn der Gang! Meine Söhne müssen auch heiraten, damit ihre Kinder später auf den Thron Hastinapurs folgen können. Der Maharadsch Kaschi richtet ein Swajamwari für seine drei Töchter aus. Du musst dahin gehen und alle drei für meine Söhne gewinnen“.

„Deine Söhne, o Mutter Satjawati, müssen selbst am Swajamwari teilnehmen und die Töchter von Kaschi für sich gewinnen. Warum sollte ich das tun? Das wäre gegen die Tradition“.

„Nein, Bhischma!“, Satjawati war mit ihm nicht einverstanden. „Du muss das tun. Es ist sonst nicht sicher, ob meine Söhne es schaffen, denn die besten und stärksten Prinzen werden um die Hand und das Herz der Töchter von Kaschi kämpfen“.

Bhischma blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen und zum Swajamwari der Töchter von Kaschi zu fahren. Er entführte alle drei Prinzessinnen und brachte sie nach Hastinapur. Aber die jüngste von ihnen, die Prinzessin Amba, sagte Bhischma:

„O Sohn der Göttin Gang! Ich und der junge Radscha Schalwa lieben einender. Erlaube mir, zu ihm zurückzugehen“.

Bhischma erlaubte es ihr. Seine beiden jüngeren Brüder heirateten die zwei anderen Töchter des Kaschi.

Tschitragada dachte jedoch wenig an den Thron und an seine Frau, sondern verbrachte seine Zeit überwiegend im Kampf. So forderte er einmal auch den Anführer der Gandharwen zum Zweikampf heraus. Zwei Tage lang gelang es keinem, den Kampf zu gewinnen, am dritten Tag war jedoch Tschitragada geschwächt und der Anführer der Gandharwen tötete ihn. Hastinapur blieb nun ohne Thronherrscher, und Bhischma musste nun den jüngeren Bruder Wichi für die Thron – Übernahme vorbereiten.

Bhischma und Satjawati, die Mutter des neuen Königs, die beide tief erschüttert vom Tod Tschitragadas waren, erfuhren neues Glück, als der Tag der Thronannahme nahte. Wichi wurde zum neuen Maharadcha gewaschen und sollte seinen Platz auf dem Thron einnehmen, dabei fiel er jedoch die Stufen herab, die zum Thron führten, und starb unerwartet.

Die Trauer und Enttäuschung Bhischmas und Satjawatis kannten keine Grenzen, sie beide wurden sehr unglücklich durch diesen Verlust. Dennoch gelang es mit der Hilfe Krischna Wasudewas die beiden Witwen zu befruchten.

Die Prinzessin Amba ging darauf zum jungen Radscha Schalwa; nun wollte er sie aber nicht mehr heiraten. Die Prinzessin Amba suchte die Schuld dafür bei Bhischma. Sie fand danach den Bahawan Puraschuram, den Lehrer Bhischmas. Mit großer Schwierigkeit gelang es ihr Paraschuram zu überzeugen, gegen Bhischma zu kämpfen. Sehr lange dauerte der Zweikampf zwischen Paraschuram und Bhischma, und einmal wollten beide die göttlichen Waffen benutzen. Das aber hätte eine Bedrohung für die ganze Welt sein können. Das wollte die Göttin Gang verhindern und rief den Gott Schiwa zur Hilfe. Schiwa hörte der Prinzessin Amba zu und sagte ihr:

„Noch ist es unmöglich Bhischma zu töten, weil er noch nicht alle seinen irdischen Aufgaben erfüllt hat. Wenn du aber jetzt selbst stirbst und nach fünf und zwanzig Jahre wieder geboren wirst, kannst du dann ihn selbst töten“.

Amba war damit einverstanden: sie beging den Selbstmord und wurde nach fünf und zwanzig Jahre als Tochter des Maharadschs Drupad wieder geboren. Während der Schlacht auf dem Feld Kuruschetra fand sie Bhischma und tötete ihn. So hatte sich Gott Diaus seine irdische Aufgabe erfüllt und durfte wieder im Himmel leben.

Himmerod, Mai 2015

© 2015 Vougar Aslanov

APHORISMEN

                                         

 

APHORISMEN UND ÜBERLEGUNGEN VOUGAR ASLANOVS

GLEICHHEIT

Nach langen Beobachtungen bin ich nun völlig davon überzeugt, dass alle Menschen wirklich gleich sind: alle müssen aufgeklärt werden.

AUFKLÄRUNG

Die europäische Aufklärung sind für mich die Bemühungen der Denker des 17-18. Jh. Diese muss aber heute fortgesetzt werden, denn es unmöglich ist, auf einmal aufgeklärt zu werden. Und heute gibt es so viele Erscheinungen, die die Europäer weder verstehen noch wahrnehmen können.

Die Aufklärung ist keine europäische Erfindung. In Konfuzianismus, in Mahabharata, in Sufismus und in vielen anderen Lehren der Welt gibt es auch Aufklärung.

WOFÜR

Ich habe in der alten Sowjetunion angefangen, um die Demokratie zu kämpfen, als ich noch ein Jugendlicher war.

Wie peinlich war es für mich, vor einigen Jahren, nach über dreißig Jahre dauerndem Kampf um Demokratie und Pressefreiheit, festzustellen, dass ich nicht wirklich weiß, was Demokratie ist. Einmal stellte ich die Frage darüber einem Redner, der auf einer Konferenz in Berlin sehr lange vom Sieg der Demokratie auf der ganzen Welt erzählt hatte.

Können Sie mir bitte erklären, was die Demokratie ist?“ fragte ich ihn ganz ehrlich.

Der Mann, der offensichtlich diese Frage nicht erwartet hatte, sah zunächst verloren drein, sagte mir aber dann bösartig:

Ich bin hier kein Schullehrer! Wenn Sie noch nicht wissen, was Demokratie ist, schlagen Sie ein Schülerlexikon auf: dort finden Sie die Erklärung für die Demokratie“.

Dann flüsterten mir Teilnehmer, die neben mir saßen, zu: Demokratie bedeute im Altgriechischen die Volksherrschaft. Ich war trotzdem nicht sauer auf den Redner und wollte seinem Rat folgen, wenn auch die Begriffserklärung für Demokratie nicht unbedingt in einem Schülerlexikon suchen wollte.

DEMOKRATIE

In Wiesbaden ging ich einst in die Hessische Landesbibliothek und suchte in einem Rechts-Lexikon nach der Begriffserklärung Demokratie. Dort stand es so: Demokratie bedeute, dass die Elite die Gesellschaft mit dem Einverständnis des Volkes regiere. Dann regiert also die Elite im Namen des Volkes, aber nicht das Volk selbst! Die Kommunisten bezeichneten die westliche Demokratie als Bourgeoisie-Demokratie und wollten verwirklichen, dass das Volk wirklich selbst regiert. So stellte man als Kandidaten für die Parlamentswahlen jene Bauern und Arbeiter auf, die den sozialistischen Wirtschaftsplan am meisten übererfüllt hatten. Die Abgeordneten aus dem Volk sollten dann auch Reden halten im Parlament, vor der Öffentlichkeit. Solche Abgeordneten, die immer gleiche, auswendig gelernte Worte wiederholten, waren nicht mehr als eine Karikatur der „Volksabgeordneten“. Wie diese aber die Macht hinter den Kulissen ausübten, – hätte man das nur sehen können! Also das Volk kann nicht regieren und eine Volksherrschaft kann daher nicht verwirklicht werden.

Ich habe dann lange überlegt: wofür kämpfte ich eigentlich über dreißig Jahre lang? Dieses unehrliche System, das man „westliche Demokratie“ nennt, könnte nicht mein Ideal sein. Unter Demokratie verstand ich früher Gerechtigkeit, Gleichheit, Objektivität, Durchsichtigkeit. Und die Freiheit könne durch diese entstehen, dachte ich. Im westlichen System, das man als Demokratie bezeichnet, fehlt vor allem die Durchsichtigkeit. Und auch hier wird alles hinter den Kulissen entschieden.

Gerade dieser Fall war ein Anlass für mich einen Einakter zu schreiben, dieser heißt: Entstehung der Demokratie (2006). In diesem Einakter wollte ich vor allem zeigen, welchen Ursprung die westliche Demokratie hat. Danach habe ich, mit anderen Autoren zusammen, dieses Stück mehrmals in verschiedenen Kreisen, mit verteilten Rollen, vorgelesen. Nach diesen geschlossenen Lesungen kritisierten mich alle Teilnehmer, sie sagten, dass ich hier die Demokratie grundlos beschimpfen würde. Ich denke jedoch anders: der Machtantritt Trumps zeigte das gut versteckte Wesen der westlichen Demokratie deutlich und in meinem Einakter geht es ganz genau darum, aber das war zehn Jahre bevor dieser an die Macht kam.

Als Jugendlicher habe ich meinen Kampf gegen das Sowjetsystem begonnen, damals zwölf-dreizehn Jahre alt. Ich habe an die westlichen Werte geglaubt, ich habe an die westliche Demokratie und an Menschenrechte geglaubt, habe mein Leben dafür eingesetzt, um diese in der ehemaligen Sowjetunion zu verwirklichen. Die ehemalige Sowjetunion war und bleibt meine Heimat, denn ich konnte keine andere, keine neue Heimat mehr finden. Ich gehöre trotzdem zu denjenigen, die diese Heimat, diese Zivilisation zerstörten.

BRÜDERLICHKEIT

In den 1980er Jahren besuchte ich öfter die Universitäten von Moskau und Leningrad (jetzt wieder Petersburg), als Teilnehmer einer Studentenkonferenz zum Beispiel oder ich besuchte dort Studenten, die ich kannte. Ich blieb dann auch immer in Studentenwohnheimen, und manchmal wochenlang. Und einmal lernte ich in einer Diskothek im Moskauer Studentenwohnheim ein schönes Mädchen kennen. Drei schöne, unvergessliche Nächte verbrachte ich mit ihr zusammen. Aber am vierten Tag sah ich sie im Café des Wohnheims mit dem chinesischen Studenten Bo zusammen, den ich auch schon flüchtig kannte. Sehr betroffen davon, wollte ich das mit Bo klären und fand ihn etwas später in seinem Zimmer im fünfzehnten Stock des Wohnheims.

Willkommen Bruder!“ sagte mir Bo, nachdem er mir die Tür geöffnet hatte.

Ein Steppenwolf ist dir Bruder“ (das ist ein russischer Ausdruck), antwortete ich und warnte ihn noch:

Du! Ich werfe dich aus dem fünfzehnten Stock runter, wenn ich dich wieder neben meinem Mädchen sehe (das ist eine typische kaukasische Bedrohung).

Zu meinem großen Erstaunen blieb Bo sehr ruhig und freundlich zu mir und sagte kein Wort. Nachdem ich ihn noch mehrmals aufs Härteste beschimpft hatte, fragte ich dann selbst:

Wieso antwortest du mir nicht? Fühlst du dich vielleicht deswegen schuldig?“

Wir sind Brüder“, antwortete er mir kurz.

Wie Brüder? Wie kann ich ein Bruder von dir sein: ein Kaukasier von einem Chinesen?“ fragte ich ihn noch mehr genervt.

Hierauf erzählte Bo mir, dass er schon seit einem Jahr mit dieser Studentin zusammen sei. Männer würden Brüder, wenn sie im gleichen Frauenleib heranwuchsen und von der gleichen Frau geboren würden. Aber auch zwei Männer, die ursprünglich nicht von der gleichen Frau geboren worden seien, später aber mit der gleichen Frau schliefen, würden dadurch Brüder, denn sie hätten sich im gleichen Frauenleib aufgehalten, wenn es auch nicht gleich lange gedauert habe. Also Brüderlichkeit entstehe aus dem Prinzip: dem Aufenthalt im gleichen Frauenleib.

Konfuzius sagte das?“ fragte ich, wieder sehr beeindruckt von dieser altchinesischen Weisheit.

Nein“, antwortete Bo. „Das waren zwei Männer in China namens Zeng und Keng. Nachdem diese festgestellt hatten, dass sie mit gleicher Frau geschlafen hatten, kam es zum harten Kampf unter ihnen. Keiner konnte jedoch gewinnen und sie sollten das danach mit Worten miteinander klären. Nach langen Diskussionen stellten sie fest, dass sie Brüder aus jenem Grund seien, wie ich es dir gerade erklärt hatte“.

Fantastisch!“ schrie ich begeistert und umarmte Bo. „Mein Bruder!“

FREIHEIT

Die Menschen, die öfter von der Freiheit sprechen, sind die, die am unfreiesten sind. Vielen scheint es so, als wäre es Freiheit, wenn man nichts tut. Das aber macht gerade unfreier, denn durch die Untätigkeit kommen viele negative seelische Befindlichkeiten hoch, die man in den alten Kulturen als Dämonen bezeichnete. Und diese „Dämonen“ legen einem die Fesseln an, auch wenn man „frei“ sein und nichts tun will. Nur durch Bemühung, Schaffen und Beschäftigung kann man es verhindern, dass die „Dämonen“ die Macht über den Mensch übernehmen. In diesem Sinne gibt es keine Freiheit, es gibt nur die Bemühung darum, nicht endgültig von „Dämonen“ versklavt zu werden. Und deswegen landen diejenigen, die viel von der Freiheit sprechen, öfter letztendlich entwurzelt auf der Straße.

DEUTSCHE INTELLIGENZ

In diesen 20 Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, habe ich landauf, landab viele Intellektuelle kennen gelernt, viele Diskussionen mit ihnen geführt. Ich kenne deutsche Intellektuelle, die ehrlich und sehr gewissenhaft sind und immer bereit wären sich auf die Seite der Gerechtigkeit zu stellen, auch in einer ungünstigen Situation für sich. Diese sind jedoch wenig und werden immer weniger. Aber den größten Teil der deutschen Intellektuellen halte ich für Menschen, die bereit wären, für ein paar hundert Euro alles zu verkaufen, auch ihr Gewissen.

DER STAAT UND INTELLIGENZ

Die deutsche Intelligenz hat alles dem Staat überlassen. Dieser soll dann auch für sie die „Wahrheit“ feststellen, die der Staat selbst am besten „kennt“.

GERECHTIGKEIT

Die Gerechtigkeit kostet Geld. Denn derjenige, der die größte Summe bezahlt, wird auch am gerechtesten behandelt.

DAS DEUTSCHE GERICHT

Das deutsche Gericht ist besser, als das sowjetische und postsowjetische, diese beiden kannte ich auch. Es löst bei mir aber trotzdem nur Bedauern aus. Weil dem deutschen Gericht vor allem die erklärte Unabhängigkeit fehlt.

EUROPA UND AMERIKA

Im Kaukasus gibt es eine spezielle Art Käse, man kann ihn den Scharfen Käse nennen. Ein Schaffell wird auf die innere Seite gedreht und als Sack zusammengenäht, sodass man den Joghurt direkt hineingießen kann. Während der Käse dort hängt, wird er öfter vom Hund angefallen; dieser verbeißt sich in den Sack, der ist aber inzwischen so verhärtet, dass der Hund seine Zähne nicht mehr rausziehen kann. Daher gibt es ein Sprichwort: der Hund will schon loslassen, der Käse lässt ihn aber nicht gehen. Das ist aber auch der Fall, wenn einer aus eigener Initiative etwas angefangen und einen anderen überfallen hat, jetzt will er aber aufgeben. Der Überfallene lässt ihn jedoch nicht weggehen. Jetzt will Amerika weg, aber Europa will sie nicht mehr loslassen.

EINE KATASTROPHE NAMENS DEUTSCHE ORIENTALISTIK

Wenn Sie im Kaukasus, im Iran, in mittelasiatischen und orientalischen Ländern nach westlichen Orientalisten fragen, werden sie hören, wie sehr diese dort immer noch verehrt werden. Wenn Sie aber die Werke der russischen Orientalisten, die in letzten hundert Jahren tätig waren, lesen, werden Sie sehen, wie kritisch diese gegenüber den europäischen Orientalisten eingestellt sind.

Die so genannte Orientkunde ist eher eine Sprachschule, als eine wissenschaftliche Einrichtung in Deutschland. Denn es ist bekannt, wie diese entstanden ist. Ende des 19. Jh. brauchte man Übersetzer und Dolmetscher für die Sprachen jener Länder um den Handel mit ihnen zu verbessern.

Und alles andere, bezüglich Kultur, Geschichte und Literatur dieser Länder, wurde dabei sehr oberflächlich, öfter sogar verkehrt gelehrt.

Was kann man hier nun tun? Die herkömmliche Orientkunde abzuschaffen und eine Zwischenstruktur zusammen mit den wissenschaftlichen Einrichtungen der kaukasisch-mittelasiatischen Länder und den Ländern im Nahen Osten zu bilden, wäre ein Ausweg aus dieser Situation.

DER OKZIDENTALIST

Wenn die deutschen Orientalisten davon hören, wie ich die Geschichte und Gegenwart, Kultur, Wirtschaft und Politik Europas analysiere, fragen sie mich skeptisch:

Woher wissen Sie das alles, als Aserbaidschaner?“

Ich antworte darauf laut:

Ich bin unter anderem in der europäischen Kultur aufgewachsen. Die Geschichte und Kultur Europas war eine der wichtigsten Richtungen meiner Schulbildung und meines Studiums, dazu kam noch eigenes Interesse. Ihr nennt euch Orientalisten, wenn ihr auch über die Länder, die ihr Orient nennt, nur geringe und zudem oft verkehrte Vorstellungen habt. Ich jedoch halte mich für einen wahren Kenner des Okzidents. Also könnt ihr mich dann auch Okzidentalisten nennen“.

HASS

Wenn die Menschen mich hassen, ist das wieder ein weiterer Beweis dafür, dass ich wirklich etwas von mir preisgegeben habe.

DER WERT

Ein Mann aus Berlin lernte einmal über das Internet eine Frau aus einem anderen Land kennen. Die beiden fanden Sympathie für einander aus der Ferne. Der Mann schickte ihr schließlich eine Nachricht per Email:

Ich möchte Sie nun für eine Woche nach Berlin einladen und habe für Sie ein spezielles Programm vorbereitet. Wir werden jeden Abend ins Restaurant gehen, Theater, Konzerte und Museen in Berlin besuchen. Alle Kosten übernehme selbstverständlich ich. Ich hätte nur eine Frage an Sie: Ich habe bis jetzt einige Ihrer Fotos gesehen, nun würde ich aber gerne noch mehr Fotos von Ihnen sehen. Könnten Sie mir nun auch Ihre Fotos schicken auf denen Sie halbnackt zu sehen sind? Damit ich einschätzen kann, ob es das alles Wert ist“.

DER DENKENDE MENSCH

Der denkende Mensch stellt immer eine Gefahr für jedes System dar, egal wie es sich auch nennt. Die erste Frage ist: warum er denkt? Die zweite Frage: was er denkt?

ASOZIALITÄT EINES SCHRIFTSTELLERS

Warum ist en Schriftsteller asozial?

ABOGARD

Das ist schon mehrere Jahre her. Ich fuhr im Zug zu einem für mich wichtigen Termin. Plötzlich bremste der Lokführer im Tunnel und wir blieben stehen. Erst nach zehn Minuten machte der Kerl die Ansage:

Wir bleiben für eine unbestimmte Zeit stehen“.

Das ist aber verrückt!“ schrie ich laut. „Was heißt für eine unbestimmte Zeit? Ich habe bald einen wichtigen Termin! Die Leute warten auf mich!“

Danach bemerkte ich aber, dass ich die Telefonnummern jener Menschen, die nun auf mich warteten, nicht mitgenommen hatte und schimpfte mit mir selbst:

Ich bin aber auch selbst ein Idiot: ich habe die Telefonnummern vergessen, sonst könnte ich sie warnen, dass ich nicht mehr rechtzeitig kommen kann“.

Die Mitreisenden beachteten meine Schimpferei nicht, nur ein älterer Mann lachte nach meinen letzten Worten:

Es ist gut, wenn man nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst kritisiert, die eigenen Fehler auch einsieht. Das ist gesund“.

So habe ich damals Abogard kennen gelernt, der mir ein guter Freund wurde.

RALF TRISTER

Ralf Trister ist ein älterer Arzt und arbeitet seit Jahrzehnten in einem Psychiatrie-Zentrum. Irgendwann vor vielen Jahren kam er zu einer meiner Lesungen in eine Bibliothek, in der ich aus meiner Erzählung „Der Sohn des Arztes“ vorlas. Nach der Lesung kam er zu mir und sagte:

Das ist wirklich interessant, wenn man in einem Literaturwerk über die seelischen Probleme der Menschen schreibt und sogar über die Probleme der Psychiatrie“.

Danach tauschten wir unsere Visitenkarten aus und seitdem besteht unsere Freundschaft. Ralf besuchte immer Menschen, auch in meiner Gegend, und vorher trafen wir uns immer am Bahnhof und redeten kurz, wenn er in unserer Richtung unterwegs war. Einmal saß ich in seinem Auto am Bahnhof und erzählte ihm von meinen neuen Werken, als sein Telefon klingelte.

Ja, ja, ich komme gleich“, sagte er missmutig und legte wieder auf. „Man darf verrückt sein, aber man darf die anderen nicht so belästigen“, beschwerte er sich danach.

Wer war das?“ fragte ich.

Die Kundin, die ich gerade besuchen soll“, antwortete Ralf.

Die Kundin?“ fragte ich erstaunt. „Du meinst die Patientin, vielleicht?“

Nein, wir sagen Kundin, keine Patientin“.

Er sah dass ich diesen Ausdruck merkwürdig fand und gab dazu eine kurze Erklärung:

Die Leute werden von uns betreut. Für sie bezahlt deren Krankenkasse. Deswegen sind sie für uns Kunden und bekommen eine Kundennummer von uns“.

Ich verstehe das aber nicht ganz“, sagte ich. „Früher sagte man doch die Patienten. Und diese Kundennummer klingt merkwürdig. Denn es gibt normale Menschen und es gibt kranke Menschen“.

Es gibt keine Normalität“, antwortete mir Ralf. „Es gibt nur die Gradienten der seelischen Krankheit. Denn seelisch krank sind alle Menschen. Bis zu einem bestimmten Gradient braucht man nicht unbedingt eine Behandlung. Aber ab einem bestimmten Gradient ist das notwendig. Und um es ganz offen zu sagen, ein normaler Mensch muss heute einen betreuenden Psychiater haben“.

Danach erzählte er mir davon, dass es im Psychiatrie-Krankenhaus, in dem er arbeitete, einen Kundentest für alle gäbe. Dadurch könne man den eigenen Gradienten feststellen.

Ich muss auch sagen, dass ich immer von Ralf begeistert war; das ist ein Mann mit tiefen Kenntnissen über die Menschen, das Leben und die Welt. Und vor allem auch offen gegenüber anderen Kulturen. Solche Menschen sind in Deutschland nicht oft zu treffen. Er hat mir auch einmal genau erklärt, warum Marxismus eine falsche Lehre sei.

Der Mensch ist nicht so wie Marx es sagte. Ein völlig falsches Bild entwickelte er darüber. Der Mensch ist anders“.

Ich habe trotzdem die Einladung Ralfs, bei ihm diesen Kundentest zu machen, abgelehnt:

Ich brauche das nicht, danke!“

DOKTOR KELLERMANN UND KUNDENTEST

Einmal jedoch gelang es Ralf mich zu überreden, einen Kundentest bei ihnen zu machen. Das war ein schönes, modernes Gebäude, in dem sich das Psychiatrie-Krankenhaus befand. Im Hof und im Gebäude war alles sehr ansprechend, ordentlich und sauber, nur Menschen waren nirgends zu sehen. Ralf brachte mich zu einem Zimmer und klopfte an der Tür. Als wir eintraten, sah ich einen Mann hinter dem Tisch, der schon über vierzig Jahre alt sein musste: er schien sehr nett zu sein, ein kindliches Lächeln strahlte in seinem Gesicht.

Er stand auf und gab mir die Hand:

Ich heiße Doktor Lutz Kellermann, ich bin Psychiater. Ralf hat mir von Ihnen viel erzählt und hat mir auch all ihre Bücher zum Lesen gegeben, nachdem Sie Ihr Einverständnis dazu geäußert hatten, den Kundentest bei uns zu machen. Es ist interessant; Sie schreiben wirklich interessant“.

Ich nahm Platz auf einem Stuhl ihm gegenüber, Ralf platzierte sich neben mir.

Wir haben einen Kundentest, davon haben Sie auch von Ralf erfahren. Ralf sagte mir, dass er Ihnen auch schon erklärt hat, wofür wir den Kundentest brauchen. Deswegen sehe ich auch keine Notwendigkeit, alles zu wiederholen. Wir prüfen nur nach, wie viele Punkte sie erreichen, also ob eine Behandlung für sie notwendig ist. Die Fragen werden ich und Ralf ihnen abwechselnd stellen. Sie haben nur eine Sekunde Zeit um auf eine Frage zu antworten“.

Wenn ich aber eine Frage nicht verstehe?“

Dann können Sie nachfragen. Das darf aber nicht zu oft sein“, sagte der Doktor. „Also los geht´s. Erste Frage: Schlafen Sie schlecht, ja oder nein?“

Ja“, antwortete ich.

Hast du schlechte Träume; und wenn ja wie oft?“ fragte dann Ralf.

Ja, einmal in der Woche etwa“, antwortete ich.

Erscheint es Ihnen manchmal so, dass die Menschen wie Tiere aussehen?“

Ja“.

Machst du dafür, was auch immer dir geschieht, stets die anderen schuldig?“

Ja“.

Scheint es Ihnen so, dass Sie viel klüger und fähiger sind als alle anderen Menschen?“

Ja“.

Hast du Probleme mit der Konsumgrenze: beim Essen, beim Trinken usw.?“

Ja“.

Haben Sie Probleme mit der Kontrolle Ihrer Sexualität?“

In welchem Sinne?“

Wenn Sie, zum Beispiel, gleichzeitig von mehreren Frauen träumen?“

Ja“.

Ist es für dich schwer, Ordnung im eigenen Leben zu halten?“

Ja“.

Gibt es viel Chaos in Ihrem Leben?“

Ja“.

Sind die Menschen für dich grausame, ungerechte, gewissenlose Wesen?“

Ja“.

Ist es für Sie schwer unter den Menschen zu leben?“

Ja“.

Fällt es Dir schwer, einkaufen zu gehen?“

Ja“.

Scheint es Ihnen so, dass Ihre Probleme mit einem bestimmten Ort, mit bestimmten Menschen verbunden sind und wenn Sie woanders hinzögen, wären diese gelöst?“

Ja“.

Du willst nicht vielen Menschen, zum Beispiel den Nachbarn auf der Treppe, begegnen?“

Ja“.

Sie wollen aber andererseits die Aufmerksamkeit der Menschen haben, diese begeistern?“

Ja“.

Willst du dir manchmal etwas Außergewöhnliches ausdenken um damit die Menschen auf dich aufmerksam zu machen?“

Ja“.

Scheint es Ihnen so, dass es in Deutschland keine Demokratie gäbe?“

Ja“.

Scheint es dir so, dass es in Deutschland keine Pressefreiheit gäbe?“

Ja“.

Träumen Sie oft davon durch einen Heldentod zu sterben, damit sich die Menschen an Sie auf ewig erinnern“.

Ja“.

Sehr gut!“ rief Doktor Seelmann begeistert aus. „Sie haben schon die Hälfte der Fragen beantwortet und rund achthundert Punkte gesammelt. Bevor wir weiter machen, möchte ich Sie auf Einiges aufmerksam machen. Jetzt kommen jene Fragen, die schwerer wiegen, das bedeutet, für diese bekommt man mehr Punkte. Maximal kann man durch den Kundentest zweitausendfünfhundert Punkte erreichen. Ralf sollte das Ihnen eigentlich schon erklärt haben: bis zu tausend Punkten braucht man nicht unbedingt eine psychiatrische Behandlung. Das trifft auf die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland zu. Diese laufen doch überall herum, das sehen sie täglich selbst. Ab tausend Punkten braucht man eine Behandlung. Bis eintausendfünfhundert Punkten kann das auch ambulant erfolgen; das bedeutet, einmal im Monat vorbei kommen, regelmäßig Medikamente annehmen, nach eigenem Wunsch etwas Beschäftigungstherapie mitmachen. Ab tausendfünfhundert Punkten muss man stationär behandelt werden, das heißt, mindestens alle sechs Monate muss man sich für ein paar Wochen in unser Krankenhaus legen. Ab zweitausend Punkten muss die Kundschaft weggesperrt werden. Für diese haben wir ein ganz spezielles Programm. Aber Sie erreichen das nicht, glaube ich, obwohl ihre Punktzahl schon an der Grenze liegen müsste, vermute ich. Übrigens, Ihr Freund Ralf hat dabei über sechzehnhundert Punkte gesammelt. „Ha, ha!“ lachte der Doktor laut. „Er sieht doch aber wie ein ganz vernünftiger Mann aus“.

Ralf brummte leise neben mir:

Er hat selbst achtzehnhundert Punkte erreicht“.

Doktor Kellermann hatte das zum Glück nicht gehört.

Dann fragte mich Kellermann ganz unerwartet:

Warum sind Sie hier in Deutschland, warum gehen Sie nicht zurück, wenn es Ihnen hier so schlecht geht?“

Ich habe hier mehrere Projekte angefangen, schon viel Zeit und Geld dafür investiert; ich möchte sie zu Ende bringen. Auch mag ich die Deutschen und möchte ihnen helfen; das ist ein weiterer Grund, warum ich hier bleibe…“

Sie mögen die Deutschen? Weswegen?“ fragte Doktor.

Weil… Hm… Weil sie ver…“

Weil sie verrückt sind! Ja das stimmt! Aber sind denn in Ihrer Heimat die Menschen nicht verrückt? Denn es gibt keine normalen, seelisch gesunden Menschen“.

Ja doch auch. Aber die Deutschen sind ver…“

Verrückter! Ja stimmt“.

Ich konnte es mir vorher absolut nicht vorstellen, dass man überhaupt so verrückt sein kann“, sagte ich.

In den postsowjetischen Ländern ist immer noch Vieles nicht erlaubt, auch das Verrücktsein nicht. In Deutschland darf man es jedoch… das ist ein demokratisches Land und hier besteht eine Demokratie-Ordnung“, gab Ralf seine Erklärung dazu.

Das ist klar“, sagte Doktor. „Jetzt machen wir aber weiter. Es geht wieder weiter mit den Fragen“.

Nein“, sagte ich. „Ich will nicht mehr weiter machen“.

Warum?“ der Doktor war nun überrascht.

Das ist schon genug“, antwortete ich. „Ich habe auf einige Fragen geantwortet, mich selbst dabei noch besser kennen gelernt, das reicht mir schon“.

Wir haben aber noch nicht festgestellt, welchen Status du als Kunde bekommst“, äußerte auch Ralf sein Unverständnis darüber.

Nein, es ist mir schon klar. Ich will jetzt gehen“.

Wie gehen? Was heißt das?“ fragte Doktor empört.

Du musst den Kundentest bis Ende machen. Dann kannst du gehen“, wies Ralf hin.

Nein, ich will nicht weiter machen. Ich will jetzt einfach weggehen“.

Der Doktor stand auf; sein Gesichtsausdruck war nun völlig verändert, so, dass von dieser freundlichen Miene keine Spur mehr zu sehen war.

Sie dürfen unser Haus nicht verlassen, ohne den Kundentest bis Ende zu machen!“ schrie er mich an.

Nein, ich will nicht mehr weiter machen“, sagte ich ihm auch barsch. „Ich habe andere Dinge zu tun. Ich muss jetzt meinen nächsten Roman zu Ende schreiben“.

Deinen nächsten Roman willst du zu Ende schreiben?“ fragte Doktor grinsend. „Deine Bücher sind wahnsinnig. Diese braucht niemand“.

Ich fühlte mich von dieser Aussage sehr getroffen und fragte ihn:

Warum? Ich habe denen mein ganzes Leben gewidmet. Ich könnte auch anders leben: Vergnügung und Spaß haben, stattdessen habe ich aber Bücher geschrieben und schreibe sie auch weiter“.

Wofür sind deine Bücher gut? Für wen sind sie gut, um noch genauer zu fragen?“ der Doktor schaute mir direkt in die Augen.

Für die Menschen; ich möchte die Menschen aufklären, ihnen die Wahrheit, das Licht bringen!“ diesmal schrie ich fast.

Du sagtest gerade selbst, dass die Menschen nur Spaß und Vergnügen haben wollen. Sie interessieren sich doch dann nicht für deine Bücher“.

Der Doktor ging zurück und brachte eines meiner Bücher mit, die auf seinem Tisch lagen.

Ich habe das gelesen. Was schreibst du hier? Wahnsinn – sage ich nochmals!“

Warum Wahnsinn?“ wieder war ich mit ihm nicht einverstanden.

Du schreibst über die Probleme der Seele so, als ob man sich von diesen befreien könne. Das ist aber anders. Mit diesen seelischen Störungen wird man geboren. Was sind eigentlich die seelischen Störungen? Die Seele hat auch Strukturen, unsichtbare, bei der Geburt werden diese teilweise zerstört, bei manchen weniger, aber bei den anderen mehr. Einige erben dazu noch die Störungen ihrer Eltern. Deswegen gibt es keine normalen, seelisch gesunden Menschen, weil die Seelenstrukturen bei der Geburtskatastrophe zerstört werden. Das sagte auch Buddha: die Geburt bedeute Schmerzen. Nur in einer Geschichte haben Sie das interessant erzählt: das Kind sitzt im Mutterleib, im Paradies, er ist sehr glücklich. Und dann kommt aber diese Katastrophe, die Geburt. Das ist wie ein Erdbeben; das alles erschüttert, alles wird gestürzt und bricht in sich zusammen. Das ist wie die Apokalypse für das Kind, das nun dadurch alles verliert und einen Weg in diese Welt beginnen soll, in eine Welt, die es nicht kennt, und es weiß nicht, was es hier erwartet. Sie haben das hier gut beschrieben, auch das, wie das Kind sich durch die enge Röhre in die neue Welt bewegt. Das ist das verlorene Paradies, diese neun Monate im Mutterleib, wonach es später immer wieder sucht“.

Doktor Kellermann schwieg und schaute mir wieder tief in die Augen:

Jetzt machen wir weiter, ja?“

Nein“, antwortete ich.

Warum denn nicht?“ der Doktor wurde wütend.

Ich glaube nicht an euren Kundentest“, war meine Antwort.

Aha!“ schrie er fast. „Sie glauben unserem Kundentest nicht, aber wir müssen an die Bücher glauben, die Sie schreiben?“

Doktor Kellermann schlug mir das Buch auf den Kopf:

Was schreiben Sie hier? Wahnsinn! Wem nützt das?“

Ich stand auf und entgegnete ihm hart:

Was erlauben Sie sich? Was soll das sein?“

Doktor Kellermann sagte nichts und schaute Ralf an.

Ich brauche Ihren Kundentest nicht: ich bin ein gesunder Mensch“.

Ich wollte schon das Zimmer des Doktors verlassen, da versperrte Kellermann mir den Weg:

Sie wollen ein gesunder Mensch sein? Ein normaler Mensch würde nichts schreiben. Es ist schon vor langem festgestellt worden: Kunst ist die Krankheit der Seele, so wie die Perle die Krankheit einer Molluske ist. Sie können gehen, wenn sie wollen. Aber irgendwann kommen sie sowieso wieder her“.

Das geschah vor einigen Jahren. Seitdem habe ich das Zimmer von Doktor Kellermann nie wieder betreten. Ralf und ich sehen uns aber ab und zu. Jedes mal fragt er mich als erstes:

Wann wärst du denn bereit, den Kundentest weiter zu machen?“

Ich weigere mich wie immer. Aber ich weiß nicht, wie lange noch.

PSYCHIATRIE-LAND DEUTSCHLAND

Einmal sagte mir Ralf, dass Deutschland kein Land sei.

Das ist eine riesengroße Psychiatrie“, ergänzte er dann.

HUNDELEBEN

Gottfried Uhlmann ist ein alter Verleger, aber nicht von mir. Ich sehe ihn immer wieder auf den Buchmessen. Ein Mal redeten wir mit ihm über das Leben, die Literatur und so weiter. Ich beschwerte mich ihm über mein Leben in Deutschland. Danach erwartete ich von ihm, dass er mir jetzt auch die typische Frage stellt: Warum fährst du dann nicht zurück? Uhlmann lächelte nur und sagte mir: „Das ist ein guter Eindruck – Hundeleben! Und denken Sie nicht, dass es nur Ihnen hier so ergeht“.

ULTRANATIONALISTISCHE SEITE DEUTSCHLANDS

Das sind nicht die radikalisierten jungen Leute, die ab und zu mal Ausländer in Deutschland überfallen. Das sind die Menschen im Hintergrund, die öfter sogar hohe Positionen in den staatlichen Strukturen inne haben. Und finden kann man sie inzwischen überall.

DEUTSCHER PEN

Ich habe die Jahrestagungen des deutschen PEN früher immer gerne besucht und den dort geführten Diskussionen zugehört. Aber nachdem ich an das PEN-Büro in Darmstadt meinen Artikel mit der Kritik an der britisch-amerikanischen Politik in den postsowjetischen Ländern geschickt hatte, änderte sich das Verhältnis dort zu mir schlagartig. „Sie beleidigen das, was wir lieben“, lautete einmal die Antwort, die ich mir vom PEN-Büro anhören musste. Was ist es, was jene eigentlich lieben? Mir scheint, es ist die britisch-amerikanische postkoloniale Politik mit ihren unendlichen Einmischungen und Kriegsführungen!

PROFESSOR ERZMANN

Professor Erzmann habe ich kennen gelernt, als ich das erste Mal das Institut für Slawistik der Universität Göttingen besuchte. Er war damals noch ein junger Mann, nur einige Jahre älter als ich, ein Doktor. In wenigen Jahren habilitierte er sich vor meinen Augen und wurde danach zum Professor berufen. Was ich an ihm vor allem bewunderte, war, dass er aussah, wie die russischen Intellektuellen aus dem 19. Jh., deren Porträts im Literaturzimmer unserer Schule hingen. Ein hochfliegender Geist, ein strahlendes Gesicht und große Begeisterung im Blick!

DAS TIEFE LEID

Einmal, nach dem nächsten Seminar sagte Professor Erzmann, dass er bald, nach Semesterende, nach Frankreich fahren werde, er aber unsere E-Mails auch von dort aus beantworten könne. Als schon alle anderen Studenten gegangen waren, erzählte ich dem Professor, dass ich Frankreich liebe: als Jugendlicher habe ich viele französische Romane gelesen – daher vor allem und noch wegen der französischen Revolution, die ich in der Schule lernen musste.

Ja dann nehmen Sie sich die Zeit, fahren Sie für ein paar Wochen nach Frankreich, schauen Sie sich um: das ist unser Nachbarland!“ sagte mir der Professor.

Ich war schon öfter in Frankreich, Herr Erzmann“, antwortete ich ihm.

Dann, weiß selbst nicht aus welchen Gründen, ergänzte ich:

Aber ich liebe auch Deutschland“.

Der Professor sagte nichts, schaute mich nur an. In diesem Moment habe ich so ein tiefes Leid in seinen Augen gesehen, das es mich selbst sehr stark traf.

An diesem Tag habe ich verstanden: ich muss etwas dazu beitragen, dass sich die Menschen in Deutschland aus diesem Leid wegen des Zweiten Weltkriegs befreien können.

PARADIES UND HÖLLE IN EINEM

Für uns, für die ehemaligen Sowjetleute, ist Deutschland ein Paradies. Für die Menschen, die um hundert Gramm Wurst oder um ein Hemd zu kaufen, stundenlang Schlange stehen mussten und Fleisch und Butter nur eingeschränkt mit Lebensmittel-Karten kaufen konnten, die öfter vor den leeren Regalen der staatlichen Geschäfte standen, sind die deutschen Supermärkte wirklich ein echter Überfluss. Ein Überfluss, der uns, den Kommunismus Aufbauenden versprochen wurde, den wir aber nie erreicht hatten.

Andererseits ist Deutschland für uns eine Hölle. Wir sind mit der Sowjetpropaganda über den Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Und diese Schreckensbilder über das Dritte Reich verfolgen uns auch hier weiter. Wir leben hier in einem Gewissenskonflikt: einerseits wollen wir dem Land gegenüber dankbar sein, das uns aufgenommen hat, anderseits können wir uns von jenen Schreckensbildern des Krieges, die man uns durch tausende Bücher, Filme, Lieder usw. beigebracht hat, nicht lösen. Schauen Sie mal, wie viele unserer Menschen hier aus diesem Grund zu Alkoholikern werden! Das ist unsere Bestrafung dafür, dass wir diese Bilder nicht mehr aus unseren Köpfen kriegen.

DER PREIS

Jeder Mensch, der etwas tut, wartet auf eine Anerkennung, rechnet mit einem Preis für die eigenen Mühen. Das muss aber nicht immer materiell und offiziell sein.

Viele Jahre lang war ich Mitglied der Ko-Gruppe von amnesty international für verfolgte Schriftsteller und Journalisten. Ich erhielt die Post Urgent Aktion und schrieb an die Botschaften der Länder in Deutschland, wo diese Menschen Probleme hatten.

Einmal aber wendete ich mich selbst an den Leiter dieser Ko-Gruppe, Herrn Zimmermann: „Wir müssen uns um die Probleme der Autoren und Journalisten in anderen Ländern kümmern. Ich habe das bis jetzt auch gerne mitgemacht. Ich wollte nun, dass Sie auch etwas darüber erfahren, wie es hier einem in ihr Land gekommenen Schriftsteller ergeht. Ich möchte nichts von Ihnen; ich möchte nur, dass Sie es einmal mit eigenen Augen sehen“.

Herr Zimmermann kam wirklich und er kam zusammen mit seiner Gattin. Nachdem er alles gesehen hatte, sagte er:

Unter welchen Bedingungen müssen Sie hier arbeiten!..“

Das war für mich (und es bleibt so bis heute) die höchste Anerkennung meiner Tätigkeit als Schriftsteller.

SCHRIFTSTELLERKODEX

Ein Schriftstellerkodex ist heute eine dringende Notwendigkeit, um dadurch die untergegangene Moral, die verlorene Ethik und den Mangel an Verantwortung in diesem Bereich zurück zu gewinnen, um so die Schriftsteller von den Schreibenden zu unterscheiden.

Es gibt viele Leute, die schreiben oder schreiben wollen, es gibt auch diejenigen, die etwas zum Vergnügen schreiben. Diese schaffen keine Literatur, deswegen gelten sie auch nicht als Schriftsteller.

Wer gilt denn dann als Schriftsteller?

Ein Schriftsteller ist jemand, der das Geistige schafft, ohne das eine Gesellschaft, eine Menschenseele nicht existieren kann und unbedingt zum Untergang kommt. Ein Schriftsteller ist jemand, der einen Weg vor sich hat und diesen bis zum Ende geht. Wenn er seinen Weg zu Ende gegangen ist, kann er sich von der Menschengesellschaft entfernen und als Einsiedler weiter leben.

Ein Schriftsteller kann nicht:

an der Politik beteiligt werden, oder zum Mitglied einer Partei werden;

an einem Krieg beteiligt werden oder diesen unterstützen;

sich beschweren. Zum Beispiel derart, „wäre ich in einer reichen Familie geboren, hätte ich gute Kontakte, dann wäre es für mich leichter“ usw. Bevor man so was sagt, sollte man sich an jene Autoren erinnern, die in Lagern und Gefängnissen auf dem Papier von Zementtüten mit einem Stück Kohle schrieben, oder aus Teig Buchstaben formten, um ihre Gedanken zu notieren und dies alles später auch veröffentlicht haben;

solche Ausdrücke verwenden wie „hier ist ein demokratisches Land“, „wir haben die Gesellschaftsordnung der Demokratie“, „bei uns herrscht Demokratie, Pressefreiheit und wir achten die Menschenrechte“, „hier ist doch Europa“, „wir sind aber die EU“ – das gilt für die Autoren, die aus Europa stammen. „Das ist das einzig richtige System“, das ist uns „eine heilige Ordnung“, und einschränken „mehr Freiheit ist nicht möglich“ oder ähnliche Ausdrücke – das gilt für die nichteuropäische Autoren;

an der Seite der Starken stehen, an der Seite des eigenen Landes, des Volkes und seiner Kultur stehen, auch dann, wenn diese im Unrecht sind, um in deren Interesse, um gegen das eigene Gewissen und ungerecht gegenüber den Unterdrückten zu schreiben;

sich gegen die Wahrheit verstoßen;

etwas Beleidigendes über ein Volk, eine Kultur, eine Religion schreiben;

etwas loben, ein Loblied auf jemanden schreiben;

von etwas begeistert werden;

sich erlauben, einem anderen Autor einen Ausdruck, einen Satz, eine Zeile oder eine Idee zu stehlen;

sich erlauben, aus Neid einem anderen Autor einen Stein in den Weg zu legen;

Ein Schriftsteller kann sich um Preise, Förderungen, Stipendien bewerben, aber nur bis zu jenen Grenzen, die nicht seinen Zielen und Arbeiten widersprechen.

Ein Schriftsteller muss sich über die Religion, Kultur, Heimat, Solidarität- und Kollektivgefühl erheben können, obwohl niemand es einem Schriftsteller verbieten kann, neben den anderen Ländern, Kulturen und Völkern auch die eigenen Heimat, Kultur und Volk zu lieben und diese bekannt zu machen. Aber, wenn er darüber schreibt, muss man eine Position so beziehen, das man nicht aus seiner nationalen Sicht schreibt, sondern eine Sichtweise entwickeln, die auch von den anderen Kulturen angenommen und verstanden werden kann;

Nicht über etwas schreiben, das man nicht genug kennt;

Wenn man später einen eigenen Fehler entdeckt, muss man das danach, in der nächsten Auflage, zum Beispiel, korrigieren;

Das größte Ziel, das ein Schriftsteller erlangen kann, ist der möglichst hohe Gipfel der Neutralität, der Objektivität und der Ehrlichkeit.

HIMMELREPORTER

Ein Schriftsteller, der die höchste Spitze der Neutralität, der Objektivität und der Ehrlichkeit erreicht, ist ein Himmelreporter.

DAS FREIE WORT

Das freie, gerechte, wahre Wort ist ein Geschenk Himmels für uns. Im Mittelalter sagte man: verfolgt auf der Erde, wird das wahre Wort sich wieder in den Himmel ziehen und von dort für die Menschen strahlen.

ICH UND RELIGIONEN

Ich stehe darüber, einer bestimmten Religion zu folgen.

MEINE DEUTSCHEN FREUNDE

Ich habe viele Freunde unter den Einheimischen in Deutschland. Ich habe von Ihnen so oft und so viel Unterstützung und Hilfe bekommen, wie von keinen Anderen: sogar nicht von meinen Familienangehörigen, nicht einmal meine Verwandten und Freunde in der Heimat haben mich so unterstützt wie diese. Wenn ich auch manchmal in Verzweiflung geriet, konnte ich das nur durch diese Unterstützung überwinden. Und wegen meiner deutschen Freunde, wegen all dieser Menschen der Einheimischen, die in den schweren Situationen wie ein Fels hinter mir standen, habe ich den deutschen Behörden, die mich Jahrzehnte lang gequält haben, alles vergeben.

Manchmal aber kommt es zum Unverständnis zwischen uns, wenn ich mich eindeutig gegen etwas in Deutschland äußere. Ich sage ihnen doch: das ist unser Weg, den wir gemeinsam gehen. Und ohne gerechte Kritik kann ein Weg nicht bewältigt werden.

WISSENSCHAFT

In unserer Zeit erleben wir gerade die Dämmerung der Wissenschaft. Manche trösten sich dadurch, dass nun die postwissenschaftliche Zeit komme. Und in dieser neuen Epoche würde Wissenschaft alle ihre Mängel beseitigen, sich in Vielem verbessern. Die Wissenschaft kann aber nicht unabhängig sein: das ist ihr größtes Problem. Und das lässt sich, denke ich, niemals ändern. Es könnten aber in der Zukunft immer mehr unabhängige Forscher auftauchen, die mit der offiziellen Wissenschaft kooperieren würden. Das könnte sie vielleicht noch retten.

DAS NEUE THEATER

Das deutsche Theater ist tot. Heute ist das ein Ort für die modernen Regisseure, an dem diese ihre eigenen hohen Ambitionen zu verwirklichen versuchen. Ein Theaterstück darf nur von „Klassikern“ aufgeführt werden, aber mit der Interpretation dieser Herrschaften. Oft führen sie ein bekanntes Stück so auf, dass vom ursprünglichen Werk nichts mehr übrig bleibt. Und das ist die „hohe, überprofessionelle Theaterkunst“, die diese betreiben.

Es entsteht aber wieder ein neues Theater aus diesen Ruinen. Das Theater wird erneuert, jede Aufführung wird wieder zum Kulturereignis der Gesellschaft. Wann das geschehen wird? Das weiß ich auch nicht. Aber kommen muss es unbedingt.

BESTRAFUNG

Das Leben auf der Erde ist eine Bestrafung. Wo, warum, wie, von wem und wofür man diese bekommen hat, ist eine gute Frage. Es ist kein Geheimnis, dass die Menschen die Dinge nach ihrem eigenen Vorbild erschaffen. So ist es auch mit dem Gefängnis: man hat das Gefängnis für die Mitmenschen gebaut, um damit das eigene Gefühl der Unfreiheit auf der Erde weiter zu geben, in kleineren Maßstäben natürlich. Denn so, wie man im Gefängnis seine Tage zählt, so zählt man auch die Tage seines Aufenthalts auf der Erde.

Es ging nicht anders

                         Familie Uljanow

 

Vougar Aslanov

ES GING NICHT ANDERS

Historische Erzählung

Astrakhan, in dem früher nur die buddhistischen Kalmücken und muslimischen Tataren und Tschuwaschen lebten, wurde schon von Zar Iwan dem Schrecklichen eingenommen. Um die Bevölkerung zu christianisieren, schickte man her immer wieder Missionare und baute orthodoxe Kirchen; auch Teile der russischen Armee und irgendwelche Bediensteten hielten sich hier auf. Wurde man getauft, erhielt man stets einen russischen Vornamen und Vatersnamen, als Nachname aber wurde häufig jener übernommen, den man schon vorher trug. So hielt man es mehrere Jahrhunderte.

Anfang der 1820er Jahre wandte sich ein Kalmücke, der einen Schneiderladen in Astrakhan besaß und schon über fünfzig Jahre alt war, an die dortige Russische Orthodoxen Kirche.

Wie ist dein Name?“ fragte der orthodoxe Priester den Mann.

Ulan Batur“, antwortete dieser.

Was bedeutet das?“

Ulan bedeutet in Kalmückisch groß, Batur bedeutet der Recke“.

Der Priester sagte zu ihm:

Du wirst nach der Taufe im Namen des Herrn Nikolaj Wassiljewitsch heißen. Und als Nachnamen bekommst du Baturin“.

Doch dann erinnerte sich der Priester, dass einer der Stellvertreter des orthodoxen Bischofs von Astrakhan ebenfalls Baturin hieß. Und jener Mann mochte es nicht, wenn ihn jemand an seine kalmückische Herkunft erinnerte. Deshalb bildete der Priester einen neuen Nachnamen für den frisch Getauften aus dessen Vornamen und trug im Kirchenbuch ein: der neu Getaufte trägt künftig den Namen Nikolaj Wassiljewitsch Ulanin.

In der Stadtverwaltung konnte man die Handschrift des Priesters nicht deutlich genug lesen und registrierte ihn als neuen Angehörigen der orthodoxen Gemeinde unter dem Namen Nikolaj Wassiljewitsch Uljanin.

Kurz darauf heiratete Uljanin die Tochter des Kleinbürgers aus Astrakhan Aleksej Smirnow, die dreißig Jahre jünger war. Die Smirnows waren Tschuwaschen, die sich auch zum Christentum bekannt hatten, und deswegen durfte Alexej die Tochter eines russischen Offiziers heiraten. Alexejs Tochter Anna gebar Nikolaj Uljanin fünf Kinder, das jüngste von ihnen hieß Ilja.

Als Ilja in Astrakhan das Gymnasium besuchte, schämte er sich immer sehr seiner kalmückisch-tschuwaschischen Herkunft. Mit ihm zusammen lernten auch die Söhne der russischen Offiziere, aber auch einiger Bediensteten, die, obwohl selbst nicht immer russischer Abstammung, sich aber für russisch-stämmig ausgaben. Denn ein Nicht-Russe zu sein, also ein Nicht-Christ zu sein, fand man im Gymnasium peinlich.

Vor dem Abschluss des Gymnasiums änderte Ilja seinen Nachnamen auf Uljanow, weil das, seiner Überzeugung nach, eher russisch klang. Nachdem Ilja Uljanow auch ein Studium an der Kasaner Universität abgeschlossen hatte, wurde er nach Nischni Nowgorod geschickt, um dort am Gymnasium Mathematik zu unterrichten. In Nischni Nowgorod lernte er die Familie Blank und deren Tochter Maria kennen.

Marias Vater Israel Blank kam aus der polnischen Stadt Starokonstaninow, die eine große, überwiegend aus Deutschland stammende jüdische Gemeinde hatte. Nach der Teilung Polens gehörte die Stadt zum Russischen Reich. Israels Vater Mojsche Blank entwickelte das Geschäft, das er von seinen Eltern geerbt hatte, weiter, vor allem den Handel mit Salz und Tabak, und wurde zu einem einflussreichen Kaufmann in der Umgebung.

Der Vater kaufte dort noch einen großen Laden hinzu, dort verkauften Israel und sein zwei Jahre älterer Bruder Abel seine Waren. Abel war bereits mit einer entfernten Verwandten aus Zhitomir verlobt, in einigen Monaten sollte die Hochzeit stattfinden. Die Juden kamen gerne zu ihnen zum Einkaufen, oft wurden die jungen Leute nach dem Leben ihrer Familie gefragt. Mit vielen von ihnen konnten die Blanks Söhne noch Jiddisch sprechen.

Die Blanks hatten zur Familie Rosenbein aus der Gemeinde eine besonders gute Beziehung. Deren älteste Tochter Ruth mochte Israel sehr und freute sich immer offensichtlich, wenn Israel zu ihnen kam. „Er wäre eigentlich gar kein schlechter Mann für unsere Ruth“, sagte auch Ruths Mutter öfter zu ihrem Mann.

Inzwischen näherte sich Israel mit einer anderen Familie in der jüdischen Gemeinde an: der Familie Altenburg. Das Haupt der Familie war der Gemeindearzt und dieser wurde hier sehr geachtet. Israels Laden stand direkt vor seinem Haus, und er beobachtete den ganzen Tag über die Menschen, die den Arzt aufsuchten. Israel träumte jetzt davon, selbst Arzt zu werden. Aber Vater… Mojsche wollte, dass die beiden Söhne seinen Handel weiter vergrößerten und wollte von einem Studium, oder gar von einem anderen Beruf nichts hören.

Der geschäftige junge Mann wäre auch ein erwünschter Schwiegersohn für die Altenburgs, die gleich mehrere volljährige Töchter hatten. Es dauerte nicht lange bis Israel selbst dem Vater seinen Wunsch offenbarte: am meisten gefiel ihm die mittlere Tochter der Altenburgs. Allerdings wusste er, dass es jüdische Tradition ist, zunächst für die älteste Tochter einen Mann zu finden. Deswegen sprach Israel an jenem Abend auch von der ältesten Tochter von Altenburgs.

Mojsche Blank hatte es sich jedoch anders vorgestellt: Rosenbeins waren große Kaufleute, die in vielen Gebieten des Reiches erfolgreich Handel trieben. Die Heirat seines Sohnes mit deren Tochter würde Mojsche helfen, sein eigenes Geschäft weiter zu vergrößern; besonders hoffte Mojsche seinen Alkoholhandel dadurch auszudehnen.

Die Tochter des Arztes? Nein! Nie im Leben!“ donnerte Mojsche als er davon hörte. „Du muss heiraten die älteste Tochter der Rosenbeins. Sie wollen es auch“.

Nein! Nie im Leben!“ antwortete Israel.

Abel stand jetzt auch an der Seite des jüngeren Bruders, und das erzürnte den Vater noch mehr.

Der Streit zwischen Mojsche und seinen Söhnen dauerte mehrere Wochen, bis Abel dem Vater schließlich sagte:

Vater, wenn du es Israel nicht erlaubst, die Frau zu heiraten, die er selbst will, werde ich mit ihm zusammen nach Zhitomir fahren um dort Medizin zu studieren“.

Nur diese Drohung, dass keiner seiner Söhne das Geschäft übernimmt, zwang Mojsche aufzugeben. Nachdem der Tag der Verlobung bestimmt war, hatte man auch in der Familie Rosenbein davon gehört. Ruth und ihre Mutter fanden es sehr peinlich; für sie sah es aus, als hätten die Blanks ihre Familie betrogen.

Geh zu ihm in den Laden und verlange von ihm vor allem, dass er dich heiraten muss und nicht diese blöde Tochter der Altenburgs“, sagte Ruths Mutter.

Als Ruth früh morgens in den Laden der Blanks kam, war Israel dort alleine; er zählte das Geld der gestern verkauften Waren und wartete auf Kunden, die bald erscheinen müssten. Abel war unterwegs mit dem Vater nach Zhitomir um dort mit den Verwandten die Hochzeitsvorbereitungen zu besprechen.

Ruth, du kommst alleine?“ fragte Israel. „Willst du etwas kaufen?“

Nein, ich möchte mit dir reden“, antwortete sie. „Darf ich hereinkommen?“

Israel hätte sie nicht hereingelassen, wenn es nach ihm ginge; denn er wusste, dass es die Juden nicht mögen, ein Mädchen alleine in einem fremden Laden zu sehen. Was würde man von ihr denken?

Er war aber sanftmütig und wollte das Mädchen, das er schon seit einiger Zeit kannte, nicht kränken und ließ sie herein. Dann schloss Israel die Tür, ließ den Fensterladen herunter, als ob das Geschäft noch geschlossen sei, damit niemand bemerken konnte, dass Ruth bei ihm war.

Ruth begann, sich sofort darüber zu beschweren, dass nun alle in der Gemeinde über sie lachten: denn Israel Blank, der Mann, der sie eigentlich heiraten sollte, würde jetzt ein anderes Mädchen heiraten.

Israel versuchte sie zu beruhigen und zu überzeugen, dass das nur ein Irrtum sei, denn er selbst ihr gegenüber niemals solche Gedanken gehabt hätte und wollte schon immer ein anderes Mädchen heiraten. Aber Ruth wollte nichts mehr davon hören und verlangte schließlich von ihm:

Du muss jetzt vor der ganzen Gemeinde erklären, dass die Gerüchte über deine Heirat mit der Tochter der Altenburgs grundlos sind und du mich bald heiraten wirst“.

Ruth“, Israel bemühte sich sie erneut vom Gegenteil zu überzeugen. „Denk doch bitte einmal nach, bevor du redest. Mein Vater hätte ja dann zunächst zu deinem Vater gehen müssen um von ihm die Erlaubnis für mich einzuholen, dich zu heiraten“.

Und warum habt ihr das bis jetzt nicht getan?“ fragte Ruth.

Weil ich nicht dich, sondern die Tochter der Altenburgs heiraten will und mich bald mit ihr verloben werde“.

Ah!..“ schrie plötzlich Ruth sehr laut. „Was erlaubst du dir, warum habt ihr mich betrogen?“

In ihrer Hysterie warf sie sich auf den jungen Blank und begann, auf ihn einzuschlagen. Sie nahm noch die Waren, die in der Nähe lagen, und begann diese zu zerstören. Blank bemühte sich jetzt sie aufzuhalten und die Waren zu retten.

Viele Juden hatten aber schon draußen den Lärm gehört, der aus dem Geschäft der Blanks drang, und zum Laden kamen viel Menschen. Man war nun neugierig, was da wohl im Laden vor sich ginge, und einer der Ältesten trat vor und verlangte, dass man die Tür öffne.

Israel folgte dieser Aufforderung nicht. Aber nachdem der alte Mann es von ihm wieder und wieder eindringlich und lautstark verlangte, war er schließlich gezwungen, die Tür zu öffnen und den Fensterladen hochzuziehen. Jetzt entdeckte die ganze Versammlung die Tochter der Rosenbeins in Blanks Laden. Ihr Gesicht war verweint, ihr Kopftuch hing von den Schultern, ihr Kleid sah unordentlich aus, und Israel selbst war auch sehr aufgeregt.

Was treibst du hier, du Verdammter?“ fragten sie ihn.

Israel wusste nicht, was er antworten sollte und schwieg. Ruth war immer noch hysterisch und weinte unaufhörlich.

Schnell verbreitete sich in der Gemeinde das Gerücht, Israel habe sich mit der Tochter der Rosenbeins vergnügen wollen, bevor er mit der Tochter der Altenburgs verlobt werden sollte. Jetzt musste es der Rabbi entscheiden, was mit Israel geschehen sollte.

Am nächsten Tag, morgens früh, schickte der Rabbi der Gemeinde jemanden zu Israel und rief ihn zu sich. Der junge Mann solle mit seinem Vater kommen, aber alle wussten, dass dieser verreist war. Jedoch wollte oder konnte der Rabbi nicht warten, bis Mojsche zurückkäme.

Israel schloss das Geschäft und begab sich zum Rabbi. Im hinteren Raum der Synagoge warteten auf den jungen Blank außerdem noch zwei der Gemeinde- Ältesten.

Stimmt das, junger Mann, dass du die Tochter der Rosenbeins in deinem Laden vergewaltigen wolltest?“ fragte ihn der Rabbi, auch ein älterer Mann, sehr direkt.

Nein, das stimmt nicht“, parierte Israel.

Du solltest in Kürze mit der Tochter der Altenburgs verlobt werden oder?“ fragte der Rabbi.

Das stimmt“, antwortete Israel.

Warum hast du dann die Tochter der Rosenbeins in euren Laden geholt?“

Sie kam von selbst zu mir. Ich kannte sie schon vorher, weil ich früher des Öfteren bei jenen zu Gast war“.

Lass deine Lügerei, junger Mann“, sagte der Älteste, der am Vortag Israel gezwungen hatte, den Laden zu öffnen. „Ich habe gestern alles mit eigenen Ohren gehört, – wie sie weinte und schrie, mit eigenen Augen gesehen, dass ihre Kleidung zerrissen war. Du hast gestern versucht, die Tochter der Rosenbeins zu vergewaltigen. Das ist eindeutig“.

Ihre Mutter war auch gestern bei mir und sagte, dass du das Mädchen in den Laden gelockt hättest, als sie etwas bei dir kaufen wollte, und es niemand außer ihr im Laden war. Sie kam in den Laden herein, weil sie dich schon vorher kannte und dir vertraute“, erläuterte der Rabbi.

Israel wollte nun auch nicht länger schweigen und erzählte nun, was Ruth von ihm verlangt hatte und warum sie gestern zu ihm gekommen war.

Die Alten schwiegen eine Zeitlang, dann sagte der andere Älteste:

Wie ich sehe, dieser junge Mann ist nicht nur ein Vergewaltiger, sondern auch ein Lügner und Verleumder. Für so jemanden gibt es keinen Platz in der jüdischen Gemeinde“.

Der Rabbi stimmte ihm zu:

Du hast recht! Ich würde ihn sowieso aus der Gemeinde ausschließen“.

Dann sprach er zu Israel:

Wegen deiner Übeltaten schließe ich dich hiermit aus der jüdischen Gemeinde aus. Du musst bis morgen die Gemeinde verlassen“.

Israels Vater erfuhr davon noch am selben Tag, als er abends zusammen mit seinem älteren Sohn zurückkam. Mojsche wollte das auf keinen Fall hinnehmen; er ging zum Rabbi und verlangte die Entscheidung über seinen Sohn zurückzunehmen. Jedoch der Rabbi blieb hart.

Nur deinen Sohn Israel habe ich aus der Gemeinde ausgeschlossen, er muss auch alleine bis morgen die Gemeinde verlassen“, waren die letzten Worte Rabbiners.

Mojsche missachtete das und stand selbst neben seinen Söhnen am nächsten Tag im Laden. Die Juden versammelten sich vor dem Laden und verlangten von ihm, dass sein jüngerer Sohn sofort die Gemeinde verließe. Mojsche verteidigte Israel und nannte das alles einen Irrtum. Ihm mochte aber keiner mehr glauben, und auch die Altenburgs wollten Israel nicht mehr als Schwiegersohn haben.

In der Nacht wurden Mojsche und seine Frau, ihre beiden Söhne und die drei Töchter wach vom Brandgeruch: man hatte ihr Haus angezündet. Es gelang Mojsche mit seinen Söhnen die Flamme, wenn auch nicht so schnell, zu löschen.

Am nächsten Tag hing große schwarze Schlösser an den Türen des Hauses und des Ladens der Blanks, nachdem sie diesen leer geräumt und alle Waren und anderen Habseligkeiten auf einen großen Planwagen geladen hatten, den zwei Pferde zogen.

Nachdem die Blanks die jüdische Gemeinde Starokonstantinow verlassen hatten, gelangten sie nach Zhitomir, zu ihren Verwandten. Einige Tage später erklärte Israel seinem Vater:

Vater, ich möchte jetzt mich taufen lassen“.

Das erlaube ich dir nicht!“ schrie ihn Mojsche an. „Ich spreche mit dem Rabbi und du wirst hier wieder in die Gemeinde aufgenommen“.

Nein! Ich lasse mich taufen und gehe danach Medizin studieren“, erläuterte Israel.

Vergiss das!“ schrie Mojsche. „Einmal gab ich dir nach, als du nicht die Tochter der Rosenbeins, sondern die Tochter der Altenburgs heiraten wolltest. Jetzt erlaube ich dir keine Eigenwilligkeiten mehr! Oder du sollst nie wieder vor meinen Augen erscheinen: du bist nicht länger mein Sohn, wenn du dich taufen lässt“.

Abel stand wieder auf der Seite des Bruders, und Mojsche warf beide Söhne, nach einem langen Streit, der mehrere Tage dauerte, aus dem Haus.

Israel und Abel suchten danach den orthodoxen Priester in Zhitomir auf und baten ihn um einen Empfang. Der Priester hörte ihnen aufmerksam zu und fragte danach Israel selbst:

Du bist aus der jüdischen Gemeinde zu Unrecht ausgeschlossen worden. Jetzt suchst du nach der Gerechtigkeit. Wir als Orthodoxen Kirche können dir diese Gerechtigkeit anbieten“.

Ich will auch getauft werden“, äußerte auch Abel seinen Wunsch.

Darauf nannte der Priester den Tag der Taufe für die beiden Brüder.

Den Brüdern wurde erlaubt, alle ihre Sachen im Nebengebäude der Kirche abzuladen und selbst dort zu übernachten, bis der Priester eine bessere Unterkunft für sie gefunden hatte.

So bekam Israel nach der Taufe den Namen Alexander Dmitrijewitsch, sein Bruder den Namen Dmitri Dmitrijewitsch, aber ihr Nachname blieb nach wie vor Blank. Die beiden Brüder begannen danach gemeinsam Medizin zu studieren und wurden schließlich Ärzte.

Nach dem Studium heiratete Alexander Blank das Mädchen aus der reichen Familie Großschop. Diese war die Enkelin des bekannten schwedischen Juweliers Karl Ästedt, der aus Stockholm nach Sankt Petersburg umgezogen war. Ästedts Tochter heiratete Johan Großschop, einen Kaufmann aus Hamburg, der nach Petersburg als Repräsentant einer großen deutschen Firma kam. Deren Tochter Anna heiratete auch später Alexander Blank. Annas Vater bekam zu dieser Zeit noch eine gute Anstellung bei der Regierung in Petersburg.

Die Blanks hatten sechs Kinder, und Maria war Zweitjüngste aus dieser Ehe. Maria lernte Ilja Uljanow 1861 bei einem Empfang kennen. Ihr Vater, der zu dieser Zeit als Inspekteur der Krankenhäuser und Hospitäler mehrerer Bezirke einen jahrelangen und erfolgreichen Dienst hinter sich hatte, fand in Uljanow einen klugen und fleißigen jungen Mann mit Zukunft und gab ihm seine Tochter zur Frau. So konnte Ilja Uljanov zwei Jahre nach ihrer ersten Begegnung Maria Blank heiraten.

Das, dass Uljanow bereit war, sich für die bessere Bildung und bessere Erziehung einzusetzen, wurde von der Leitung des Gymnasiums und später auch vom Volksbildungsministerium gemerkt. So schickte man Ilja Uljanow als Inspekteur für die Volkschulen nach Simbirsk.

Uljanow engagierte sich in Simbirsk weiterhin für eine bessere Volksbildung und gleiche Bildungschancen für alle Völker Russlands. Da die Bildung mit den christlichen Werten verbunden war, konnte man die besser gebildeten nicht-christlichen Völker des Imperiums auch leichter zum Christentum bringen; und je gebildeter die Untertanen überhaupt wären, umso treuer wären sie andererseits auch dem Zar gegenüber. Auf jeden Fall war das das Hauptmotiv in der Tätigkeit Uljanows. Nachdem Anfang der 1870er Jahre der Volksbildungsminister Uwarow eine neue Ideologie für Russland formuliert hatte, wurde daraus das wichtigste Motto für das Zarenreich gebildet: der Zar, die Orthodoxie, das Volk. Und dies stärkte auch die Bedeutung der Volksschulen. Für seine Verdienste in dieser Richtung ernannte man Ilja Uljanow zum Direktor der Volkshochschulen des Gouvernements Simbirsk und er wurde noch in den Stand eines Adligen und Staatrates erhoben.

Als sie nach Simbirsk kamen, hatten die Uljanows zwei Kinder: die Tochter Anna und der Sohn Alexander. In Simbirsk wurden ihnen noch zwei Söhne und zwei Töchter geboren. Zwei weitere überlebten nicht. Ilja Nikolajewitsch liebte seine Kinder sehr und war stolz auf sie. Er war auch nur in seiner Familie glücklich. Denn er sich weiterhin unsicher fühlte und war leicht verletzbar durch seine Kollegen wegen seiner kalmückisch-tschuwaschischen Herkunft. Er konnte darüber mit niemandem sprechen und beschwerte sich nur über seine Arbeit, wenn sich die ganze Familie zum Essen versammelte: er sei nicht zufrieden damit, wie sich die Arbeit in den Volksschulen entwickele. Er beschwerte sich zu Hause auch nicht selten über die Beamten, die für die Volksbildung zuständig waren. Viele von ihnen seien unehrlich, gierig und würden nur im Sinn haben, das Volk zu bestehlen und die eigenen Taschen zu füllen. Da die meisten Beamten ihre Verwandten in den Behörden hätten, könnten sie auch ungestraft gegen die Gesetze verstoßen. Russland brauche ehrliche Juristen, die diese vor dem Gesetz zur Verantwortung ziehen würden.



          Alexander Uljanow

Ilja Uljanow bemühte sich dennoch darum, seine Kinder zum Fleiß, zur Liebe zum Volk und zur Treue dem Zar gegenüber zu erziehen. Es war zudem wichtig, dem Vaterland zu dienen und Gutes für es zu tun. Sie mussten noch ein frommes Leben führen: der regelmäßige Kirchenbesuch und ständiges Beten bildeten einen wichtigen Teil im Leben der Uljanows.

Die Kinder Uljanows hatten guten Ruf am Gymnasium in Simbirsk: Man hielt vor allem Alexander für einen sehr klugen, gut erzogenen jungen Mann, mit vorbildlichem Verhalten. Das älteste der Kinder, die Tochter Anna und insbesondere der zweite Sohn Wladimir waren vom älteren Bruder völlig begeistert und liebten ihn sehr. Alexander las viel über die Geschichte Russlands, über andere Länder, über Philosophie und Theologie, er berichtete dem jüngeren Bruder Wladimir davon und empfahl ihm selbst diese Bücher zu lesen. Hatten die beiden ein Buch gelesen, kam es öfter zur Diskussion. Sie diskutierten heiß über alles, aber mehr noch über die Länder und Personen, über die sie in den Büchern gelesen hatten.

Als Alexander sechzehn wurde, begann er öfter über die Gesellschaft und die Aufklärung zu reden.

Man sollte das Volk noch besser ausbilden als jetzt geschieht“, sagte er zu Wolodja. „Nur mehr Aufklärung, mehr gebildete Menschen und die Entwicklung der Wissenschaften können Russland in die Reihe der wohlhabenden europäischen Länder bringen“.

Die Gesetze sind auch sehr wichtig“, war die Meinung Wolodjas. „Nur dann kann es einer Gesellschaft gut gehen, wenn dort die Gesetze eingehalten werden. Das kann nur dann gelingen, wenn man gute Juristen hat“.

Alexander wusste, dass Wolodja Jurist werden wollte und unterstützte das. Er selbst träumte davon, ein berühmter Naturwissenschaftler zu werden: so könnte er der Heimat einen guten Dienst erweisen.

1883 ging Alexander an die Universität Sankt Petersburg, seine Schwester Anna begann gleichzeitig dort die Hochkurse für die Frauen zu besuchen. Beide sahen ihre Familie nun zweimal im Jahr: in den Winterferien und in den Sommerferien.

Anfang 1886 fühlte sich Ilja Uljanow plötzlich schlecht und legte sich ins Bett. Der Arzt konnte ihm nicht helfen, und bald starb er.

Es war sehr schwer für Maria Alexandrowna: Ilja Uljanow hinterließ sie mit sechs Kindern – drei Söhnen und drei Töchtern, alleine zurück. Sie fand trotzdem Mut und Kraft, die Familie weiterhin über die Runden zu bringen.

Im Sommer, einige Monate nach des Vaters Tod, fuhr Alexander mit dem Zug nach Sysran, von dort musste er mit der Postkutsche nach Simbirsk, zu seiner Familie. Der plötzliche Tod des Vaters machte Alexander sehr traurig, aber nun hatte er einen Grund zur Freude: seine Arbeit über die Ringelwürmer gewann im Studentenwettbewerb der Universität den ersten Platz und dies wurde mit einer Goldmedaille gewürdigt.

Als der Zug in Moskau anhielt, betrat ein Mann das Abteil, in dem Alexander saß, etwa fünfundzwanzig Jahre alt: er trug einen bereiten Sakko und Kappe und hatte einen Bart.

Hier ist noch frei?“ er zeigte auf den Platz gegenüber Alexander.

Alexander war sehr in ein Buch vertieft: er las weiter über die Ringelwürmer.

Ja, der Platz ist noch frei“, Alexander war davon nicht begeistert, dass der Mann seine Aufmerksamkeit abgelenkt hatte, und las weiter.

Der Mann stellte seinen Koffer ab und nahm Platz. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Eine Zeitlang schwieg der Reisegefährte Alexanders, aber beobachtete ihn aufmerksam.

Student?“ fragte er plötzlich wieder. „Wo studierst du und was?“

Mein Herr“, sagte Alexander abermals etwas mürrisch. „Sie stören mich, ich bin beschäftigt“.

Dann antwortete er aber trotzdem:

Ich studiere an der Universität Petersburg, in der Abteilung der Naturwissenschaften der Physischen – mathematischen Fakultät“.

Aha, klar“, sagte der Mann. „Und worüber ist das Buch, das du liest?“

Über die Organe der Ringelwürmer“.

Worüber? Ich habe nicht ganz verstanden“.

Über die Organe der Ringelwürmer“, wiederholte Alexander und ergänzte dann stolz: „meine Arbeit über die Teil- und Geschlechts-Organe der Ringelwürmer gewann den ersten Platz an der Universität mit einer Goldmedaille. Ich werde darüber jetzt auch eine Dissertation schreiben“.

Der Mann konnte nicht mehr an sich halten und lachte laut heraus:

Ha-ha-ha! Was bitte? Die Geschlechts-Organe der Ringelwürmer?“

Alexander war nun verwirrt und fragte den Mann aufgeregt:

Was gibt es denn hier zu Lachen, gnädiger Herr?“

Der Mann wurde jetzt auch ernst und fragte ihn:

Junger Mann, ich sehe, dass du ein kluger und fähiger Mensch bist. Aber findest du dann keinen anderen Bereich, um dein Wissen und Können zu verwirklichen?“

Ich tue das, was ich mag und denke nicht daran, das zu ändern“, sagte Alexander stolz.

Gut“, sagte der Mann. „Ich wohne auch in Petersburg. In Moskau war ich nur um einige Angelegenheiten zu regeln. Wann wirst du wieder in Petersburg sein?“

Ende August geht das neue Semester wieder los“, murmelte Alexander.

Komm doch ein Mal bei mir vorbei“, sagte der Mann, „dann sprechen wir über einige ernsthafte Dinge“.

Danach schrieb er etwas auf ein Stück Papier und gab dies Alexander:

Hier ist meine Adresse in Petersburg. Ich heiße Pjotr Schewyrjow“.

Dann erzählte Schewyrjow ihm von Alexander Herzen und Nikolaj Tschernyschewski, von deren Werke. Schließlich schenkte er ihm Herzens Buch „Geschehnisse und Gedanken“, bald danach verabschiedete er sich und stieg aus.

Dieser merkwürdige Mann beschäftigte Alexanders Gedanken nur für kurze Zeit, dann las er sein Buch über die Ringelwürmer weiter.

Da Anna früher mit Ihren Prüfungen fertig war, befand sie sich schon zu Hause als Alexander Simbirsk erreichte. Maria Alexandrowna trauerte noch immer wegen des Todes des Familienhauptes, andererseits war sie aber sehr glücklich, dass nun alle ihre Kinder wieder zusammen waren. Am nächsten Morgen lud die Mutter alle zum Familien-Frühstück: auf den Tisch lagen Pfannkuchen mit dem Schmand, Quarkpfannkuchen, Maultaschen und Pasteten.

Alexander stürzte sich auf das Essen:

Das fehlte mir wirklich alles in Petersburg!“

Anja, kochst du dort nicht? Du bist schon seit drei Jahren mit ihm in derselben Wohnung!“ beschwerte sich die Mutter über ihre älteste Tochter.

Mama, du kannst dir nicht vorstellen, wie viel ich am Tag lernen muss: um etwas aus der echten russischen Küche zu kochen, bleibt keine Zeit. Alle Studenten essen entweder in der Kantine oder kochen nur etwas Schnelles. Außerdem ist Sascha immer beschäftigt, manchmal kommt sogar nicht an den Tisch um mit mir zusammen zu essen“, Anna versuchte sich vor der Mutter zu rechtfertigen.

Sie hat recht, Mama“, verteidigte Alexander die älteste Schwester, „als Student hat man wirklich wenig Zeit. Und wenn wir immer so schön essen würden wie heute, würden wir vielleicht noch die Lust am Lernen verlieren“.

Die Mutter wandte sich dann wieder an den älteren Sohn:

Sascha, erzähl noch etwas davon wie du deine Goldmedaille gewonnen hattest“.

Anna hatte das von Alexander in Petersburg gehört und hatte es auch schon geschafft, der Mutter davon zu erzählen.

Das ist die ernsthafteste Arbeit, die ich bis jetzt erledigt habe“, begann Alexander. „Über die Organe der Ringelwürmer wurde bis jetzt nur wenig geschrieben. Das ist überhaupt eine noch wenig erforschte Wurm-Art. Ich möchte das Thema vertiefen und damit beweisen, wie wichtig die Entstehung und Entwicklung der primitiven Organismen für die Evolution war. Ohne zu wissen wie die Insekten gebaut sind und wie sie sich verhalten, kann man kein vollendetes Bild von der Evolution bekommen“.

Das ist alles sehr schön“, sagte die Mutter, „wenn ich auch nicht alles verstehe. Ich bin sehr stolz auf dich, Sascha!“

Was planst du jetzt, Sascha?“ fragte Wolodja.

Der Professor Awerinow hat mein Thema schon als Diplom- und Dissertationsarbeit bestätigt“, antwortete Sascha. „Es bleiben mir noch zwei Semester für den Abschluss. Danach werde ich auch weiter unter der Leitung Awerinows arbeiten. Er sagte mir, dass ich nach ihm den Lehrstuhl für Mikrobiologie in der Fakultät leiten müsse“.

Der berühmte russische Biologe Alexander Iljitsch Uljanow!“ tönte Wolodja, „du wirst auch der erste Gelehrte in der Familie Uljanow“.

Und die Anja wird die erste Lehrerin!“ schrie die vierzehnjährige Olga.

Alexander äußerte sich dazu:

Unser verstorbener Vater war selbst Lehrer. Und Anja wird jetzt die zweite Lehrerin in der Familie, weil unsere Mutter ebenfalls Lehrerein ist, wenn sie auch fast nur mit uns Kindern beschäftigt war“.

Und Wolodja der erste Jurist in der Familie Uljanow“, sagte Dmitri, der vor kurzem zwölf Jahre geworden war.

Wolodja muss aber noch mit dem Gymnasium fertig werden. Dann kann er studieren gehen“, auch die Kleinste der Familie, die zehnjährige Maria wollte ihren Geschwistern nicht nachstehen; das alles hatte sie schon mehrmals von der Mutter gehört.

Ja alles ist richtig!“ lächelte Alexander der jüngsten Schwester zu, „was willst du aber selbst werden, Mascha?“

Ich will auch Lehrerin werden, wie Anja!“

Ich werde auch Lehrerin“, pflichtete Olga ihr bei.

Schön, das freut mich“, sagte Anna. „Für die Vertiefung der Volksbildung braucht man noch sehr, sehr viele Lehrer, besonders aber Lehrerinnen“.

Und du Dmitri?“ fragte Alexander den jüngsten Bruder. „Vielleicht willst du auch Lehrer werden: man braucht auch viele männliche Lehrkräfte“.

Nein! Ich werde auch Jurist wie Wolodja, um alle diejenigen, die gegen die Gesetze verstoßen, zu bestrafen“, antwortete Dmitri stolz.

Ein Jurist muss nicht unbedingt Staatsanwalt oder Richter werden. Er kann auch Anwalt werden, um Menschen dagegen zu verteidigen, dass sie keine Strafe bekommen, die sie nicht verdient haben“, sagte Alexander und schaute Wolodja an. „Was würdest du dazu sagen, Wolodja?“

Ein Anwalt muss die Menschen verteidigen, die ungerecht gehandelt wurden, klar“, antwortete Wolodja. „Die Gesetze müssen vor allem genau befolgt werden, das ist wichtig“.

Gut“, wollte Alexander jetzt ein Schlusswort dazu sagen, „so haben wir in der Familie Uljanow, mit der Mutter zusammen, vier schöne Lehrerinnen, einen Lehrer, zwei Juristen und dazu noch einen Gelehrten“.

Schade, dass der Vater das nicht mehr erleben konnte“, sagte Maria Alexandrowna unter Tränen, aber auch freudig, „er wäre sehr stolz auf seine Kinder“.

Alle schwiegen traurig. Dann unterbrach Alexander das Schweigen:

Der Vater hat viel dafür getan, damit seine Familie und seine Kinder glücklich werden. Wir werden, Mama, uns alle auch sehr bemühen um den guten Namen des Vaters noch höher zu erheben! Dessen müssen wir alle sicher sein“.

Am selben Abend rief Maria Alexandrowna ihren ältesten Sohn zu sich.

Saschenka“, sagte sie zu ihm. „Du bist der älteste Sohn. Und weil dein Vater nicht mehr lebt, bist du nun selbst das Familienoberhaupt. Sie lieben dich alle sehr und vermissen dich…“

Ich weiß, Mutter“, antwortete Alexander, „ich liebe euch alle auch sehr“.

Wie ich aber sehe, hast du für uns immer weniger Zeit, sogar selbst für Anja, die dort neben dir lebt“.

Das ist nur jetzt so, Mama! Es bleiben mir noch zwei Semester: ich muss die Prüfungen und Examen bestehen und mein Diplom bekommen. Danach beginne ich sofort mit meiner Dissertation und das wird viel lockerer sein als jetzt und ich werde auch mehr Zeit haben für euch“.

Das wäre wirklich sehr schön, wenn es dazu käme“, sagte die Mutter. „Ich möchte jetzt mit dir noch über deine Geschwister sprechen. Anna hast du vor den Augen – was sie betrifft, bin ich einerseits beruhigt. Andererseits denke ich aber, dass nicht alle jungen Männer aus guten Familien ein gebildetes Mädchen heiraten wollen…“

Keine Sorge, Mama! Es gibt in Petersburg, unter den Studenten genug junge Leute aus den guten Familien, die gerne ein gebildetes Mädchen, so wie unsere Anna, heiraten wollen. Einige von meinen Studentenkameraden haben sie auch schon gesehen und sind sehr guter Meinung über Anna. Vielleicht findet sie schon dort einen Bräutigam, heiratet ihn und bleibt auch in Petersburg“.

Und du selbst Sascha? Wann gedenkst du zu heiraten?“

Ich werde auch ein gebildetes Mädchen heiraten; es gibt viele hübsche Mädchen, die studieren, so wie unsere Anja“.

Ich will, dass du auch mit Wolodja sprichst und ihm etwas mehr vom Studenten-Leben in Petersburg erzählst. Er braucht das jetzt sehr“, sagte die Mutter.

Gut, Mama! Ich tue das und gebe ihm schon jetzt Ratschläge für sein Studium“.

Maria Alexandrowna küsste ihren Sohn, wünschte ihm gute Nacht und ging dann selbst schlafen.

Alexander hatte aber auch während der Ferien wenig Zeit für die Familie: er stand morgens sehr früh auf und ging zu dem Tisch, auf dem er ein Mikroskop aufgebaut hatte. Unter dem Mikroskop betrachtete er ganze Tage die Schnitte der Organe der Ringelwürmer.


Zwei Monaten später war Alexander wieder unterwegs mit einer Postkutsche von Simbirsk nach Sysran. Der Wagen, war voll mit allen möglichen Leuten; da waren die Kaufleute, die aus Sysran neue Waren holen wollten, die Frauen der Beamten in niederem und mittleren Rang, die zur Hauptstadt weiter reisen wollten, und noch viele andere. Gelangweilt von solch einer kleinbürgerlichen Reisegesellschaft, wollte Aleksander wieder lesen. Schon wollte er sein Buch über die Ringelwürmer herausholen, als er plötzlich das Buch am Boden des Koffers entdeckte, das ihm der merkwürdige Mann, Pjotr Schewyrjow gegeben hatte. Es war merkwürdig, dass er sich an diesen Mann und dessen Buch in den letzten zwei Monaten nie wieder erinnert hatte. Vielleicht wäre es besser, das Buch dieses Mannes einfach wegzuwerfen: dieser Mann hatte Alexander gar nicht gefallen. Wie viele solcher Männer hatte er in den drei Jahren seines Studiums in Petersburg schon kennen gelernt: alle mit den großen Ansprüchen, mit der Überzeugung, sie seien die besten und klügsten. Und fast jeder empfahl oder schenkte ihm gar ein Buch. Wenn er all diese Dummheiten lesen würde, könnte er seine eigenen Forschungen nicht fortsetzen.

Alexander holte trotzdem das Buch aus dem Koffer und blätterte in ihm. Von Alexander Herzen und dessen Freund Nikolaj Ogarjow hatte er schon früher mal gehört. Man bezeichnte diese beiden als „englische Spione, die von London aus einen ideologischen Kampf gegen Russland führten“. Für englisches Geld, natürlich. Alexander wusste auch nicht, dass diese beiden nicht mehr am Leben waren. Er hatte auch schon von deren kritischen Zeitschriften gehört: Alexander traf Studenten, die ihm Exemplare davon geben wollten, er lehnte das jedoch ab: Politik war nichts für ihn, den künftigen großen Wissenschaftler. Trotzdem fand er jetzt den Schreibstil Herzens interessant, als er das Buch durchblätterte: er schrieb über seine Familie, die Kindheit, das Leben in Moskau. Dann fiel ihm eine andere Stelle auf.

Nach dem 14. Dezember änderte sich der Ton in der Gesellschaft offensichtlich“, schrieb Herzen, „der schnelle moralische Untergang bewies traurigerweise noch deutlicher, wie wenig unter den russischen Aristokraten das Gefühl ihrer eigenen Würde entwickelt war. Niemand hatte den Mut, außer deren eigenen Frauen, den Betroffenen gegenüber eigene Anteilnahme zu zeigen, ein warmes Wort über die Verwandten oder den Freunden zu sagen, denen man noch gestern die Hand drückte, die aber in der Nacht verhaftet worden waren. Hingegen tauchten nun die wilden Fanatiker der Sklaverei auf: einige voll von hasserfüllter Niedertracht, die anderen – noch schlimmer – unter dem Deckmantel der Uneigennützigkeit…“

Was für ein Unsinn! So ein Buch sollte man wirklich sofort wegwerfen. Alexander wollte das Buch schon weglegen, dann überlegte er sich doch anders und las weiter. Da stand an einer anderen Stelle:

Ich war vom Erzählten über den Aufstand, über das Gerichtverfahren, und von dem dadurch ausgelösten Schrecken in Moskau stark betroffen; mir öffnete sich eine neue Welt, die immer mehr und mehr zum Mittelpunkt meiner moralischen Existenz wurde. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen war, aber, es nur wenig oder sehr verworren verstehend, fühlte ich, dass ich nicht an jener Seite stehe, an der Kartätsche und Sieg, Gefängnis und Kette waren. Die Hinrichtung Pestels und seiner Mitstreiter haben meine Seele aus dem kindlichen Traum endgültig erweckt“.

Zu dieser Stelle schrieb der Autor auch eine Bemerkung:

Den Sieg Nikolajs über diese fünf Revolutionäre feierte man in Moskau mit Beten. Inmitten Kremls dankte Metropolit Philaret Gott für die Ermordungen. Die ganze Zaren-Familie betete mit, die Senatsmitglieder, die Minister beteten neben dieser mit; rings herum standen dichte Reihen der Gardisten, die, kniend, auch beteten. Die Kanonen donnerten von den Höhen hinter dem Kreml. Niemals erlebten die Galgen so eine Feier! Nikolaj hat die Wichtigkeit des Sieges verstanden! Als Junge mit vierzehn Jahren, verirrt in der Menschenmenge, war ich auch bei diesem Beten. Und hier, vor dem Altar, der vom blutigen Gebet entweiht worden war, schwor ich, für die Hingerichteten Rache zu nehmen und gegen diesen Thron, diesen Altar und diese Kanonen zu kämpfen. Ich habe es nicht gerächt; die Garde und der Thron, der Altar und die Kanonen – alles ist geblieben; aber auch nach dreißig Jahre stehe ich immer noch unter derselben Fahne, die ich niemals verlassen hatte“.

Alexander klappte das Buch zu und legte es wieder in den Koffer: er würde dieses Buch wegwerfen, wenn er in Petersburg ankomme. Dann holte er wieder sein Buch über die Organe der Ringelwürmer hervor. Es gelang ihm aber nicht mehr sich darauf zu konzentrieren; vor seinen Augen schwammen die Szenen aus dem Buch Herzens: die Galgen, Kanonen, Zar, Gardisten. Alexander holte wieder das Buch Herzens hervor und las weiter…

Als Alexander eine Woche später in Peterburg ankam, hatte er das Buch „Geschehnisse und Gedanken“ ganz durchgelesen. Niemals hätte er daran gedacht, dass ein Buch über die politischen Ereignisse für ihn so interessant sein könnte. Nun wollte er unbedingt von Herzen noch mehr lesen.

Pjotr Schewyrjow machte ihm die Tür selbst auf.

Oh, du bist das“, sagte der Mann als er Alexander vor der Tür sah. „Ich freue mich über deinen Besuch. Komm herein“.

Es war eine kleine Einzimmerwohnung in einem neuen Haus, nicht weit von der Stadtmitte. Das Zimmer war unaufgeräumt, alles lag chaotisch durcheinander auf dem Boden, auch sein Bett.

Schewyrjow lud ihn ein, am kleinen Tisch am Fenster Platz zu nehmen. Dann fragte er Alexander:

Du hast mir damals auch nicht gesagt wie du heißt“.

Ich heiße Alexander Uljanow“.

Schön!“ sagte Schewyrjow. „Hast du das Buch von Herzen gelesen?“

Ja, ich hab’s gelesen“, antwotete ihm Alexander.

Ich kann dir wieder etwas geben von ihm, auch von Tschrnyschewski, wenn du magst“.

Ich wollte nun gerne einige Exemplare von Herzens Heften „Polarstern“ und „Die Glocke“ anschauen, wenn du welche hast“.

Ja ich habe natürlich“, Schewyrjow stand auf und brachte bald darauf drei verschiedene Ausgaben von jedem Heft. „Übrigens, in eurer Fakultät, ich weiß nicht genau in welcher Abteilung, studiert Andrejuschkin. Er hat auch gute Literatur“.

Alexander wollte nicht mehr lange bleiben; er bedankte sich bei Schewyrjow und verließ bald darauf die Wohnung mit den Heften.

Mitte Herbst lernte Alexander in der Fakultät auch Pochomi Andrejuschkin kennen. Dieser war Student der Abteilung Chemie. Andrejuschkin lud Alexander ein, ihn in seiner Wohnung zu besuchen, in der er mit zwei anderen Studenten zusammen wohnte.

Auch hier in der Wohnung war alles chaotisch und unaufgeräumt. Andrejuschkin stellte Alexander zwei andere junge Männer vor:

Wassilij Generalow und Wassilij Ossipanow“.

Alexander gab den beiden die Hand:

Sehr angenehm. Ich heiße Alexander Uljanow: Student der Naturwissenschaften im vorletzten Semester“.

Wir haben von dir gehört“, plauderte Ossipanow. „Du bist Sekretär des wissenschaftlich-literarischen Rats der Universität und hast eine Goldmedaille für deine Arbeit bekommen“.

Ja das stimmt alles“, entgegnete ihm Alexander. „Ich bin heute aber wegen einer anderen Sache hier“.

Als sie alle am Tisch Platz genommen hatten, erläuterte Alexander:

Ich möchte noch etwas von Herzen, Ogarjow und Tschernyschewski lesen. Pjotr Schewyrjow sagte mir, dass ihr solche Bücher habt“.

Ah, du kennst auch Petja?“ fragte Generalow.

Und Petja war es auch, der Sascha zu uns schickte“, sagte Andrejuschkin und brachte danach einige Bücher aus einem anderen Zimmer.

Sascha, willst du auch Revolutionär werden?“ fragte Generalow, „was wird dann aus deiner wissenschaftlichen Arbeit?“

Es gibt noch andere Dinge außer der Wissenschaft, die man auch wissen muss“, war die Antwort des jungen Studenten-Forschers.

Dann komm zu uns, werde auch Mitglied unseres Vereins“, bot ihm Ossipanow an.

Was für ein Verein?“ fragte Sascha.

Unser Verein ist mit der Partei „Volkswille“ verbunden“, teilte jetzt Andrejuschkin mit. „Schewyrjow ist Leiter des Vereins und Kontaktmann zur Partei. Hat er dir das nicht erzählt?“

Nein“, Alexander war sichtlich überrascht, „Schewyrjow sagte mir kein Wort davon. Aber, hört mal, was für eine Partei „Volkswille“ ist das: doch nicht die, die den Zar vor fünf oder sechs Jahren her getötet hat?“

Genau, dieselbe“, betonte Generalow stolz.

Gibt es die überhaupt noch? Ich glaube es nicht“, deutete Alexander etwas verloren an, „hat die Regierung diese Terroristen nicht vor fünf Jahren völlig beseitigt?“

Nein!“ erwiderte Andrejuschkin feierlich, einen „Volkswille“ kann man nicht vernichten! „Volkwille“ lebt und wird immer weiter leben. Und unser Verein ist ein Teil der Partei und heißt „Terroristische Aktion des „Volkswille“.

Aber der Terror…“

Terror wird als ein erzwungener Pfad verwendet, nachdem alle andere Methoden des Kampfes versagt haben“, war die Antwort Andrejkuschkins.

Aber nein, danke! Das ist nichts für mich“, erklärte Alexander und wollte schon seine neuen zweifelhaften Bekannten verlassen.

Ich gebe dir noch ein Buch, Sascha“, hielt ihn Andrejuschkin auf, „von Nikolaj Dobroljubow; er ist früh gestorben, hat uns aber sehr gute Sachen hinterlassen. Das Buch heißt: „Wann kommt der echte Tag?“

Alexander steckte auch dieses Buch in seinen Beutel hinein und verließ die Wohnung.

Einen Monat lang hörte keiner der Vereinsmitglieder etwas von Alexander. Anfang November tauchte er wieder in deren Wohnung auf.

Vielen Dank, Pachomi, dass du mir Dobroljubows Buch gegeben hattest. Das ist wirklich ein schönes Buch! Dadurch habe ich viel Neues erfahren. Übrigens: in zehn Tagen ist der fünfundzwanzigste Todestag Dobroljubows. Wir können eine Demonstration in der Stadt zur Erinnerung an Dobroljubow durchführen. Was sagt ihr dazu“.

Alle Vereinsmitglieder äußerten die Bereitschaft, ihn dabei zu unterstützen. Das freute Alexander, und er sagte zu seinen neuen Bekannten:

Unter dem Eindruck dessen, was ich in letzten Monaten gelesen habe, habe ich selbst ein Programm verfasst; es besteht aus den Forderungen an die Regierung, um Russland freier und glücklicher zu machen. Ich lade euch alle am 10. November zu mir ein. Ich möchte es euch dann vorlesen“.

Alle Anwesenden waren bereit, Alexander zu unterstützen; Andrejuschkin übernahm die Aufgabe, auch die anderen Mitglieder dazu einzuladen.

Ein paar Tage vor der bevorstehenden Demonstration versammelten sich viele Studenten, und dazu einige Nicht-Studenten in der Wohnung, die Alexander und Anna gemietet hatten. Anna räumte die Wohnung schön auf, bereitete Piroggen zu, mit Fleisch und Kohl und kochte dazu Tee für alle. Anna war allerdings an diesem Tag nicht die einzige Frau, die mit dabei war: auch einige andere junge Damen waren anwesend. Der Leiter des Vereins Schewyrjow war auch selbst unter den Versammelten.

Alexander bedankte sich bei allen für ihr Kommen und sagte:

Ich möchte jetzt die Forderungen an die Regierung, die ich niedergeschrieben habe, vorlesen“.

Alle waren bereit, ihm zuzuhören. Alexander las vor:

Die endgültigen Forderungen für die Versorgung der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Volkes und seiner freien Entwicklung sind diese:

Die ständige volkseigene Regierung, die frei, mit direkter und allgemeiner Abgabe der Stimmen gewählt wird.

Die breite lokale Selbstverwaltung.

Die Selbstständigkeit der Gemeinde als eine ökonomische und administrative Einheit.

Die volle Freiheit des Gewissens, des Wortes, der Presse, der Versammlungen und Demonstrationen.

Die Nationalisierung des Grunds und Bodens.

Die Nationalisierung der Fabriken, der Betriebe und der Werkzeuge der Herstellung.

Die Ersetzung der ständigen Armee durch eine Bürgerwehr.

Die kostenlose Grundbildung“.

Großartig!“ sagte Schewyrjow. „Hier fehlt aber noch Einiges“.

Ich denke auch“, unterstützte ihn Alexandra Schmidowa, „irgendeiner Ergänzung bedarf es hier noch“.

Vor allem das: was wir tun werden, wenn die Regierung unseren Forderungen nicht nachkommt?“ ergänzte Schewyrjow.

Ich denke, wir sollten zunächst diese Forderungen an die Regierung stellen. Wenn sie diese nicht annehmen, können wir etwas anders unternehmen“, Anna Uljanowa war wie immer an der Seite ihres Bruders.

Die Diskussionen gingen weiter; einige waren dafür, die Forderungen Alexanders an die Regierung zusammen mit einer Warnung zu schicken, die anderen lehnten das aber ab und schlugen vor, sofort mit dem Terror gegen die Regierungsleute anzufangen. Man entschied sich schließlich, sich in zwei Wochen, nach der Demonstration wieder zu versammeln und über das weitere Vorgehen zu reden.

Am Tag der Demonstration kamen zum vereinbarten Ort in der Newa- Allee viele Studenten: das geschah wieder Dank der Bemühungen der Vereinsmitglieder und deren Arbeit unter den Studenten.

Heute ist der fünfundzwanzigste Todestag Nikolajs Dobroljubows“, begann Alexander seine Rede vor den Versammelten, „das war ein großer Mann, der uns, trotz seiner kurzen Lebenszeit, ein sehr bedeutsames Erbe hinterlassen hat. Aus Dankbarkeit ihm gegenüber haben wir auch heutige Demonstration organisiert“.

Mit einem großen Dobroljubows Porträt zog Alexander durch die Newa-Allee, die Menge folgte ihm. Bald hörte man allerdinngs die Parolen, die nicht unbedingt über Dobroljubow waren.

Gerechtigkeit! Freiheit! Eigenständigkeit!“ schrien die Studenten auf ihrem Zug durch die Newa-Allee.

An der Kasan-Kathedrale wurden sie von berittenen Gendarmen angehalten.

Trennt euch! Geht nach Hause! Schnell! Sonst müsst ihr mit sehr schweren Konsequenzen rechnen!“ schrie ihnen der Gendarmenoffizier entgegen.

Studenten hörten auf ihn nicht und schrieen ihre Parolen weiter:

Gerechtigkeit! Freiheit! Eigenständigkeit!“

Manche gingen noch weiter und schrieen:

Verbrecher! Korrupte! Blutssauger!“

Dann fingen andere an offen zur Rebellion aufzurufen:

Nieder! Nieder mit der Regierung! Nieder mit der Polizei und den Gendarmen!“

Die berittenen Gendarmen trieben ihre Pferde zwischen die Demonstranten und schlugen mit Peitschen auf sie ein. Alexander wollte ihnen noch etwas erklären, sie aufhalten, dann wurde er selbst niedergeknüppelt; das Porträt Dobroljubows wurde ihm entrissen und zerstört…

Zwei Wochen später, Ende November, versammelten sich erneut viele Studenten in der Wohnung Andrejuschkins. Zu dieser Versammlung des Vereins erschien Alexander wieder zusammen mit seiner Schwester.

Schewyrjow begrüßte die Versammelten und fing mit einer Ansprache an:

Diejenigen, die noch immer daran geglaubt haben, dass wir Verhandlungen mit der Regierung führen und auf diese einwirken können, haben bei der letzten Demonstration gesehen, wie illusorisch diese Hoffnungen waren. Der „Volkswille“ kennt nur eine Kampf-Methode: die Regierungsclique zu beseitigen und selbst die Macht zu ergreifen. Alles andere ist Träumerei der Liberalen, ist für die Schwätzer und Maulhelden! Wir müssen nun etwas Deutliches tun, wir müssen Zeichen setzen!“

Petja, das Volk ist aber derartig unterdrückt, dass es nicht in der Lage ist, eine Revolution im Land durchzuführen“, äußerte Generalow seine Meinung.

Dafür ist die Intelligenz da“, sagte Ossipanow.

Die Intelligenz wird die Revolution leiten. Wir brauchen aber Massen, die dahinter stehen“, erläuterte Schmidowa.

Der „Volkswille“ führt seit Jahren ständig Agitation unter den Arbeitern durch. Heutzutage sollte man nicht mehr mit einer Bauernrevolution rechnen, wie man es sich früher vorstellte. In Europa wird auch vor allem auf die Arbeiter gesetzt“, erwiderte Schewyrjow.

Alexander, der bis jetzt allen mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte, sagte jetzt:

So wie ich es mir erhoffte, kann man es leider nicht mehr anstellen. Ich gestehe meine bisherige Naivität und trete heute zusammen mit meiner Schwester Anna der „Terroristische Aktion der Partei „Volkswille“ bei. Ich arbeite jetzt an einem anderen Programm für unseren Verein und möchte dieses bald vorstellen. Dafür lade ich euch alle wieder zu uns ein. Den genauen Tag teile ich noch mit, wenn ich mit dem Programm fertig geworden bin“.

Kurz vor den Weihnachten versammelten sie sich alle wieder in der Wohnung Uljanows.

Ich möchte jetzt mein neues Programm offenlegen“; fing Alexander an und las vor: „Im Kampf gegen die Revolutionäre benutzt die Regierung extreme Formen der Verängstigung. Deswegen wird jetzt auch die Intelligenz gezwungen, zur extremsten Kampfesform zu greifen, um auf die Gewalt seitens Regierung zu antworten, das heißt, wir antworten mit Terror.

Der Terror ist also ein Zusammenstoß der Regierung und der Intelligenz, wenn die Möglichkeit der friedlichen kulturellen Einwirkung auf das öffentliche Leben geraubt wird. Der Terror soll systematisch wirken und die Regierung desorganisieren, er wird eine riesige psychologische Wirkung haben: er wird den revolutionären Geist des Volkes wecken. Die Fraktion soll für die Dezentralisierung des terroristischen Kampfes stehen: die Welle des roten Terrors muss auf alle Provinzen ausgedehnt werden, in denen das System der Verängstigung als Protest gegen die administrative Unterdrückung notwendig ist“.

Das ist schon etwas anderes!“ schrie ihn Schewyrjow freudig an.

Wie haben alle gesehen, dass es anders nicht geht“, erklärte Alexander. „Die letzte Demonstration zeigte, dass die Regierung uns keine anderen Methoden erlaubt, als gegen sie mit härtesten Mitteln zu kämpfen“.

Das ist wirklich ein Fortschritt, was Sascha gerade erläutert hatte“, erklärte Andrejuschkin, „die Zeit und die Politik lassen uns keine Möglichkeit, friedlich die Probleme zu lösen. Deswegen Terror, roter Terror!“

Sascha schlug vor, den roten Terror im ganzen Russischen Reich einzusetzen. Wie soll aber das genau vor sich gehen? Wen müssen wir zunächst beseitigen?“ fragte Generalow.

Den Zar selbst vor allem!“ sagte Ossipanow.

Besser wäre es, mit den Ministern anzufangen: mit dem Innenminister zum Beispiel“, entgegnete Schmidowa.

Es bringt viel mehr, wenn wir gleichzeitig in Petersburg, Moskau und auch in den Provinzen Terroranschläge durchführen: das wird die Regierung paralysieren“, äußerte Andrejuschkin seine andere Meinung.

Ich denke auch, wie Wasja Ossipanow, dass wir mit dem Zar anfangen sollten“, bedeutete Schewyrjow endlich. „Wenn der Zar getötet wird, wird tatsächlich die gesamte Regierung paralysiert, und wir können dann sofort die Macht übernehmen“.

Ich bin auch damit einverstanden“, äußerte sich Alexander nun dazu. „Denn jeder Organismus ist erst dann wirklich tot, wenn man ihm das Haupt abschlägt. In unserem Fall ist der Zar das Oberhaupt des Organismus, der als Regierung bezeichnet wird. Ist er tot, bricht die ganze Regierung zusammen“.

Einverstanden“, sagte Anna.

Das geschah aber 1881 nicht; damals war es vergebens. Den getöteten Alexander den Zweiten ersetzte auf dem Thron dessen Sohn Alexander der Dritte, der jetzige Zar“, sagte Generalow.

Damals hat man viele Fehler gemacht, diese dürfen sich nicht wiederholen. Wir müssen auch einen Plan für die Machtübernahme vorbereiten“, sagte Ossipanow.

Wie aber übernehmen wir die Macht?“ fragte erneut Generalow. „Haben wir erst den Zar getötet, was tun wir danach? Die Beamten, die Armee, Polizei, Gendarmerie – all diese sind noch lebendig“.

Es gibt schon viele unter den Arbeitern, die auf unserer Seite sind. Nachdem wir den Zar getötet haben, organisieren wir zunächst einen Volksrat, aus den Arbeitern bilden wir die revolutionären Truppen und bewaffnen diese“, stellte nun Ossipanow seine Position vor.

Und können denn die bewaffneten Arbeiter erfolgreich gegen die Armee kämpfen?“ fragte Generalow wieder skeptisch.

Warum sollte die Armee gegen die Arbeiter kämpfen?“ stellte Ossipanow die Gegenfrage. „Wer sind denn die Arbeiter – es sind die ehemaligen Bauern, die ihre Dörfer verlassen haben, um mit einer sehr schweren Arbeit ihr Brot zu verdienen. Und wer sind die Soldaten – es sind die ehemaligen Bauern, die für die Armee rekrutiert wurden. Warum sollten sie dann quasi gegen sich selbst kämpfen?“

Wie müssen die Agitation unter den Arbeitern verstärken und diese auch unter den Soldaten beginnen“, sagte Schewyrjow dazu.

Wie soll es dann in den Provinzen vor sich gehen?“ fragte wiederum Generalow.

In den Provinzen wird es ungleich einfacher“, antwortete ihm erneut Ossipanow, „wir erklären dem Volk, dass nun Grund und Boden ihm gehört. Warum sollten sie dagegen sein?“

Jetzt kommen wir zum Schluss: ich möchte, dass auch die heutige Versammlung einen Beschluss fasst, wenn ihr nicht dagegen seid“, erklärte jetzt Alexander.

Ja mach das, Sascha“, sagten die anderen.

Alexander fuhr fort:

Auf der heutigen Versammlung wurde der rote Terror als einzige Methode unseres Kampfes angenommen. Wir beginnen damit, ein Attentat auf den Zar selbst vorzubereiten und durchzuführen. Hebt jetzt bitte die Hände, wer damit einverstanden ist“.

Alle hoben die Hand.

Einstimmig angenommen“, sagte Alexander. „Deswegen ist es unnötig die Frage zu stellen, wer dagegen ist und wer sich enthalten hat. Jetzt die andere Frage: wann sollen wir mit den Attentats-Vorbereitungen anfangen? Bald beginnen die Winterferien. Mein Vorschlag wäre, Ende Januar mit den Vorbereitungen anzufangen. Wer ist damit einverstanden?“

Wieder hoben alle die Hand.

Wieder einstimmig angenommen“, plauderte Alexander. „Ich erkläre hiermit die Versammlung geschlossen“.

Anfang Januar 1887 kamen Alexander und Anna wieder nach Hause, aber nur für eine Woche. Die Mutter bemerkte das Alexander und Anna irgendwie nachdenklich schienen. Sie erklärte sich das damit: beide seien erschöpft nach den Prüfungen und dem langen Weg und bräuchten Erholung. Maria Aleksandrowna bemühte sich deswegen auch dieses Mal sehr darum, den beiden älteren Kindern ihr hausgemachtes Essen und Erholung anzubieten und alle ihre Gedanken kreisten um diese Beiden.

Andererseits wurde Alexander in den Diskussionen mit Wolodja, die der jüngere Bruder wieder gerne mit ihm führen wollte, immer verbissener. Damit erstaunte er Wolodja auch immer mehr, aber dieser wollte nicht, sich gegen den älteren Bruder mit der gleichen Härte durchsetzen.

Ich denke, dass der Zar zu gutherzig ist“, fing eines Tages wieder Wolodja beim Frühstück an. „Die Verbrecher müssten härter bestraft werden“.

Die wahren Verbrecher aber, die, die es verdient haben“, korrigierte ihn Alexander.

Die es verdient haben, natürlich! Wie könnte es anders sein?“ die Erklärung des älteren Bruders verwunderte Wolodja erneut.

Hier mischte sich Anna ein:

Alexander meint, dass die Urteile nicht immer entsprechend sind“.

Wieso?“ Wolodja zog die Schultern hoch.

Zum Beispiel, wenn es um Korruption geht“, antwortete Alexander. „Es gibt viele Korrupte unter den Gerichtsbeamten: ob das nun die Staatsanwälte sind, selbst unter den Richtern oder sogar die Vollstrecker“.

Was kann der Zar dafür, wenn ein Beamter korrupt ist?“ Wolodja war wieder einmal mit dem ältesten Bruder nicht ganz einverstanden.

Wäre der Zar gerecht, könnten seine Beamten nicht korrupt sein“, antwortete ihm Alexander. „Denn auch hier ist alles miteinander verbunden: an der Spitze sitzt der Zar, um ihn herum sind die Hofleute, die Minister, der Polizei-Chef und der Gendarmerie-Chef. Das sind diejenigen, die den Willen des Zaren überall umsetzen, auch in den Provinzen. Und was ist dieser Wille, weiß du: die Reichen zu unterstützen, das Volk noch stärker zu unterdrücken. Das ist alles, darum nur geht es“.

Ein anderes Mal fragte Wolodja ihn danach, was die Wahrheit sei.

Die Wahrheit ist immer anders als wir denken“, sagte ihm Alexander. „Man kann nur dann zur Wahrheit gelangen, wenn man viel gelesen und viel nachgedacht hat“.

Aber, Sascha, das letzte Mal sagte der Priester in der Kirche, dass der Mensch die Wahrheit nicht erkennen könne. Denn die Wahrheit sei Gott selbst und Gott sei unerkennbar…“

Wolodja! Man kann die Wahrheit wirklich nicht erkennen, wenn man nichts dafür tut. Die Wahrheit kann man nur selbst erkennen: durch Lesen und Denken und auch dann nur mit Einschränkungen. Jemand, der ein bequemes Leben führen will, kann die Wahrheit nicht erkennen. Dein Priester, zum Beispiel. Ihr geht alle mit der Mutter jeden Sonntag in die Kirche, die Mutter spendet jedes Mal etwas Geld wie alle anderen auch. Was macht der Priester mit diesem gesammelten Geld? Was denkst du? Er nimmt das alles für sich. Wenn auch nicht alles, dann doch den größten Teil. Und dann erzählt er, dass die Wahrheit unerkennbar sei. Er will nicht, dass jemand solch eine Wahrheit entdeckt, dass er dahinter kommt, was er mit dem in der Kirche gesammelten Geld macht. Er ist deswegen gegen die Wahrheit! Zunächst muss man diese kleinen Wahrheiten sehen und verstehen können, nur so kann man auch zur großen Wahrheit kommen, zur absoluten Wahrheit“.

Wolodja hatte früher nie solche Worte von Sascha gehört und konnte nicht verstehen, warum jetzt Sascha so verändert war.

Das Unverständnis unter den Brüdern wuchs weiter. Wladimir wurde vor allem durch diese Erläuterungen des älteren Bruders verwirrt: die Kirche solle nicht mit dem Zarenhaus verbunden sein und der Mensch müsse selbst entscheiden, ob er die Kirche besuchen will oder nicht. Wladimir sah aber selbst wie der Kirchenbesuch der Mutter half, selbst die Gespräche mit dem Priester. Ohne Religion könnte sie die ganze Last der Familie nicht durchstehen. Und die Heilige Zarenmacht! Wieso steht nun sein Bruder ihr so kritisch gegenüber? Er fand Alexander nach wie vor großartig und unvergleichbar, hörte ihm weiterhin begeistert zu, konnte aber immer seltener dessen Erklärungen zustimmen.

Jetzt erzählte Alexander ihm von Buch Raditschews „Eine Reise von Moskau nach Petersburg“, von den Gedichten Rylejews, von Pestel und seinem Verfassungsentwurf „Russisches Gesetz“. Noch dazu von einem Mann, der in London lebte: Alexander Herzen. Er sagte selbst, dass diese Bücher verboten und ihre Autoren als „außerhalb des Gesetzes stehend“ erklärt worden seien. Wladimir machte sich manchmal Gedanken wegen Alexander, denn es war ihm bekannt, dass öfter junge Leute verfolgt und festgenommen wurden, wenn die Behörden bei ihnen revolutionäre Stimmung entdeckten. Er hoffte aber sehr, dass Gott es nicht zuließe, dass seinem Bruder etwas geschähe: denn die Mutter würde das nicht überleben. Wolodja wollte mit Alexander noch Gespräche, – die für ihn wichtig waren -, über sein künftiges Jura-Studium führen, er fuhr aber schon Mitte Januar mit Anna zusammen wieder nach Petersburg zurück.

Zwei Monate später, Mitte März, am letzten Schultag vor den Osterferien rief die Lehrerin am Gymnasium Wera Kaschkadamowa Wolodja zu sich und gab ihm einen Brief für die Mutter:

Wolodja“, sagte sie. „Diesen Brief an Deine Mutter schickte mir jemand aus Petersburg. Hier steht, dass Alexander und Anna festgenommen seien. Es gab in Petersburg wieder einen Versuch den Zar zu töten. Die beiden werden verdächtigt, unter den Verschwörern zu sein. Ich denke aber, das ist ein Irrtum. Denn wir alle wissen, wie Anna und Alexander erzogen sind. Das passiert öfter, wenn ein Attentat stattfindet: man nimmt alle fest, die in der Nähe waren und nur an der falschen Stelle die Straße überquert haben. So gib das auch an Maria Alexandrowna weiter. Du bist jetzt das älteste der Kinder, wenn Anna und Alexander nicht da sind. Sag der Mutter, auch in meinem Namen, dass das alles sicherlich ein Irrtum sei. Anna und Alexander müssen bald wieder freigelassen werden“.

Wolodja war sehr besorgt über das, was ihm die Lehrerin erzählt hatte. Unterwegs öffnete er den Brief und las ihn selbst nochmal. Sie seien der Mordverschwörung gegen den Zar verdächtig? Wie konnte so etwas sein? Könnte sein Bruder gegen die Heilige Macht die Hand erheben? Nein, daran glaubte er nicht. Es könnte sein, dass die Polizei ihn mit einem Revolutionär verwechselt hat: es wird sich bald aufklären. Wieso aber hat man Anna festgenommen? Die Untersuchung braucht das vielleicht, das ist ja eigentlich nur Untersuchungshaft, für die beiden.

Als Wolodja eintrat, war die Mutter mit der Dienerin beschäftigt: Maria Alexandrowna erklärte ihr gerade, warum sie mit deren Arbeit nicht ganz zufrieden sei und was diese anders tun solle.

Mama“, sagte Wolodja zu ihr, „ich muss Dich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen “.

Gut, fang jetzt an und ich komme dann, um alles nochmals nachzuprüfen“, sagte Maria Alexandrowna zur Dienerin und schickte sie wieder an die Arbeit.

Was gibt es, Wolodja?“ fragte sie ihren Sohn.

Wolodja reichte ihr den geöffneten Brief:

Mama, du solltest dir auf keinen Fall Sorgen machen. Das ist eher ein Missverständnis. Das benötigt aber die Untersuchung“.

Maria Alexandrowna nahm den Brief an sich und ging in ihr Zimmer:

Ich muss meine Penzinne holen“.

Es waren nur wenige Minuten vergangen, als Wladimir aus dem Zimmer der Mutter einen lauten Aufschrei und Stöhnen hörte…

      Wolodja Uljanow

Einst, sechs Jahre vorher, erschreckte Alexander Wladimir durch die Nachricht:

Hast Du schon gehört, Wolodja, die Revolutionäre vom „Volkswille“ haben den Zar getötet! Sofia Perowskaja hat alles geleitet! Ich gehe jetzt um über das Weitere zu erfahren.“

Als Wolodja dies hörte, rannte er ins Zimmer der Mutter und schrie, aufgewühlt:

Mama, Mama, hast du gehört, die Revolutionäre haben den Zar getötet!“

Maria Alexandrowna war gerade beim Gebet, neben ihr standen die jüngeren Geschwister Wladimirs.

Oh Gott, behüte uns, schütze und rette uns! Für die Kinder vor allem bitte ich Dich, oh Allmächtiger, um Deinen Schutz!“

Die Mutter kniete vor der Ikone der Gottesmutter mit dem Jesuskind, war tief traurig, wischte sich ihre Tränen mit dem Handrücken aus den Augen und fuhr fort im Gebet.

Wolodja, Wolodja, komm zu mir, mein Junge!“ die Mutter rief ihn zu sich. „Wo ist Alexander?“

Wladimir sagte, dass der Bruder schon aus dem Haus gegangen sei.

Er muss auch zum Beten herkommen“, verlangte die Mutter.

Dann beteten alle Kinder zusammen mit der Mutter zu Gott, baten ihn um Frieden und Glück für die Familie…

Wolodja hatte eigentlich nur noch zwei Wochen Ferien, doch der Direktor erlaubte ihm noch einen weiteren Monat Abwesenheit: der Leiter des Gymnasiums, Fjodor Kerenski, war ein Freund seines verstorbenen Vaters und zeigte nun auch Verständnis der Familie gegenüber. So fuhr Wolodja mit der Mutter zusammen zu den Verwandten nach Petersburg; sie wollten dort Alexander sehen und die Gerichtsversammlungen besuchen.

Das erste Treffen mit dem gefangenen Alexander wurde ihnen schwer gemacht: alle fünfzehn gefassten Attentäter landeten in der Festung Schliesselburg; man wollte sie dort bis zum Ende des Prozesses und der Verkündung des Gerichtsurteils wie politische Gefangene behandeln. Aber trotzdem gelang es der Mutter und Wolodja, einen Besuch zu erwirken. Die Mutter brach in Tränen aus, als sie ihn sah, aber Alexander selbst war sehr ruhig und gefasst, er benahm sich so, als sei mit ihm gar nichts geschehen. Über die Details seiner Festnahme wollte er nichts erzählen, Wolodja gelang es dennoch, mehr darüber zu erfahren, mit welcher Gruppe der Revolutionäre sein Bruder Verbindung hatte. Mit dem „Volkwille“, natürlich, mit wem denn sonst?..

Zu der letzten Gerichtsverhandlung wurden die Verwandten nicht zugelassen. Und einige Tage später erfuhren sie, dass das Gericht alle fünfzehn Teilnehmer am geplanten Attentat auf den Zar zum Tode verurteilt habe. Die Mutter war untröstlich, ihre Tränen trockneten nie. Trotzdem versuchte sie sich vor den Verwandten, wie immer, tapfer zu zeigen.

Eines Tages war die Gräfin Orzhewskaja zu Gast bei den Verwandten der Mutter. Der Gatte der Gräfin arbeitete im Volksministerium und hatte den verstorbenen Ilja Nikolajewitsch auch gut gekannt. Sie versuchte die Mutter zu trösten und zum Schluss übergab sie ihr einen Brief an den General Orzhewski, einen Cousin ihres Gatten, der wiederum ein Freund des Innenministers, des Grafen Tolstoj, war.

Schon bald nachdem Maria Alexandrowna den Brief der Gräfin zusammen mit ihrer eigener Bitte an ihn geschickt hatte, erhielt sie eine Antwort vom General: Graf Orzhewski sei bereit sie zu empfangen.

General Orzhewski empfing sie, nachdem Wladimir mit der Mutter einen halben Tag im Vorzimmer auf ihn gewartet hatte.

Als sie eintraten, schüttelte Orzhewski den Kopf:

Es ist sehr schade, dass unsere Kinder manchmal so einen falschen, gefährlichen und sündigen Weg gehen“.

Dann nahm er einen Stapel Papiere vom Tisch auf und blätterte in diesen.

Hm… jetzt sehen wir doch mal…“, sagte der General und las laut vor: „Ilja Nikolajewitsch Uljanow. Zeigte sich von der guten Seite als Lehrer am Gymnasium in Nizhni Nowgorod, danach auch als Inspekteur der Volksschulen in Simbirsk, später sogar als deren Direktor. Immer zeigte er Treue gegenüber Ihrer Kaiserlichen Hoheit und brachte das auch in den Schulen seinen Schülern bei. Gestorben am Bluterguss ins Hirn …“

Der General stand auf, lief eine Minute im Zimmer auf und ab und wandte sich dann an Maria Alexandrowna:

Gar nicht schlecht: Ihr Ehemann war ein würdiger, throntreuer Mensch. Sein Sohn wurde aber zum Revolutionär! Gab es von der Seite Ihres verstorbenen Gatten oder von Ihrer Seite jemand, der früher eine Verbindung zu den Revolutionären hatte?“

Nein, auf keinen Fall, Euer Wohlgeboren“, antwortete Maria Alexandrovna unter Tränen, „weder von meiner Seite noch von der Seite des verstorbenen Ilja Nikolajewitsch gab es irgend jemanden, der sich gegen die Ordnung gestellt hätte. All unsere Verwandten sind gehorsame, throntreue und gläubige Menschen“.

Sie begann erneut zu weinen.

Gut, Maria Alexandrowna“, antwortete General. „Ich werde dann selbst für Ihren Sohn vor Ihrer Kaiserlichen Hoheit Führsprache halten und darum bitten, das Todesurteil durch zehn Jahre Zwangsarbeit in Sibirien zu ersetzen. Nach fünf Jahren kann sich Ihr Sohn dort frei ansiedeln und wenn er sich für weitere fünf Jahre von seiner guten Seite zeigt und den Kontakt zu den Revolutionären wirklich abbricht, kann er zurückkommen…“, Der General seufzte. „Er ist noch jung, er kann in dieser Zeit seine Sünde büßen, seinen eigenen Fehler und Irrtum einsehen und dann wieder auf die Beine kommen“.

Vielen Dank, Euer Wohlgeboren“, Maria Alexandrowna versuchte ihre Träne jetzt zu unterdrücken. „Ihr wisst nicht, wie dankbar ich Euch bin. Trotzdem fasse ich den Mut Euch noch etwas zu fragen: wie groß ist die Möglichkeit, dass Ihre Kaiserliche Hoheit einverstanden sein werden, das Gerichtsurteil zu ändern“.

Alle wissen, dass General Orzhewski sich nicht für jeden einsetzen würde. Das weiß Ihre Kaiserliche Hoheit auch. Bis jetzt wurde es nie abgelehnt, wenn ich mich für jemanden einsetzte. Auch diesmal wird es nicht anders sein. Seien Sie bitte beruhigt. Was ich von Ihnen nur noch brauche, ist die Bittstellung an den Zaren. Diese muss Ihr Sohn selbst schreiben. Sie könnten dann alles andere mir überlassen“.

Die Mutter bedankte sich beim General sehr herzlich, sie wollten schon gehen als der General sich an Wladimir wandte:

Sie sind der Bruder des Revolutionärs Alexander Uljanow, nicht wahr, mein Herr?“

Das stimmt ganz genau, Euer Wohlgeboren“, antwortete Wladimir, ohne zu verstehen, worauf der General mit dieser Frage an ihn abzielte.

Wie alt sind Sie denn?“ fragte der General wieder.

Ich werde bald siebzehn, Euer Wohlgeboren“, antwortete Wladimir.

Welche Beschäftigungen haben Sie, mein Herr?“ fragte jetzt Orzhewski.

Er wird bald das Gymnasium beenden“, antwortete die Mutter für den Sohn; auch sie konnte nicht verstehen, wozu der General das alles fragte.

Wollen Sie wohl auch ein Studium beginnen?“

Ja, ich will Jura studieren“, sagte Wladimir.

Das ist schön, sehr schön“, sagte General, „was kann besser sein als die jungen Leute ins Studium zu schicken? Aber…“ Orzhewski hörte auf zu reden und dachte eine Zeitlang an etwas. „Aber warum gibt es immer mehr Revolutionäre unter den Studenten? Das ist die Wirkung der Propaganda der Feinde Russlands. Überall, auch in Europa haben jetzt alle erkannt, dass wir bald das mächtigste Reich der ganzen Welt werden und sie wollen das verhindern. Sie agitieren unsere Kinder, hetzen sie auf gegen das Russische Reich, versuchen sie dazu zu bringen, sich gegen unseren heiligen Staat zu stellen. Und sie wollen durch die Hände unserer eigener Kinder Ihre Kaiserliche Hoheit jetzt umbringen lassen. Das haben ja einige sogar vor sechs Jahren geschafft, – den Zar zu töten! Die Hand gegen Ihre Kaiserliche Hoheit zu erheben heißt die Hand gegen Gott selbst zu heben!“ Der General wurde nun wütend. “Die Feinde Russlands schaffen aber es nicht, unser Land in die Knien zu zwingen!“ Dann wandte er sich wieder an Wladimir: „Seien Sie, mein Herr, vorsichtig! Lassen Sie sich nicht von der feindlichen Propaganda beeinflussen. Adieu meine Herrschaften!“

Als Maria Alexandrowna mit Wladimir zusammen Alexander wieder im Gefängnis besuchte, berichtete sie von ihrem Besuch und ihrem Erfolg beim Grafen Orzhewski. Sie teilte Alexander die freudige Nachricht mit, dieser lehnte jedoch das Gnadengesuch ab. Die beiden versuchten ihn zu überreden, aber alles Bitten war vergeblich.

Maria Alexandrowna war jetzt völlig verloren und hoffnungslos und konnte nicht mehr davon ablassen, auch vor den Verwandten unaufhörlich zu weinen. Wladimir saß immer neben ihr und versuchte sie zu trösten. Dann sagte er zur Mutter:

Wir haben noch etwas Zeit, die Petition zu stellen. Ich gehe alleine um mit Alexander zu sprechen, bevor ich nach Simbirsk zurückfahre“.

Die Mutter weinte nur weiter, statt etwas dazu zu antworten.

Wladimir bekam bald erneut die Erlaubnis zu einem Treffen mit dem Bruder in dessen Zelle in der Festung Schliesselburg.

Sascha, ich bin gekommen, um dich darum zu bitten, deine Entscheidung zu ändern. Wenn du diese Petition an den Zar richtest, wird das Gerichtsurteil geändert, du wirst nach Sibirien geschickt, statt aufgehängt zu werden“, sagte er dem ältesten Bruder.

Was bedeutet es schon, wenn ich, ein Revolutionär, der den Zar töten wollte, aufgehängt werde? Wenn das russische Volk täglich dieses Schicksal erleidet? Würde ich eine Bitte um Vergebung schreiben, würde das bedeuten, dass sie gewonnen hätten. Nein, Wolodja! Niemals werde ich das tun! Das verspreche ich euch!“

Sascha! Aber die Mutter! Du kannst dir nicht vorstellen, wie unglücklich sie ist. Sie überlebt es nicht, wenn du hingerichtet wirst“.

Nein, Wolodja, auch wegen der Mutter nicht… Es gibt niemanden, für den ich meine Entscheidung ändern würde“.

Wenn nicht für die Menschen, dann vielleicht für Gott … denn es ist eine Sünde, wenn man sein eigenes Leben nicht rettet…“

Für Gott?“, Alexander lächelte bitter. „Das ist auch eine Sünde vor Gott, wenn man die schreiende Ungerechtigkeit sieht und sie zulässt“.

Du sollst aber diese Bittschrift an den Zar richten, Sascha, glaube mir. Wenn nicht wegen der Mutter, dann wegen deiner jüngeren Geschwister. Denke nach: was wird mit denen geschehen, wenn es die Mutter nicht mehr gibt“.

Gut! Ich schreibe die Petition an den Zaren, aber nur wegen unserer Mutter und der kleinen Geschwister. Morgen wird sie fertig sein“, sagte Alexander.

Wladimir kehrte sehr freudig zurück; er war stolz, dass er es geschafft hatte, den Bruder zur Bittstellung zu überreden. Am nächsten Tag besuchte er gemeinsam mit der Mutter erneut das Gefängnis und holte die Bittstellung ab. Alexander hatte geschrieben:

Eure Kaiserliche Hoheit! Es ist mir vollkommen bewusst, dass der Charakter und die Eigenschaften der von mir geplanten Tat und meine Beziehung dazu mir weder das Recht noch den moralischen Grund dafür liefern, sich an Eure Hoheit mit der Bitte um Erleichterung meines Schicksals zu wenden. Aber ich habe Mutter, deren Gesundheit in den letzten Tagen stark geschwankt hat, und die Vollstreckung des Todesurteils an mir würde ihr Leben in ernsteste Gefahr bringen. Im Namen meiner Mutter und meiner minderjährigen Geschwister, die keinen Vater mehr haben und in ihr den einzigen Halt finden, habe ich mich entschlossen, Eure Hoheit darum zu bitten die Todesstrafe durch irgendeine andere Strafe zu ersetzen. Eure Gnade wird die Kräfte und die Gesundheit meiner Mutter zurückholen. Sie wird so ihrer Familie zurückgegeben, für die ihr Leben so sehr wertvoll ist, und mich wird dies vom qualvollen Bewusstsein befreien, dass ich zum Grund des Todes meiner Mutter und des Unglücks über meine ganze Familie werde.

Alexander Uljanow“.

Die Mutter war außer sich vor Freude, nachdem sie die Bittstellung Alexanders gelesen hatte und wollte nun den General Orzhewski erneut treffen.

Der General empfing Maria Alexandrowna und Wladimir ein zweites Mal und versprach ihnen alsbald alles zu erledigen. Danach fuhr Wladimir wieder nach Simbirsk zurück, die Mutter blieb noch für eine gewisse Zeit in Petersburg.

General Orzhewski schickte Alexanders Bittstellung zusammen mit seiner eigenem Befürwortung an die Sonderkommission des Senats, die auch das Todesurteil für alle fünfzehn Revolutionäre gefällt hatte. Diese leitete Alexanders Petition an den Zar weiter. Jetzt musste der Zar die Bestrafung für jeden Verurteilten bestätigen.

Eines Tages rief der Zar General Orzhewski zu sich.

Wie kann es sein, Graf, dass Ihr Euch für jemanden einsetzt, der ein allerschlimmster Terrorist ist?“ fragte der Zar.

Ich verstehe, Eure Kaiserliche Hoheit! Ich hatte nur deshalb den Mut Euch darauf aufmerksam zu machen, weil der Vater Uljanows ein sehr treuer, verdienter Mensch war, und die Mutter dann mit den minderjährigen Kindern alleine wäre …“, sagte Orzhewski.

Es geht aber um deren Sohn!“ unterbrach ihn der Zar unwirsch, „es ist Euch doch bekannt, Graf, dass ich am Anfang überhaupt gegen den Gerichtsprozess war? Ich empfahl, alle Beteiligten in der Festung Schliesselburg einzusperren und sie dort für viele Jahre zu vergessen“.

Ja, das ist mir bekannt, Eure Kaiserliche Hoheit“.

Wisst Ihr warum ich meine Meinung geändert hatte? Deswegen!“

Der Zar zeigte Orzhewski mehrere Papiere mit langen Listen.

Das ist das Programm der so genannten „Terroristischen Fraktion des „Volkswille!“ setzte der Zar fort. „Und das hat kein anderer, sondern Uljanow selbst geschrieben. Die Untersuchung hat festgestellt, dass der Leiter des Vereins Pjotr Schewyrjow war. Aber dessen Ideologe ist Uljanow! Außerdem war Schewyrjow in Jalta, als man es plante, hier auf mich eine Bombe zu werfen, und das alles hat Uljanow geleitet. Und so jemanden soll ich begnadigen?“

Der Zar hatte recht: Uljanow hatte die Leitung der Vorbereitung des Attentats auf den Zaren übernommen, nachdem er gegen Ende Januar 1887 aus Simbirsk zurückgekehrt war. Zu seinem großen Erstaunen fand er Schewyrjow nicht mehr in Petersburg vor. Nach den Worten Andrejuschkins hatte sich dieser nach Jalta begeben, um seine Tuberkulosen behandeln zu lassen. Man durfte aber keine Zeit mehr verlieren.

Man sollte nun die Bomben herstellen. Ein Mitglied des Vereins, Olga Ananjina, war bereit, das Sommerhaus der Familie, hinter Petersburg gelegen, dafür zur Verfügung zu stellen. Alexander und Andrejuschkin brachten dorthin die nötigen Sprengstoffe und Zünder, um die Bomben herzustellen.

Ende Februar versammelten sich die Vereinsmitglieder wieder in der Wohnung Andrejuschkins. Alexander leitete die Versammlung und teilte allen mit:

Die Bomben sind bereits fertig. Andrejuschkin, Generalow und Ossipanow werden die Bomben auf den Zar werfen. Gorkun und Kantscher müssen auf der Straße warten und sobald der Wagen des Zaren erscheint, müssen sie den Werfern sofort ein Zeichen geben. Die Route des Zaren haben wir schon festgestellt: am 28. Februar muss der Zar zur Kasaner Kathedrale fahren. Wie stets, führt seine Route über die Newa Allee“.

Alexanders Plan wurde wiederum einstimmig angenommen.

Am 28. Februar, früh am Morgen, schickte Alexander die Signalgeber und Bombenwerfer zur Newa-Allee. Er selbst wartete, mit vielen anderen zusammen, in der Andrejuschkins Wohnung auf Nachricht von ihnen. Der Zar hat sich jedoch entschieden, nicht an diesem, sondern am nächsten Tag zur Kasaner-Kathedrale zu fahren. Uljanow musste nun die ganze Operation am 1. März wiederholen.

Am 1. März 1887 waren es sechs Jahre nach der Ermordung des letzten Zaren durch den „Volkswille“. Das war ein weiterer wichtiger Grund, an diesem Tag die Polizeikontrollen in Petersburg zu verstärken. Die Polizei überwachte allerdings schon lange vorher die verdächtigen jungen Studenten, die bei der Demonstration an Dobroljubows Todestag auf sich aufmerksam gemacht hatten. Ihre Kontakte und ihre Korrespondenz entging ebenso wenig der Kontrolle. Und dies geschah nicht nur in Petersburg.

Gegen Ende Februar fing die Polizei in Charkow einen Brief an den Studenten Nikitin ab und öffnete ihn. Jemand schrieb ihm unter anderem:

Bei uns ist der grausamste Terror möglich, und ich glaube fest, dass das geschieht und in einer sehr nahen Zeit“.

Die Polizisten nahmen Nikitin sofort fest und verhörten ihn. Nikitin gestand, wer ihm diesen Brief geschrieben hatte: ein Student der Petersburger Universität namens Andrejuschkin. Diese Nachricht wurde sofort nach Petersburg telegrafiert. Allerdings begannen die Polizei-Agenten hier erst am 28. Februar damit, die Wohnung Andrejuschkins zu überwachen: dass an diesem Tag viele junge Leute dessen Wohnung besuchten, verstärkte den Verdacht gegen ihn. Am 1. März, morgens früh, richtete der Innenminister Graf Dmitri Tolstoj seinen Bericht an den Zar:

Eure Kaiserliche Hoheit! Gestern wurde der Chef der Sankt Petersburger Geheimabteilung durch seine Agenten davon benachrichtigt, dass ein Verein von Übeltätern beabsichtigt, ein Attentat auszuführen. Zu diesem Zweck verfügen diese über Wurfgeschosse, die ein aus Charkow Stammender von dort geliefert hat“.

Die Polizei wusste allerdings noch nicht genau, ob diese jungen Leute, die sie seit zwei Tagen überwachten, wirklich ein Attentat durchführen wollten, und begann vorsorglich all diese festzunehmen. So gelang es den Polizisten zunächst den Signalgebern Gorkun und Kantscher, bald darauf auch alle Werfern an der Newa-Allee samt deren Bomben habhaft zu werden, und das wenige Stunden vor dem Erscheinen des Wagens des Zaren.

Der Polizeichef erkannte, dass die Signalgeber jünger und unsicherer waren als die Werfer und begann zuerst auf diese harten Druck auszuüben, sie zu verängstigen und ihnen dazu noch etwas zu versprechen:

Ich sehe, dass ihr viel jünger seid als die anderen, die wir mit den Bomben erwischt haben. Wenn ihr alles offen gesteht und erzählt, was ihr über die Organisatoren des Attentats wisst, passiert euch nichts. Wenn aber ihr das nicht tut, lasse ich die anderen laufen und mache euch beiden an allem schuldig. Dann werden nur ihr Beide aufgehängt, die anderen aber werden freigelassen“.

Das wirkte tatsächlich auf die jungen Leute und es dauerte nicht lange bis sie alles gestanden; sie erzählten alles, was sie über den Verein, dessen Leiter und seine Mitglieder wussten. Aufgrund dieser Geständnisse wurde Uljanow festgenommen und Schewyrjow aus Jalta nach Petersburg überstellt. Danach führte die Polizei Massenverhaftungen durch und nahm in wenigen Tagen fast hundert junge Leute fest.

Die Untersuchung dauerte nur zwei Wochen, und nach deren Beendigung wurden nur fünfzehn Menschen vom Gericht angeklagt. Diese waren außer den Leitern des Vereins, wie Schewyrjow und Uljanow, die Bombenwerfern und Signalgebern, auch noch diejenigen, die bei der Lieferung der Sprengstoffe und der Herstellung der Bomben sowie bei der Vorbereitung der Terroraktion mitgeholfen hatten. Mehrere andere bekamen administrative Bestrafungen; unter ihnen war auch Anna Uljanowa, die für fünf Jahre nach Sibirien verbannt wurde.

Innenminister Tolstoj wurde bald darauf vom Zar empfangen. Der Innenminister gab dem Zar seinen ergänzten Bericht zu den Geschehnissen an diesem Tag.

Eure Hoheit“, sagte der Innenminister, „nachdem die Polizei alle Verdächtigen festgenommen hat, besteht keine Gefahr mehr durch die Verschwörer. Um unnötige Gerüchte zu vermeiden, wollte ich Eure Hoheit um die Erlaubnis bitten, einen Sonderbericht über das Geschehene vorzubereiten“.

Ich bin einverstanden, Graf! Ich lese Euren Bericht aufmerksam und verfasse daraufhin eine Resolution “.

Nachdem der Innenminister gegangen war, las der Zar den Bericht und überlegte: Wieso soll man wirklich die jungen Leuten, diese Studenten vor Gericht stellen? Unter ihnen gibt es bestimmt solche, die in der Zukunft Russland gut dienen können und etwas zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen können.

Zar Alexander verfasste dann eine Resolution als Antwort auf den Bericht des Innenministers:

Ich billige es völlig, und es wäre besser, diesen Arrestanten keine besondere Bedeutung beizumessen. Meiner Meinung nach, sollte man von ihnen alles, was nur möglich ist, herausbekommen, sie aber nicht vor Gericht stellen, sondern ohne unnötiges Aufsehen in die Festung Schliesselburg schicken: das wäre die stärkste und unangenehmste Bestrafung für jene“.

Einige Tage später bekam der Zar jedoch „Das Programm der Terrorfraktion der Partei „Volkswille“ in seine Hand. Nachdem Russlands Herrscher das durchgelesen hatte, reagierte er äußerst empört und schrie:

Ich dachte, das sind harmlose junge Studenten, die nur von der Idee der „Volkswille“ – Terroristen angesteckt sind! Diese haben jedoch noch weit schlimmere Ideen, als die alten „Volkswille“ – Terroristen!“

Dieser Alexander Uljanow! Wie kam ausgerechnet er dazu, diese extrem gefährlichen Ideen zu entwickeln?

Der Zar verfasste eine Resolution als Antwort auf das Programm Uljanows:

Das sind nicht die Notizen eines Verrückten, sondern eines echten Idioten!“

Graf Tolstoj bereitete bald wieder einen Bericht an den Zar über diese Ereignisse vor, vertieft und weiter ergänzt. Diesen ergänzte er durch die Auskünfte über die Festgenommenen. Als Alexander der Dritte das alles gelesen hatte, erinnerte er sich wieder an das Attentat, das sechs Jahre vorher durchgeführt worden war. Seinen Vater, tödlich verletzt von den Bombenwerfern am Newa-Ufer, brachte man an den Hof zurück. Der Thronfolger, Zarewitsch Alexander saß neben ihm am Bett, auf dem der Zar lag, dessen Körper von Bomben zerrissen war, und hielt die Hand seines Vaters fest in seiner Hand.

Alexander, du muss immer sehr vorsichtig sein“, flüsterte ihm der sterbende Zar zu. „Die werden immer mehr, diese Revolutionäre… Gott schütze Dich…“

Darauf schwieg der Vater, einige Stunden später starb er.

Dieses Mal rettete uns Gott! Wie lange aber noch?“ schrieb der Zar an seinen Innenminister zurück. „Ich danke den Polizisten aller Ränge, dass sie nichts versäumten und so erfolgreich handelten. Wenn Ihr etwas mehr erfahrt, schickt mir auch das bitte sofort zu“.


Maria Alexandrowna und Wolodja besuchten die Gerichtsversammlungen und hörten aufmerksam zu, was man dort sagte. Die Sonderkommission des Senats führte nicht nur den Gerichtsprozess, sondern stellte noch die Beschuldigungen den abgesichteten Attentätern. Einer der Senats-Mitglieder stellte Alexander die Frage:

Herr Uljanow, Sie kommen aus einer vorbildlich frommen, adligen und reichen Familie. Ihr Vater war Staatsrat, ein sehr zarentreuer und verdienter Mann. Für Sie selbst ist man an der Universität des Lobes voll; sie waren Sekretär des Gelehrtenrates der Universität – als Student bekommt man solche Position sehr selten – Sie haben eine Goldmedaille für Ihre Arbeit bekommen und waren schon auf dem Weg zu Ihrer Dissertation. Wir haben auch gehört, dass so bekannte Gelehrte wie Professor Dmitri Mendelejew und auch noch andere Professoren Sie unbedingt für ihre Lehrstühle gewinnen wollten. In ein paar Jahren wären Sie dann selbst Professor geworden. So eine hervorragende Karriere in einer kurzen Zeit! Was hat Sie aber dazu bewegt, aus diesem Weg auszusteigen und ein Attentat gegen Ihre Kaiserliche Hoheit vorzubereiten, ein Programm für die Verbreitung des Terrors zu schreiben, anstatt weiter über Ihre Ringelwürmer zu forschen? Vielleicht wollen Sie eine Reue-Erklärung abgeben, das würde Ihnen auch die Schuld mindern und sie könnten auf eine mildere Bestrafung erhoffen“.

Alexander stand neben den vierzehn weiteren Beschuldigten, hinter dem Gitter im Gerichtssaal. Nun stand er auf und sprach:

Sehr geehrte Senatsmitglieder, sehr geehrte Anwesende! Es gibt unter uns viele, die ein gutes, sattes Leben führen, sich nur mit sich selbst beschäftigen und nie daran denken, wie es den anderen ergeht. Auch mein Leben verlief lange Zeit so, bis mir eines Tages die Augen geöffnet wurden. An jenem Tag habe ich verstanden, wie unglücklich das Volk Russlands ist. Es gibt zwar keine Leibeigenschaft mehr in unserem Land. Aber das Leben der Bauern in den Provinzen wurde dadurch nicht erleichtert, auch nicht nach der Abschaffung der Leibeigenschaft. Weil man die Bauern befreit hatte, ohne ihnen eigenes Land zu geben. Ohne Grund und Boden kann ein Bauer nicht frei sein! Wovon soll er denn leben, wenn er nirgends ein Feld zu beackern und einzusäen hat? Heute ist der russische Bauer weiterhin von seinem Gutbesitzer abhängig wie zuvor: und die Gutbesitzer handeln sie noch immer wie Sklaven, lassen sie sehr schwere Arbeit für einen handvollen Weizen zu vernichten. Und diejenigen, die ihre Dörfer verlassen haben, müssen heute für ein Stück Brot, Sklavenarbeit in den Fabriken verrichten. Manchmal arbeiten diese zwei-drei Tage durch, ohne sich erholen zu können! Sie haben Recht, Herr Richter: ich wäre in ein paar Jahren selbst Professor, ich würde vielleicht weltberühmt werden wegen meiner Forschungen über die Ringelwürmern. Aber dadurch könnte ich das Leben des russischen Volks nicht erleichtern! Wie kann ein Gelehrter glücklich sein, wenn sein Volk unglücklich ist? Wie kann man überhaupt glücklich sein, wenn man immer wieder die Leiden seines Volkes sieht?“

Und soll das der Grund sein, dass ein Gelehrter zum Terroristen wird?“ fragte ein anderes Senatsmitglied.

Nein! so denke ich nicht: ich bin überhaupt gegen jegliche Gewalt! Sie wissen das selbst, aus unseren Forderungen, die ich am Anfang an die Regierung gerichtet habe: dort ging es nur um die Grundfreiheiten, deren Einführung man bei uns schon seit Jahrzehnten fordert“.

Nein, ich bin damit ganz und gar nicht einverstanden, Herr Uljanow. Diese Forderungen an die Regierung überschreiten deutlich das, was Sie Grundfreiheiten nennen: das sind revolutionäre Forderungen! Sie hätten sie trotzdem der Regierung unterbreiten können: vielleicht hätte man nicht alles, aber doch das eine oder andere davon wirklich berücksichtigt“, sagte wieder das erste Senatsmitglied.

Das fanden wir aber nicht mehr sinnvoll, nachdem unsere Demonstration zur Erinnerung an den Todestag Dobroljubows von der Gendarmerie gewaltsam aufgelöst wurde. Wir haben gesehen, dass die Regierung für diese Forderungen taub ist und sie würde nichts unternehmen, um im Land irgendetwas zu verbessern. Ich habe schon gesagt, dass ich selbst gegen den Terror war! Wir waren aber in unserer Verzweiflung zum Terror zu greifen. Wir sahen keine andere Möglichkeit mehr, gegen die Regierung und gegen die herrschende Lage zu protestieren. Terror ist nicht die Ursache, Terror ist die Wirkung! Die Wirkung der Politik, die die Regierung ausübt und nichts daran verändern will. Deswegen empfinde ich auch keine Reue: es ging nicht anders“.

Zar Alexander der Dritte unterzeichnete allerdings nur für fünf der fünfzehn Todesurteile; einige wurden nach seiner Entscheidung für viele Jahre in der Festung Schliesselburg gefangen gehalten, die anderen mussten Zwangsarbeit in Sibirien verrichten.

Die Todesurteile mussten im Sommer, in der Festung Schliesselburg vollstreckt werden, – ohne Öffentlichkeit.

In Morgengrauen führten die Scharfrichter alle fünf zu Tode Verurteilten zum Ort der Hinrichtung. Da es nicht möglich war, einen großen mehrschläfrigen Galgen in der Festung zu errichten, reichte dieser nur dafür aus, gleichzeitig drei Verurteilte aufzuhängen. Deswegen mussten zwei von ihnen warten, nämlich Uljanow und Schewyrjow.

Die Henker brachten zunächst die drei Verurteilten zum Galgen. Der Priester ließ sie das Kreuz küssen und betete für die Rettung ihrer Seelen. Als sie auf den Richtplatz stiegen, legten die Henker den Strick um ihren Hals.

Es lebe „Volkswille!“ schrieen nacheinander Andrejuschkin und Generalow.

Nach ihnen wollte auch Ossipanow das gleiche schreien, er schaffte es aber nicht mehr: man zog ihnen schon die schwarzen Hauben über den Kopf, öffnete die Klappe unter ihren Füßen und alle drei fielen bis zum Gürtel hinunter, am Strick baumelnd, und bald darauf waren sie tot.

Uljanow und Schewyrjow wirkten auch sehr gefasst. Schewyrjow schob die Hand des Priesters mit dem Kreuz zurück, Uljanow hingegen küsste das Kreuz und sagte zum Priester:

Beten Sie auch für uns!“

Einige Tage später berichtete man in den Zeitungen über die Hinrichtung der fünf zu Tode verurteilten Verbrecher.

Wolodja erwartete auf die Rückkehr der Mutter aus Sankt Petersburg; sie sollte mit einer guten Nachricht zurückkommen. Darüber, dass das Todesurteil für Alexander für ihn durch Zwangsarbeit in Sibirien ersetzt worden sei.

An einem Tag, Ende Mai, stand Wolodja wieder wie gewohnt morgens früh auf. Er machte Gymnastik, wusch sich, frühstückte und begann sich wieder auf die Prüfungen vorzubereiten. Es war gerade mitten im Abitur und vor ihm lagen noch mehrere Prüfungen.

Kurz nach Mittag erblickte Wolodja durch das Fenster den Sohn des Direktors des Gymnasiums Kerenski, den siebenjährigen Saschka, der offenbar auf dem Weg zu ihm war. Nicht nur der Direktor Kerenski war ein guter Freund von Wolodjas Vater gewesen, sondern es waren auch deren Gattinnen und Kinder freundschaftlich verbunden. Wolodja beschützte zudem den kleinen Saschka gegen die Quälereien der älteren Jungen.

Wolodja öffnete das Fenster:

Ja, was gibt es denn, Saschka? Hat dich wieder jemand verprügelt? Sag mir nur, wer es war!“

Nein, Wolodja! Ich möchte dir heute eine andere Sache mitteilen! Eine sehr wichtige!“ antwortete Saschka.

Ja komm herein. Aber ich habe heute sehr wenig Zeit für dich, ich muss mich auf die Prüfungen vorbereiten“.

Wolodja zog Saschka durch das Fenster ins Zimmer.

Ja, sag mir, was du sagen wolltest, Saschka!“

Saschka holte eine Zeitung hervor, die er unter seinem Hemd versteckt hatte.

Wolodja, die Zeitung brachte gestern Abend der Vater mit nach Hause“, sagte Saschka geheimnisvoll und aufgeregt. „Guck mal was hier steht über deinen Bruder Sascha“.

Wolodja nahm ihm die Zeitung schnell ab und suchte nach der Nachricht, von der der Junge redete. Auf der ersten Seite stand schon mit großen Lettern: „Die fünf Staatsverbrecher wurden in der Festung Schliesselburg aufgehängt“. Darunter stand auch der Name Alexander Uljanow…

Das Haus Uljanows war nun in der tiefen Trauer, man lief und sprach hier viele Tage sehr leise. Die Mutter aß viele Tage selbst kaum etwas, nachdem sie aus Petersburg zurückgekehrt war, und die Kinder aßen auch nur wenig. Man versuchte zwar, die Hinrichtung Alexanders auch weiter vor dessen jüngeren Geschwistern geheim zu halten, sie wussten aber das alles schon; unter den Nachbarn, am Gymnasium sprachen nun alle davon, dass Alexander Uljanow wegen des geplanten Anschlags auf den Zar aufgehängt worden sei.

Jetzt kam zu ihnen kaum noch jemand zu Besuch, selbst ihre Verwandten kamen nicht mehr. Auf der Straße und an der Schule zeigten alle mit Fingern auf sie, als die Mutter und die Geschwister des aufgehängten Attentäters. Die Uljanows wollten auch nicht mehr in Simbirsk bleiben und zogen auf das Familiengut in der Nähe von Kasan, nachdem Wolodja sein Abitur abgeschlossen hatte.

Ende August bestand Wladimir die Aufnahmeprüfung für das Jura-Studium und begann an der Universität Kasan zu studieren. Drei Monate nach Studienbeginn kam es zu einer Demonstration der Studenten in Kasan. Man wollte die Kontrolle über die Studenten verstärken und Verdächtige sogar überwachen. Als Protest dagegen gingen die Studenten auf die Straße, auch Wladimir nahm daran teil. Er gehörte auch zu den festgenommenen Studenten, nachdem die Gendarmerie-Truppen die Demonstration aufgelöst hatten.

Aha, Wladimir Iljitsch Uljanow! Seid Ihr nicht der Bruder Alexander Uljanows?“ fragte ihn der Untersuchungsrichter beim Verhör.

Ja, ganz genau: ich bin es“, antwortete Wolodja.

Jetzt verstehe ich, warum Sie unter den Demonstranten waren, aber das andere verstehe ich nicht: was suchen Sie unter den Studenten? Die Universität ist kein Ort für Sie, Herr Uljanow“.

Zwei Wochen später wurde Wladimir wieder auf freien Fuß gesetzt. Aber schon am ersten Tag, wenn Wolodja die Universität wieder besuchen wollte, wurde er zum Präsidenten gerufen.

Es tut mir sehr leid, Herr Uljanow“, begann der Präsident der Universität sofort als Wolodja hereinkam. „Bei uns sind Sie kein Student mehr: politisch unzuverlässige Menschen können nicht an der Universität studieren“.

Gegen Ende Dezember kehrte Wladimir mit dieser schlechten Nachricht nach Simbirsk zurück.

Maria Alexandrowna bemühte sich, den Sohn zu trösten:

Du kannst aber das Examen extern machen, Wolodja“.

Das gab Wolodja neue Hoffnung. Anfang 1888 hatte er angefangen den ganzen Jura Kurs für den Diplom-Abschluss selbstständig zu studieren. Im Frühjahr 1890 schickte Wolodja die erste Bitte an den Bildungsminister, im zu erlauben, externe Prüfungen und Examen fürs Jura-Diplom zu machen. Einige Monate später erfolgte die Absage ohne eine besondere Erklärung des Grundes. Wolodja war schon fast verzweifelt, als Maria Alexandrowna ihm wieder die Hoffnung gab:

Du kannst deine Bitte wiederholen, Wolodja. Schreib nochmals ans Ministerium“.

Wolodja schickte zum zweiten Mal die Bitte an den Minister und erhielt etwas später erneut eine Absage. Und diesmal war Wolodja wirklich verzweifelt.

Eines Nachts hörte Maria Alexandrowna laute Schreie und wurde wach. Was sollte das sein? Sie trat aus ihrem Zimmer und schaute ins Kinderzimmer: Olga, Dmitri und Maria schliefen ruhig. Wolodja hatte jetzt ein eigenes Arbeitszimmer, wo er auch schlief. Durch die Glastür sah sie, dass das Licht in Wolodjas Zimmer brannte. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, vernahm sie wieder laute Schreie:

Nieder mit der Regierung! Nieder mit dem Zar!“ schrie Wolodja.

Wolodja stand auf einem Hocker, über ihn hing ein Strick; er legte den Strick um seinen Hals und stieß sich vom Hocker ab.

Nein! Wolodja!“ schrie die Mutter und rannte zu ihm.

Schnell schob sie den Hocker wieder unter die Beine des Sohnes, stieg den auf den Hocker, und lockerte den Strick um seinen Hals, löste ihn und brachte Wolodja wieder auf den Boden. Wolodja konnte aber nicht mehr auf den Beinen stehen und fiel. Die Mutter warf sich neben ihn und legte den Kopf des Sohnes in ihren Schoß.

Wolodja! Wolodja!“ rief Maria Alexandrowna und weinte. „Wie kannst du das tun? Warum denkst du nicht an mich, Wolodja? Wie soll ich weiter leben, wenn du so etwas machst? Was geschieht dann mit deinen kleinen Geschwistern, Wolodja? Warum hast du daran nicht gedacht?“

Ich kann nicht mehr, Mama… Ich kann nicht mehr leben, glaub mir…“ sagte Wolodja.

Nein, Wolodja! Du muss leben, für deine Mutter und deine Geschwister!“

Mama, ich habe Alexander gezwungen, die Bittstellung an den Zar zu schreiben. Ich fühle mich schuldig gegenüber Alexander, Mama! Ich habe ihn sich erniedrigen lassen durch die Bittstellung. Und trotzdem wurde er dann aufgehängt“.

Was hättest Du sonst tun können, Wolodja?“ die Mutter weinte, „das war der Wille des Zaren. Und der Zarenwille ist heilig“.

Heilig?“ fragte Wolodja bitter. „Ist das die Heilige Zarenmacht, Mama, die die begabten Studenten, die Zukunft Russlands, aufhängen lässt? Ist das die Heilige Kirche, die die Hinrichtung der jungen Leute segnet? Zar und Kirche gehören wirklich zusammen, aber das Volk gehört nicht dazu: das habe ich jetzt verstanden. Kirche und Zar unterdrücken gemeinsam das Volk und betrügen es. Das ist eine Lüge, wenn man sagt: Zar, Orthodoxie und Volk“…

Wolodja, ich verstehe, dass du sehr verbittert bist. Aber trotzdem, sag so was nicht. Erinnere dich, wie wichtig deinem Vater diese Aussage war“.

Wolodja schwieg eine Zeitlang, dann sagte er:

Ich hoffte sehr, eines Tages juristisch beweisen zu können, dass Sascha das Todesurteil nicht verdient hat. Man gibt mir diese Möglichkeit aber nicht, Mama!“

Wolodja, du musst nicht verzweifeln! Ich schreibe jetzt selbst an den Bildungsminister, ich erinnere ihn nochmals an die Verdienste deines Vaters! Falls es nötig wird, fahre ich selbst wieder nach Petersburg, ich erreiche aber wenigstens, dass du die Erlaubnis für ein externes Examen bekommst“.

Am nächsten Tag schrieb Maria Alexandrowna einen Brief an den Volksbildungsminister Deljanow.

Sehr geehrter Herr Minister!

Ich, die Witwe des verstorbenen Staatsrates Ilja Nikolajewitsch Uljanow, Maria Alexandrowna Uljanowa, belästige Euch heute wegen meines Sohnes Wladimir Uljanow. Mein verstorbener Gatte Ilja Nikolajewitsch widmete sein ganzes Leben der Volksbildung, er eröffnete in mehreren entfernten Orten des Gouvernements Simbirsk neue Volksschulen, damit sich auch die Kinder dort bilden könnten. Seine Verdienste wurden von der Regierung immer hoch geschätzt.

Mein Sohn Wladimir Uljanow hat das Gymnasium mit einer Goldmedaille abgeschlossen und ging im August desselben Jahres an die Kasaner Universität um Jura zu studieren. Ende 1887 wurde er aus der Kasaner Universität ausgeschlossen, wegen seiner Teilnahme an einer Studenten-Demonstration. Sonst hat mein Sohn bisher keinen einzigen Verstoß gegen das Gesetz begangen. Er will hingegen selbst Jurist werden, um das Gesetzt zu schützen. Zwei Jahre lang bereitete sich mein Sohn darauf vor, den ganzen Jura-Kurs extern zu absolvieren. Zwei Mal schickte er an Euch die Bitte, ihm ein externes Examen in Jura zu erlauben. Zwei Mal erhielt er eine Absage und ist jetzt sehr verzweifelt, besonders nach der zweiten Absage. Heute Nacht befreite ich meinen Sohn mit eigenen Händen von dem Strick, mit dem er sich erhängen wollte. Wäre ich nur ein paar Minuten später gekommen, wäre mein Sohn heute nicht mehr am Leben. Ich fürchte jetzt sehr, dass er wieder einen Selbstmord begehen kann.

Ich bitte Euch sehr, Herr Minister, meinem Sohn Wladimir Uljanow zu erlauben, extern den ganzen Jura Kurs an der Petersburger Universität zu absolvieren und das Examen abzulegen.

Hochachtungsvoll,

Maria Alexandrowna Uljanowa“.

Nach zwei Monate erhielt Wolodja die Erlaubnis für die externen Prüfungen und das Jura-Examen an der Petersburger Universität.

Nachdem Wolodja im Frühjahr alle Prüfungen bestanden hatte, legte er gegen Ende 1891 das Examen ab. Die Professoren der Universität versetzte er mit seinen Kenntnissen und seinem Gedächtnis in Erstaunen, und erhielt etwas später das Diplom für Jura.

Was wollen Sie werden, Herr Uljanow“, fragte ihn nach dem Examen der alte Professor.

Anwalt“, antwortete Wolodja.

Sie werden ein großartiger Anwalt sein, Herr Uljanow“, sagte der Professor und wünschte ihm viel Erfolg auf seinem Weg.

Im Jahr darauf bekam Wolodja die Stelle eines Assistenten des vereidigten Bevollmächtigten in Samara an der Wolga. Hier übernahm er bald die Verteidigung der Bauer aus dem Gouvernement Samara, die wegen des Hungers einen Aufstand gewagt hatten.

Wladimir konnte eine hervorragende Verteidigung aufbauen. Auf die Frage des Richters warum die hungernden Bauern meuterten, wenn die Regierung für sie die Hilfspunkte organisiert hatte, antwortete der junge Anwalt:

Diese Hilfspunkte waren zu wenig um den Menschen wirklich zu helfen. Die Ursache des Aufstands war der Hunger! Und die Unterdrückungs-Maßnahmen, die von der Regierung durchgeführt wurden, waren vor allem ein Kampf gegen die Hungernden: das war ein Kampf gegen den Aufstand der Hungernden, statt ein Kampf gegen den Hunger selbst “.

Wladimir gewann seine erste Verteidigung und Anfang des folgenden Jahres übernahm er die Stelle des Helfers eines anderen beeidigten Bevollmächtigten und zog nach Petersburg um. Das war aber nur ein Vorwand für Wladimir um in die Hauptstadt einzuziehen. Und kurz darauf schrieb er an seine Mutter:

Liebe Mama! Ich habe schon acht Monate als Anwalt gearbeitet. Ich habe mich aber jetzt entschieden, eine Zeitlang auf die Arbeit als Anwalt zu verzichten. Ich schreibe jetzt für mehrere Zeitungen in Petersburg und könnte dadurch noch mehr verdienen, wenn ich auch mehr schreiben würde. Mir scheint die Tätigkeit als Publizist nun interessanter zu sein als die als Anwalt. Ich komme irgendwann wieder dazu als Anwalt weiter tätig zu werden, aber nicht jetzt“.

Wladimir hatte schon etwas vorher, noch in Samara, einen marxistischen Verein entdeckt, den er mehrmals besucht hatte, ohne dessen Mitglied zu werden. Durch diesen Verein kam Wladimir dazu einige Bücher Georgi Plekhanows zu lesen, den ersten russischen Marxisten, der zu jener Zeit in der Schweiz lebte. Durch die Bücher Plekhanows lernte Wladimir auch die marxistische Theorie kennen. Jetzt bewegte ihn der Wunsch, basierend auf den Werken von Marx, publizistische Arbeiten über die russische Wirtschaft und Politik zu veröffentlichen.

Maria Alexandrowna hoffte sehr, dass dies nur ein vorübergehendes Interesse ihres Sohnes sei und er bald wieder seine Tätigkeit als Anwalt fortsetzen würde. Vielleicht würde er sogar eine hervorragende Karriere machen, wie viele es ihm vorhergesagt hatten. Sie täuschte sich allerdings: Wladimir nahm nie wieder seine Tätigkeit als Anwalt auf.

 

                                                                                                 Frankfurt, 2017

                                                                           ©Vougar Aslanov

Der Sohn des Arztes

Vougar ASLANOV

DER SOHN DES ARZTES

In dem kleinen Städtchen war der Beruf des Arztes der angesehenste. Doch wussten die Menschen zwischen den guten und den weniger guten Ärzten zu unterscheiden, und sie gingen natürlich zu den guten. Und es gab einen Arzt, der als erfahrener als alle anderen galt. Er praktizierte jahrelang im Städtchen und versetzte alle in Erstaunen, dass er ohne über besondere medizinische Apparate zu verfügen, Diagnosen stellte, die auch bei späteren Untersuchungen in großen, gut ausgestatteten medizinischen Einrichtungen bestätigt wurden. Gewöhnlich untersuchte er die Patienten nicht lange, auch wenn er, wie alle anderen Ärzte, Herz und die Lunge abhörte, sich die Zunge zeigen ließ und sich die Farbe des Teints ansah. Doch hatte er seine Untersuchungen beendet, hörte er aufmerksam den Klagen der Patienten zu, und während er ihnen direkt in die Augen sah, erläutete er, was er über ihren Zustand dachte und was sie für ihre Gesundung tun sollten. Auf seine Diagnose wartete die Bewohner des Städtchens wie auf ein Urteil und harrten voller Spannung seinen Worten. Er war langsam, ließ alle warten und sagte lange nichts, als ob er sich bemühte, eine Krankheit in der Tiefe zu verstehen. Die dem Kranken Nahestehenden fürchteten nichts so sehr, als dass er sich schweigend damit begnügte, traurig den Kopf zu schütteln. Denn dies bedeutete, dass dem Menschen schon nicht mehr zu helfen war und er bald sterben würde.
Manchmal wollten die Verwandten des Kranken dem Arzt nicht glauben und brachten den Armen in die berühmtesten und teuersten Heilanstalten in der größten Stadt des Landes, und in der Tat, oft bewirkten die dort angewandten Heilmethoden eine Besserung. Dann streuten sie Gerüchte, dass der Ruhm des Arztes unbegründet sei, da sich von ihm gestellte Diagnose einer unheilbaren Krankheit nicht bewahrheitet habe, wovon der jetzige Zustand des Kranken zeuge, der nach der Heilung durch fähigere Ärzte nach Haus zurückgekehrt sei, sein Leben fortsetzte und die Krankheit nach und nach vergesse. Doch es verging nur wenig Zeit, und der Zustand des Menschen verschlechterte sich wieder; diesmal schaffte man es gewöhnlich nicht mehr, den Kranken rechtzeitig zu den Ärzten zu bringen, die ihm das weitere Leben versprochen hatten, und er starb. Über die Jahre hinweg untermauerten solche Fälle den Ruf des ungewöhnlichen Arztes, und die Menschen neigten immer mehr dazu, ihm zu vertrauen und daran zu glauben, dass er sein Handwerk gründlich verstünde. Wenn die Leute krank wurden, hofften sie in der Hauptsache auf ihn, und viele heilte er wirklich, indem er ihnen einige Medikamente oder Heilpflanzen verordnete. Wenn er aber seine Ohnmacht fühlte, wollte er das nicht verbergen und die Nächsten des Kranken nicht umsonst beruhigen.
Diesem Arzt, in seinem langen Leben, wurden nacheinander drei Töchter geboren. Doch es war sein allergrößter Wunsch, einen Sohn zu haben, und wirklich brachte seine Frau das vierte Mal nach der Geburt einen Jungen nach Hause. Seine Freude war ohne Grenzen, das ganze Städtchen freute sich über dieses Ereignis, und alle hintereinander beglückwünschten ihn. Er richtete ein großes Fest zur Geburt des Sohnes aus und lud dazu viele Einwohner des Städtchens ein. Der Sohn wuchs heran, und alle sagten von ihm, daß er seinem Vater sehr ähnelt und wahrscheinlich in der Zukunft in seine Fußstapfen treten wurde und Arzt wird. Das Kind jedoch sprach sehr lange nicht, es war allzu träg. Erst als es fünf Jahre alt war, verstand der Arzt, daß sein Sohn unter einer angeborenen Geisteskrankheit leidet. Das war wahrscheinlich die größte Erschütterung in seinem Leben. Er hatte noch nie die Menschen behandelt, die an derartigen Krankheiten litten, da nur die Behandlung der körperlich Kranken zu seiner Aufgabe gehörte. Doch ungeachtet des Zuredens der Verwandten, die über einige Jahre auf ihn einredeten, schickte er den Sohn nicht in eine Klinik für Geisteskranke, da er seine Krankheit für unheilbar hielt.
Im Städtchen galt der Arzt nicht nur als Kenner seines Fachgebiets, sondern auch als ein weiser Mann, der viel von der vergangenen und gegenwärtigen Welt kannte. Auf vielen Versammlungen, die im Städtchen veranstaltet wurden, zitierte er oft die Verse bekannter Dichter, die Sprüche der Weisen oder erzählte verschiedene historische Ereignisse , aus denen man etwas lernen konnte. Man hörte ihm immer aufmerksam zu, und später erzählten viele Geschichten anderen und fanden dabei ein weniger sachkundiges, aber um so neugieriges Auditorium. Der beste Arzt des Städtchens fuhr fort, die Leute zu heilen und bei vielen gelang es ihm wirklich, ihnen zu helfen; dabei verbarg er vor ihnen seinen unheilbaren Kummer. Und sein Sohn wuchs auch weiter. Wie mir später sein Nachbar erzählte, betete er damals oft zu Gott, dass er dieses wahnsinnige Wesen aus seinem Leben verschwinden lassen möge, was bedeutet, dass er seinen Tod wünschte. Doch trotz seines Wunsches lebte das Kind, und aller Wahrscheinlichkeit nach drohte ihm in nächster Zukunft nicht der Tod. Der Arzt machte ihn zum Hausarrestanten; im Unterschied zu vielen anderen Geisteskranken, die frei durch die Straßen des Städtchens wanderten, ging der Sohn des Arztes sehr selten aus dem Hof hinaus, wo sich sein monotones Leben hauptsächlich abspielte.
Das Leben der geisteskranken Bewohner des Städtchens unterschied sich jedoch völlig vom Leben der anderen Bevölkerung und hatte seine Besonderheiten. Den größten Teil ihrer Zeit verbrachten sie auf der Straße, nicht weit von jenen Orten entfernt, wo sich die Menschen versammelten, unter die sie sich jedoch nicht mischten. Sie sich wahrten einen bestimmten Abstand zu ihnen. Doch hier verhielt man sich noch nicht einmal so schlecht zu ihnen. Einen Menschen zu verspotten oder auszulachen, der, wie die Bewohner des Städtchens meinten, von Gott selbst betrogen worden war, galt als etwas Unanständiges, sogar als Sünde. Außerdem glaubten die Bewohner des Städtchens noch daran, daß geisteskranke Menschen irgendeine übernatürliche Kraft besitzen, die ihnen als Ausgleich für diesen angeborenen Mangel gegeben wurde. Wenn sie, wie so oft, die Zukunft nach der Erfüllung irgendeines Wunsches befragten, versprachen sie beim Eintreffen dieser Erfüllung, einen Geisteskranken oder mehrere von ihnen zu belohnen. Und manchmal hofften die Leute darauf, daß sie, wenn sie diesen Kranken kleine Geldsummen spendeten, einen Teil ihrer Sünden abwaschen könnten. Außerdem waren die Geisteskranken von allen Verpflichtungen befreit, von jeder Art von Zwangsarbeit, die die anderen Bewohner immer wieder leisten mußten, weil dies vom Staat angeordnet wurde. Auch mussten die Geisteskranken keine Verantwortung für ihre Taten tragen, weder vor der Stadtgemeinde noch vor dem Gesetz. Wenn einer dieser Kranken etwa einen Menschen ermordet hätte, wäre dennoch kein Urteil über ihn gesprochen worden, sondern man hätte ihn nur zur Zwangsbehandlung in die Stadt geschickt, die einige Kilometer vom Städtchen entfernt lag und in der sich ein Heilanstalt für Geisteskranke befand. Sie dachten auch nicht an das tägliche Brot und daran, wie und womit man seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Außer den Spenden, die man, zur Ehre der Spender sei es gesagt ,genügend gab, war es üblich, sie mit warmem Essen und Getränken zu bewirten, wenn sie vor den standen und hinein sahen. So gaben sie sogar das ihnen zugesteckte Geld kaum aus, und wenn sie es ausgaben, dann größtenteils für den Kauf größerer Leckereien, die ihnen niemand umsonst anbot.
Augenscheinlich genossen die Geisteskranken des Städtchens (mit Ausnahme der aggressiven, von denen man glaubte, sie ins Krankenhaus schicken zu müssen), mehr Vorteile und Privilegien als seine Normalbürger, deren Leben durch zu viele Verbote und Forderungen seitens der bürgerlichen Moral wie der Staatsmacht mehr als schwer erschien. Und es ist kein Wunder, dass die Leute manchmal im Scherz sagten, dass es gut gewesen wäre, als Geisteskranker geboren zu sein und all seine Sorgen auf die vernünftigen Leute legen zu können. Doch Scherz beiseite – einmal begann ein junger Bewohner des Städtchens sich so zu benehmen, wie es bei Geisteskranken üblich ist. Das war hier eine ungewöhnliche Erscheinung und geschah sehr selten. Die erst in späteren Jahren und nicht von ihrer Geburt an Erkrankten begaben sich gewöhnlich zur Heilung ins Krankenhaus, von wo kaum jemand zurückkehrte. Und die Gründe dafür waren verschieden. Vor allem war es schwer für das Städtchen, einen Menschen, der nicht so geboren war, sondern erst später den Verstand verloren hatte, als Kranken anzuerkennen; deshalb war auch eine Rückkehr aus dem Krankenhaus für sie unerwünscht.
Der Mensch, der in späteren Jahren seinen Verstand verloren hatte, sollte aus dem „Irrenhaus“, wie man diesen Ort im Volksmund nannte, entweder geheilt zurückkehren oder immer Patient dieser Anstalt bleiben, in der man es nicht besonders liebte, die Insassen zurückzuschicken. Doch bevor man manchmal die Menschen, die sich als krank gezeigt hatten, ins Krankenhaus schickte, mussten sie sich einer bestimmten Prüfung unterziehen, um die Krankheit öffentlich zu bestätigen. Jedoch bot sich diese Möglichkeit nicht vielen an, hauptsächlich denjenigen, die wirklich geisteskrank genannt werden und zu den anderen Irren des Städtchens hinzugezählt werden konnten, die man hier lassen konnte, ohne sie ins Krankenhaus zu schicken, jedenfalls nach Meinung derer, die zusammengekommen waren, um zu entscheiden und von Anfang an ein Urteil über die Existenz oder Abwesenheit einer Geisteskrankheit abzugeben.
Die von Geburt an Geisteskranken schickte man gewöhnlich nicht zur Behandlung, falls sie nicht mit Benehmen und Aussehen die vorgegebenen Normen überschritten. Das heißt, daß sie sich nicht aggressiv verhalten und dadurch eine gewisse Gefahr für die Bewohner des Städtchens bilden durften und vor allem das tun mussten, was die Bewohner des Städtchens von ihnen erwarteten. Meistens war das auch der Fall, die Kranken führten sich anständig auf, sie waren gehorsam, und wenn sie auch manchmal ihre Verhaltensnormen überschritten, kamen sie schnell zu sich und zeigten ihr früheres Gesicht, wenn man ihnen nur damit drohte, dass man sie wegen solchen Übermuts in eine Heilanstalt schickten könnte.
So hatten, wie gesagt, im Städtchen die Geisteskranken nicht nur gewisse Privilegien von Seiten der Gesellschaft und des Staats, sondern es wurden auch gewisse Forderungen von privater wie offizieller Seite an sie gestellt. Um einen Menschen als Geisteskranken anzuerkennen, wenn er sich nicht schon von Geburt an als solcher zeigte, sondern das erst später meldete, musste er erst einmal aussehen wie die anderen, schon anerkannten Geisteskranken des Städtchens und alles so machen wie sie. Und sie gingen nie in ein Bad, wuschen sich nicht, schnitten sich nicht die Haare, rasierten sich nicht und verachteten die Verhaltensregen, deren Beachtung für die anderen Bewohner des Städtchens Pflicht war. In eine Bade – oder Rasierstube gingen sie nur dann, wenn jemand eine gewisse Summe aus der eigenen Tasche spendete und sie dorthin mitnahm. Außerdem war noch unter den Geisteskranken das Ausziehen und die Verbrennung der Kleidung an öffentlichen Plätzen sehr weit verbreitet. Einer der älteren Bewohner des Städtchens sagte oft, dass sich die Kranken ohne Kleidung besser fühlten und so die Möglichkeit erhielten, sich von den anderen zu unterscheiden.
Und da zeigte sich der schon erwähnte junge Mensch aus dem Städtchen plötzlich als Geisteskranker, genauer gesagt, er begann sich so zu benehmen wie sie. Er rasierte sich den Kopf im Winter kahl, (im Städtchen schnitt man sich die Haare so erst bei Anbruch der warmen Jahreszeit), zog sein klein kariertes Jackett verkehrt herum an und trug die Pantoffeln am falschen Fuß. Doch das alles reichte längst nicht aus, um von den anderen als ein Mensch anerkannt zu werden, der an Geistesverwirrung litt und sich anders als die anderen benahm, was ihm die Möglichkeit gegeben hätte, zu den Geisteskranken des Städtchens gerechnet zu werden. Bis zu jenem Tag, als er plötzlich die Anzeichen der Geisteskrankheit zeigte, war er einer der Normalbürger und arbeitete als Wachmann in einem Bauunternehmen, und er war schon fünfundzwanzig Jahre alt.
Um ihn als Kranken anzuerkennen, beschlossen etliche Bewohner des Städtchens, ihm ein paar Prüfungen abzuverlangen (man muss sagen, dass sie sich gern und oft um die Geisteskranken versammelten). Er musste am helllichten Tag an einem bevölkerten Platz seine ganze Kleidung ausziehen und sie verbrennen; danach im Zentrum ihres einzigen Parks, wo sich immer viel Volk versammelte, einen der Bäume bepinkeln (wofür jeder andere hinter Gitter gekommen wäre), alle Aufträge ausführen, die jedem aus seiner Umgebung in den Kopf kommen konnten, und das gedankenlos und vor allem ohne jede Aggression.
Der junge Mann, der gestern noch als Wachmann gearbeitet hatte, erduldete die ersten zwei Prüfungen still, ohne jede Verwirrung und führte einige schwierigere Aufträge der ihn umgebenden Menschenmenge aus (nach der Verbrennung der Kleider hatte man ihm, damit er sich mit dem Publikum in den Park begeben konnte, andere Kleider herbeigebracht und sie ihm gegeben, damit der sich mit ihnen bedecken konnte). Doch plötzlich war es, als ob ihn etwas sehr stark erzürnte, er stürzte sich mit lauten Schreien auf die Menge, und es schien dabei, als ob er Funken aus seinen weit aufgerissenen und nun wirklich den Wahnsinn widerspiegelnden Augen sprühen ließ. Obwohl er damals nichts in der Hand hielt, was zur Gefahr für die Leute hätte werden können, wenn er es gegen sie gerichtet hätte, lief die neugierige Menschenmenge auseinander, die zusammengekommen war, um ihn auf die Abwesenheit des gesunden Menschenverstands zu examinieren, und entschied sich, auf weitere Prüfungen zu verzichten. Aggressive Kranke liebte man hier nicht, und man konnte sich nur schwer vorstellen, dass unter den gefügigen und gehorsamen Irren ein Mensch erscheinen konnte, der sich zu jedem beliebigen Bürger des Städtchens feindselig verhält und für alle gefährlich sein kann. Nein, im Städtchen brauchte niemand solchen Kranken, und so beschloss man, ihn in das besagte Krankenhaus zu schicken. So fand sich der junge Mensch, der sich vor kurzem als Geisteskranker zeigte, in der Heilanstalt wieder.
Nun würde ich gern noch etwas darüber sagen, dass man in diesem Volk zur Behandlung der Geisteskranken als einem Fachgebiet der Medizin nicht gerade ermuntert wurde, weil dieses Gebiet hier schwach entwickelt war. Die Leute meinten, dass Gott selbst den Menschen des Verstands beraubt und dass die Menschen sich nicht in seine Angelegenheiten einmischen müssten, und derjenige, welcher sich das als Beruf auswählt, hat entweder selbst eine Neigung zu solcher Krankheit oder er erwirbt sie während seiner Tätigkeit als Arzt, wenn er die ganze Zeit mit den Geisteskranken verbringen muss. Doch deshalb, weil man in vielen Ländern meinte, dass man so ein Krankenhaus braucht und die Leute, die an Geistesverwirrung leiden, behandeln muss, erklärte man sich auch hier mit dem Vorhandensein von „Irrenhäusern“ und Ärzten mit dem verhängnisvollen Fachgebiet einverstanden.
Deshalb, weil in diesem Land die Behandlung der Geisteskranken, also die Psychiatrie weniger Ansehen brachte als die Behandlung aller anderen Kranken, wurde meistens dieses Fachgebiet entweder nur von jenen gewählt, die den Arztberuf ergreifen wollte oder deren Begabung ungenügend angesehen wurde, oder von jenen, die in anderen Gebieten der Medizin bisher keinen Erfolg hatten. Wer in den „Irrenhäusern“ arbeitete, gab sich keine Mühe, Kenntnisse zu erwerben, und selbst wenn sie es gewollt hätten, wäre dies wohl kaum möglich gewesen, weil im Land der Boden dafür nicht bereitet war. Auch wurden diese Kenntnisse von anderer Seite weder erwartet noch gefordert. Die Psychiater drückten eher den Angehörigen ihr Mitgefühl aus, führten mit ihnen Gespräche über die alltäglichen Schwierigkeiten des Kranken und verlangten mit ihnen von Gott, er möge sie heilen, was von der anderen Seite nicht immer erwünscht war. Den Gerüchten nach, die im Städtchen kursierten, behandelte man in diesen Krankenhäusern ihre aggressiven Bewohner mit der Spritze, um sie ruhig zu stellen. Auch bei dem jungen Menschen, dem früheren Wachmann, der den Verstand verloren hatte, wurde offensichtlich diese Methode angewandt, und das für immer. Nach altem Volksglauben war man im Städtchen überzeugt, dass die Geisteskranken durch irgend etwas bei der Erfüllung unerfüllbar scheinender Wünsche helfen könnten, wenn man zuvor einem von ihnen eine Belohnung für den Fall versprach, daß der Wunsch in Erfüllung ginge . Einer jener Glückssucher beschloss, eines Tages den Sohn des Arztes zu besuchen, von dem wir anfangs gesprochen hatten. Weil er sein Versprechen wahr machen wollte nach dem seine Wunsch erfüllt worden war. Als er das Haus des Arztes besuchte, zog er unerwartet den Zorn des Hausherrn auf sich, der ihn mit beleidigenden Ausdrücken vom Hof jagte. Der Mensch, der die bislang nie beobachtete Wut des Arztes verursacht hatte, verließ das Haus eines der am meisten geachteten Bürger des Städtchens in tiefem Zweifel. Unbedingt muss man hier erwähnen, dass früher keiner der Bewohner des Städtchens, zur Erfüllung eines Wunsches, an eine Belohnung des kranken Arztsohnes gedacht hatte. Da hatte nun einer an den Sohn des Arztes gedacht und war dann später wohl kaum mit seiner Handlung zufrieden. Von diesem Vorgang erfuhr man im ganzen Städtchen recht schnell. Alle, obwohl sie erstaunt darüber waren, dass der Vater des Kranken sich das erlauben konnte, wo er doch der am meisten geachtete Mann des Städtchens war und man früher nie von ihm gehört hatte, dass er gegen jemanden die Stimme erhoben hätte, beschuldigten den allzu neugierigen Glückssucher, dass er wahrscheinlich bei seinem Wunsch nicht an den Sohn des Arztes hätte denken dürfen, es gäbe doch andere Geisteskranke im Städtchen genug. Doch der Mann, der den Zorn des Arztes erlitten hatte, sagte auch, dass es ihm schiene, als ob der Sohn des Heilers größere Kräfte als andere hätte, um auf den Gang der Dinge einzuwirken, und der Arzt wisse unbedingt davon und verberge daher seinen Sohn so sorgfältig vor den Leuten. Die Mehrheit glaubte ihm und bedauerte, dass es keine Möglichkeit gab, auch seine Kraft für den Erfolg zu nutzen. Doch der vom Hof des Arztes Vertriebene erklärte, daß man beim Wunsche nach wie vor auch an den Sohn des Arztes denken, doch im Fall des Erfolgs andere Geisteskranke belohnen könne, es dürfte nur niemandem erzählt werden um nicht irgendwann wieder die Wut des Arztes zu erregen.
Da niemand mehr den Arzt erzürnt sah, dürften wir annehmen, dass die Bewohner des Städtchens diese Vorschrift streng einhielten.

                                                                               Baku, 1998-1999

Flut und Sterblichkeit

Vougar Aslanov

FLUT UND STERBLICHKEIT

Nach den Sumer – akkadischen Mythen

Die himmlische und irdische Macht…

Es wird öfter von der Verbindung zwischen der
himmlischen und irdischen Macht gesprochen. Je
mehr Tyrannei auf der Erde, umso freieres Verhält-
nis zur himmlischen Macht. Und je tyranni-
scher ist die himmlische Macht, ein umso freie-
res Verhältnis hat man zur irdischen Macht. Wenn
die Menschen keine Freiheit auf der Erde fan-
den, konnten sie es sich erlauben, die Götter- Tyran-
nen zu kritisieren. Je grausamer die Macht auf
der Erde war, umso schärfer war auch die Kritik
der Götter. Als dann die Religionen mit einem
einzigen Gott entstanden waren, konnte man sie
nicht mehr kritisieren. Vielleicht hat gerade das
die Kritik der irdischen Macht und den Kampf
des Menschen um die Freiheit verstärkt. Aber
selbst wenn man einmal auch ein freieres Verhältnis
auf der Erde erreicht hatte, konnte man sich
trotzdem von der Tyrannei und Willkür des Him-
mels nicht befreien…

In Uruk, im Tempel des Obergottes Enlils, versammelte eines Tages der Oberpriester Kuntesch seine Gemeinde um sich. Er trommelte, als ob es im Himmel donnere, er rief so laut und so rasend nach den Göttern als wolle er diese auf den Altar niederbringen. Indes er weiter trommelte, verkündete Kuntesch: „O, wie groß waren die Taten in der Vergangenheit! Einst gab es eine Flut, eine solch mächtige Flut, dass die ganze Erde tief unter Wasser stand. Es gibt eine Vorgeschichte, warum es zu dieser Flut gekommen war. Daher muss ich alles von Anfang an erzählen. Am Anfang war nur ein tiefer Abgrund, in dessen Tiefe Wasser floss, und der göttliche Geist flog über das Wasser. Durch diesen Flug wurde das Wasser schwanger und gebar einen Berg. Dieser war die Mutter Erde, die ihrerseits bald den Gott Himmel gebar. Bald wurde Mutter Erde vom Himmel geschwängert und gebar die Götter, deren ältester Enlil war. Enlil mochte seinen Vater Himmel nicht; dieser lag nur untätig in den Armen seiner Mutter und Frau Erde.

Eines Tages nahm Enlil ein Messer und trennte die beiden, so ging der Himmel hinauf und die Erde blieb unten. Danach tötete Enlil den Drachen Tiamat und schuf aus dessen Leib und Blut die Welt ringsum. Unsterblich wurden die Götter geschaffen und sie lebten sorgenfrei. Als jedoch einst ihr Vorrat an Essen und Trinken zu Ende ging, wurden sie nachdenklich: sollten sie nicht ein Wesen schaffen, das ihnen ähnlich wäre und für sie arbeitete? Das sollte jedoch ein schwaches Wesen sein, das ihnen dienen und für sie arbeiten würde; so müssten sie selbst nicht arbeiten und müssten nicht ans tägliche Brot denken. Im Götterrat, den der große Gott Enlil leitete, wurde entschieden: ein Wesen ähnlich den Göttern zu schaffen, das aber viel schwächer sein müsste als die Götter und auch sterblich, damit es sich leicht unterordnen ließe. Dieses neue Wesen dürfte nicht im Himmel, sondern müsste auf der Erde leben. Man fand auch einen Namen für dieses Wesen: Mensch. Er musste alle Schwierigkeiten des Lebens auf der Erde bewältigen, arbeiten, Tiere halten, ackern und ernten, den größten Teil der Ernte aber den Göttern zum Opfer bringen. So begann das Leben dieses Wesens, von den Göttern Mensch genannt, auf der Erde, das voll von schweren Mühen und Sorgen, versehen mit Trauer und Kummer war. Die Götter wollten, dass dieses Wesen einen Nachkommen bekommt und waren bereit, nun seinen weiblichen Teil zu schaffen. Als der Mann im Schlaf war, machten sie zunächst aus seinem Bein eine Frau, dann aus seinem Arm, dann aus seinem Ohr. Aber jedes Mal sah der Mann sehr schlecht und hilflos aus ohne jenen Körperteil. Dann entschieden sich die Götter eine Frau aus seiner Rippe zu schaffen; das würde niemand sehen, dass in seinem Leib eine Rippe fehlt, dachten sie. Der Mann erzog mit dieser Frau die Kinder und die Menschen vermehrten sich immer weiter auf der Erde. Aber das Schicksal des Menschen war weiterhin von den Göttern abhängig, er war kein Herr über sich; das, was er hatte, auch seine Familie, gehörte ihm nur im Laufe seines Lebens. Der Preis für alle seine schweren Mühen und Leiden, die er ertragen musste, war der Tod, der nach einer kurzen Aufenthalt auf der Erde folgte und ihm alles wieder entzog. Ja schwer, sogar unerträglich war das Leben des Menschen auf der Erde, dennoch wollten die Götter daran nichts ändern; sie verlangten vom Mensch weiter treuen Dienst, Beten und das Bringen von Opfern, und das alles während er sie für ihr sorgloses und sattes Leben versorgen musste.

Die Großgöttin Inanna war alleiniger Trost für die Menschen: Sie stand ihnen am nächsten: die ganze Nacht strahlte sie und schickte ihnen ihre Liebe und blieb bis zum Morgengrauen im Himmel. Die Liebesgöttin wollte dadurch den Menschen das Leben erleichtern, dass sie sich der Liebe hingaben und für eine Zeit vergaßen, welch schweres Schicksal sie hatten. Eines Nachts stand die Großgöttin Inanna wieder am Himmel und schaute sich um: der ganze Himmel war von ihren Strahlen erhellt, die Erde schwamm im Licht, das sie nach unten schickte. Die Liebesgöttin ward stolz und fröhlich und sprach: »Ich bin Königin des Himmels, die Herrin der Länder, der Stern des Sonnen-Aufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde.«

Doch als sie sich an die Unterwelt erinnerte, wurde sie nachdenklich. Im Totenreich herrschte ihre ältere Schwester Göttin Ereschkigal und das war eine Welt, in die Inanna nicht dringen konnte. »Nein», sagte die Liebesgöttin. «So darf es fürderhin nicht länger bleiben,. meine Schwester quält die armen Toten, die es sehr schwer haben. Auch die Toten brauchen Licht und Liebe.«

So entscheid sich Inanna in die Unterwelt hinab zu steigen, ohne jemandem etwas davon zu sagen. Nur ihrem Diener Ninschpur sagte die Liebesgöttin, das sie für eine kurze Zeit ihre Schwester im Totenreich besuchen wolle. So stieg Inanna in die Unterwelt hinab, verharrte vor dem Tor und wartete bis der Wächter des Tores nahte.

»Heh, Wächter!» rief sie laut und fröhlich. «Öffne mir das Tor! Ich will dort hinein!«

»Wer bist du?« fragte der Wächter erstaunt. »Noch nie habe ich erlebt, dass jemand hier so laut rief.«

»Ich bin Königin des Himmels, die Herrin der Länder, der Stern des Sonnen-Aufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde«, sprach die Göttin feierlich und würdevoll.

»Wenn du die Königin des Himmels, die Herrin der Länder und der Stern des Sonnen-Aufgangs bist, was sucht du dann hier im Totenreich?« fragte der Wächter wieder erstaunt. »Hier gelten andere Gesetze und der Wille der Großgöttin Ereschkigal steht über allem. Nur sie kann dir erlauben hereinzukommen.«

»Ereschkigal ist meine ältere Schwester«, antwortete die Liebesgöttin. »Ich bedauere es sehr, dass sie ewig in der Unterwelt verweilen muss. Dies will ich nun ändern. Meine Stärke, mein Licht reichen aus, um auch die Unterwelt zu erhellen, den Toten und meiner Schwester selbst will ich das Licht bringen, in ihren Herzen will ich die Liebe erregen, sie alle wieder glücklich machen. Trauer erfüllt sonst mein Herz, Wächter! Wenn ich von oben hinunterblicke und an das dunkles Totenreich denke, schmerzt es mich sehr Es muss nicht mehr so bleiben! Sag meiner Schwester, der Göttin Ereschkigal Bescheid, dass ich hergekommen bin, um das zu ändern. Sag ihr, dass sie mich herein lässt, damit ich alle wieder glücklich mache.«

Kopf schüttelnd, ließ sie der Wächter alleine vor dem Tor zurück, trat vor Ereschkigal und berichtet alles der Herrin der Unterwelt.

Wie immer war Ereschkigal nicht alleine, sie saß umringt von zehn Richtern. Die Nachricht des Torwächters erzürnte sie sehr.

»Habt ihr dies alle gehört?!« fragte die Herrscherin des Totenreichs die Richter. »Meine kleine Schwester kommt hierher, um uns und unsere Toten glücklich zu machen! Macht will sie nun auch im Totenreich gewinnen! Sie vergisst jedoch, dass unser Vater, der große Enlil unsere Aufgaben einst verteilt hat: Ihr gab er die Macht im Himmel und ihn am längsten zu beleuchten, mich schickte er hierher um das Totenreich zu regieren. Mit keinem Wort zweifelte ich an seiner Entscheidung, denn es war der Wille des großen Enlil; ich übernahm gehorsam meine Aufgabe und erfülle sie hier. Was will aber Inanna in Wahrheit? Sind für sie vielleicht zu wenige Männer im Himmel und auf der Erde? Sucht sie jetzt die Männer auch im Totenreich?«

Die Göttin Ereschkigal überlegte kurz und fragte dann den Wächter:

»Wie ist sie gekleidet?«

»Die Göttin Inanna trägt sieben wunderschöne Kleider, o Göttin Ereschkigal!« antwortete der Torwächter.

»Die sind die sieben göttlichen Gesetze, die diese Leichtfertige unserem Vater Enlil gestohlen hat!« sprach Ereschkigal empört. »Trunken machte sie einst den großen Enlil und raubte ihm diese Gesetze. Jedoch solange sie diese Gesetze trägt, ist sie unantastbar. Heh, Torwächter, gehe zurück und sage ihr: die Gesetze der Unterwelt seien unveränderbar. Hier kann man nur nackt eintreten. Daher soll sie ihre schönen Kleider vor dem Tor lassen.«

Der Wächter ging zurück zum Tor und teilte Inanna alles mit; die Liebesgöttin war darauf sehr enttäuscht. »Meine sieben Kleider, die ich übereinander angezogen habe, geben mir nicht nur Schutz, sondern bedeuten immer aufs neue, dass die Liebe über allem steht, auch über den Gesetzen. Wenn sie mich jedoch unbedingt nackt sehen will, werde ich mich ausziehen und lasse meine Kleider vor dem Tor. Sieht sie erst meinen schönen Körper so wird sie besser verstehen, was Schönheit bedeutet und weshalb diese auch in ihrem Totenreich herrschen sollte. «

Sie ließ ihre sieben schönen Kleider vor dem Tor und ging hinein. Der Wächter brachte sie zu Ereschkigal und ihren Richtern. So beeindruckt waren die Richter von der Schönheit der Liebesgöttin, dass sie nicht aufhören konnten, ihren nackten Körper zu betrachten. Das machte Ereschkigal noch wütender.

„Ah, meine kleine Schwester“, begrüßte sie Inanna. »sei willkommen im Totenreich, lange Zeit habe ich dich nicht gesehen und bin ich sehr froh darüber, dass du gekommen bist, um deine ältere Schwester zu besuchen. Wie komme ich aber zur Ehre, von dir besucht zu werden, mein liebes Schwesterchen? Was hat dich her geführt?«

»Ereschkigal, meine liebe Schwester! Ob im Himmel oder auf der Erde, alles ist der Liebe untergeordnet. Nicht unser Vater Enlil regiert die Welt, sondern die Liebe! Das bewegt Götter und Göttinnen im Himmel, die Menschen und die Tiere, von den Ameisen bis zu den Elefanten, alles lebendige auf der Erde! Alles ist der Liebe untergeordnet. Auch der große Enlil selbst! Er kann mit mir nicht lange reden; dann läuft er weg, um sich vor den Strahlen meiner alles durchdringenden Liebe zu retten… «

»Einst hast du den großen Enlil betrunken gemacht und ihm die Gesetze gestohlen, kleine Schwester, das weiß ich…«

„Trunken war er dereinst nicht vom Wein, den wir zusammen genossen, es waren meine Liebesstrahlen, die ihm die Sinne raubten. Deswegen scheut er es seitdem, sich lange mit mir zu unterhalten…«

»Aber kleine Schwester, sag mir warum du gekommen bist? Was sucht so eine Schöne, vor Liebe Strahlende hier im Totenreich?«

»Meine liebe Schwester Ereschkigal! Höre meine Worte: Heute des nachts stand ich oben und freute mich darauf, wie man sich im Himmel und auf der Erde der Liebe hingegeben würde. Ich erkannte plötzlich, dass nicht Enlil, sondern die Liebe den Himmel und die Welt regiert. Dann dachte ich an die Unterwelt, an jene armen unglücklichen Toten, die alleine von der Liebe nichts haben… «

»Das sind die Gesetze, die unser Vater – der große Enlil festgelegt hat, kleine Schwester!..«

»Wer ist aber unser Vater Enlil? Er ist ein alter seniler Gott, der selbst des öfteren nicht mehr weiß, was er tut. Einmal wollte er die Menschen und auch alles Lebendige auf der Erde vernichten. Wie lange flehte ich ihn an, dies nicht tun, jedoch er hörte mir nicht zu. Gelang es ihm dann schließlich, die Menschen zu vernichten, nein?«

»Höre, kleine Schwester: ich habe kein Recht und keine Macht, um über die Gesetze und Taten des großen Enlils zu richten. Meine Aufgabe ist einzig, seine Gesetze und Befehle getreu zu erfüllen!«

»Meine liebe Schwester Ereschkigal! Wozu brauchen wir, sag mir diesen alten verblödeten Enlil? Die Welt regiere ich, alles ist im Himmel und auf der Erde ist meinem Willen unterworfen, der Liebe untergeordnet. Ich beherrsche auch die Gesetze Enlils, die ich jetzt vor dem Tor liegen lassen habe. Lass mich die Macht mit dir teilen. Wir, als Göttinnen verschwistert, werden Himmel, Erde und Unterwelt regieren. Erlaube mir nur, auch dein Reich zu erhellen, meine Liebestrahlen auch hier eindringen zu lassen. Auch die Toten sollen wissen, was Liebe bedeutet und glücklich sein in deinem Reich. Einzig die Macht fehlt mir in deinem Reich!«

»Jetzt habe ich dich gut verstanden, kleine Schwester! Du selbst willst Herrscherin von allem sein, unseren Vater, den großen Enlil stürzen und mich rufst du zur Verschwörung gegen ihn auf! Du hast aber eins vergessen: wer hat mich und dich erschaffen? Wer hat mir und dir unsere Aufgaben zugeteilt? Nein, Schwester, ich kann gegen den Willen des großen Enlils nicht angehen: Seine Gesetze sind unverletzbar und ein jeder muss sie erfüllen, ob Gott, Mensch oder Tier. Denkst du, dass es mir gefällt, ewig hier in der Unterwelt zu verweilen? Als Enlil die Aufgaben verteilte, machte er mich zur Göttin der Unterwelt, weil er dich, seine Liebste unter den Töchtern zur Liebesgöttin machen wollte. Ich sagte nichts dazu, ich unterwarf mich dem Willen unseres Vaters und seitdem erfülle ich hier meine Aufgabe. Du bist aber verwöhnt durch ihn, tust alles was du willst im Himmel und auf der Erde und jetzt willst du Enlil stürzen und auch mir mein Reich streitig machen?«

»Meine liebe Schwester Ereschkigal! Hör mich an!« bat Inanna die Herrscherin des Totenreichs.

»Nein, kleine Schwester, ich habe dir schon lange genug zugehört. Meine Richter werden jetzt entscheiden, was mit dir geschehen soll«.

Nun hörten alle Richter Ereschkigal aufmerksam zu und schauten die nackte Inanna nicht mehr an.

»Ihr Richter, entscheidet nun ob Inanna schuldig ist: hat sie versucht euch, die Richter des Totenreichs, zu verführen? Hat sie mich zur Verschwörung gegen den großen Enlil aufgerufen? Hatte sie die Absicht mir die Macht über die Unterwelt zu entreißen?«

»Ja«, sagten alle Richter. »Das alles hat sie vor unseren Augen getan. Sie ist schuldig!«

»Kann man die Gesetze des Totenreichs ändern?« fragte die Göttin Ereschkigal.

»Nein«, antworteten alle Richter. »Man kann die Gesetze des Totenreichs nicht ändern! Sie gelten gleich für Menschen und Götter!«

»Lasst dann euer Urteil für Inanna hören, für die leichtsinnige Tochter des großen Enlil?«

»Tod!« schrien alle Richter. »Sie hat den Tod verdient!«

»Was sagt ihr?« empörte sich Inanna. »Ich bin die Königin des Himmels, Herrin der Länder, der Stern des Sonnen-Aufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde…«

»Aber kleine Schwester, du bist jetzt in der Unterwelt. Die Gesetze der Unterwelt sind unerschütterlich. Du hast diese Gesetze verletzt. Es führt kein Weg zurück, wenn man einmal in die Unterwelt eingetreten ist.«

»Du bedenkst nicht die Folgen, meine liebe Schwester Ereschkigal!«, wollte Inanna die Herrscherin des Totenreichs warnen.

»Hast du je an die Folgen deiner Tat gedacht, kleine Schwester?« fragte Ereschkigal. »Du hast gegen die Gesetze der Unterwelt verstoßen, dein Todurteil ist eine Bestrafung dafür. Es reicht aber jetzt! Herbei, meine Helfer! Vollstreckt das Urteil der Richter!«

Die Helfer der Göttin Ereschkigal waren die Dämonen, die schnell hereinkamen. Sie nahmen Inanna, und hefteten sie mit großen Nägeln an eine Säule, die bereit stand. So starb selbst die schutzlose Liebesgöttin, die den Toten helfen wollte.

Inannas Diener Ninschpur war beunruhigt als er bemerkt hatte, dass die Rückkehr der Liebesgöttin aus der Unterwelt auf sich warten ließ. »Vielleicht wollte Sie auf ihrem Weg auch die Erde besuchen?« dachte er und machte sich auf, seine Herrin zu suchen.

Was aber Ninschpur dieses Mal auf der Erde erlebte, erschreckte ihn derart, dass er schnell wieder in den Himmel zurückkehrte und nach dem Obergott Enlil suchte.

»Enlil, o großer Enlil!« schrie Inannas Diener lauthals und suchte überall nach dem Obergott.

Enlil hörte das Geschrei und war sehr empört über Ninschpur:

»Was ist denn los? Wieso schreist du so laut?« fragte ihn Enlil.

»Ein Unglück, ein großes Unglück ist geschehen, o großer Enlil!« sagte Ninschpur. »Die Großgöttin Inanna ist tot.«

»Woher weiß du das?« fragte ihn Enlil.

»Meine Herrin ging in die Unterwelt, um dort ihre Schwester, die Göttin Ereschkigal zu besuchen. Es scheint, als habe die Herrscherin des Totenreichs auch ihr das Leben genommen…«

Diese Nachricht erstaunte jedoch den Obergott nicht.

»Ja, das stimmt, Ninschpur! Ich weiß, dass meine Tochter Inanna tot ist. Sie hat das aber verdient. Was hatte sie im Totenreich zu suchen? Ohne jemanden vorher zu fragen, stieg sie dort hinab und rief ihre Schwester Ereschkigal zur Verschwörung gegen mich auf; sie wollte mich stürzen und selbst überall, auch in der Unterwelt herrschen. Ereschkigal unterstützte sie aber nicht. Sie ist anders, völlig anders als Inanna. Ereschkigal hat Inanna hinrichten lassen, weil sie gegen die Gesetze der Unterwelt verstoßen hat. Ich war schon selbst sehr verärgert über Inanna. Sag mir, ob jemand sie wirklich mag: im Himmel sind die Göttinnen über sie erzürnt, auf der Erde sind es die Frauen; sie sagen, das Inanna ihre Männer schamlos verführe. Sie ist sehr leichtsinnig und mich selbst hat sie ein paar Mal betrogen. Also hat sie die Strafe verdient und niemand will Inanna mehr haben. «

Nnschpur gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und sprach zu dem Obergott:

»Ich sah zunächst, dass kein Gott mit einer Göttin zusammen war, aber achtete darauf nicht allzu viel. Da die Göttin Inanna aber sehr lange nicht zurückkam, vermutete ich, sie habe vielleicht auf dem Rückweg noch die Menschen besucht und machte mich auf den Weg zur Erde. Dort traf ich zunächst einen Mann, der seine Frau verlassen wollte. Die Frau wollte ihn halten, sie versprach ihrem Mann alles Mögliche im Bett, der Mann war jedoch davon nicht beeindruckt und verließ sie schließlich. Das hat mich verwundert, weil ich früher so etwas nie erlebt hatte. Dann ging ich weiter und traf einen Stier und eine Kuh. Es war wieder umgekehrt: nicht der Stier lief der Kuh hinterher, sondern die Kuh ihm. Sie wollte den Stier festhalten und zum Bespringen einladen, aber der Stier wollte das nicht und auch er rannte weg. Da habe ich verstanden, dass die Göttin Inanna tot ist. O großer Enlil, überlege, was geschieht, wenn die Liebesgöttin nicht mehr von den Toten aufersteht? Die Götter gehen nicht mehr zu den Göttinnen, Männer gehen nicht mehr zu ihren Frauen, die Stiere nicht zu ihren Kühen, die Hähne nicht zu ihren Hühnern. Himmel und Erde werden zusammenstürzen, wenn die Liebe nicht mehr da ist; denn sie ist es nämlich, die alles zusammen hält. «

»Daran habe ich wirklich nicht gedacht. Du bist wirklich klug, Ninschpur! Ohne Inanna, ohne die Liebesgöttin, dank der alles zusammenhält, werden Himmel und Erde wirklich zusammenbrechen.«

Nun besann sich der große Enlil und sprach dann wieder Ninschpur:

»Ich sollte dem Götterrat diese Frage stellen, aber es bleibt keine Zeit mehr dafür. Deswegen entscheide ich dieses Mal alleine: geh jetzt zum Tor der Unterwelt und übermittle der Göttin Ereschkigal meinen Willen: sie muss dringend Inanna freilassen, damit die Liebesgöttin wieder ihre Aufgaben erfüllen kann. «

Dann gab der Obergott dem Diener Inannas ein paar Tropfen vom Lebenswasser, das er alleine im Besitz hatte.

Ninschpur war sehr glücklich und eilte in die Unterwelt.

»Heh, Torwächter«, schrie Ninschpur laut und freudig, als er vor dem Tor stand. »Die Göttin Ereschkigal soll die Liebesgöttin Inanna wieder frei lassen und dies sofort! Das hat der große Enlil befohlen!«

»Ha-ha! Inanna!« lachte der Wächter höhnisch. »Wir haben deine Liebesgöttin gesehen. Sie sagte: Ich bin die Königin des Himmels, die Herrin der Länder, der Stern des Sonnen-Aufgangs. Alles ist mir untergeordnet, im Himmel und auf der Erde. Und was ist jetzt? Sie hängt hier tot an der Säule. Auch sei du nicht so laut! Vergiss nicht, wo du dich befindest: vor dem Eingangstor ins Totenreich! Hier gibt es keine Gnade für die Stolzen und laut redenden!«, sprach der Torwächter.

»Lieber Torwächter«, Ninschpur senkte jetzt seine Stimme. »Bitte gib diesen Befehl des großen Enlil weiter an deine Herrin, die Großgöttin Ereschkigal. Der große Enlil hat gesprochen: Ereschkigal müsse Inanna sofort frei lassen, damit die Liebesgöttin ihre Aufgaben wieder erfüllen könne. «

»Ja, jetzt verstehe ich dich und ich gehe nun zu der Großgöttin um ihr Bescheid davon zu geben«, sagte der Torwächter und ging.

Wie eingeschüchtert aber war der arme Ninschpur, als der Torwächter nach einer Weile mit der Göttin Ereschkigal zurückkam. Der Gesichtsausdruck der Herrscherin des Totenreichs war erschreckend und bedrohlich. Die Dämonen, die hinter ihr herliefen, so Furcht einflößend, dass er am liebsten sofort davon gelaufen wäre. Als er aber sah, wie die Dämonen die Leiche der Liebesgöttin zum Tor trugen, vergaß er alles; die Liebesgöttin war auch tot unglaublich schön, sogar das zarte Lächeln hatte ihr Gesicht nicht verlassen. Ereschkigal, stand hinter dem Tor und sagte:

»Ninschpur, hör mir gut zu: Ich und meine Richter haben beschlossen, den Willen des großen Enlil zu erfüllen. Inanna wird freigelassen. Aber für sie muss ein gleichwertiger Ersatz gegeben werden. «

Hierauf brachten Ereschkigals Dämonen Inannas Leiche hinaus aus dem Totenreich und legten sie vor Ninschpur nieder. Als Ninschpur die nackte und tote Liebesgöttin sah, konnte er nicht mehr an sich halten und weinte laut. Dann fand er Inaanas Kleider, die ringsum verstreut waren und kleidete sie damit an. Danach schüttete er die Tropfen des Lebenswassers, die ihm der große Enlil gegeben hatte, aus seinem Mund auf ihren Körper und die Liebesgöttin kam langsam wieder zu sich.

»Wo bin ich?« fragte Inanna. Dann erkannte sie Ninschpur. »Ninschpur! Was suchen wir hier? Das ist doch das Totenreich!«

Ereschkigal, ihre Dämonen und der Torwächter lachten lauthals, als sie Inannas Worte hörten.

»Dich hat niemand hier eingeladen, kleine Schwester«, sagte Ereschkigal. »Du kamst von alleine zu uns, nach deinem eigenen Willen. Du hast danach gegen die harten Gesetze des Totenreiches verstoßen und dafür wurdest du bestraft!«

»Langsam kehrt mein Gedächtnis zurück!« sprach die Liebesgöttin. »Ihr habt mich gezwungen, mich auszuziehen und so schutzlos zu werden. Und danach habt ihr mich getötet… Wie grausam bist du, meine Schwester!«

»Jetzt Schluss damit, kleine Schwester!« sagte Ereschkigal. »Dein Glück ist, dass Enlil sich für dich eingesetzt hat. Sonst würdest du nie wieder das Licht der Welt sehen. Jetzt gehe mit deinem Diener zurück. Du musst aber einen gleichwertigen Ersatz für dich zu mir schicken. Meine Diener begleiten euch und holen jenen, der ein Ersatz für dich sein wird.«

So kamen Inanna und Ninschpur wieder in den Himmel zurück, begleitet von den Dämonen Ereschkigals. Inanna war sehr traurig: ihr kamen immer die schrecklichen Erinnerungen an ihre Hinrichtung und ihrem Tod zurück.

»Ich habe jetzt selbst erfahren wie schrecklich es ist, tot zu sein! Deine Seele geht ins Nichts, du wirst in eine unendliche Tiefe eingesaugt. O Ninschpur, du kannst dir nicht vorstellen, wie schrecklich dies war… sag mir, mein treuer Ninschpur! Gab es außer dir noch jemanden, der sich um mich sorgte, der um mich trauerte und der dich fragte: wo ist meine geliebte Inanna?«

»Nein, meine Herrin«, antwortete Ninschpur. »Es ist sehr enttäuschend für dich, das weiß ich. Niemand fragte nach dir, niemand sorgte sich um dich und niemand trauerte um dich.«

»Ja… es ist traurig…, aber sage mir: wie war es denn mit meinem Sohn, meinem Geliebten, meinem Mann – dem Mondgott Sin? Fragte auch er nicht, was ist mit Inanna?«

»Nein, meine Herrin, auch er fragte nicht nach dir«, sagte Ninschpur.

»O Sin, o mein Sin«, schrie Inanna vom Schmerzen.

Sin hörte das und erschien sofort vor ihr:

»Inanna, meine Liebe! Bist du zurückgekommen? Du kannst es dir nicht vorstellen wie glücklich ich darüber bin. Wenn du nur wüsstest, wie es ohne dich traurig für mich war!..«

Sin wollte Inanna umarmen, aber die Dämonen standen zwischen ihnen.

»Wer sind diese schrecklichen Gestalten, Inanna?« fragte Sin.

»Den nehmt, den«, schrie Inanna wütend und zeigte den Dienern Ereschkigals den armen Sin. »Er wird für mich ein würdiger Ersatz sein!«

Die Dämonen fielen über Sin her, packten ihn und begannen den Mondgott in Richtung Unterwelt zu zerren. Der arme Sin wehrte sich im Griff der Dämonen, konnte dem aber nicht entkommen und schrie nur:

»Inanna, hilf mir! Inanna, rette mich! Inanna!..«

Inanna würdigte den armen Sin keines Blickes und die Dämonen nahmen ihn mit in die Unterwelt. Enlil war traurig als er hörte, wen Ereschkigal als Ersatz für die Liebesgöttin bekommen hatte. Er bemühte sich nun darum, seinen Enkel aus ihrer Gefangenschaft zu erretten. Letztendlich vereinbarte er mit der Herrscherin des Totenreiches Folgendes: Sin kehrt in den Himmel zurück, aber er muss zwei Monate im Jahr in der Unterwelt verbringen. So kam Sin zurück, Inanna versöhnte sich mit ihm und teilte wieder das Bett mit ihrem Sohn.

Wieder einmal versammelte der große Enlil den Götterrat, um gemeinsam über die himmlischen und irdischen Angelegenheiten zu reden. Im Götterrat saßen einige Götter auf den weichen Kissen, die anderen lehnten sich an die flaumigen Strohsäcke. Der große Gott Enlil erinnerte sich an einen Ereignis und erzählte:

„Als die Schwester und der Bruder zu uns kamen und danach fragten, wer von ihnen die wichtigere Arbeit ausführe, war ich sofort dafür, Brot und Wein fürs wichtiger zu halten als das Spinnen und Milchherstellung.“

„Du hast Recht, o großer Enlil“, sagte einer der Götter. „denn das Brot ist wichtig fürs Leben wie kaum etwas Anderes und der Wein erfreut die Seele“.

„Das ist alles gut“, sagte der Sonnengott Schamasch. „Aber was werden wir nun mit den Menschen tun? Sie werden immer mehr und mehr auf der Erde. Ist das nicht gefährlich für uns? Vielleicht werden diese einmal kommen und wollen das Geheimnis der Unsterblichkeit für sich zu entdecken um die Macht im Himmel selbst zu ergreifen?“

Als Antwort darauf erklärte der große Gott Enlil:

„Die Menschen müssen erlegt werden, sonst werden sie gefährlich für uns!“

So schickten die Götter Heuschrecken-Schwärme auf die Erde, damit sie die ganze Ernte auffressen und die Erdenbewohner vor Hunger sterben lassen. Sie waren schon dabei, die ganze Ernte zu vernichten, dennoch haben die Menschen es geschafft, die Heuschrecken zu vernichten und einen Teil der Ernte zu retten; dank dessen überlebten sie. Enlil war jetzt sehr ungehalten und traf im Götterat eine härtere Entscheidung:

„Es soll regnen, regnen und regnen, ohne aufzuhören, bis die ganze Erde im tiefen Wasser versinkt“.

Einer der Götter aber, nämlich der Gott der Weisheit Enki überlegte: wird Enlil selbst es nicht bedauern, wenn kein Mensch mehr auf der Erde lebt? Wer wird dann für uns arbeiten, säen und ernten, uns rühmen und uns Opfer bringen? Einige der Menschen müssen überleben.

Deshalb ging Enki zu einem Mann in der Stadt Schuruppaka am Ufer des Euphrat, zu einem Mann, der Utnapischtim hieß. Enlil verriet ihm die Absichte der Götter und empfahl ihm:

„O Utnapischtim! Jetzt höre mir zu: Baue ein Schiff, sammle dort deine ganze Familie und deine Verwandtschaft, nimm auch von jedem Tier und jedem Vogel ein Paar mit. Aber erzähle niemandem, warum du das tust. Es beginnt bald zu regnen und es wird nicht aufhören, bis die ganze Erde überflutet ist. Nur du kannst mit deiner Verwandtschaft gerettet werden“.

Wie es weitergegangen war, erzählte viel später Utnapischtim seinem Urenkel Gilgamesch, dem Regenten von Uruk. Aber was geschah mit Gilgamesch selbst?

Die Liebesgöttin Inanna, unter deren Schutz auch Uruk stand, war einst in Gilgamesch verliebt.

„O Gilgamesch“, sprach die große Göttin zum ruhmreichen Mann. „Du bis so schön, so mutig und stark, ich kann nicht aufhören, von dir zu träumen. Werde mein Geliebter, o Gilgamesch! Wir werden dadurch beide sehr glücklich sein!“

„Meine Göttin“, Gilgamesch kniete vor ihr, „Ich verehre dich sehr, du bist der Schutz von Uruk! Meine Dankbarkeit dir gegenüber ist grenzenlos! Ohne dich hätten die Götter Uruk schon lange vernichtet. Nur dank deinem Schutz konnten wir den Regenten von Kisch besiegen und überleben. Aber sage mir, meine Göttin, kann ein Geliebter von dir glücklich sein? Du hast deinen eigenen Sohn, den Mondgott Sin schamlos zu deinem Geliebten gemacht, dann hast du ihn geheiratet. Den armen Sin, deinen Sohn und Ehemann schicktest du ins Totenreich, um dich selbst von der Macht deiner Schwester Ereschkigal zu retten. Wie viele Regenten, wie viele Männer hast du schon zu deinen Geliebten fingiert! Alle sie hast du dann aber verraten oder unglücklich gemacht; und keinem warst du treu. Du bist eine Hure, meine Göttin!“

Diese Vorwürfe Gilgameschs machten die Göttin Inanna sehr wütend und sie schrie sehr laut:

„Gilgamesch, bald wirst du es sehr bedauern, dass du meine Liebe verschmäht hast und mich zudem noch beleidigtest“.

Darauf ging Inanna zu ihrem Vater Enlil und bat ihn, sich für diese Beleidigung an Gilgamesch zu rächen. Enlil war sehr empört, als er dies von seiner Tochter hörte und schickte den Himmels-Stier, um Gilgamesch zu töten. Aber Gilgamesch besiegte den Himmels-Stier. Darauf schuf Enlil ein neues Wesen – halb Tier, halb Mensch, genannt Enkidu – und schickte es gegen Gilgamesch. Drei Tage dauerte der Kampf zwischen den beiden und keiner von ihnen konnte ihn gewinnen. Am vierten Tag des Kampfes bot Gilgamesch seinem Gegner an, Freundschaft mit ihm zu schließen. Enkidu nahm das gerne an; kurze Zeit später gingen sie beide zusammen gegen den Riesen Humbaba vor und besiegten ihn. Gilgamesch wurde dadurch noch stärker und ruhmreicher.

Das hat die Götter im Himmel wieder sehr beunruhigt. Sie entschieden sich, seinen Freund Enkidu zu töten um Gilgamesch zu schwächen. Bald wurde Enkidu krank und starb. Das machte den Regenten von Uruk sehr traurig, seine einzige Tröstung war nun seine junge, schöne Geliebte. Gilgamesch wollte sie heiraten, bald wurde sie aber selbst krank und auch sie starb. Die Trauer Gilgameschs war grenzenlos, er fühlte sich sehr einsam und unglücklich. In der tiefen Trauer rief er nach seinem gestorbenen Freund Enkidu aus dem Totenreich. Als der Geist Enkidus vor ihm auftauchte, fragte ihn Gilgamesch:

„O Enkidu, mein Freund, wie lebst du im Totenreich der Göttin Ereschkigal?“

„Das ist kein Leben, Gilgamesch!“, antwortete Enkidu, „wir sind dort nur die kriechenden Schatten“.

„O Enkidu, wie schwer und traurig ist, dies von dir zu hören! Aber ich möchte dich noch etwas anderes fragen: vor einigen Tagen habe ich meine Geliebte beerdigt. Das war die schönste Frau auf der ganzen Welt; sie hatte eine sehr zarte Haut, große Brüste und runde Schenkel. Jetzt möchte ich wissen, wie es ihr in der Unterwelt ergeht? Was ist aus ihrem schönen Körper geworden? Aus diesem schönen Körper, den ich so liebte und so oft streichelte?“

„Ich habe es gesehen, Gilgamesch“, antwortete Enkidus Geist, „ich habe gesehen, wie den schönen Körper deiner Geliebten, den du so liebtest und öfter streicheltest, die Würmer fraßen“.

„Nein, Enkidu, nein, das kann nicht sein!“, schrie Gilgamesch tief betroffen.

Der Geist von Enkidu war aber schon wieder verschwunden.

Gilgamesch wurde noch trauriger, er konnte und wollte nichts mehr essen und schlief wenig. Alles schien ihm jetzt sinnlos zu sein. Die Göttin Inanna merkte das und rief wieder nach ihm:

„Gilgamesch, ich habe gesehen, wie traurig und unglücklich du jetzt aussiehst. Ich habe dir deswegen die Beleidigung vergeben. Aber sag mir, bist du so traurig wegen des Todes deines Freunds Enkidu und deiner Geliebten oder das hat noch einen anderen Grund? Sag mir, was ist mit dir passiert? Vielleicht kann ich dir helfen?“

„O meine Göttin!“, antwortete Gilgamesch. „ich kann nicht mehr vergessen, was mich nach meinem Tod erwartet. Wozu muss ich meinen Körper pflegen, ihn sauber halten, wenn ihn nach meinem Tod die Würmer fressen werden? Ich kann nicht mehr so weiter leben, meine Göttin. Ich will unsterblich werden.“

„Ich verstehe dich, Gilgamesch“, sagte die Liebesgöttin. „Der Mensch wurde von Göttern als sterbliches Wesen erschaffen. Ob hier was zu ändern wäre, ist schwer zu glauben. Dennoch möchte ich dir einen guten Rat geben. Gehe zum Ufer des Weltmeers und treffe dort den Fährmann. Nimm viel Gold mit und biete es ihm an; nur wegen des Goldes wird er einverstanden sein, dich gegen den Willen der Götter, über das Weltmeer zu Utnapischtim zu bringen, zu deinem Urgroßvater. Utnapischtim ist der einzige Mensch, dem die Götter zusammen mit seiner Frau die Unsterblichkeit geschenkt haben, nachdem sie die große Flut überlebt hatten. Aber unter der Bedingung, dass er jenseits des Weltmeers lebe und keiner der Menschen ihn besuchen könne. Nur Utnapischtim kann dir helfen“.

Gilgamesch bedankte sich sehr bei der Göttin und durch den Weg, den sie ihm empfohlen hatte, landete er mit großen Schwierigkeiten über das Weltmeer bei Utnapischtim.

Sein Urgroßvater und seine Urgroßmutter waren sehr froh darauf, ihn zu sehen. Utnapischtim bestätigte die Geschichte von der großen Flut und ergänzte das:

»Ich tat alles so wie es mir Gott Enki empfohlen hatte«, sagte Utnapischtim. »Kaum war unser Schiff vom Ufer entfernt, begann es stark zu regnen. Bald stieg das Wasser im Euphrat sehr hoch und danach war ganz Schruppaka unter ihm geblieben. «

»Wir sahen wie die anderen, unter denen auch unsere Freunde und Nachbarn waren, gegen die Flut kämpften; sie schwammen noch eine Zeit lang im Wasser und riefen nach Hilfe. Aber niemand hat ihnen geholfen und sie wurden alle ertränkt«, erzählte weinend Utnapischtims Frau.

»Die ganze Erde stand tief unter Wasser und unser Schiff schwamm alleine hindurch, mehrere Tage und Nächte. Es hörte auf zu regnen, aber Himmel selbst war immer noch von dunklen Wolken bedeckt. Dann sah ich von der Ferne eines Tages einen dunklen Flecken. „Das könnte ein Stück Land sein“, dachte ich und schickte zunächst eine Taube und danach eine Schwalbe dorthin. Sie konnten aber nirgendwo landen und kamen wieder zurück, doch der Rabe, den ich hinterher schickte, kam nicht zurück. Dann fanden wir auch jenes Stück der Erde – es war dies die Spitze des Berges Ninzir, wo wir dann auch alle landeten. Meinen größten Stier aus dem Schiff brachte ich den Göttern zum Opfer; die Götter bemerkten dies und bald schon waren sie auch auf diesem Berg versammelt. Die Götter waren sehr erstaunt, sie konnten es nicht verstehen, wie einige der Menschen überleben konnten, bis Enki alles gestand. Sie schenkten dann mir und meiner Frau die Unsterblichkeit und schickten uns hier her. «

Nachdem er die Geschichte von der Flut beendet hatte, erklärte Gilgamesch seinem Urgroßvater das Ziel seiner Reise. Und so antwortete ihm Utnapischtim:

„Trinke Wein, verbringe deine Tage in Vergnügen, o Gilgamesch, und vergiss den Tod! Wozu brauchst du die Untersterblichkeit? Du kannst dir nicht vorstellen, wie langweilig es ist, ewig zu leben“.

Seine Urgroßmutter bedauerte aber Gilgamesch und überredete ihren Mann ihm zu helfen. Utnapischtim brachte ein Gras, gab dieses Gilgamesch und sagte:

„Nimm dieses Gras mit; du brauchst nur jeden morgen daran zu riechen; wenn du das tust, wirst du niemals alt und krank werden und stirbst nicht“.

Gilgamesch bedankte sich bei ihnen sehr herzlich und wollte jetzt wieder nach Uruk zurückkehren. Unterwegs sah er einen Teich und wollte dort baden. Das Gras jedoch ließ er am Ufer, neben seinen Kleidern. Es wurde aber von einer Schlange gestohlen.

Gilgamesch verstand, dass die Götter ihm es nicht erlaubten, unsterblich zu werden.

Er war wieder sehr traurig und sagte einmal:

»Der Mensch wird niemals frei sein auf dieser Erde! Er wird immer wieder versuchen unsterblich zu werden, er wird immer wieder versuchen selbst Gott zu werden. Es gelingt ihm aber nicht. Er wird immer vom Willen der Starken und Machthabenden abhängig. Es werden immer einige Menschen über den anderen stehen, immer einige, sich selbst als Gott sehend, die anderen unterdrücken und gefangen halten. So unterdrückt, bespuckt, unfrei und unglücklich, werden immer die Menschen gegeneinander kämpfen, einander fressen wie die Würmer!.. So ist das Schicksal der Menschen! Hier kann man auch nichts ändern.«

Gilgamesch heiratete danach, seine Frau gebar ihm viele Kinder. Er regierte noch lange in Uruk, bis einst auch der Tag kam, an dem Gilgamesch sterben musste. So ging das Leben des Menschen zu Ende, der schon auf der Erde die Wahrheit erreicht hatte.

Vor dem Tor zur Unterwelt empfing ihn die Herrin des Totenreichs selbst.

»Willkommen in meinem Reich!« sagte die Göttin Ereschkigal zu ihm. »O Gilgamesch! Du bist der klügste unter den Menschen, du bist der mutigste der Männer. Du wirst zu einem meiner Richter. Zusammen werden wir die Menschen nach ihrem Tod über ihre Taten richten und entscheiden, wo sie im Totenreich eingestuft werden sollen.«

So wurde Gilgamesch nach seinem Tod zum Richter im Totenreich.

Und die Welt ging weiter und die Menschen lebten weiter wie sie stets gelebt hatten. Ab und zu einmal gab es Rebellen aus ihren Reihen und die wollten das Schicksal der Menschen verändern, diese befreien. Sie wurden aber von den Göttern immer wieder grausam niedergeschlagen. So ging es wieder weiter…

Frankfurt am Main, 2015

© Vougar Aslanov